Seit zwei Jahren besteht eine Partnerschaft zwischen dem Johann-Ettinger-Lyzeum in Sathmar/Satu Mare und dem St. Jakobus-Gymnasium in Abtsgmünd (Deutschland). In dieser Zeit fanden bereits gegenseitige Schüler- und Lehrerbesuche statt, bei denen zahlreiche Begegnungen und Freundschaften entstanden sind. Über die Entstehung der Schulpartnerschaft, ihre bisherige Entwicklung und die Erfahrungen während des Schüleraustauschs sprach ADZ-Redakteurin Gabriela Rist mit Dr. Katharina Schmidt, Schulleiterin des St. Jakobus-Gymnasiums, anlässlich des zweiten Besuchs einer Schülergruppe aus Deutschland in Sathmar.
Wie kam die Partnerschaft zwischen den beiden Schulen in Rumänien und Deutschland zustande?
Vor zwei Jahren habe ich den Bürgermeister von Abtsgmünd getroffen. Er hat mir ganz begeistert von seinem Besuch in Sathmar erzählt. Sathmar ist die Partnerstadt von Abtsgmünd. Er fragte mich, ob ich mir vorstellen könnte, an unserer Schule einen Schüleraustausch mit Sathmar zu organisieren. Dabei erzählte er mir auch, dass er das Johann-Ettinger-Lyzeum besucht hatte und beeindruckt davon war, wie gut die Schüler dort Deutsch sprechen.
Auf diese Weise kam der erste Kontakt zustande. Wir haben das Glück, eine Lehrerin an unserer Schule zu haben, Frau Wurst, die rumänische Wurzeln hat und sehr gut Rumänisch spricht. Ich bat sie, die Organisation in die Hand zu nehmen. Sie hat das wirklich hervorragend gemacht und den Kontakt zu Iulia Hölzli, Lehrerin des Ettinger-Lzyeums aufgebaut. So entstand vor zwei Jahren zum ersten Mal dieser Schüleraustausch.
Was waren die wichtigsten Beweggründe, eine solche Partnerschaft aufzubauen?
Ich habe meine Stelle als Schulleiterin vor zweieinhalb Jahren angetreten und mich zu Beginn viel mit den Schülern, insbesondere mit den Schülersprechern, ausgetauscht. Einer ihrer Wünsche war es, mehr Austauschmöglichkeiten für unsere Schule zu schaffen. Über die Städtepartnerschaft und den Kontakt zum Bürgermeister ergab sich schließlich die Gelegenheit, eine Verbindung nach Sathmar aufzubauen.
Uns war es wichtig, einen Austausch mit einem anderen europäischen Land zu ermöglichen. Wir wollten unseren Schülern auch Länder näherbringen, die sie bisher kaum kennen. Im Urlaub fahren viele von ihnen nach Italien oder Spanien, Rumänien hingegen kennen sie kaum. Deshalb wollte ich ihnen die Möglichkeit geben, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen und andere Länder und Kulturen kennenzulernen.
Wie hat sich die Partnerschaft seit ihren Anfängen entwickelt?
Ich denke, dass wir von Anfang an ein sehr gutes Programm hatten, weil die beiden Lehrerinnen eng miteinander im Austausch standen. Inzwischen haben wir auch gelernt, welche Programmpunkte sich besonders gut eignen und den Kindern Freude bereiten.
Eine wichtige Entwicklung besteht darin, dass auch unsere Lehrerkollegien stärker miteinander in Kontakt gekommen sind. Zwischen Frau Hölzli und Frau Wurst ist sogar eine Freundschaft entstanden.
Besonders freut mich, dass sich an unserer Schule immer mehr Schüler für den Austausch interessieren. Die Teilnehmer haben inzwischen erfahren, wie schön und bereichernd dieser Austausch ist, und erzählen ihren Mitschülern davon. Dadurch wächst auch das Interesse bei uns.
Was zeichnet Ihre Schule besonders aus?
Wir sind eine Schule mit 422 Schülerinnen und Schülern. Unsere Schule gehört zur Stiftung Katholische Freie Schulen. Wir arbeiten nach dem sogenannten Marchtaler Plan, einem besonderen reformpädagogischen Konzept, bei dem die Selbstständigkeit der Schüler eine wichtige Rolle spielt. In der sogenannten freien Stillarbeit beschäftigen sie sich eigenständig mit bestimmten Themen. Auch die Vernetzung der Unterrichtsfächer hat bei uns einen hohen Stellenwert. Die Fächer werden mit-einander verbunden und Inhalte fächerübergreifend vermittelt.
Natürlich spielt auch der christliche Glaube eine große Rolle in unserem Schulalltag. Wir sind eine Ganztagsschule. Die Schüler gehen gemeinsam mit ihren Klassenlehrern zum Mittagessen und beten beispielsweise vor dem Essen zusammen. Das gehört zu unserem Schulkonzept.
Eine Ganztagsschule ist in Deutschland keineswegs selbstverständlich. Die meisten Kinder verbringen nur den Vormittag in der Schule. Bei uns hingegen halten sich die Schüler einen großen Teil des Tages auf dem Schulgelände auf. Deshalb ist es uns wichtig, dass die Schule für sie auch ein Lebensraum ist, in dem sie sich wohlfühlen können. Dafür gibt es zahlreiche Sitzgelegenheiten, Tischtennisplatten, Sportangebote und vieles mehr.
Eine weitere Besonderheit ist, dass unsere Schule für deutsche Verhältnisse noch sehr jung ist. Das Schulgebäude wurde vor ungefähr dreizehn Jahren errichtet und ist entsprechend modern. Außerdem befinden wir uns nicht in einer größeren Stadt, sondern in einem kleinen Dorf. Abtsgmünd, die Partnerstadt von Sathmar, hat nur ungefähr 6000 Einwohner. Auch das unterscheidet unsere Schule von der Partnerschule hier in Sathmar.
Welche Unterschiede zwischen dem Schulalltag in Deutschland und Rumänien sind Ihnen besonders aufgefallen?
Leider konnte ich den rumänischen Schulalltag noch nicht so intensiv erleben, wie ich es mir gewünscht hätte. Trotzdem habe ich versucht, mich ein wenig zu informieren. Ich denke, dass es viele Gemeinsamkeiten gibt. Die Klassenzimmer sehen ähnlich aus und verfügen über eine vergleichbare technische Ausstattung. Auch die Klassen sind recht groß. Was mir allerdings aufgefallen ist: Der Schultag ist hier länger.
Außerdem habe ich den Eindruck gewonnen, dass die Schüler hier sehr höflich und diszipliniert sind. Davon könnten sich unsere Schüler durchaus etwas abschauen, denn bei uns geht es manchmal etwas weniger diszipliniert zu.
Ein weiterer Unterschied betrifft die Unterrichtsgestaltung. Hier scheint der Unterricht noch etwas traditioneller abzulaufen, mit mehr Frontalunterricht. Bei uns ist der Unterricht häufig offener gestaltet. Die Schüler arbeiten in Projekten und Gruppen und beschäftigen sich manchmal eine halbe Stunde lang selbstständig mit einer Aufgabe. Vieles findet auch außerhalb des Klassenzimmers statt. Dafür haben wir eigene Freiarbeitsbereiche.
Wie erleben Sie das Besuchsprogramm in Sathmar und Umgebung?
Unser Programm ist sehr abwechslungsreich und dicht gedrängt. Wir waren bereits in Großwardein, einer wunderschönen Stadt, und haben das Freilichtmuseum in Negrești besucht. Außerdem haben wir an verschiedenen Workshops teilgenommen, unter anderem beim Deutschen Forum in Großkarol, wo wir auch das Schloss besichtigt haben. Dazu kamen zahlreiche gemeinsame Ausflüge.
Am schönsten finde ich jedoch zu erleben, wie die Schüler aus Rumänien und Deutschland gemeinsam Zeit verbringen. Ein Beispiel dafür war unser Besuch im Freilichtmuseum in Negrești. Dort haben wir traditionelle Hüte gebastelt. Irgendwann waren die Hüte aber gar nicht mehr so wichtig, denn ein Schüler hatte eine Musikbox dabei und spielte Musik ab. Plötzlich begannen die Jugendlichen gemeinsam rumänische Tänze zu tanzen. Das war ein besonders schöner Moment.
Welche Erfahrungen und Eindrücke haben Sie während des Austauschs bisher gesammelt?
Besonders interessant finde ich, dass hier so viele verschiedene Nationalitäten aufeinandertreffen. Vor unserem Besuch wusste ich gar nicht, dass diese Region im Laufe der Geschichte immer wieder zwischen Rumänien und Ungarn gewechselt hat. Ich finde es beeindruckend, wie verschiedene Nationalitäten hier friedlich zusammenleben können. Ungarn, Rumänen und Menschen deutscher Abstammung begegnen sich hier im Alltag. Davon kann man, glaube ich, in Europa viel lernen.
Natürlich gibt es auch in Deutschland Grenzregionen, in denen unterschiedliche Kulturen und Sprachen aufeinandertreffen, beispielsweise im Elsass und in Lothringen. Aber in unserer Heimatregion, aus der wir kommen, im Schwabenland, kennt man diese Vielfalt nicht in diesem Ausmaß.
Was können die Jugendlichen Ihrer Meinung nach voneinander lernen?
Sehr viel. Zum Beispiel den Umgang mit anderen Sprachen und Nationalitäten. Ich finde es bewundernswert, wie selbstverständlich die Jugendlichen hier ihren Schulalltag auf Deutsch bewältigen, obwohl Deutsch für viele nicht die Sprache ist, die sie zu Hause sprechen. Bei uns ist es manchmal eine große Hürde, in einer Fremdsprache zu sprechen. Hier hingegen ist es selbstverständlich, dass man mal Ungarisch, mal Deutsch und mal Rumänisch spricht. Das hat man auch heute beim Gottesdienst erlebt, der in allen drei Sprachen gestaltet wurde.
Wie beurteilen Sie die Beziehungen, die sich zwischen den Jugendlichen entwickelt haben?
Ich glaube, dass sich fast alle bereits im Vorfeld intensiv miteinander beschäftigt haben. Besonders schön finde ich, dass sie schon vor dem Besuch über WhatsApp Kontakt hatten und sich gegenseitig geschrieben haben. Wir mussten also gar nicht viel dazu beitragen. Das hat man gleich bei unserer Ankunft gemerkt. Als wir nach der langen Busfahrt am späten Abend ausgestiegen sind, haben sich die Jugendlichen sofort umarmt. Sie haben sich auf Anhieb gut verstanden. Im Laufe dieser Woche sind ihre Beziehungen durch das gemeinsame Singen und Tanzen noch enger geworden.
Was erhoffen Sie sich von dieser Schulpartnerschaft?
Ich wünsche mir, dass unsere Schüler durch den Austausch einen neuen Blick auf andere europäische Länder bekommen, die sie bisher nicht so gut kennen. Sie sollen auch erkennen, wie gut es ihnen geht, aber gleichzeitig erfahren, dass das Leben anderswo ganz andere Voraussetzungen haben kann.
Außerdem hoffe ich, dass sie sehen, wie engagiert sich Jugendliche einbringen können und wie selbstverständlich sie auch mit sprachlichen Schwierigkeiten umgehen. Sie sollen lernen, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen.
In Deutschland herrscht momentan eine gewisse negative Stimmung. Viele Menschen sind angesichts der schwierigen politischen und wirtschaftlichen Lage eher pessimistisch. Hier kann man jedoch erleben, dass man trotz Herausforderungen seinen Optimismus bewahren kann. Ich glaube, dass wir Deutschen auch in dieser Hinsicht noch einiges von den Rumänen lernen können.
Wie stellen Sie sich die Zukunft der Partnerschaft vor?
Ich wünsche mir, dass der Austausch jedes Jahr fortgesetzt wird. Da bin ich sehr zuversichtlich, denn Frau Wurst ist wirklich mit großer Begeisterung bei diesem Austausch dabei. Außerdem hoffe ich, dass wir immer wieder neue Programmpunkte entdecken und gemeinsam Neues ausprobieren, damit beide Seiten noch mehr über das jeweils andere Land erfahren können.
Was würden Sie Schülerinnen und Schülern sagen, die noch überlegen, an einem solchen Austausch teilzunehmen?
Macht unbedingt mit! Egal, ob ihr aus Rumänien oder Deutschland kommt: Überlegt nicht zu lange, was die anderen über euch oder euer Zuhause denken könnten.
Ich habe manchmal den Eindruck, dass sich die rumänischen Schüler Sorgen machen, unsere Jugendlichen könnten andere Lebensumstände gewohnt sein oder etwas vermissen. Das ist überhaupt nicht der Fall. Deshalb möchte ich den rumänischen Jugendlichen sagen: Macht euch keine Sorgen! Traut euch und nehmt an diesem Austausch teil! Ihr werdet in Deutschland genauso herzlich empfangen, wie ihr uns hier aufgenommen habt.
Und unseren Schülern möchte ich ebenfalls sagen: Macht mit, auch wenn ihr Rumänien bisher nicht kennt! Es ist spannend und interessant – vielleicht sogar viel interessanter als Italien, Großbritannien oder Spanien, die ihr bereits kennt. Hier könnt ihr wirklich ganz neue Erfahrungen sammeln.
