Die Poesie von Wattwürmern und Salzwiesen

„Nature Writing“: Literarische Spaziergänge über die Nordseeinsel Spiekeroog

„Wer lange auf einem Schiff unterwegs ist, schwankt an Land, wer lange auf Spiekeroog lebt, fühlt die Tide im Inneren.“ Anja Liedtke spürt bei ihrem dreimonatigen Aufenthalt auf der Nordseeinsel nicht nur die Gezeiten. „Hier auf der Insel kehre ich zurück zum Sehen der Ahnen. Für sie war alles belebt und alles beabsichtigt“, schreibt die seit 2023 für ihre literarischen Naturbeobachtungen bekannte Autorin. „Nature Writing“ nennt sich das Genre, für das sie bereits mit mehreren Stipendien ausgezeichnet wurde. In „Landfall“ geht es um das Niedersächsische Wattenmeer, ein Rückzugsort für gefährdete Tier- und Pflanzenarten mit einer global bedeutsamen Biodiversität.

Was ist Nature Writing? Augenscheinlich eine Stilrichtung, in der nicht viel passiert, also eher beschreibender Natur. Poetisch, aber oft auch sachlich-informativ, deckt die Autorin fragile Gleichgewichte auf und entdeckt sie mit allen Sinnen. Anja Liedtke riecht am Boden, saugt an Salzwiesenpflanzen, führt einen imaginären anthropozentrischen Dialog mit einer Schnirkelschnecke, stemmt sich gegen den Sturm, fängt ein vom Wind angewehtes Meisenbällchen auf, berührt auch Glibberiges und findet Poesie selbst im Gestank des Verwesten. Rüttelt auf. Sensibilisiert. Etwa über den jungen Seehund, der von fotografierenden Touristen belagert wird. „Wird er öfter gestört, findet er keine Erholung, ergeht es ihm wie einem Menschen,  der sich nie zurückziehen darf. Er magert ab, wird vor Stress krank oder unachtsam und stirbt.“ Nur wenige Kilometer weiter findet sie  ein verendetes Jungtier. „Der Balg eingefallen, weich, wabbelig, ausgeweidet“ von Krähen.
Sie schreibt über Fressen und Gefressenwerden. Über strangulierte Vögel, Opfer eines Plastiknetzes. Über Umweltsünden an Wellhornschnecken: „Die Zinnverbindung TBT, die über Schiffsanstriche ins Meer gelangte und heute noch in Holzschutzmitteln, als Konservierungsmittel in wasserverdünnbaren Farben und als Stabilisator von PVC erlaubt ist, wirkt wie ein Geschlechtshormon auf die Schnecken. Weibchen wachsen männliche Geschlechtsorgane und der Nachwuchs bleibt aus.“ Über ausgestorbene Wesen: die Europäische Auster. Schalenfunde täuschen vor, es gäbe sie noch. Über Skurriles wie Pantoffelschnecken, Ende des 19. Jahrhunderts aus Nordamerika eingeschleppt: „Sie weben Gespinste aus Schleimfäden, breiten sie um sich herum aus, und sind sie voller Plankton, ziehen sie die Netze ein und fressen sie samt Inhalt auf.“ Festen Boden liebend saugen sich ihre Füße oft auf den Schalen von Artgenossen fest. „Klebt sich auf ein sesshaft gewordenes Männchen ein zweites, wandelt sich das untere in sechzig Tagen zum Weibchen.“
Manches klingt poetisch: „Im Osten scheine ich durch das Watt zum Festland zu gelangen. Das Fernglas zittert im Wind, das Flimmern über einer Rinne und eine Strömung widersprechen. Die großen Brachvögel werden es wissen, sie stehen fern im Schlick, doch ihre langen gebogenen Schnäbel stochern im Naheliegenden. Dilü und kurili verabschieden sie wehmütig ihresgleichen und die Austernfischer in weißen Hemden, schwarzen Fracks und mit roten Augen und Säbeln quiwiepen…“
Anderes lässt einen mit kaltem Schaudern zurück: Der händegroße rote Taschenkrebs, dem jemand die Scheren abgedreht hat, ein Opfer der Helgoländer Feinschmeckerküche? „Ich will ihm in die Augen schauen, aber wo die Stielaugen in ihre Panzergrube klappen und geschützt sein sollten, klebt nur noch nasser Sand. Ohnmächtig stehe ich vor dem beschädigten Leben, das in sechs bis hundert Meter Tiefe gehört.“
Kleine Gedichte lockern längere Prosatexte auf: „Mein Fuß glitscht über Kieselalgen“ … „Nahezu unsterblich / Leblose 7000 Jahre / alte Zellen entnahmen / Forscher einem Bohrkern / Sorgten mit Licht Luft Nährstoffen / erweckten zu neuem Leben / Auf solchen Wesen laufe ich / Welch ein Gefühl“. 
„Wie viel hier unten unerforscht ist, während wir schon den nächsten Planeten ins Auge fassen“, muss sie bald erkennen. 
Zwischen präziser Wissenschaft und scharfer Naturbeobachtung malt sie Aquarelle mit Worten. Den Himmel, der „in seine Pop-Ära getreten ist. Er steht zeitig auf und knallt ein Pink vor den Horizont“. Die kleinen „orangenen Sanddornplaneten“, die im „Strauchuniversum“ hängen. Die Sandsegge, die Vegetationslücken im Sand wie „Gottes  Nähmaschine“ zunäht.
Und verschmilzt mit der Natur: „Ich werde nie wieder in die Wellen hechten, tauchen, kraulen können, ohne an die Milliarden Eier und Larven all der Würmer, Schnecken, Muscheln und Fische zu denken, die ich versehentlich verschlucke, die sich in den Haaren verfangen, in die Ohren setzen, im Netz des Badezeugs hängen bleiben.“ Doch es erfüllt sie nicht mit Ekel, im Gegenteil: „Ich werde mich mitten unter ihnen räkeln, kugeln, treiben lassen, ihre Gesellschaft und mein Leben inmitten der vielen genießen.“
„Landfall“ enthüllt dem Leser ein an Vielfalt und Wundern überbordendes Universum, das dem oberflächlichen Betrachter allzuleicht entgeht. Doch vor den Augen des aufmerksamen Beobachters verschmelzen Makro- und Mikrokosmos, abwechselnd erschauert der Mensch vor erhabenen Naturgewalten und dem Verletzbaren, dem Filigranen, dem Zarten und allzu Zerbrechlichen. Und oft genug vor dem eigenen katastrophalen Wirken darin. Zurück bleibt eine zärtliche Liebe.

„Landfall. Naturspaziergänge auf Spiekeroog“, Anja Liedtke, Dittrich Verlag, ISBN 978-3-91215-570-9