Knapp zwei Jahre sind vergangen, seit Alin Croitoru von seinem Internationalen Parlamentsstipendium des Deutschen Bundestages (IPS) nach Rumänien zurückgekehrt ist. Beim letzten Gespräch vor zwei Jahren war er noch ganz im Bann des Bundestages. Nun resümiert er mit ADZ-Redakteur Șerban Căpățână seine Erfahrungen in Deutschland und die Perspektiven, die ihm diese hier eröffnet haben.
Wie begann dein Studienaufenthalt in Berlin?
Wir Stipendiaten mussten uns bereits einen Monat vor Beginn unserer eigentlichen Arbeit im Büro des Abgeordneten in Berlin vorstellen. Wir erhielten Einführungen in die Funktionsweise des deutschen Parlaments und seiner parlamentarischen Strukturen, nahmen an verschiedenen Seminaren zu sozialen, historischen und staatsbürgerlichen Themen teil, besuchten den Sitz der Deutschen Welle in Berlin, Museen und Gedenkstätten etc. Im April habe ich dann meine Tätigkeit im Büro des Abgeordneten Christoph de Vries (CDU) begonnen.
Inwiefern hat dir dieses Stipendium geholfen?
Zunächst einmal hat es mir geholfen, die parlamentarische Arbeit in Deutschland sehr gut zu verstehen: wie das System funktioniert, wie der Bundestag aufgebaut ist, welche parlamentarischen Strukturen und Verfahren es gibt, wie in den Ausschüssen gearbeitet wird, wie die Ausschüsse aufgeteilt sind und dass jede Fraktion im Bundestag ihre eigenen Arbeitsgruppen hat, um die Arbeit in den Ausschüssen vorzubereiten. Es hat mir geholfen, Politik auf einer viel tieferen Ebene zu verstehen.
Andererseits hat mir dieses Stipendium geholfen, meine Deutschkenntnisse zu verbessern und Menschen aus allen Ecken der Welt kennenzulernen.
Mit welchen Themen musstest du dich im Büro deines Abgeordneten befassen?
Christoph de Vries war damals Mitglied im Ausschuss für Inneres und Heimat sowie im Parlamentarischen Kontrollgremium zur Überwachung der Nachrichtendienste (PKGr). In jeder „Sitzungswoche“ nahm ich an den Sitzungen der Arbeitsgruppe der CDU/CSU-Fraktion teil, die sich mit Innenpolitik befasste und in der Aspekte der Sicherheit Deutschlands diskutiert wurden. Ich nahm auch an den Debatten im Plenarsaal des Bundestages teil.
Zudem war Christoph de Vries Vorsitzender der „Gruppe der Vertriebenen, Aussiedler und deutscher Minderheiten“ innerhalb der CDU-CSU-Fraktion, auch dort nahm ich an den Arbeitsgruppen teil, wo ich Kontakte zu anderen relevanten Politikern aus diesem Fachgebiet knüpfen konnte, wie beispielsweise Bernd Fabritius, derzeit Beauftragter der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten.
Erinnerst du dich an ein besonders interessantes Thema, das du bearbeitet hast?
Ich fand es interessant, verschiedene Aspekte der nationalen Sicherheit Deutschlands zu verstehen und mich damit auseinanderzusetzen. Aber ich glaube, die interessanteste Aufgabe während meines Praktikums war das Verfassen von Berichten über die Anzahl der Personen, die im Zusammenhang mit der Zuwanderung über mehrere Jahre hinweg Straftaten begangen haben. Diese Berichte und Zahlen haben mir ein detaillierteres Bild von den Sicherheitsproblemen und der Überlastung des deutschen Staates vermittelt. Einige der Berichte, an denen ich mitgearbeitet habe, wurden von bedeutenden deutschen Nachrichtenredaktionen aufgegriffen, und das gibt einem das Gefühl, dass die geleistete Arbeit wirklich etwas für die Gesellschaft bedeutet.
Welche interessanten Aufgaben hattest du noch?
Ich musste die kontroversen Äußerungen von AfD-Politikern zusammenfassen, vor allem die radikaleren. Das war eine Aufgabe, die mir sehr viel Spaß gemacht hat. Es ging nicht mehr um technische Dinge, sondern um Politik im eigentlichen Sinne.
Ich begleitete Christoph de Vries zu den Sitzungen der Arbeitsgruppen „AG Inneres“ und „Vertriebene“, wo ich die Protokolle verfasste; ebenso fasste ich wichtige Informationen von verschiedenen Veranstaltungen und Treffen zusammen, an denen wir gemeinsam teilnahmen, bereitete Antworten auf Bürgeranfragen vor, hatte Aufgaben in den Bereichen Sicherheit, Bekämpfung des politischen Islam, See- und Küstensicherheit, Spionage, illegale Einwanderung als auch in Bezug auf Vertriebene, Aussiedler und deutsche Minderheiten.
Ich war zum Beispiel beim Jahresempfang 2024 beim „Bund der Vertriebenen“, wo auch der derzeitige deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz eine Rede hielt, und beim 50-jährigen Jubiläum der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen. Dort konnte ich auch Rainer Lehni, den Vorsitzenden des Vereins der Siebenbürger Sachsen, kennenlernen. Bei einer der Veranstaltungen zum Thema NATO habe ich auch Herrn Mircea Geoană kennengelernt.
Ich hatte das Vergnügen, auch den MdB Gunther Krichbaum, derzeit Staatsminister für Europa im Auswärtigen Amt, und seine Frau Dr. Oana Krichbaum kennenzulernen, die sich sehr für die Stärkung der bilateralen Beziehungen zwischen Rumänien und Deutschland engagieren. Ich habe eine enge Beziehung zu ihnen gepflegt, da ich von ihnen zum Sommerfest der Deutsch-Rumänischen Gesellschaft Pforzheim/Enzkreis (DRG) 2024 eingeladen worden war. Auch dieses Jahr war ich dabei und habe wieder einmal Menschen von ganz besonderer Qualität treffen können.
Es war eine aktive und schöne Zeit: Ich verließ um 7:30 Uhr das Haus, kam im Bundestag an, wo ich bis etwa 17–18 Uhr bei Christoph war, und ging danach oft zu Veranstaltungen an der rumänischen Botschaft und kam erst gegen Abend wieder nach Hause.
Es war mir eine Ehre, Rumänien beim IPS-Empfang 2024 zu vertreten, wo ich die traditionelle rumänische Tracht trug und einen rumänischen Stand hatte, der die Aufmerksamkeit aller Teilnehmer der Feierlichkeiten auf sich zog. Außerdem fand in dieser Zeit auch die Fußball-Europameisterschaft Euro 2024 statt, an der auch Rumänien teilnahm.
Wie war das Verhältnis zu den Stipendiaten aus anderen Ländern?
Wir haben eine sehr nette Gruppe gebildet. Wir sind bis heute, auch nach zwei Jahren, noch befreundet. Besonders gut befreundet war ich mit zwei Kollegen aus Aserbaidschan und Usbekistan. Und auch wenn die anderen Kollegen anderen Parteien zugewiesen worden waren, wie der AfD, der SPD oder den Grünen, haben wir unter uns niemals die Arbeit im Bundestag mit unserem persönlichen Leben vermischt. Es ist uns tatsächlich gelungen, eine sehr klare Trennung zu ziehen, auch wenn die Parteien, bei denen wir tätig waren, unterschiedlichen politischen Lagern angehörten. Unter uns gesagt: Einige Kollegen wollten gar nicht zu der Partei, der sie zugewiesen worden waren, aber wählen kann man ja als Stipendiat nicht.
Ich weiß, dass du genau dort gelandet bist, wo du hinwolltest. Wie erfolgt die Zuweisung der Stipendiaten?
Wir hatten die Möglichkeit, eine Präferenz anzugeben, doch das garantierte nicht die gewünschte Zuweisung. Ich hatte meine Bachelorarbeit über die deutsche Minderheit in Bukarest geschrieben, und ich glaube, es war logisch, dass ich der CDU zugewiesen wurde, die meine erste Präferenz war.
Musstest du auch auf Dienstreisen mitfahren?
Während meiner Tätigkeit im Büro des Abgeordneten war ein Besuch im Wahlkreis vorgesehen. Ich habe Christoph nach Hamburg-Mitte begleitet, wo er in der betreffenden Legislaturperiode gewählt worden war. Ich nahm an Treffen mit Organisationen teil, die im Hafen- und Seeverkehr tätig sind und habe ihn zu einem Treffen mit der Freiwilligen Feuerwehr Kirchsteinbek in Hamburg begleitet. Außerdem war ich an Ständen in der Stadt und zusammen mit anderen lokalen CDU-Politikern, um mit den Bürgern in Kontakt zu treten.
Was hast du in deiner Freizeit gemacht?
An dieser Stelle möchte ich die Möglichkeit für IPS-Stipendiaten erwähnen, sich im Sommersemester als internationale Studierende an der Humboldt-Universität Berlin einzuschreiben. Ich habe an der juristischen Fakultät zwei Kurse besucht: „Internationales und europäisches Investitionsrecht“ und „International dispute settlement“.
Ansonsten besuchte ich Museen und Sehenswürdigkeiten in Berlin, machte Partys und Ausflüge mit den anderen Stipendiaten. An den Wochenenden unternahm ich oft Ausflüge: Ich war sehr beeindruckt von Potsdam, Schwerin, Leipzig, Warnemünde, dem Spreewald und anderen Städten.
Hast du nach deiner Rückkehr in dein Heimatland eine Stelle in dem Bereich gefunden, den du in Deutschland studiert hast?
Nicht sofort, ich habe mich bei mehreren Politikern und Institutionen beworben, und es hat eine Weile gedauert, bis ich eine Stelle gefunden habe. Derzeit arbeite ich bei Germany Trade & Invest, einer deutschen Bundesagentur, die dem Bundeswirtschaftsministerium unterstellt ist. Sie befasst sich mit Wirtschaftsförderung, unterstützt deutsche Unternehmen beim Zugang zu ausländischen Märkten, stellt Wirtschaftsinformationen bereit und wirbt für Deutschland als Standort für ausländische Investitionen. Mein rechtlicher Arbeitgeber ist die Deutsch-Rumänische Industrie- und Handelskammer AHK Rumänien.
Im Vergleich zu Deutschland konzentriere ich mich hier stärker auf den wirtschaftlichen Bereich. Ich muss jedoch den Kontakt zum politischen Bereich und zu den Behörden pflegen, denn um deutschen Unternehmen die Investitionslage zu präsentieren, muss man sowohl die jeweiligen Branchen von Interesse als auch die politische Lage darlegen, die das Investitionsumfeld beeinflusst.
Hat dir deine Erfahrung aus Deutschland hier geholfen?
Auf jeden Fall. Auch hier muss ich an Veranstaltungen teilnehmen, Recherchen durchführen – das heißt, ich muss wissen, wo ich zuverlässige Quellen finde –, Informationen und präzise Daten zu verschiedenen Themen zusammenfassen und bei der Organisation von Treffen mithelfen. Die Erfahrungen aus Deutschland haben mir geholfen, die besten Informationsquellen zu kennen, egal ob es um Politik oder Wirtschaft geht. Diese beiden Bereiche ergänzen sich und ich habe jetzt einen umfassenderen Überblick über ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft und wie sich Politik, Wirtschaft und Investitionen gegenseitig beeinflussen.
Was sind die größten Unterschiede zwischen der Arbeitsweise in Deutschland und Rumänien?
Ich habe viel mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede festgestellt. Aber vielleicht ist einer der größten Unterschiede die Gewissenhaftigkeit und die Verfügbarkeit in Deutschland. Die Politiker, mit denen ich dort zu tun hatte, scheinen den Wählern viel mehr zur Verfügung zu stehen, offener dafür zu sein, sich deren Probleme anzuhören und zu versuchen, sie zu lösen. Und die Menschen scheinen sich stärker bewusst zu sein, dass sie eine bestimmte Aufgabe bis zum Ende des Arbeitstages erledigen müssen.
Gleichzeitig scheint das politische Umfeld in Deutschland offener dafür zu sein, der jüngeren Generation Möglichkeiten und Handlungsspielraum zu bieten, damit sie sich entwickeln und Erfahrungen sammeln kann.
In welche Richtung möchtest du dich in den nächsten Jahren weiterentwickeln?
Ich möchte mir im Wirtschafts- und Investitionsbereich ein solides Wissen aneignen. Bisher gab es den politischen Teil, nun erweitere ich ihn um den wirtschaftlichen. Gleichzeitig verfolge ich weiterhin sehr aufmerksam die politische Lage sowohl in Rumänien als auch in Deutschland. Es ist noch zu früh, um zu sagen, was in den nächsten fünf oder zehn Jahren passieren könnte.
Wenn dich heute ein Student fragen würde, ob es Sinn macht, sich für dieses Stipendium zu bewerben, was würdest du ihm antworten?
Auf jeden Fall, es lohnt sich sehr. Wenn ich nur eine einzige Empfehlung geben dürfte, dann dieses Stipendium. Es ist eine der umfassendsten Erfahrungen, die man machen kann, und eines der besten Programme weltweit. Der Deutsche Bundestages ist der beste Ort, um Erfahrungen zu sammeln, um später die bilateralen Beziehungen zu Deutschland erfolgreich ausbauen zu können. Die Arbeit im Bundestag war eine der schönsten und bereicherndsten Erfahrungen meines Lebens.
