1904 war das Jahr, in dem Picasso auf den harten spanischen Akzent auf der zweiten Silbe seines Namens (mit dem A) pfiff und dafür ein weiches O am Ende seines Namens (und den Akzent darauf) gewann: Er zog nach Frankreich, wo er zeit seines Lebens geblieben ist. Zunächst ging er nach Paris, aber dann entdeckte er Südfrankreich in der Zwischenkriegszeit. 1946 konnte er zurück in den paradiesischen Süden, wofür er Paris und das kleine Atelier verließ, wo er sich während des Krieges aufgehalten hatte, und machte mit Aufbruchstimmung einen Neuanfang. Das Château Grimaldi in Antibes stand ihm zur Verfügung, wurde ihm zur Werkstatt und ließ sich gestalten, formen: das einzige Picasso-Museum, an dem Picasso selbst das Sagen hatte. Heute ist das „Musée Picasso“ in Antibes einer der Anziehungspunkte der kulturfreudigen Touristen, die es an die Côte d’Azur zieht.
Früher war die Französische Riviera noch eine ausdrücklich winterliche Attraktion; um den schwierigen Wintern zu entkommen, zog es die betuchten Gesellschaften verschiedenster Länder in das milde Klima Südfrankreichs mit seinem luxuriösen Ambiente, das wenige Destinationen toppen können. Das amerikanische Paar Sara und Gerald Murphy hat in den 1920er Jahren einen entscheidenden Impetus dazu gegeben, dass die Provence mit ihrem Licht und ihren Farben auch im Sommer entdeckungswürdig wurde; sie luden Maler und Schriftsteller, Künstler zu sich in den Süden, einer der Künstler: Pablo Picasso. Somit hatte Picasso bereits seine Erfahrungen mit dem Süden, als er 1946 zurückkehrte.
Er malte, zeichnete und durfte sich in Vallauris die Töpferkunst anschauen, begann selber mit Keramik zu experimentieren. Sein Testosteron barst auch in diesem Fall durch, er malte Frauenmerkmale auf die Vasen. Die Ausstellung in Temeswar soll ein bisschen von allen Techniken zeigen, die er angewandt hat und einen Einblick in das reiche Patrimonium des Museums bieten.
Das Porträt eines Fischers im ersten Raum widerspiegelt einerseits die noch lebendige Kubismus-Zeitspanne in Picassos Schaffen – der menschliche Körper dekonstruiert und dann wiederzusammengebaut wie in einer Collage und wie ihn das Auge des Artisten gesehen hat – andererseits zeigen sich darin auch Ort und Zeit der Entstehung des Kunstwerks: Das Gemälde ist auf Sperrholz entstanden; eine Leinwand konnte der Künstler in Südfrankreich kurz nach dem Krieg nicht aufbringen, auch keine Malfarben. Darum sind es industrielle Farben, die dem Lackieren der Fischerboote dienten, die Picasso für sein Kunstobjekt gebraucht hat, daher auch eine begrenzte, aber umso authentischer in die Welt der Fischer spiegelnde Farbpalette.
Jeder Raum ist rund um ein Thema konstruiert. Da geht es in dem einen zum Beispiel um die mythologischen Figuren, die Picassos Werke bevölkern, Faune und der Minotaurus beleben das Grimaldi-Schloss und nun auch die Art-Encounters-Stiftung. In einem anderen Raum sind Lithographien und Farbschablonenreproduktionen nach Gemälden auf Leinwand, Porträts, die er Frauen widmet. Eines darunter aber sticht hervor, es ist keine Frau, sondern ein Mädchen, die eigene Tochter, Paloma Picasso, die pausbäckig und schwarz-weiß, eine Puppe an sich drückend aus der Lithographie schaut. Nicht zuletzt geht es in einem Raum um Tiere, den Stier, den Picasso immer wieder gezeichnet hat, fein bepinselt oder nur skizziert, aber immer schwunghaft, die Taube und eine kleine Eule, die aus dem Dachboden in Antibes gefallen war und derer sich Picasso – so auch das Foto von Michel Sima – annimmt und dann selbst in seinen Kunstwerken als Motiv aufnimmt.
Wuchtig schwingt Picasso in dem Schwarz-Weiß-Film von Paul Haesaerts, der in einem der Räumlichkeiten gezeigt wird, den Pinsel. Blumen entstehen, auch wenn es nur wenige Pinselstriche sind, sie sind unverkennlich Picasso und dann schaut der Maestro auch noch mit seinem insistenten Blick direkt in die Kamera und damit auf das Publikum: Na, hat es euch gefallen?
