Nachruf: Lilian Theil – eine außergewöhnliche Künstlerin und Persönlichkeit

Lilian Theil (li.) und die Journalistin Christa Richter (re.) haben sich viel zu erzählen. Hildrun Schneider, Referentin für soziale Kontakte beim Deutschen Forum in Hermannstadt hört zu. Fotos: Konrad Klein

Lilian Theil in ihrem stilvoll eingerichteten Haus in der Ecaterina-Varga-Straße, das sie 2025 wegen betreuten Wohnens aufgeben musste

Lilian Theil habe ich Anfang der 1960er Jahre kennengelernt. Sie war mit ihrer jungen Familie nach Schäßburg/Sighișoara gezogen und hatte in der sächsischen Gemeinschaft schnell Fuß gefasst. Meine frühe Ausreise setzte unseren persönlichen Begegnungen im wahrsten Sinne des Wortes Grenzen, doch der Kontakt zur Familie Theil ist nie abgebrochen.

Mit großer Dankbarkeit denke ich an meinen letzten Besuch bei ihr Ende August zurück. Körperlich bereits angeschlagen, war Kiki, wie sie im Freundeskreis genannt wurde, einige Monate zuvor in ein Heim gezogen. Dort war sie gut aufgehoben und fühlte sich wohl. Unsere angeregte Unterhaltung fand nach zwei Stunden ein abruptes Ende, als die streng geregelte Abend-essenszeit anbrach. Kiki wirkte zufrieden, doch die Last des Alters machte ihr zu schaffen. Intensiv beschäftigte sie sich mit der Frage nach dem Sinn des Lebens. Am 21. September ist sie im Alter von 94 Jahren in Schäßburg verstorben.

Lilian Theil, geborene Obregia, erblickte 1932 in Kronstadt/Brașov das Licht der Welt. Ihre künstlerische Begabung führte sie nach Bukarest an die Kunstakademie „Nicolae Grigorescu“. Wegen ihrer „ungesunden Herkunft“ wurde sie jedoch nach drei Semestern vom Studium ausgeschlossen. Den kommunistischen Machthabern war die gesellschaftliche Stellung ihrer Vorfahren suspekt. Ihr Großvater väterlicherseits, nach dem heute der „Boulevardul Dr. Alexandru Obregia“ in Bukarest benannt ist, war ein renommierter Psychiater und leitete in den 1920er Jahren als Rektor die Medizinische Fakultät. Ihr Urgroßvater mütterli-cherseits, Karl Maager, vertrat die Siebenbürger Sachsen als Abgeordneter am Wiener Hof.

Anschließend gelang es Kiki, ein Medizinstudium aufzunehmen. Sie fühlte sich damit jedoch überfordert und brach es nach zwei Jahren ab. 1957 heiratete sie den Neurologen Dr. Josef Theil, den die Schäßburger unter dem Spitznamen „Tschibo“ kannten. Die beiden hatten sich bereits während ihrer Schulzeit in Kronstadt bei gemeinsamen Veranstaltungen der rumänischen und deutschen Klassen kennengelernt. Ihre Söhne Peter und Johannes wurden 1959 und 1961 geboren. Nach Zwischenstationen in der Maramuresch und in Kronstadt zog das Ehepaar 1961 nach Schäßburg. Kiki und Tschibo engagierten sich in der sächsischen Gemeinschaft und wurden zu echten Urschäßburgern, die aus dem Leben der Stadt bald nicht mehr wegzudenken waren.

Erst nach der politischen Wende fand Lilian Theil zur Kunst zurück. Ihre Mutter und ihre Söhne wanderten aus. In ihrem Haus, in dem zuvor die Familie eines ihrer Söhne mit den Enkelkindern gelebt hatte, wurde es plötzlich still und geräumig. An die Arbeit an der Staffelei dachte sie längst nicht mehr. Stattdessen schwebte ihr vor, mit Textilien, Schere, Nadel und Faden zu arbeiten. Die von den Auswanderern im Haus zurückgelassenen „Fetzen“ boten dafür geradezu ideales Material. Anstatt sie zu entsorgen, beschloss sie, diese Stoffreste künstlerisch zu verwerten.

So entstand eine ganz eigene Kunstform: Aus scheinbar wertlosen Stoffresten schuf sie Bilder, in denen ihre Gedanken und Lebenserfahrungen Gestalt annahmen. Die sogenannten „Fetzenbilder“ werden auf einer dünnen Leinwand gestaltet. Stoffe für den Hintergrund und zuvor ausgeschnittene Figuren werden zunächst aufgelegt und anschließend festgenäht. Da die Wandbehänge häufig großformatig sind, muss die bildnerische Gestaltung auf dem Boden erfolgen; erst das Festnähen kann im Sitzen vorgenommen werden.

Das Themenspektrum ihrer Arbeiten ist breit. Neben einschneidenden historischen Ereignissen wie Krieg, Deportation, Kommunismus und Auswanderung sind es vor allem die Gegensätze und Konflikte der menschlichen Gesellschaft, denen ihre Collagen und Wandbehänge Ausdruck verleihen. Auch Ehe und Familiengeschichte finden darin ihren Niederschlag, ebenso wie der Generationenkonflikt zwischen Jung und Alt. Mit scharfem Verstand und einem wachen Blick für die Widersprüche des Lebens brachte Lilian Theil ihre Erfahrungen und Erkenntnisse in ihrem künstlerischen Werk zum Ausdruck.

Erstmals trat sie 1997 mit einer Ausstellung in Heidelberg an die Öffentlichkeit. Es folgten Präsentationen in Bukarest und Schäßburg. Der große Durchbruch gelang ihr 2004 mit einer Ausstellung im Kunstmuseum Kronstadt. Zahlreiche weitere Ausstellungen im In- und Ausland schlossen sich an.

Mit Lilian Theil verliert nicht nur die Schäßburger Kulturszene eine außergewöhnliche Künstlerin und Persönlichkeit. Wir verlieren auch einen Menschen, der mit seinem wachen Geist, seiner Lebenserfahrung und seiner unverwechselbaren künstlerischen Ausdruckskraft Spuren hinterlassen hat. Ihre „Fetzenbilder“ erzählen von den Brüchen der Geschichte, von menschlichen Beziehungen und von den Widersprüchen des Lebens. Sie werden uns an eine Frau erinnern, die selbst aus den unscheinbarsten Überresten etwas Eigenständiges und Bleibendes zu schaffen wusste.