Was im Alltag mög-lichst verhindert werden soll, wird im „Nonseum“ in Herrnbaumgarten (Niederösterreich) kultiviert: Nonsens! Falls man sich zunächst wundert, stellt man mit steigendem Amüsement jedoch bald fest, wie unterhaltsam und sinnvoll der gepflegte Unsinn sein kann, wenn man ihm nicht mit bierischem Ernst begegnet. Die Entwicklung des „Nonseums“ lebt von dieser Erkenntnis.
Wie alles begann: Wie so oft kam auch hier die Mischung aus Nachdenklichkeit und Spaß zu einem überraschenden Ergebnis: 1983 saßen fünf Freunde zusammen im Dorfwirtshaus in Herrnbaumgarten im tiefsten niederösterreichischen Weinviertel – Fritz Gall (Bildhauer und Kunsterzieher, Nonsens-Mastermind), David Staretz (Journalist und Autor), Gottfried Umschaid (Winzer und Heurigenwirt), Peter Zott (technischer Konstrukteur) und Stefan Slupetzky (Autor und Illustrator). Nichts Böses im Sinn habend tranken sie gemütlich ihr Bier, als sie die Kellnerin beobachteten, die ein mit Gulaschsaft bekleckertes Tischtuch einfach umdrehte und weiterverwendete. Das setzte die Fantasie der Männer in Bewegung: Eigentlich könnte man die Sache ja weiterentwickeln, indem man einen würfelförmigen, schön bezogenen Tisch konstruiert, den man sechsmal herumdrehen und verwenden kann. Und solche Ideen muss es ja nicht nur bei Tischtüchern geben, schlossen sie weiter… Diese kreative Sternstunde war Startschuss für die seither nicht mehr abreißende Serie nonsealer Kreativität.
In der Folge gab es 1984 die erste Nonsens-Erfindermesse mit 550 genialen, absurden Erfindungen. Statt der erwarteten vierzig, fünfzig Besucher kamen fünftausend! Es fanden zudem hochgeschätzte Events statt wie etwa das „24-Stunden-Weinbergschneckenrennen“. Als Höhepunkte menschlicher Tierliebe erfand man Reihenhaussiedlungen für Maulwürfe, handgestrickte Schlafsackkolonien für Fledermäuse und die lebensrettende Taucherglocke für Suppenfliegen.
Beim – seither immer wieder abgehaltenen – „Einzelsocken-Wandertag“ findet die rätselhafterweise in der Waschmaschine zurückgebliebene verwitwete Wirkware tröstliche Verwendung: Einzelsocken werden ausgestellt und sogar bei einer Sockenpartnerbörse vermittelt, am Ende des Ausflugs gibt es gar eine „Gedenkminute für die verlorene Socke“.
1991 wurde angesichts der nicht abreißen wollenden Ideenflut der Verein zur Verwertung von Gedankenüberschüssen (VVG) gegründet – mit „Erfindungen, die wir auch nicht brauchen“, zum Beispiel allerhand wunderlichen Maschinen, unterteilt in Rubriken wie „Ausgedachte und ausgeführte Gerätschaften zur Herstellung seltener Ohrenreize“ oder „Guckkästen und optische Wunderdinge“. Der Verein ist mittlerweile auf vierhundert Mitglieder angewachsen, und jedermann kann sich jederzeit mit verrückten Ideen einbringen.
Im Jahr 1994 wurde schließlich das zu alledem dazugehörige permanente Museum gegründet – das „Nonseum“.
Angesichts dieser absurden Anhäufung von Skurrilitäten wurde Herrnbaumgarten 2001 zum „verrückten Dorf“ erklärt – ein Attribut, das von der ganzen Dorfgemeinschaft seither stets liebevoll gepflegt wird.
10.000 Besucher kommen pro Saison und bestätigten: Es mag zwar genug Nonsens in der Welt geben, er wird aber viel zu wenig genutzt – zumindest zum Lachen. Mag. Fritz Gall und seine Frau übernahmen den Weiterausbau des „Nonseums“, und 2021 kam Tochter Mag. Alma Gall in das Leitungsteam. Sie hat sich intensiv dafür eingesetzt, ein kinderfreundliches Programm mit verschiedenen Spielstationen anzubieten, Ausstellungen und kreative Workshops zu veranstalten, wo sämtlichen un-, aber auch hinter- und feinsinnigen Gedanken nach Herzenslust freier Lauf gelassen werden kann.
Das „Nonseum“ umfasst mittlerweile drei Hauptgebäude, den „Eingangsbereich mit Hof“, den „Stadel im Grünen“ und die „Gartenpracht“ mit Lehrgarten. Auf dem Gelände gibt es eine Vinothek, ein Küchenmuseum und ein kleines Vereinskino. Hier werden thematisch passende Kurzfilme gezeigt, etwa „Inventur der vermischten Warenhandlung“ oder eine satirische „Doku“ über die „Tragödie rund um die verscharrten Gebeine des Wappentiers der Donaumonarchie“, des Habsburger-Doppeladlers mit zwei Köpfen.
Das ganze Gelände ist 2000 Quadratmeter groß. Da hat schon eine Menge Platz, stellt man fest. Intelligenter und liebevoll gepflegter Nonsens scheint Seinesgleichen anzuziehen – frei nach Schiller: „Das eben ist das Glück der heit’ren Tat, dass sie, fortzeugend, immer Heit’res darf gebären.“
Hinein in die praktischen Ideen
Es dauert nicht lange, bis man nach Eintreten in den ersten Raum des „Nonseums“ das eine oder andere Objekt findet, das man selbst schon lange gern gehabt hätte (und es vielleicht nur nicht wusste). Zum Beispiel die „Sitzungsbrille“: ein normales Augenglas mit aufgeklebten, täuschend echt offenen Augen, hinter denen sich ein kleines Nickerchen machen lässt, wann immer jemand umständlich seine großartigen Ideen ausbreitet. Gewisse Leute wünschen sich vermutlich die praktische „Das Buffet ist eröffnet“-Tasche, eine mit Alufolie ausgekleidete Tasche, in die man beim Buffet unauffällig die besten Häppchen gleiten lassen kann, um sie unbeschadet nach Hause zu schmuggeln. Oder wie wäre es für Bewohner stark frequentierter Straßen, an denen weit und breit kein Schutzweg und kein Hinüberkommen ist, mit dem eigenen ausrollbaren Zebrastreifen? Und wie viel Arbeit könnte man sich doch ersparen mit dem praktischen Stiegenkehrbesen, mit dem man nur mehr ein Drittel der Arbeit hat, weil er drei Stufen gleichzeitig kehren kann!
Dem Essen sind viele Ideen gewidmet, zum Beispiel die „Spaghettigabel“, die mit einer handbetriebenen Kurbel zwei Gabeln in Bewegung setzt und somit auf die doppelte Menge in der halben Zeit kommt. Überzeugend auch der „Suppenventilator“: Ein kleiner Propeller gerät durch den aufsteigenden Dampf in Bewegung und scheint die heiße Suppe automatisch abzukühlen; das Perpetuum mobile des Suppenschlürfens!
Auch sehr effizient: das „Fastenbesteck“ mit dornenbesetzten Griffen oder Teller und Tassen mit Löchern, in denen sich keine allzu großen Portionen halten. Eine psychologisch gut ausgearbeitete Essensbegleitung ist auch der vor dem Diätteller montierte Spiegel.
Für Konditoren dürfte sich die Konditorbrille mit den eingezeichneten Linien zum Tortenportionieren sehr bewähren. Und wer gerne Honigbrot isst, freut sich bestimmt über das gerundete Messer, mit dem sich eine Mulde in die Brotschnitte schneiden lässt, von der der flüssige Honig nicht mehr herunterläuft. Was ein echter Bayer ist, der wird sich ein Weißwurstreiseset aus feinstem Leder zulegen, um jederzeit seine standesgemäße Leibspeise zur Hand zu haben.
Spindeldürre Gestalten sind sicher begeistert, wenn sie sich einen ansehnlichen mobilen Bizeps anschnallen können, statt ihn sich mühsam antrainieren zu müssen. Und wer wäre nicht froh über einen Regenschirm, bei dem ein Feld fehlt, damit man schauen kann, ob es noch regnet?!
Auch an Notsituationen hat man gedacht, an eine „Hände hoch!“-Maschine bei einem Raubüberfall, die auch gleich das Kniezittern und das Hissen der weißen Fahne übernimmt.
Die genialste Erfindung ist aber zweifellos das „Schäfchenzählbett“: Hier laufen auf einem doppelten Himmelbettdach ununterbrochen aufgezeichnete Schäfchen durch, betrieben mit einem Pendel, einem Gewicht und einer Kette – etwa eine abgewandelte Pendeluhr. Schwer einschlafende Menschen werden diese Erfindung richtig zu schätzen wissen!
Wörtlich genommen
Im normalen Alltag merkt man gar nicht, wie witzig sich manche Begriffe interpretieren lassen, wenn man sie wörtlich nimmt. Wer stellt sich schon Schuhe mit Löffeln an der Spitze vor, wenn er „Schuhlöffel“ hört? Einen „Opfer-Stock“ für Weitwanderer, an deren Wanderstab eine Sammelbüchse montiert ist – für freiwillige Spenden bei größerer Ermüdung? Oder wie aus einem weichen Ei ein „Spiegel-Ei“ wird, wenn man davor einen Spiegel aufstellt? Solches kann einem in der Herrnbaumgartner Gastronomie übrigens durchaus serviert werden, weil man die Ideen des „Nonseums“ im „verrückten Dorf“ nur allzu bereitwillig aufnimmt und umsetzt. Hier in Herrnbaumgarten profitieren nämlich alle vom gepflegten Unsinn – nicht zuletzt der Tourismus.
Ganz sachte kommen auch immer wieder pädagogische oder gesellschaftliche Ideen zum Zug: das „Französische Schach“, bei dem es nur Bauern gibt und keine Adeligen; oder Zwillinge, die durch ein vierrädriges Dreirad zu kompromissbereiter Zusammenarbeit erzogen werden können: Dank einer gemeinsamen Hinterachse geht’s einmal in die eine Richtung, dann wieder in die andere …
Des Schauens und Schmunzelns ist kein Ende! Auch können jederzeit nutzlose oder absurde Erfindungen eingereicht und vom künstlerischen Beirat des Museums geprüft und ausgewählt werden. Witzige Ideen übernimmt Fritz Gall in der hauseigenen Kunstwerkstatt zur Umsetzung, und so kann sich so mancher im Museum verewigt sehen und nicht zuletzt über sich selbst lachen.
Denn das ist ja die Essenz des unsinnigen Humors: angesichts der Absurditäten, die das Leben so zu bieten hat, die Menschen zum Kichern, Nach- und Neudenken zu verführen, zu eigener Kreativität und überraschender Unterhaltung. Ernst bleiben im „verrückten Dorf“? Hier macht sich nur lächerlich, wer nicht lachen kann …
Medien in aller Welt bringen immer wieder Berichte über das „Nonseum“, der ORF, die BBC, das südkoreanische Fernsehen und Hongkong haben schon Reportagen gebracht. Und das Land Niederösterreich verlieh den Kulturpreis des Landes. Die allerwertvollsten Orden werden dem „Nonseum“ aber zweifels-ohne durch die vielen begeisterten Besucher verliehen!
