TIFF 2026. Von Antihelden und Außenseitern (III)

Ein Rückblick auf die 25. Auflage des Internationalen Filmfestivals in Klausenburg

Open-Air Veranstaltung auf dem Hauptplatz Foto: TIFF

Der letzte Festivaltag ist ein heißer Sonntag im Juni. Der Kinosaal ist der beste Ort, um vor der Hitze zu flüchten. Um 10 Uhr vormittags sind alle (etwas unbequemen) Sitze im Saal des Militärhauses neben dem Victoria-Kino bei der Projektion des kolumbianischen Films „Un poeta“ (auf Deutsch: ein Dichter) besetzt. Es hat sich wohl herumgesprochen, dass der Film, der auch am ersten Festivaltag gezeigt wurde, sehr gut sein soll. Doch „Un poeta“ übertraf alle Erwartungen. Man tauchte für 120 Minuten ein in die Welt der Hauptfigur Oscar und vergaß alles um sich herum – auch die unbequemen Stühle. „In diesem Film gibt es gibt keine einzige Figur, die man nicht gerne hat“, meinte ein Freund beim Verlassen des Kinos. Er hatte recht. Sogar die weniger netten Figuren in „Un poeta“ sind liebenswert. Ihre Geschichten sind ergreifend. Und sie bleiben mit dem Zuschauer, lange Zeit nachdem er den Kinosaal verlassen hat. Es ist, als ob man an einem einzigen Tag einen Haufen ganz verschiedener neuer Freunde kennengelernt hat.

Über die Schönheit des Scheiterns 
Die Tragikomödie des Filmemachers Simón Mesa Soto, in der ein Laienschauspieler die Hauptrolle übernimmt, lässt kein Auge trocken. Ubeimar Rios ist im wirklichen Leben selbst Autor und Gymnasiallehrer, so wie Oscar, die Figur, die er verkörpert. 

Oscar, 50 Jahre alt, lebt mit seiner Mutter in einer kleinen Wohnung. Als junger Mann war er ein vielversprechender, mehr-mals ausgezeichneter Lyriker. Nun ist er geschieden, hat ein kompliziertes Verhältnis zu seiner Teenager-Tochter, seine Schriftstellerkarriere ging den Bach runter, er ist arbeitslos und Alkoholiker. Kurz und knapp: er ist gescheitert. Tag und Nacht irrt Oscar durch die Straßen der kolumbianischen Stadt Medellín und beklagt den Zustand der Literatur in seinem Heimatland. Nachdem er, auf Drängen seiner Mutter, einen Lehrerjob angenommen hat, wird er auf das lyrische Talent seiner Schülerin Yurlady aufmerksam. Als Mentor möchte er dem Mädchen einen Platz bei einem Poesiewettbewerb verschaffen. Er hat endlich seinen Sinn im Leben gefunden. Andererseits möchte Yurlady keine Schriftstellerin werden, obwohl sie Talent hat und gerne Gedichte schreibt. Ihre Träume sind ganz anders: sie wünscht sich, einen Nagelsalon zu betreiben. Und der neu entdeckte Lebensmut von Oscar ist sofort wieder aufgebraucht, als böse Gerüchte über ihn verbreitet werden.

Der Regisseur Simón Mesa Soto verarbeitet in „Un Poeta“ seine Zweifel am Künstlerleben. Die Tragikomödie über den gescheiterten Dichter wird zum selbstironischen Blick auf Kunst – und die Frage, was vom großen Traum des Lebens bleibt. Der unbeschreiblich warmherzige und zugleich scharfzüngige und ironische Film wurde 2025 in Cannes im Wettbewerb Un Certain Regard mit dem Jurypreis ausgezeichnet. 

Die Porridge-Weltmeister 
Anders wie Oscar sind die Leute, denen man im Dokumentarfilm „The Golden Spurtle“ (deutsch: Der Goldene Rührstab) begegnet, keine Phantasiefiguren, sondern Menschen in Fleisch und Blut. Auch sind sie keine Versager. 

Sie sind nicht gescheitert, manche von ihnen sind sogar Weltmeister. Und zwar im Zubereiten von Porridge (Haferbrei). Jedes Frühjahr erwacht das schottische Dorf Carrbridge zum Leben, wenn Besucher aus ganz Großbritannien und der ganzen Welt – sogar aus Australien – hierher strömen. Die Meisterschaft, die nun bereits zum 32. Mal stattfindet, würdigt die Kunst der traditionellen Porridge-Zubereitung und zieht Teilnehmer aus aller Welt an. Die Teilnehmer bereiten traditionelles Porridge zu, wobei sie ausschließlich drei Zutaten verwenden: Wasser, Haferflocken und Salz. 
Die feinen Unterschiede in Geschmack und Konsistenz liegen ganz in den Händen der Teilnehmer. Sie kommen, versammeln sich, kochen Porridge und genießen ihn, bis schließlich eine dreiköpfige Jury einen Gewinner kürt. Letztes Jahr war der Gewinner ein Techniker aus Norwegen. 

Sven Seljom aus Mandal bereitete seinen Haferbrei aus norwegischem Schwarzhafer zu – einer alten Getreidesorte, die früher in ganz Europa angebaut wurde, im 19. Jahrhundert jedoch verschwand – sowie aus norwegischem Meersalz und Wasser, das er von zu Hause mitgebracht hatte.

Im Film „The Golden Spurtle“ von Constantine Costi lernen wir einige von ihnen kennen und begleiten sie durch den Wettbewerbsalltag. Es ist wie bei jeder anderen Weltmeisterschaft auf der Welt –  es gibt Gewinner und Verlierer, Leute, die die Jury kritisieren, viel Ehrgeiz und auch viel Neid. 

Wir lieben Antihelden, weil sie unsere eigene Unvollkommenheit spiegeln. Anders als makellose Helden kämpfen sie mit Fehlern, Zweifeln und moralischen Grauzonen. Sie wirken dadurch authentisch und nahbar, erlauben uns das Ausleben verbotener Impulse und brechen mit starren gesellschaftlichen Konventionen. TIFF in diesem Jahr hat gezeigt, dass Verlierer viel sympathischer sind als Superman. 
TIFF 2026 ist zu Ende gegangen, aber im Sommer ging es weiter – in mehreren Städten und Dörfern Rumäniens wurden Filme aus dem Festival gezeigt- unter freiem Himmel oder in Kultursälen und Kinos (mehr Infos auf tiff.ro). Menschen brauchen Geschichten. Und am schönsten ist es, mit Hunderten von anderen Menschen für zwei Stunden in derselben Geschichte zu sein. 

 

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Wissenswertes für Filmfans 
TIFF 2027 findet nächstes Jahr zwischen dem 11. und dem 22. Juni statt. 
Das Festival findet immer der zweiten Juni-Hälfte statt und dauert 10 Tage (von Freitag bis zum Sonntag in der nächsten Woche).
Im Wettbewerb sind normalerweise 12 Filme. Dabei handelt es sich immer um den Debütfilm oder das zweite Werk eines Regisseurs. Der Gewinnerfilm wird von einer Jury ausgewählt und erhält die TIFF-Trophäe. 
Nach allen Wettbewerbsfilmen gibt es Q&A (Frage & Antwort)- Runden mit dem Filmteam. 
Außerdem gibt es die Sektionen „Supernova” (preisgekrönte Fime aus Cannes, Berlin und Venedig), „Umbre“ (deutsch: Schatten)-, Horror- und Fantasy-Filme, No Limit , Pitch Black Anthology, Tage des Rumänischen Films (die besten Produktionen der letzten Jahre) Full Moon, Teen Spirit (Filme für jugendliche), What´s up, Doc – die besten Dokumentarfilme, Film Food (Profi-Köche kochen für die Zuschauer Gerichte, die von einem Film inspiriert sind).  
In jedem Jahr sind wichtige Figuren der Filmszene nach Klausenburg eingeladen. 2017 war Alain Delon Ehrengast beim TIFF, dieses Jahr war es die Schauspielerin Ornela Muti. 
Ein Ticket kostet etwa 30 Lei, aber es sind auch Abos erhältlich. 
Im Aperitiff-Katalog findet man das gesamte Programm und die Beschreibungen der Filme, damit man eine bessere Übersicht erhält und Entscheidungen treffen kann. 
Karten kann man auf der TIFF-App, online oder in den Klausenburger Kinos kaufen. 
Am ersten Wochenende finden Open-Air Veranstaltungen im Banffy-Scjhloss aus Bonțida statt. 
Das zweite Wochenende ist dem rumänischen Film gewidmet – an diesen Tagen kann man bekannte Schauspieler auf der Straße treffen und rumänische Kurzfilme schauen, die man nicht anderswo sehen kann. Dabei entdeckt man manch einen jungen vielversprechenden Regisseur. 
Die Gala findet im Nationaltheater am Samstag statt und das Publikum kann Karten kaufen.
Sonntag, am letzten Tag, kann man die Gewinnerfilme im Florin Piersic-Kino sehen.
Das Publikum kann seine Favoriten wählen, inzwischen auch Online und auf der App. 
2027 sind die orthodoxen Pfingsten, das bedeutet dass TIFF um einen Tag verlängert wird.  
Die Werbekampagne ist immer eine Anspielung auf bekannte Filme: in diesem Jahr war es Forest Gump, in einem anderen Jahr spielten Florin Piersic und Florin Piersic jr die berühmte Szene aus Star Wars „I am your father“ nach,  in einem anderen Jahr wurde eine Szene aus „Brokeback Mountain“ mit rumänischen Hirten nachgespielt. 
Vorstellungen beginnen um 10 Uhr vormittags, jeden Abend gibt es eine Open-Air-Vorstellung auf dem Hauptplatz (bei Regenwetter wird die Vorstellung ins Studentenkulturhaus verlegt). 
Auch wenn ein Film ausverkauft ist, lohnt es sich manchmal, es trotzdem zu versuchen. Oft bleiben Sitze leer.
Die Zeitschrift des Festivals heißt Aperitiff und erscheint täglich. Man findet sie bei allen Kinos und beim „Casa TIFF“, dem Treffpunkt des Festivals. 
Jedes Jahr findet der lokale Wettbewerb statt – Filmemacher aus Klausenburg stellen ihre Filme vor. 
Immer lohnt sich ein Besuch der Kinos Mărăști und Dacia Mănăștur. Viele Leute aus den jeweiligen Stadtvierteln kommen, um Filme zu sehen, die Atmosphäre erinnert an die ersten Jahre des Festivals.