Iris Wolff lässt Rumänien einfach nicht los

Die Autorin zu Gast in Bukarest

Zu Gast in der Residenz der deutschen Botschafterin waren die Autorin Iris Wolff, die Moderatorin Christel Ungar-Țopescu und die Übersetzerin Andreea Odoviciuc (von links nach rechts). Foto: Valentin Brendler

„Die Chance, Rumänien und die rumänische Literatur in Deutschland, aber auch sonst in der Welt, bekannter zu machen, wollen wir nicht verstreichen lassen“, erklärte die deutsche Botschafterin in Rumänien, Angela Ganninger, vor Kurzem in ihrer Residenz. Dabei bezog sie sich auf die Frankfurter Buchmesse im Jahr 2028, bei der Rumänien und die Republik Moldau Gastländer sein werden. Zwar ist diese erst in ungefähr zwei Jahren, aber Bücher und vor allem Übersetzungen dauern Zeit. Deswegen möchte die deutsche Botschaft schon jetzt den rumänisch-deutschen Literaturaustausch fördern. Auch deshalb wurde vor Kurzem die Autorin Iris Wolff und ihre Übersetzerin Andreea Odociciuc in ihre Residenz zu einer Lesung eingeladen.

Mit dabei war zudem die bekannte Fernsehgröße Christel Ungar-Țopescu vom deutschen Programm von TVR. Sie moderierte den Abend gekonnt, präzise, gut vorbereitet und unterhaltsam. Dadurch war es für das eingeladene Publikum in der Residenz ein sehr interessanter Abend, als die Moderatorin Iris Wolff und ihre Übersetzerin Andreea Odoviciuc befragte. Im Fokus stand dabei natürlich die Autorin, von der die Botschafterin sogar „ein persönlicher Fan“ ist, wie sie erzählte. 

Wolff wurde im Jahr 1977 in Hermannstadt geboren, wuchs dann im Banat und in Siebenbürgen auf, bis ihre Familie im Jahr 1985 nach Deutschland emigrierte. Dort studierte sie Germanistik, Religionswissenschaft und Grafik & Malerei in Marburg an der Lahn, bis sie später, nachdem sie über 30 war, mit dem Schreiben anfing. Und das sehr erfolgreich: Sie gewann zahlreiche Preise und  veröffentliche fünf Romane.

Rumänien steht immer im Fokus

Ihre Romane haben da-bei eine Gemeinsamkeit: Sie spielen alle, mindestens zu einem Teil, in Rumänien, obwohl sie weiterhin in Deutschland, in Freiburg im Breisgau, lebt. „Orte sind ja in meinen Büchern immer genauso wichtig wie die Figuren selbst“, erklärte die Autorin, die sich bis heute mit ihrer siebenbürgischen Herkunft beschäftigt. 

Sie kann sich selbst nicht ganz erklären, warum, aber sie hat drei Theorien. „Die Erste ist, dass meine Sprachmelodie etwas mit diesem Landstrich zu tun hat“, so die Autorin. „Die Zweite ist, dass ich hier die besseren Geschichten finde. Dass ich hier die Charaktere finde, über die ich schreiben möchte“, und „die dritte Theorie ist, dass ich als Vertreterin der deutschen Minderheit, der Siebenbürger Sachsen, noch gerade in Rumänien geboren bin. Ich bin gerade noch an der Schwelle, dass ich von diesem Leben berichten kann und dass ich diesem verschwindenden Leben auch ein Zuhause geben kann in meinen Büchern.“ 
Denn sie ist sich sicher, dass genau diese Geschichten wichtig sind und nicht vergessen werden sollten. „Wir vergessen so wahnsinnig schnell als Menschen“, erklärte sie weiter. Ihr Bücher sollen als eine Art „Gedächtnis“ weiterleben.  

Das Reale im Fiktionalen

Und das, obwohl ihre Bücher natürlich fiktional, also ausgedacht sind. Doch laut ihr geht das Fiktionale manchmal in das Reale über. Dafür hat sie ein passendes Beispiel: Ihr Roman „Lichtungen“ spielt in der Maramuresch, wo die beiden Hauptcharaktere leben. Dabei hat sie sich die Charaktere und das Haus ausgedacht. „Aber als der erste Entwurf fertig war, bin ich hingereist, weil ich dachte, ich muss doch den Ort finden, wo die beiden wohnen. Was einigermaßen verrückt ist, denn ich habe es mir ja ausgedacht. Aber ich habe ihn gefunden!“, so Wolff.

Grundsätzlich sieht die Autorin eine „Unschärfe“ in der Welt, welche sie liebt. Laut ihr kann Kunst einen davon befreien, „die Welt auf eine bestimmte Art und Weise zu sehen“. Das hat für sie durchaus eine politische Ebene: „Wir sehen heute auch in unserer Gesellschaft oft, dass Menschen so unfassbar sicher sind, dass Dinge auf eine bestimmte Art und Weise zu deuten sind, obwohl die Wirklichkeit so vielgestaltig ist. Und da ist oft kein Rest Unsicherheit.“ Kunst könnte dabei helfen, offener zu sein.

Das Leben der Autorin

Die Autorin möchte auch stets offen bleiben. Manch-mal muss sie die Welt jedoch etwas aussperren, vor allem, wenn sie schreibt. Sie erzählte, dass sie Arbeitstage direkt am Morgen beginnt. Zuerst liest sie ein Gedicht, um in einen poetischen Sprachrhythmus zu kommen, und dann schreibt sie zwei Stunden konzentriert. Erst danach liest sie E-Mails oder Nachrichten und schaut, ob sich die Welt noch weiterdreht. 
„Zum Schreiben brauche ich wirklich Ruhe, eine Konstanz“, so die Autorin. Nur dann kann ein Buch entstehen, das bei ihr zumeist Jahre in Anspruch nimmt. Zwar klagt ihr Verlag manchmal, dass sie so lange brauche, jedoch lässt sie sich davon nicht beirren. Es brauche laut ihr Zeit, sich in ihrer fiktionalen Welt zu verlieren, sie detailreich auszustatten und sie mit ihrer typischen poetischen Sprache auszustatten.

Schwer zu übersetzende Werke

Genau diese Sprache macht es auch schwerer, die Texte zu übersetzen, erklärte  Andreea Odoviciuc, welche zwei Romane (2022: Lumea estompată/ 2024: Să te faci că plouă – Roman în patru povestiri) von Wolff ins Rumänische übersetzt hat. „Ich habe sofort erkannt, dass es sich bei den Romanen um etwas Besonderes handelt“, so die Übersetzerin. Die Melodie der Sprache und die poetischen Formulierungen seien sehr schön für den  Leser, „für die Übersetzerinnen und Übersetzer werden sie dann jedoch zur großen Herausforderung“. 

Für sie war es in diesem Fall sehr wichtig, dass die Leser in Rumänien auch im übersetzten Text die Stimme von Wolff erkennen. „Und bei ihr hatte ich von Anfang an das Gefühl, dass jedes Wort wichtig ist“, erzählte Odoviciuc. Deshalb hat sie viel Zeit mit dem Text verbracht, um nach den passenden Formulierungen zu suchen und die Wörter sorgfältig zu wählen. 

Es ist eine Pflicht, sich zu erinnern

Dass es die rumänischen Übersetzungen gibt, freut die Autorin sehr. Denn offensichtlich ist sie immer noch mit Rumänien verbunden, auch wenn ihre Familie komplett in Deutschland lebt. Sie besucht das Land auch noch öfters. Für literarische Recherchen, für Termine wie Lesungen, aber auch, um Freunde zu besuchen, die sie über die Jahre kennengelernt hat. „Ich finde es immer spannend und wichtig, dem Land zu begegnen, wie es jetzt ist“, so die Autorin.

Denn ihre Text spielen oft in der Vergangenheit, im zwanzigsten Jahrhundert, sie möchte aber nicht nur nostalgisch sein, sondern auch die jetzige Situation kennen. Und dazu noch in die Vergangenheit blicken, um aus ihr zu lernen.  „Ich glaube schon, dass wir eine Pflicht haben, uns zu erinnern“, so Wolff.

Sie schreibe in ihren Büchern gerne über das vergangene Jahrhundert und man könne an Hand von vier Generationen wunderbar zeigen, was innerhalb von Familien auch weitergegeben wird an Traumata und an Schicksalen. Dazu sagte sie: „Es ist wichtig, sich zu erinnern, dass sich die Geschichte nicht wiederholt.“ Gerade Siebenbürgen als Handlungsort sei für sie deswegen passend, da es für sie „ein Europa im Miniaturformat ist“. Viele historische, europaweite Entwicklungen könne sie so an einem Ort, in Siebenbürgen, erzählen.