Schönau/Șona präsentiert sich von seiner besten Seite: Frisch gesetzte Blumen vor der Kirchenburg, Tische und Bänke rings ums Pfarrhaus, eine schmucke, blitzsaubere Kirche, Banklehnen und Kanzelaufgang mit Stickereien behangen, eine Galerie mit Trachtenfotos führt zwischen blühenden Rosen zum Eingang… Man merkt es gleich: die Sachsen sind zurück! Zumindest für ein Wochenende, vom 19. bis 20. September, erfüllen Blasmusik und fröhliche Lieder die Luft, die hölzernen Kirchenbänke knarren wieder, die Orgel erklingt, bald wirbeln bunte Bänder auf dem wimpelgeschückten Tanzplatz und sogar der Rinnenwagen fährt wieder durchs Dorf…
Doch ohne Fleiß kein Preis: Eine Woche vor dem Fest haben sie geschuftet und gewerkelt, geputzt und gepflanzt, die Schönauer HOG-Mitglieder, erzählt deren Vorsitzender Hans Gärtner, unterstützt vom Deutschen Forum, vom Bürgermeisteramt, vom lokalen Verein „Șona connect“ – und von jenen, um die es bei diesem 36. Sachsentreffen vor allem geht: die Jugend. „Jugend bewegt Siebenbürgen bewegt Jugend“ liest man im Kreis auf dem Programm, ein Satz ohne Anfang und Ende, eine Feststellung und ein Versprechen. Und: die Jugend ist da!
Leuchtende Gesichter in den Blaskapellen, in den Tanzgruppen, auf der Podiumdiskussion – Tradition ist nicht nur für Junggebliebene. Aber auch in ihren eigenen Aktivitäten auf dem Hügel gegenüber der Kirchenburg, wo Zacusca-Wettbewerbe, Bobcart-Rennen, musikalische Jam-Sessions, Schreibworkshops und Erste Hilfe Kurse ausgetragen werden, wie der Vorsitzende des Siebenbürgenforums, Radu Nebert, erklärt. Am Abend sollen sie dann in einem Fackelzug zu den anderen stoßen, so Winfried Ziegler, der Geschäftsführer des Siebenbürgenforums. Zu Tanz und Speis und Trank bei der Abendunterhaltung mit der Zinphony-Band und den Trio Saxones.
Ein einzigartiger Brauch: das Rinnenfest
Zwei volle Tage dauerte diesmal das Sachsentreffen. Es begann am Samstag mit drei parallelen Programmpunkten, einem Ausflug ins Weingut Jidvei mit Führung durch das Bethlen-Haller Schloss, einer Wanderung durch lokale Weinberge und einem Restaurationsworkshop der Kirchenburgenstiftung.
Nach der Eröffnung des Sachsentreffens vor dem Kulturhaus wurde in einem „Dialog zwischen Bauern“ der Brauch des Rinnenfestes vorgestellt, einzigartig in Schönau. Er datiert bis ins 19. Jh. zurück und wurde anfangs nur von konfirmierten, ledigen Burschen begangen, erst ab 1950 waren auch Mädchen mit dabei. Vor Pfingsten säuberten die Jugendlichen die acht Quellen bzw. hölzernen Rinnen des Schönauer Hattert, wo die Bauern das ganze Jahr über Wasser für Landwirtschaft, Vieh und Weinbau holten. Die Sickerbecken wurden gereinigt, Kies eingebracht, die Abflussrohre saniert. Zum Dank für diese schwere Arbeit durften sie am Ende mit blumengekränzten Rinnenwagen singend durchs Dorf ziehen und bekamen an jedem Hof etwas Wein, der verkostet, und wenn für gut befunden, in ein Fass auf dem blättergeschmückten Wagen geschüttet wurde. Schlechter Wein landete im Laub. Am Abend versammelten sich die Jugendlichen und feierten gemeinsam. Organisatoren waren anfangs die Nachbarschaften, später die Burschenschaft. Ein Info-Würfel hinter dem Pfarrhaus und zwei geschmückte Schauwägen illustrierten den Besuchern den alten Brauch.
Im Kulturhaus vor der Kirchenburg erklangen zu Ehren der vor 120 Jahren in Schäßburg geborenen Lehrerin Grete Lienert-Zultner, einer emsigen Pflegerin Siebenbürgischen Liedguts, die selbst Geige und Klavier spielte und ihre eigenen Texte vertonte, die Stimmen der Lider-Ziker mit Angelika Meltzer. Wer nun so richtig Lust zum Singen bekommen hatte, konnte sich anschließend beim offenen Singen vor der Kirchenburg austoben.
Dreimal rundes Jubiläum für Jugendverbände
Der „offiziellere Teil“ des Sachsentreffens begann am Sonntag mit dem Festgottesdienst. Neben Orgeltönen erklingt der Posaunenchor aus Schäßburg von der Empore. Vor dem Altar und auf der Kanzel: der Bischof der evangelischen Landeskirche A.B. (EKR), Reinhart Guib, die Pfarrer Dietrich Galter (Neppendorf), Alfred Dahinten (Mühlbach) und Zóran Kézdi (Heltau). „Drei Jugendorganisationen stehen heute im Mittelpunkt“, betonte auch der Bischof die Bedeutung des sächsischen Nachwuchses: Das Jugendwerk der Evangelischen Kirche feiert am 3. Oktober 2026 sein 20-jähriges Bestehen; die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Jugendorganisationen in Rumänien (ADJ), Dachverband der Jugendforen des Demokratischen Forums der Deutschen in Rumänien (DFDR), begeht ihr 30-jähriges Jubiläum und die Jugendorganisation des Verbands der Siebenbürger Sachsen – die Siebenbürgisch-Sächsische Jugend in Deutschland (SJD) – feiert sogar ihr 40-jähriges Jubiläum.
Pfarrer Kezdi fragt: „Was hinterlassen wir der Jugend?“ Er spricht von Furcht vor leeren Höfen entlang der Via Transilvanica, vor einstürzenden Mauern wie dieses Jahr in Meschen, vor Weinstöcken, die niemand mehr pflegt…. „Doch Furcht führt zu Erstarrung – das ist nicht Gottes Geist!“ Dieser wirkt offen, gestaltet mit Zutrauen und Besonnenheit: „Und wo heutzutage Nationalismus und Ausgrenzung wieder um sich greifen, braucht die Kirche, das Forum, die Gesellschaft diesen besonnenen Geist. Kraft, Liebe und Besonnenheit geben dem Aufbruch eine Richtung, so dass Furcht den Boden verliert.“
Nach dem Gottesdienst wird in der Kirche der langjährige ehemalige Vorsitzende des Siebenbürgenforums, Martin Bottesch, mit dem Ehrenstern der Föderation der Siebenbürger Sachsen geehrt. Rainer Lehni, der deutsche Bundesvorsitzende und Präsident der weltweiten Föderation, lobt den früheren Mathematiklehrer, Politiker, Buchautor und Heimatforscher als „engagiert, gründlich, vielseitig und bescheiden, für den immer nur ´die Sache´ im Vordergrund stand“ – etwa die beiden von ihm organisierten Großen Sachsentreffen 2017 und 2024, wo zahlreiche junge Siebenbürger Sachsen, im Ausland geboren, ihre Heimatbindung neu entdeckten.
Trachtenzug, Blasmusik, Rinnenwagen
Im Kirchhof versammeln sich Trachtenträger und Blasmusik. Mädchen und Jungen stehen Spalier, als die Pfarrer und Gäste aus der Kirche strömen. Vor dem Tor wartet ein geschmückter symbolischer kleiner Rinnenwagen mit Miniaturfässchen darauf, den Trachtenumzug durchs Dorf zu begleiten. Statt Ochsen ziehen ihn lachend zwei Männer.
Es defilieren Jungs mit strahlenden Gesichtern, lächelnde Mädchen, geschmückt wie Bräute: die Jugendblaskapelle Kronstadt, das Deutsche Forum Bistritz, die Tanzgruppen „Goldregen“ aus Sächsisch Regen, aus Mühlbach, Fogarasch, Schäßburg und vom Hermannstädter Bru-kenthalgymnasium. Sie verschwinden am Ende der Straße – laufen sie im Kreis? Kommen sie zurück? Aus dieser oder der anderen Richtung? Die wartenden Filmer und Fotografen rätseln – da hört man die Bläser erneut erklingen und schon rollt das Wägelchen auf den Festplatz ein…
Festakt: zwei Honterusmedaillen verliehen
Der Festakt findet nachmittags in der Kirche statt, moderiert von Simona Maria Onofrei. Hans Gärtner betont die Teamarbeit bei der Vorbereitung des Treffens, die Unterstützung von Bürgermeister Florin Măr-ginean und dem Vorsitzenden Ovidiu Sălgudean von „Șona connect“; in den letzten 13 Monaten seien echte Freundschaften entstanden.
Auf dem diesjährigen Sachsentreffen wird die Honterusmedaille gleich zweimal vergeben: an Gustav Binder, den Studienleiter der Bildungs- und Begegnungsstätte „Der Heiligenhof“ in Bad Kissingen, und an Dr. Johannes Klein, evangelischer Pfarrer in Fogarasch. Zwischen den Programmpunkten geben Lisa Gärtner und Jonathan Servatius-Depner Lieder aus dem Singspiel von Grete Lienert-Zultner „Bäm Brännchen“ zum Besten.
Die Laudatio auf Johannes Klein hält Wolfgang Arvay, Vorsitzender des Jugendwerks der EKR. Er erinnert an Zeiten des Kommunismus, in denen Jugendarbeit verboten war, ja sogar als staatsfeindlicher Akt galt, und zählt Kleins Verdienste als Mitbegründer und unermüdlicher Unterstützer der kirchlichen Jugendarbeit auf, die in den gut ausgelasteten Jugendzentren Seligstadt und Bekokten mit moderner Infrastruktur für Kinderfreizeiten und Bildungsprogrammen wie „Kinderuni“, „Spielstadt Danubius“, Zirkus „Danubi“, Elektronik-Workshops etc. gipfeln.
Die Laudatio auf Gustav Binder hält Prof. Dr. András F. Balogh von der Babeș-Bolyai-Universität Klausenburg. Jährlich kommen an die 1000 Siebenbürger Sachsen und weitere rund 1000 Personen aus Deutschland, Österreich, Tschechien, Polen, Ungarn, der Ukraine und Rumänien - Rumänen, Ungarn und Sachsen, Menschen mit Funktionen in Kirche und Forum, Wissenschaft, Kultur und Medien, Schriftsteller und Dichter - zu den rund 20 jährlichen Veranstaltungen an das Konferenzzentrum Heiligenhof in Bad Kissingen.
Was motiviert zur Jugendarbeit?
Die beiden Geehrten nahmen auch an der anschließenden, von Andrea Rost moderierten Podiumsdiskussion zum Thema Jugendarbeit teil. Auf dem Podium: Cora Stănese, Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft deutscher Jugendorganisationen in Rumänien, Schülerin Celia Orlea, Jugendbotschafterin des Forums in Hermannstadt, Matthias Wagner, Vorstandsmitglied im kirchlichen Jugendwerk, und Natalie Bertleff, die SJD-Bundesjugendleiterin. Auf die Frage nach der Motivation für ihr Engagement in Kinder- und Jugendarbeit verweist Klein auf „ungenutzte Räume“ im Patrimonium der Kirche, während andererseits Jugendliche nach Trefforten suchen, aber auch auf „die vielen Fragen“ von Kindern, die ihn motivierten, ihnen zu helfen, die Antworten selber zu finden.
Celia Orlea, als einzige in sächsischer Tracht, gehört selbst nicht der deutschen Minderheit an, war aber von Kind an „neugierig, zu erfahren, was diese Kultur bedeutet“. Natalie Bertleff zitiert, was sie von mehreren Teilnehmern im Laufe der letzten beiden Tage gehört hatte: Es sei manchmal viel Arbeit, bei der Organisation mitzuwirken, „wo man auch mal Dinge von A nach B schleppen muss“ – doch das Sahnehäubchen sei das anschließende gemeinsame Feiern.
Gemeinsamkeit und Zusammengehörigkeit, beste Freunde finden, aber auch Softskills und Hardskills zu erwerben, die durchaus auch im Beruf nützlich sein können, sind weitere Motivationen zum Mitmachen.
Erinnerung an dunkle Zeiten
Zum Abschluss präsentiert Gustav Binder das von Unterstaatssekretär Thomas Șindilariu herausgegebene Buch „Der Schwarze-Kirche-Prozess 1957/58. Erlebnisberichte und Dokumentation“, in dem an den Schauprozess im Kommunismus erinnert wird, der die Abkehr der evangelischen Kirche von jeglichem gesellschaftlichen Engagement bezweckte. Binder, 1960 in Kronstadt – damals Stalinstadt – geboren, erinnert sich, von seiner Kindergärtnerin erstmals das Wort „Politischer“ (Gefangener) gehört zu haben – ihr Bruder war einer der Hauptangeklagten. 15 der 20 Angeklagten waren Jugendliche, betont er. Jugendliche, die sich „natürliche Fragen stellten“, und deren „wünschenswerte“ Auseianandersetzung und Engagement als „feindliche Handlungen“ galten...
