Ein besonderer Fund auf dem Zentralfriedhof in Hermannstadt

Gemeinsamer Arbeitseinsatz im Oktober 2026

Jetzt fehlen nur noch die Rosen: das rehabilitierte Grabmal

Vor der Freilegung: dichter Bewuchs am Rosenbogen

Die Helfer, v.l.n.r.: Peter Budz, Helga Farcasiu, Jaroslaw Potempa, Sybille Ungar, Dieter Krauss, Pfr. Hans-Georg Junesch, Ilse und Friedrich Philippi

Unter dem Motto „Gemeinsam Geschichte bewahren“ fand Anfang Oktober 2026 die zweite, von mir initiierte Pflegeaktion im evangelischen Teil des Hermannstädter Zentralfriedhofs statt. Sie hinterließ weit mehr als nur sichtbar gepflegte Grabstätten: Sie führte zu einer Entdeckung, in der sich Geschichte, Erinnerung und persönliches Schicksal auf eindrucksvolle Weise berührten.

Unter der fachkundigen Leitung von Helga Farcasiu, der Friedhofspflegebeauftragten der Evangelischen Kirchengemeinde Hermannstadt/Sibiu, widmeten sich die ehemaligen Schülerinnen und Schüler des Brukenthalgymnasiums, Sybille Ungar und ich erneut zwei Tage lang mit großer Sorgfalt dem Erhalt dieses besonderen historischen Ortes. Unterstützung erhielten wir von Jaroslaw Potempa, einem aus Oberschlesien stammenden Arbeitskollegen, von der in Berlin geborenen Katrin Lederer, deren siebenbürgische Wurzeln nach Heltau/Cisnădie führen, sowie von Dieter Krauss aus Agnetheln/Agnita.
Als sich der zweite Arbeitstag seinem Ende zuneigte, führte Helga Farcasiu die Gruppe zu einer fast vollständig überwucherten Grabstätte, über der sich ein filigraner Rosenbogen aus Metall erhob. Unter dichtem Efeu, den Ranken einer verwilderten Rose und üppigem Wildwuchs zeichnete sich zunächst kaum mehr als eine undeutliche Kontur ab. Erst bei genauerem Hinsehen offenbarte sich der außergewöhnliche Fund: Stück für Stück trat eine Frauenbüste hervor, die offenbar über lange Zeit dem Blick der Friedhofsbesucher entzogen gewesen war.

Mit größter Behutsamkeit und in achtsamer Rücksicht auf die historische Substanz entfernte die Gruppe den dichten Bewuchs. Nachdem die Büste vorsichtig aus der festen Umklammerung des Efeus gelöst worden war, wurde sie zunächst an einem geschützten Ort abgelegt. Ein Bruch auf ihrer Rückseite machte deutlich, dass vor einer erneuten Aufstellung zunächst eine fachgerechte Sicherung erforderlich war.
Die Grabstätte A40-g-17 ist die gemeinsame Ruhestätte von Reinhold Reiß, seiner Ehefrau Mathilde „Tilla“ Reiß-Schneider und Rudolf Schneider, Mathildes Bruder. Mit den freigelegten Namen gewann der Fund eine unvermutete persönliche und familiengeschichtliche Tiefe. Sichtbar wurde nicht nur ein kunstvoll gestaltetes Grabmal, sondern ein Ort, an dem sich die Erinnerung an individuelle Lebenswege und familiäre Verbundenheit bewahrt hat.

Zunächst entdeckte die Gruppe eine Marmorplatte, die vorsichtig freigelegt wurde; anschließend trat nach und nach die gesamte Grabplatte hervor. Für Sybille, Jaroslaw und Peter war dies ein besonderer und bewegender Augenblick. Die Verbindung aus handwerklicher Arbeit, unerwarteter Entdeckung und wieder sichtbar gewordener Erinnerung verlieh dem Einsatz eine Bedeutung, die weit über die reine Grabpflege hinausging.

Besonders berührend ist die persönliche Inschrift, mit der Reinhold seiner Frau Tilla Reiss-Schneider über den Tod hinaus seine Dankbarkeit ausdrückte: „Mein Sonnenschein warst Du in diesem Weltgetriebe, drum bring ich auch im Nachhinein Dir Dank für Deine Liebe. (Reinhold)“ Diese wenigen Zeilen verleihen der Grabstätte eine eindringliche menschliche Stimme und lassen die Verbundenheit des Ehepaares noch heute spürbar werden.

Nach behutsam ausgeführten Reparatur- und Sicherungsarbeiten konnte die Büste schließlich wieder an ihrem ursprünglichen Platz aufgestellt werden. Damit erhielt die Grabstätte einen wesentlichen Teil ihrer einstigen Gestaltung zurück. Zugleich wurde ein sichtbares Zeichen dafür gesetzt, wie viel durch sorgfältige, gemeinschaftlich getragene Pflege für den Erhalt des kulturellen Erbes erreicht werden kann.
Ein herzlicher Dank gilt Helga Farcasiu für ihre kompetente, engagierte und umsichtige Betreuung. Ebenso danken wir Dieter Krauss für seine tatkräftige Unterstützung sowie Pfarrer Hans-Georg Junesch und dem Pfarrsekretariat für ihre organisatorische Hilfe und die Verpflegung der Beteiligten. Unser Dank schließt darüber hinaus Ilse und Friedrich Philippi, Doris Köber und Christa Manta Klemens ein, die den Einsatz auf unterschiedliche Weise unterstützt haben.

Die Bilanz der beiden Arbeitstage kann sich sehen lassen: Rund 50 Gräber wurden von Efeu und anderem Wildwuchs befreit, sieben Grabsteine konnten befestigt und damit vor weiterem Verfall geschützt werden. Trotz der körperlich anspruchsvollen Arbeit kamen Freude, Begegnung und Geselligkeit nicht zu kurz. Wie umfangreich der Einsatz war, zeigten nicht zuletzt zwei bis zum Rand mit Grünschnitt gefüllte Container. Ein herzlicher Dank gilt deshalb auch der Friedhofsverwaltung, die deren Bereitstellung und Abholung über die städtische Müllabfuhr SOMA ermöglichte.

Unter diesem Motto „Gemeinsam Geschichte bewahren“ sind alle Interessierten herzlich eingeladen, sich an den kommenden Pflegeaktionen im evangelischen Teil des Zentralfriedhofs in Hermannstadt zu beteiligen. Mitmachen kann jeder, der sich für die Geschichte Hermannstadts und den Erhalt historischer Grabstätten interessiert oder Freude an sinnvoller gemeinschaftlicher Arbeit im Freien hat. Besondere Vorkenntnisse sind nicht erforderlich. Entscheidend sind ein respektvoller Umgang mit dem historischen Ort, Sorgfalt bei der Arbeit und die Bereitschaft, gemeinsam Verantwortung für ein wertvolles kulturelles Erbe zu übernehmen. Jede helfende Hand trägt dazu bei, Grabstätten wieder sichtbar zu machen, persönliche Erinnerungen vor dem Vergessen zu bewahren und ein bedeutendes Kapitel der Stadtgeschichte für kommende Generationen zu erhalten.