Was tun, wenn die Magie endet?

Die Wette auf Fritz und das fragile Wunder von Temeswar / Der Abgang des Bürgermeisters bedeutet nicht nur das Ändern eines Türschilds, sondern der Überlebenstest eines kulturellen Aufbaus

2022 schrieb ich einen Pressebeitrag mit dem Titel „Temeswar und die Legende des Hauses H“. Daraus zitiere ich: „... ich glaube jetzt, dass in Temeswar Wunder noch möglich sind. Dazu reicht es, wenn du den Zauberer/Magier hast und die entsprechenden Assistenten. Das Haus H ist der lebendige Beweis in dieser Hinsicht. Für mich bleibt die Tatsache eine der bedeutendsten Lektionen des Lebens, dass direkt unter unseren Augen oft Wunder geschehen, dass diese aber, bis wir sie wahrnehmen und ihnen den verdient-entsprechenden Wert zuordnen, paff !.... schon verschwunden sind.“

Den damaligen Beitrag schrieb ich, ausgehend von und unter dem Eindruck einer Serie von Dokumentationen der unnachahmlichen Adriana Babeți, die mit so viel Gnade und Kenntnis unter dem Titel „Die geheime Landkarte, Menschen und Orte“ uns im Kontext der Vorbereitungen für das Jahr der Kulturhauptstadt Europas zugearbeitet hatte.

Wir – ein extrem kleines, aber äußerst durchschlagskräftiges Team (an meiner Seite standen Oana Radu und Raluca Iacob) – waren eben dabei, unsere Beratertätigkeit zum Thema Kulturhauptstadt abzuschließen. Zum Glück konnte damals der Termin für die Kulturhauptstadt Temeswar auf 2023 verschoben werden. Zwi-schendurch wurde nämlich Dominic Fritz zum Bürgermeister von Temeswar gewählt. Seinerseits kam die Aufforderung an uns, strategisch einzugreifen, um das Projekt aus der Klemme und aus dem akuten infrastrukturellen und Programmierungs-Stillstand herauszureißen. Das Projekt war 2022 nämlich festgefahren. Ich gehe hier und jetzt nicht auf die Details jener Krise ein, die kompliziert waren und verbogen/verzerrt – aber das ist nicht Gegenstand der heutigen Analyse.

Worauf ich aber hinweisen möchte, ist, dass jenseits der intellektuellen Aufgeschlossenheit und Lebendigkeit, die in der Stadt an den Ufern der Bega einfach spektakulär sind – es ist tatsächlich ein Territorium, das natürlicherweise und organisch wie ein „Drittes Europa“ funktioniert! – gar jenseits der konstanten Symbiose zwischen der West-Universität und den Schaffenkernen der Stadt, du in Temeswar ständig auf lebendige Debatten zum Thema Ethik triffst. Die humanistischen Gruppierungen der Stadt halten sich, standhaft und starrköpfig, frisch, und sie vermögen es, aktiv etwas zu gelten im urbanen Ideennetzwerk. 
Eine große Schar von Architekten drängt der Öffentlichkeit ihre Meinung auf, viel klarer artikuliert als in jeder anderen Stadt. Die Erschaffer kultureller und humanistischer Kontexte – eine Adriana Babeți, die leider frühverstorbene Brândușa Armanca, Mircea Mihăieș, Bazil Popovici, Ovidiu Hrin, Oana Doboși, Raluca Selejan, Diana Marincu, Andreea Iager-Taco, Sorina Jecza oder Ovidiu Șandor -  aber auch Anker-Räume wie FABER oder Scârț Loc Lejer – damit nenne ich bloß einige der kulturellen Sinn-Knoten von Temeswar – machen aus dieser Stadt sowieso eine Kulturhauptstadt Europas, allein schon aus ihrer ureigenen Wesenheit heraus. 

Doch die enorme Chance dieser Stadt war die Ankunft von Dominic Fritz und seine Übernahme der Lenkung des Rathauses. Das kann keiner bestreiten. Er wurde zum entscheidenden Katalysator für den Erfolg der Kulturhauptstadt, aber auch für die nachhaltige Kontinuität – die wir bis heute wahrnehmen können.

Warum ich das mit so viel Bestimmtheit hier betone? 

In erster Linie, weil 2022, zu Zeiten der ersten Interviews und Konsultationen mit den Kulturträgern und mit dem Publikum, mein Team ein systemisches Mißtrauen feststellte, das zutiefst verankert war. Fünf Jahre lang hatte der Verein, der mit der Vorbereitung des Kulturhauptstadtjahrs beauftragt war, sein Ziel und Mandat verfehlt. Er lieferte nahezu ausschließlich Papier. Er hinterließ ein Klima des Überdrusses und der Lethargie – jeder/jede Befragte forderte als Reaktion radikale Lösungen. Tabula rasa. 

Dominic Fritz bewahrte einen klaren Kopf. Er hatte verstanden, dass ein administrativer Brand nicht durch Feuer gelöscht werden kann. Dass ein schrittweiser Wiederaufbau nottat. Seine Fähigkeit des Umschiffens chronischer Blockadehaltungen und historischer Animositäten – ohne auch nur für eine Sekunde das „Makro“-Ziel aus den Augen zu verlieren – und das Folgende sage ich heute aus vollster Überzeugung! – war wirklich  bemerkenswert.

Das Misstrauen wurde zahmer, die Hoffnung, die sich daraufhin materialisierte, bekam Raum.

Die rigorose und unermüdliche Präsenz des Bürgermeisters im Rahmen der Debatten mit unserem Consulterteam, die extrem gesunden Meinungszusammenstöße, die direkten Konfrontationen mit einer Presse, die oft geradezu feindlich eingestellt war, aber auch die Art und Weise und die Geschicklichkeit, mit denen er es verstand, abzuwägen, was genau JETZT getan werden musste, gegenüber dem, was SPÄTER an die Reihe kommen konnte – das umriss bereits vorweg die Resultate von heute: das Bild eines Temeswar, das durch Kultur neudefiniert wurde, und, daraus folgend, ein durch seine Inhalte anziehender touristischer Magnet werden konnte.

Ich lege an dieser Stelle ein Geständnis ab: Zum Zeitpunkt, als ich das Consulterteam für die Kulturhauptstadt Temeswar leitete, war meine Perzeption der Entscheidungen von Dominic Fritz weit davon entfernt, so verständnisvoll zu sein, wie das hier bisher Gesagte klingt. Im Gegenteil: ganz persönlich fiel es mir nie leicht, den brutalen Zwiespalt zwischen konjunkturbedingtem politischen Interesse und den einem Kulturprojekt innewohnenden Wertinhalten zu verkraften. Mir schien´s, dass Fritz fragmentarisch vorgeht, dass er Tiefe auf dem Altar politisch aggressiver PR opfert. 

Ich gestehe: ich habe mich getäuscht! Im Rückblick und ohne Schonung ausgedrückt: ich habe mir zwischenzeitlich Rechenschaft gegeben, dass in diesem Rumänien, wo die politische Arena bevölkert ist von Exemplaren vom Schlag einer Viorica Dăncilă oder eines Adrian Veștea, von einem politischen Leader bloß Eines gefordert werden kann: so agieren zu können, dass er seine großen Ziele erreicht, indem er seine Instrumente geschmeidig anpasst und nutzt, dass sie dem verminten Feld entsprechen, auf dem er sich bewegen und handeln muss. 

Die Antworten auf einige einfache Fragen bestätigen, dass die Methode(n) des Dominic Fritz die gewinnbringende(n) und ziel-führende(n) war(en):

In welcher anderen Stadt Rumäniens gibt es heute ein real existierendes Netzwerk von Kulturkinos, die gerettet wurden vor Verfall und Ruin, restauriert sind, auf europäischem Standard ausgestattet wurden und laufend mit einem tadellosen Kuratoriumsprogramm bereichert werden?

In welcher anderen Stadt Rumäniens hast du, Woche für Woche, jeweils ein herausragendes Ereignis im Bereich der visuellen Künste, über welches eine adäquate Kommunikation unterhalten wird und das eine solide kulturelle Alphabetisierung der kommenden Generationen gezielt aufbaut?

In welcher anderen Stadt Rumäniens koexistieren so friedvoll und günstig Massen-  mit Nischenprojekte, die zudem, beide, strategisch artikuliert sind?

Wo sonst gibt es noch die Rigorosität eines Projektezentrums, das von Grund auf neudurchdacht und neuaufgestellt wurde und das extrem effizient arbeitet – auch wenn es, natürlich, seine Arbeit laufend verbessern kann? Und soll!

In welcher anderen Stadt Rumäniens leben die Universität und die Gemeinschaft der Künstler/Kulturschaffenden in einer derart fruchtbaren Symbiose?
Und nicht zuletzt: wo sonst findest du alles hier Aufgelistete am selben Ort?

Sicherlich: Derlei lobenswerte Resultate verdankt Temeswar nicht ausschließlich einem Dominic Fritz. Aber es gibt sie heute, diese lobenswerten Resultate, in seinem Mandat. Mit Vitalität. Denn die Vision dieses Bürgermeisters verlieh ihnen Sauerstoff, Entfaltungsraum, Architektur und institutionellen Schutz.

Genau deswegen wird unsere Klarsichtübung hinsichtlich der Gestalt eines Politikers vom Schlag des Dominic Fritz zu etwas Entscheidendem. Denn, früher oder etwas später, es kommt sicher auch mal der Augenblick, wo er das Rathaus von Temeswar verlässt. Und an jenem Tag wird auch das System, das wir, mit ihm, mit so viel Geschicklichkeit in Hinsicht auf die Kultur aufgebaut haben, einen Schlag zu verwinden haben.

Warum? Weil die chronische Verwundbarkeit der Kulturpolitik in Rumänien genau in dieser Abhängigkeit besteht, vom Willen und der Verständnisbereitschaft eines einzigen Entscheiders. Günstiger Fall: Wenn das Steuer in der Hand eines Entscheiders liegt, der kulturelle Entscheidungen nicht in Abhängigkeit von haushaltsmäßigen Launen versteht, sondern weiß, dass Entscheidungen im Kulturbereich strategische Stützsäulen sind für künftige urbanistische und kommunitäre Entwicklungen. 

Derlei Dinge funktionieren jetzt in Temeswar. Das kulturelle Ökosystem blüht auf. Doch wenn die eingespielten Praktiken nicht dauerhaft und unumkehrbar institutionalisiert werden (ich denke an das Projektezentrum, an die Autonomie der Kuratoren/Kuratorinnen, an Finanzierungen nach transparenten Kriterien und nach Meriten), dann bleibt das System fatal zerbrechlich.

Wenn ein solcher Bürgermeister geht, riskiert das so mühsam erkämpfte kulturelle Be(s)täti-gungsfeld, über Nacht von den Raubtier-Reflexen des tradierten Verwaltungsapparats – Politisierung, Favoritismus, populistische Vereinfachungen, Reduzierung von Kultur auf den Status des Dekors für Jahrmarktrummel-„Festlichkeiten“ – verschlungen zu werden. Die Entfernung von Dominic Fritz bedeutet nicht nur eine Namensänderung auf dem Türschild, sondern ist ein Überlebenstest für alles, was mit ihm aufgebaut wurde. Sein Weggehen wird zum Augenblick der Wahrheit: Jetzt wird sich zeigen, ob das Temeswarer kulturelle Ökosystem inzwischen gelernt hat, als autoimmune Struktur zu (über)leben.

Ansonsten: sicher bleibt Temeswar weiterhin ein magischer Ort. Denn Temeswar hat, glückli-cherweise, das sichtbare und das unsichtbare Fundament einer riesigen intellektuellen Energie, die in dieser Stadt weiterlebt. Wichtig ist es aber, dieses Beispiel auch als brutale Fallstudie zu betrachten über Wahrheiten, die wir uns meist systematisch weigern, ihnen in die Augen zu schauen. Uns die Auseinandersetzung mit ihnen verkneifen. Doch ohne eine Auseinandersetzung, bei kühlem Verstand, mit derlei Beispielen, so meine Befürchtung, bleiben alle Lösungen, die uns die Vorsehung aus dem Nichts heraus liefert, bloß komfortable Illusionen.

Dieser Beitrag der angesehenen internationalen Kulturmanagerin und ehemaligen Kulturministerin Rumäniens, Corina Șuteu, erschien in der Ausgabe 17(1670)/2026 der „Zeitschrift der Gruppe für Sozialen Dialog“ – „22“. Er ist von Werner Kremm mit ausdrücklicher Zustimmung der Autorin für die ADZ übersetzt worden.