Als der Monte Verità wieder sprach

Der 4. Internationale Gusto-Gräser-Workshop schlug eine Brücke von Siebenbürgen nach Ascona

Auditorium auf dem Monte Verita Foto: Eleonora Alberti

Auf dem Campo Pestalozzi: Dort wurde auch ein Freiluftmahl abgehalten. Foto: Gabriella Olasz

Vor Gustos Felsengrotte bei Arcegno Foto: Dietmar Gross

Drei Tage lang war der Monte Verità wieder das, was er vor über hundert Jahren war: ein Ort, an dem Sprachen, Disziplinen und Generationen aufeinandertrafen. Anlass war der vierte Workshop zu Gusto Gräser, dem Dichter und Lebensreformer, der einst zu den prägendsten – und schillerndsten – Figuren des Berges zählte. Gäste reisten aus dem Norden und Süden Deutschlands, aus Italien, aus Spanien und Frankreich sowie aus Kronstadt/Brașov und Hermannstadt/Sibiu in Siebenbürgen an, um gemeinsam mit Schweizer und italienischen Forschenden und Gleichgesinnten sein Werk neu zu lesen.

Eröffnet wurde der Workshop von Marianne Hallmen, Präsidentin der Gusto-Gräser-Gesellschaft, die tags zuvor selbst aus Stolzenburg/Slimnic bei Hermannstadt zurückgekehrt war. Für sie schloss sich damit ein Kreis: Im Vorjahr hatte die dritte Gusto-Gräser-Tagung in Hermannstadt stattgefunden, nun begegneten sich Siebenbürgen und der Monte Verità erneut. „Gusto Gräser und seine Brüder haben einst eine Brücke von Siebenbürgen zum Monte Verità geschlagen“, sagte sie zur Eröffnung. „An dieser Brücke wollen wir weiterbauen – durch Begegnung, Forschung, Kunst und Literatur, durch neue Freundschaften und durch eine lebendige Erinnerung an dieses außergewöhnliche, geistig-kulturelle Erbe.“

Möglich wurde die Zusammenkunft nicht zuletzt durch die Gastfreundschaft der Fondazione Monte Verità. Die Präsidentin dankte in ihrer Eröffnungsrede besonders Nicoletta Mongini, Kulturdirektorin des Hauses, die die Gäste im Namen der Fondazione begrüßte, für die herzliche Aufnahme und die enge Zusammenarbeit, ebenso dem Campo Pestalozzi und dem Arbeitskreis für Siebenbürgische Landeskunde als weitere Träger des Workshops.
Den offiziellen Auftakt im Auditorium des Kongresszentrums verfolgten rund 50 Gäste. Der Bürgermeister von Ascona, Giorgio Gilardi, ließ ein Grußwort verlesen, das den historischen Bogen spannte: Gräser gehöre zu jenem kleinen Kreis von Denkern und Künstlern, die zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts hier am Berg den Beginn der modernen Geschichte Asconas geprägt hätten – „am Ort der Utopien und der Gedankenfreiheit“. Aus einem Fischerdorf sei so, Schritt für Schritt, ein Ort mit einer international anerkannten Identität der Avantgardekultur geworden, schrieb Gilardi.

Im anschließend gezeigten Interview brachte es Hermann Müller, der Gusto Gräser persönlich kannte, auf den Punkt: „Das Eigene und Einzigartige an Gusto ist, dass er sich nirgends angelehnt hat.“ Gräser habe sich keiner Lehre angeschlossen, sondern darauf beharrt, dass „jeder seinen eigenen Weg finden“ solle, „seine eigene Art, sein Selbst entdecken“. Aus Gräsers eigener Nachdichtung des Tao Te King von Lao-tse erklang ein Vers, der bis heute nachhallt: „Leute begehren noch und noch. Ich bin vergnügt im Genug.“

Danach übernahm Silvia Carnelli das Wort – und eröffnete ihren Vortrag mit einer Anekdote, die viel über den Mann verrät: Wer Gräser auf der Straße begegnete und sich als Künstler vorstellte, bekam von ihm keine Visitenkarte gereicht, sondern einen Grashalm, dazu die Worte: „Gusto Gras.“ Eine kleine, fast theatralische Geste, so Carnelli – und doch stecke darin bereits alles, worum es bei Gräser gehe: Natur, Selbstinszenierung, Wortspiel und die Lust, eine feststehende Form durch etwas Lebendiges zu ersetzen. Sie zeichnete darauf ein Bild von Gräser als Dichter, Kulturphilosoph und Ikone zugleich – eine Figur, die sich klaren Kategorien bis heute entzieht.

Intensiver noch wurde es am Samstag im Campo Pestalozzi. Rund 40 Teilnehmende saßen dort zusammen, ein Drittel von ihnen Nachfahren Gräsers – vom Enkel bis zur Urururenkelin. Moderiert von Dr. Thomas Cieslik, wurde seine siebenbürgische Herkunft, seine Kunst, seine naturistischen und vegetarischen Ideale, und immer wieder: seine Beziehung zu Hermann Hesse diskutiert. Den Auftakt machte Prof. Dr. Ulrich Andreas Wien, Historiker und Theologe an der TU Kaiserslautern-Landau, der Gräsers Religiosität vor dem Hintergrund seiner siebenbürgisch-sächsischen Herkunft nachzeichnete.  

Dr. Iris Ordean, Kunstwissenschaftlerin an der Lucian-Blaga-Universität Hermannstadt beschrieb den Monte Verità als Ort künstlerischer Bestäubung in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. 
Die Beziehung zu Hermann Hesse stellte die Kunsthistorikerin Eleonora Alberti aus Varese (Italien) her. Ihre These: Gräser habe Hesse keine fertige Theorie vermittelt, sondern eine gelebte Möglichkeit. „Die Begegnung zwischen Gräser und Hesse ist keine einfache Einflussgeschichte, sondern ein Prozess der Transformation ... Eine körperlich erfahrene Lebenspraxis wird zur Erinnerung, zum Bild und schließlich zur literarischen Form. Genau darin zeigt sich, wie eng Kunst, Lebensgestaltung und spirituelle Suche am Monte Verità miteinander verwoben waren“, so Alberti, Mitglied des Vorstands und des wissenschaftlichen Beirats der Gusto-Gräser-Gesellschaft.

Am Nachmittag berichtete Dr. Ingrid Schiel, Historikerin, Geschäftsführerin des Siebenbürgen-Instituts und Leiterin der Siebenbürgischen Bibliothek mit Archiv, über die „Gräserania“ im Siebenbürgischen Museum und im Siebenbürgen-Institut auf Schloss Horneck, Gundelsheim am Neckar. Schiel stellte im Namen des Arbeitskreises für Siebenbürgische Landeskunde e.V. Heidelberg (AKSL) die Neuauflage von Hermann Müllers Buch „Gusto Gräser. Der grüne Prophet“ vor. Im Anschluss trugen Gräsers Enkel und Urenkel, darun-ter sein Enkel Reinhard Christeller, ausgewählte Gedichte und Sprüche ihres Vorfahren vor.

Die Theorie blieb dabei nicht in den Seminarräumen. Ein gemeinsames Freiluftmahl im Campo und der Weg zur Grotte, die Landschaft selbst wurde zum Ausstellungsstück einer Zeit, in der hier neue Formen des Lebens erprobt wurden. Zum Abschluss diskutierten die Teilnehmenden, was von Gräsers Ideen — Naturverbundenheit, Freiheit, Gemeinschaft, Kritik an starren Lebensmodellen – heute noch trägt. 

Der Schauspieler, Musiker und Dichter Kurt Hohndorf bereicherte den Abend mit Gedichten und Klavierklängen im Geiste Gusto Gräsers, während Sergej Perelmann an der Gitarre bis tief in die Nacht hineinspielte.

Die Antwort, die über dem Monte Verità an diesem Wochenende in der Luft lag: mehr, als man denkt. 

Ein besonderer Moment war der Besuch des Hauses von Karl und Gusto Gräser am Fuße des Monte Verità am Sonntagmorgen und das Gespräch mit den Nachbarn vor Ort — ein ermutigendes Zeichen dafür, dass dieses Haus eines Tages zu einem Ort der wahren Begegnung und des Austausches werden könnte, wie es einst war und es gerade in der heutigen Zeit dringend gebraucht wird. Marianne Hallmen sprach dabei im Namen der Gusto-Gräser-Gesellschaft die Idee an, das Haus in seinem heutigen Zustand zu erhalten und langfristig als Ort der Begegnung, des Austauschs und der lebendigen Erinnerung an Gusto Gräsers Leben und Wirken zugänglich zu machen — ein Vorhaben, das die Gesellschaft in den kommenden Jahren gemeinsam mit den Nachbarn und der Fondazione Monte Verità weiterverfolgen möchte. 

Tatkräftig unterstützt wurde der Anlass von Vorstandsmitglied Sören Pichotta. Ein großer Dank geht zudem an Daniel Lustenberger, Betriebsleiter des Campo Pestalozzi, für die gute Zusammenarbeit und die Gastfreundschaft.

Das dichte Wochenendprogramm in Ascona und Arcegno bot vielfältige Einblicke in Leben und Werk Gusto Gräsers. 

Alle Beiträge der Veranstaltung sind auf der Homepage der Gusto-Gräser-Gesellschaft (www.gusto-graeser.info) nachzulesen.


Als nächste Workshops sind vorgesehen: 

2027: München

2028: Berlin (mit dem Deutschen Kulturforum östliches Europa)

2029: Kronstadt/Brașov – zu Gustos 150. Geburtstag, mit Festakt und der Eröffnung einer Wanderausstellung.

Neue Mitglieder und Spenden sind herzlich willkommen (www.gusto-graeser.info).