„Der höchste Schatz“

Mittelalterliche Abendmahlgefäße der Honterusgemeinde im Rahmen von Kulturerbe hautnah vorgestellt

Mittelalterliche Abendmahlgefäße der Honterusgemeinde im Rahmen von Kulturerbe hautnah vorgestellt

Die sechs Kelche aus dem Bestand der Honterusgemeinde Fotos: die Verfasserin

Kann das Archivgut einer Kirche spannend sein? Ob es ein osmanischer Teppich ist, eine Schwarz-Weiß-Fotografie, ein Porträt-Gemälde, ein Kirchturmknopf, der Zeitkapseln birgt oder ein Kelch, der für das Abendmahl von Häftlingen verwendet wurde – jedes einzelne Kirchengut ist nicht nur Teil eines großen Schatzes einer Gemeinde, sondern es verbirgt auch manch interessante Geschichte. Und diese Geschichte wird dem Publikum in knapp einer Stunde so spannend erzählt, dass man immer wieder gebannt zuhört. Die Veranstaltungen der Vortragsreihe Kulturerbe hautnah, die 2024 von Dr. Ágnes Ziegler und Dr. Frank-Thomas Ziegler ins Leben gerufen wurden und seitdem periodisch im Kapitelzimmer der Honterusgemeinde stattfinden, sind längst kein Geheimnis mehr. Bei jedem Treffen kommt das Publikum mit originalen Kunstwerken und Archivgut in Berührung, die sonst in den Depots der Gemeinde wohlbehütet ruhen und den Blicken deshalb zumeist entzogen sind. Dr. Ágnes Ziegler, Leiterin des Referats Kulturgüter an der Evangelischen Kirche A. B. Kronstadt, und Dr. Frank-Thomas Ziegler, Referent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit derselben Gemeinde, erläutern im Austausch mit den Teilnehmern, wie sich in diesen einzigartigen Schöpfungen nicht nur die Überzeugungen und Werte dieser bemerkenswerten Glaubensgemeinschaft, sondern auch die Geschichte Kronstadts und Siebenbürgens spiegeln. 

Kunstwerke mit funktionellem Zweck

Am Dienstag, dem 22. September, hatten die Teilnehmer wieder einmal die Gelegenheit, Kunstwerke zu entdecken, die üblicherweise nicht zugänglich sind. Dieses Mal waren es die sechs mittelalterlichen Abendmahlgefäße der Honterusgemeinde. Nicht nur aufgrund der künstlerischen Meisterschaft, sondern auch aufgrund ihrer Benutzung im Rahmen des Abendmahls sieht die Gemeinde in den liturgischen Gefäßen ihren kostbarsten Besitz. Zwar stammen die Kelche aus römisch-katholischer Zeit, doch wurden sie nach der Reformation weiterverwendet. Warum aber geschah das, und wieso entfernte die Kirchengemeinde andere Objekte aus dem Kirchenschatz? Von wem und wie wurden die Kelche geschaffen, und wer stiftete sie in der Kirche? Was für Darstellungen lassen sich auf ihnen erkennen und was bedeuten sie? Worin besteht die künstlerische Meisterschaft? Diesen Fragen ging Dr. Ágnes Ziegler in ihrem Vortrag nach. 

Sie erklärte, dass man vorreformatorisch zwischen Vasa sacra und Vasa non sacra unterschieden hat.  Die Vasa sacra sind diejenigen, die unmittelbar mit dem Wein und dem Brot in Berührung kommen, wobei Vasa non sacra  liturgische Geräte und Utensilien sind, die im Gottesdienst oder in der Kirche verwendet werden, aber nicht direkt mit den geweihten Gaben in Berührung kommen. Die Kelche aus dem Besitz der Honterusgemeinde stammen aus der römisch-katholischen Epoche der Kirche. 

Unterschiede zwischen katholischem und protestantischem Abendmahl

Der Abendmahlkelch dient zur Aufnahme des Weins, der im christlichen Ritus (Abendmahl oder Eucharistie) als das Blut Christi gereicht wird. Er besteht aus der Kuppa, der eigentlichen Trinkschale, dem Nodus – der verdickte Griffabschnitt in der Mitte des Schafts, der dem Priester oder Liturgen Halt beim Anheben gibt – und dem Fuß, das oft reich verzierte Fundament, das für Standfestigkeit sorgt. Beim katholischen Abendmahl glaubt man die Transsubstantiation. Das bedeutet, dass die Hostie und der Wein sich tatsächlich verwandeln und Christi Leib und Blut werden. Und das ist eine Wesensverwandlung. Sie erklären es so: es gibt das tiefste Wesen, die Substantia und die äußeren Merkmale. Und obwohl die äußeren Merkmale gleich bleiben – wir sehen vor unseren Augen Wein und Hostie – ist die Substanz verändert und das ist tatsächlich Christi, Blut und Leib, den man zu sich nimmt. Demgegen-über glaubt die evangelische Kirche aber an die Konsubstantiation. Das bedeutet, es verwandelt sich nicht ganz, aber Christus ist in, mit und unter dem Wein und der Hostie. Und das ist ein feiner Unterschied, die Gegenwart Christi ist irgendwie an die Feier des Abendmahls gebunden. Wenn die Hostie und der Wein in der katholischen Kirche immer Christus beinhalten werden, und man deshalb auch nicht die herabfallenden Krümel wegwerfen darf, sondern man damit wie mit einem heiligen Körper umgeht, ist in der evangelischen Kirche Christus beim Abendmahl mit seiner realen Präsenz in den Elementen gegenwärtig, sodass die Empfänger gleichzeitig Brot/Wein und Leib/Blut Christi zu sich nehmen. 

Die wertvollen Kelche wurden nach der Reformation weiter verwendet

Die Reformation im 16. Jahrhundert veränderte nicht nur die Theologie, sondern hatte auch Auswirkungen auf die Gestaltung, Nutzung und Bedeutung des Kelches im Gottesdienst. Was die Nutzung des Kelches im Gottesdienst betraf, gab es eine wichtige Änderung. Im Spätmittelalter war es in der katholischen Kirche üblich geworden, dass nur der Priester den Wein trank (aus Angst vor dem Verschütten des „Blutes Christi“). Die Reformatoren forderten vehement das Abendmahl unter beiderlei Gestalt (Brot und Wein für alle Gläubigen). Während in vielen Teilen Europas im Zuge des protestantischen Bildersturms katholische Kultgegenstände zerstört oder eingeschmolzen wurden, vollzog sich die Reformation in Siebenbürgen unter Johannes Honterus sehr behutsam. Die wertvollen Kelche wurden bewusst behalten und nahtlos für den evangelischen Abendmahlritus weiterverwendet. Gleichzeitig sind Kelche wahre Kunstwerke. Ein Teil der Kelche wurde in der sogenannten Schnitttechnik gefertigt. Dabei wurden feine Silberfolien in schmale Streifen geschnitten, gebogen und zu komplexen pflanzlichen Motiven (wie geschmiedeten Ranken) verbunden, in die oft Halbedelsteine eingefasst sind. Sie gelten als Paradebeispiele der hochentwickelten Kronstädter und siebenbürgischen Goldschmiedekunst. 

Kelche sind heute, wie die Kirchenburgen auch, die Symbole unserer Gemeinschaften. So wie Ziegler in ihrem Vortrag unterstrich: „Bei den Kelchen handelt es sich nicht nur um Objekte, also um museale Stücke. Es sind auch keine vorreformatorischen Objekte, die mit der Reformation aufgehört haben zu funktionieren und die man versteckt oder vergraben und Jahrhunderte später entdeckt hat und sich gefreut hat, was man für Schätze hat, sondern diese Objekte haben funktioniert, haben jahrhundertelang funktioniert und in ihnen ist das Wesen dieser Gemeinde sehr stark kodiert. Nicht nur durch die Veränderungen, die man gemacht hat, sondern weil sie diese ganze Haltung in sich tragen. Diese ganze Beziehung zur Kommunion, zur Eucharistie, zum Abendmahl, zur Gemeinschaft ist in diesen Objekten kodiert und das macht sie für uns hervorragend wertvoll.“ 

Kulturerbe hautnah geht weiter mit einem besonders spannenden Thema: Tod in der Kirche. Dr. Ágnes Ziegler wird am 24. November interessante Fakten über Lebensende, Begräbnis und Erinnerung an der Schwarzen Kirche vorstellen.