Zugebissen: Made in USA, geprüft in Moskau

Es gibt Nachrichten, die einem den Glauben an die Weltordnung zurückgeben. Diese Woche war so eine: Ein Digitalforensik-Unternehmen aus Virginia, stolz „amerikanisch geführt und entwickelt“, wird vom US-Justizministerium beschuldigt, in Wahrheit von fünf Russen über eine Zypern-Holding gesteuert worden zu sein. Programmiert in Russland, versteht sich. Zypern, natürlich Zypern. Man hätte sich auch gewundert, wenn eine derartige Holding in Liechtenstein gesessen hätte. So viel Phantasie traut man dem Metier gar nicht zu. Die Firma verkaufte Software zum Auslesen von Handys an den Secret Service, das Pentagon und mehrere Heimatschutzbehörden. Den Humor der Geschichte muss man würdigen: Der amerikanische Sicherheitsapparat kauft Werkzeuge, um in fremden Telefonen zu stöbern, und lässt sich von Leuten beliefern, deren russische Schwesterfirma laut Anklage auch FSB und Innenministerium bediente. Die EU kam auch nicht ungeschoren davon: Verträge oder Akkreditierungen gab es in Deutschland, Spanien, Italien, Polen, Ungarn, Rumänien und Lettland, dazu Einsätze in EU-Projekten. Das ist, als bestellte die Feuerwehr ihre Schläuche beim Brandstifter, weil der das Ausschreibungsformular korrekt ausgefüllt hat.
Zur Ehrenrettung der Käufer: Ein Formular gab es, ja. Der Chef habe brav bescheinigt, es gebe keine ausländische Kontrolle im Unternehmen. Und wer sollte denn an einer Unterschrift zweifeln? Die Sanktionen von 2022 lösten das Problem elegant: Die russischen Eigentümer verschwanden aus den Registern, ein Amerikaner wurde Vorstandschef, und das Ausland war wie durch Zauberhand getilgt. Das ist der schönste Trick der Compliance-Kultur: Was nicht im Formular steht, existiert nicht.

Erst vor den russischen Sanktionen musste Russland noch hart arbeiten und ehemalige hochrangige EU-Politiker gnädig stimmen: Schröder führte den Rosneft-Aufsichtsrat, Frankreichs Ex-Premier Fillon saß bei Sibur und Zarubezhneft, Österreichs Altkanzler Schüssel bei Lukoil, Finnlands Ex-Premier Aho bei der Sberbank, Italiens Ex-Premier Renzi bei Delimobil. Österreichs Ex-Außenministerin Kneissl ließ Putin auf ihrer Hochzeit tanzen und ging später auch zu Rosneft. Managementfähigkeiten, beeindruckende Fähigkeiten, Spionage, Lobbyarbeit – wer will da noch unterscheiden?

Fairerweise betonen die US-Ankläger selbst, dass es bislang keinen Hinweis auf Schadcode oder unbefugten Zugriff gibt. Es geht um Täuschung, nicht um bewiesene Spionage, und es gilt die Unschuldsvermutung, sogar für Leute mit Zypern-Holding. Hier liegt die eigentliche Pointe: Der Westen prüft gründlich, was auf dem Papier steht, aber nicht, wer dahinter sitzt. Vielleicht wurde nichts gefunden, weil nichts da ist. Vielleicht auch, weil nie jemand den Quellcode gelesen hat. Beides beruhigt mich nur mäßig.

Und in Rumänien? Die Antikorruptionsbehörde kaufte Oxygen-Lizenzen, das steht in den Vergabeunterlagen: 56.500 Lei hier, 75.000 Lei dort. Das sind keine Summen, für die man ein Imperium unterwandert. Wenn es aber so wäre, dann hätte Moskau die beste Rendite seiner Geschichte erzielt, nämlich Zugang zu den Korruptionsermittlern zum Preis eines gebrauchten Dacia.

Wenigstens ist die Spionage im Jahr 2026 demokratisiert: der Westen lädt sie selbst ein und bezahlt auch ihre Rechnung. Der KGB hätte derartige Aktionen sicherlich bewundert. Früher brauchte man Agenten im Trenchcoat, tote Briefkästen und Botschaftsempfänge mit zu viel Wodka. Moskau muss heute nicht mehr einbrechen. Es genügen eine Rechnung mit Umsatzsteuer und eine Ausschreibung nach dem Prinzip „billigster Anbieter gewinnt“. Danach tagt einen Monat lang eine Arbeitsgruppe und erstellt ein neues Formular, dreifach auszufüllen. Mit Unterschriftsfeld und entsprechend abgestempelt, versteht sich.