Das trügerische Versprechen der Schönheit

Vom Banat, von Herkunft und Erinnerung

Betty Boras: „Das schönste aller Leben“. Roman. Hanserblau, Berlin 2026, 240 Seiten, 22,00 Euro. ISBN 978-3-446-28451-7.

Schönheit gilt als Versprechen eines gelungenen Lebens. Doch was geschieht, wenn dieses Versprechen zerbricht? Betty Boras’ Debütroman „Das schönste aller Leben“ nähert sich dieser Frage auf eindrucksvolle Weise. Zwischen dem Banat des 18. Jahrhunderts und der Gegenwart entfaltet sich eine Erzählung, in der sich persönliche Schicksale und historische Erfahrungen miteinander verbinden.

Betty Boras, 1984 als Bettina Hubert in Arad an der Marosch geboren und 1990 mit ihrer banatschwäbischen Familie aus Glogowatz/Vladimirescu nach Deutschland ausgesiedelt, verarbeitet in ihrem Roman Motive, die eng mit ihrer eigenen Biografie verbunden sind. Doch aus autobiografischen Bezügen entsteht keine autobiografische Erzählung. Vielmehr fragt Boras danach, was von einer Herkunft bleibt, wenn man sie zurücklässt – und wie lange die Vorstellungen der Familie einen Menschen begleiten.

Im Mittelpunkt steht Vio, die als Kind aus Rumänien nach Deutschland kommt und früh lernt, sich anzupassen und möglichst nicht aufzufallen. Dabei wird Migration nicht als geradliniger Weg in ein besseres Leben erzählt. Deutschland ist für Vio zunächst ein Ort des Mangels: Sie lebt bei Verwandten in einem zu kleinen Zimmer und landet später mit ihren Eltern in einem Auffanglager. Besonders eindringlich ist der Sprachtest, den sie ablegen muss, obwohl Deutsch ihre Muttersprache ist. Erst hier begreift sie, was ihr neben den Großeltern und dem vertrauten Alltag wirklich fehlt: „das Gefühl, keine Fremde zu sein“.

Als Vio selbst Mutter wird, scheint sich ihr größter Wunsch zu erfüllen: Sie bekommt eine Tochter, die all das verkörpert, was sie mit einem glücklichen Leben verbindet. Doch ein tragischer Unfall verändert das Gesicht des Kindes dauerhaft. Von diesem Augenblick an bestimmen Schuldgefühle, Selbstvorwürfe und die Angst vor dem Urteil anderer ihren Alltag. Vio weiß, dass Schönheit kein Maßstab für den Wert eines Menschen sein sollte – und ertappt sich dennoch dabei, dass sie ihrer Tochter vor allem wünscht, schön zu sein. Gerade dieser Widerspruch macht ihre Figur glaubwürdig: Sie zeigt, wie schwer sich ein gesellschaftliches Schönheitsideal aus dem eigenen Denken vertreiben lässt.

Parallel dazu erzählt der Roman von Theresia, einer jungen Frau des 18. Jahrhunderts, deren außergewöhnliche Schönheit ihr nicht Glück, sondern Leid bringt. Eine verbotene Liebesbeziehung zu einem jungen Diakon führt dazu, dass sie vom Wiener Keuschheitsgericht verurteilt und in das Banat deportiert wird. Schon die Überfahrt auf der Donau wird zur Katastrophe; im Banat erwartet Theresia ein Arbeitslager, in dem sie mit anderen Frauen ein Bett teilen und am Spinnrad arbeiten muss. Zwischen beiden Frauen liegen Jahrhunderte, doch beide erfahren, dass ihr Aussehen den Blick der anderen auf ihr Leben bestimmt.
In diesem Wechsel zwischen den Zeitebenen gewinnt der Roman seine besondere Spannung. Boras setzt dabei auf kleine Berührungspunkte. Theresia findet am Spinnrad für kurze Zeit in den Rhythmus ihrer früheren Welt zurück; Vio bewahrt eine kleine hölzerne Palme, die ihre Großmutter ihr bei der Ausreise mitgegeben hat. Beide Gegenstände werden zu Erinnerungsankern – für ein verlorenes Zuhause und eine Heimat, die Vio erst noch verlieren muss.

Eine besondere Rolle spielt die personifizierte Banater Erde, die immer wieder selbst zu Wort kommt. Sie erzählt von den deutschen Siedlern wie eine Mutter, die ihre Kinder aufgenommen hat und zugleich weiß, dass sie ihr nie ganz angehören. „Ich habe eure Tränen, Schweiß und Blut in mich aufgenommen“, sagt sie. Darin liegt die widersprüchliche Geschichte des Banats: Die Siedler machen das sumpfige Land urbar, doch die Erde bleibt Zeugin von Krankheit, Tod, Arbeit und dem späteren Verlust der Heimat.

Im Zentrum steht jedoch weniger die historische Rekonstruktion als die Frage, wie früh sich Vorstellungen von Schönheit in Familien einschreiben. Das zeigt Boras nicht nur an Vio und ihrer Tochter, sondern über mehrere Generationen hinweg. Die Großmutter nennt Vio als Kind „meine Schöne“; nach dem Unfall ihrer Enkelin kehrt diese Anrede nicht mehr zurück. Schönheit, die die Frauen der Familie miteinander verbunden hat, wird plötzlich zu einer Leerstelle. Auch Vios frühere Beziehung zu Valentin führt das Thema weiter: Er macht aus ihr beinahe ein ästhetisches Projekt, beeinflusst ihre Kleidung, ihre Lektüre und ihr Auftreten, bis sie erkennt, dass es ihm weniger um sie als um das Bild geht, das sie neben ihm abgibt.

Die historische Erzählebene bringt diese Erfahrung in einem schlichten Satz auf den Punkt: „Zu viel Schönheit hat noch keinem Weib was Gut’s bracht.“ Boras lässt es aber nicht bei dieser Einsicht bewenden. Besonders scharf wird die Frage dort, wo Vio ihrer Tochter ein Kinderbuch über Ausgrenzung vorliest und selbst erkennt, wie wenig die Botschaft von den „inneren Werten“ mit der Wirklichkeit zu tun hat. Solange Menschen nach ihrem Aussehen beurteilt werden, bleibt dieser Trost für sie eine „hohle Phrase“. Schönheit ist im Roman nicht bloß ein Thema, sondern beeinflusst Entscheidungen, Beziehungen und sogar den Blick einer Mutter auf ihr eigenes Kind.

Auch sprachlich arbeitet Boras mit konkreten Momenten. Wenn Vio ihrer Tochter die Kompressionsmaske aufsetzt und sich an die ersten honigblonden Locken erinnert, wird Schönheit nicht abstrakt beschrieben, sondern an einem verlorenen Detail festgemacht. Die Mutter denkt dabei zugleich an das Leben, das sie sich für ihre Tochter vorgestellt hatte.

Das Banat ist dabei keine dekorative historische Kulisse. Die alte Linde, der Lindenblütentee der Großmutter, die hölzerne Palme und die Kleidungsstücke aus Rumänien machen Heimat zu etwas Greifbarem. Vio kann ihre Herkunft nicht einfach hinter sich lassen; sie trägt sie in Gegenständen, Gerüchen und Stimmen weiter.

Betty Boras gelingt es, die Geschichte zweier Frauen über die Jahrhunderte hinweg miteinander zu verschränken, ohne ihre unterschiedlichen Lebenswelten einzuebnen. Gerade weil Theresias Deportation und Vios Migration nicht dasselbe sind, wird sichtbar, was sie verbindet: Beide müssen erfahren, dass über ihren Körper, ihren Lebensort und ihre Zukunft andere mitentscheiden. Der Roman erzählt damit nicht nur von Schönheit, sondern von der Schwierigkeit, ein eigenes Leben gegen die Vorstellungen anderer zu behaupten.