Kurz vor Herbstbeginn, wenn die Natur noch in voller Pracht steht, wird im malerischen Reichesdorf/Richiș im Herzen Siebenbürgens ein Festival abgehalten, das nur Eingeweihten zugänglich ist. Es handelt sich um eine einmalige Veranstaltung, die englischsprechende Fachleute aus aller Welt versammelt, um ihnen unser Land, vor allem Siebenbürgen, ans Herz zu legen. Die Idee und ihre Durchführung ist Lucy Abel Smith zu verdanken, die dort ein Ferienhaus besitzt. Sie gehört zur englischen Stiftung „Mihai Eminescu Trust“ (MET), die sich seit Jahrzehnten um den Erhalt des siebenbürgisch-sächsischen Kulturerbes bemüht. Im Dorfzentrum steht die bekannte evangelische Kirche, die durch die englische Stiftung mehrmals renoviert wurde und nun eine Sensation zu vermelden hat: die Freilegung einer Freskenmalerei.
Das ursprünglich seit 2013 alle zwei Jahre stattfindende „Transylvanian Book Festival“ wurde in diesem Jahr in „Transylvanian Arts Festival“ umbenannt, weil es um viel mehr geht als eine einfache Bücherschau. Auf dem Programm standen Vorträge zur Geschichte, Literatur und Kunst unseres Landes, wobei auch der englische Einfluss zu seinem Recht kam. So wurde der Beitrag von Königin Maria hervorgehoben, ergänzt durch ihre wunderschönen Blumenaquarelle, während Prinz Nicolae persönlich das Buch über seinen Großvater König Mihai vorstellte. Ein Vortrag berichtete über den Weg eines Engländers auf den Spuren Mircea Eliades in Indien, andere über die Habsburger, siebenbürgische Städte, die einmalige Natur und wildwachsende Blumen oder über die einheimische Küche. Und nicht zuletzt wurden einheimische Persönlichkeiten vorgestellt. Zu unserer freudigen Überraschung befand sich diesmal unter den Auserwählten der sächsische Architekt Fritz Balthes, von Dr. Gerhild Rudolf gekonnt in englischer Sprache gewürdigt.
Um eines seiner Bauwerke vor Ort kennenzulernen, fuhr ein Reisebus ins entfernte Martinsberg/Șomartin. Eine richtige Überraschung erwartete dort die Gäste. Das verlassene Gemeindehaus neben der einsamen Kirche hatte seine Retter gefunden. Eine Rumänin aus Amerika und ihr deutscher Partner haben das beschädigte Gebäude gekauft und renovieren es großartig. Das verlassene Dorf atmet auf, es ist gerettet!
Eine komplexe Organisation bildet die Basis einer Kulturveranstaltung wie das Transylvanian Arts Festival in Reichesdorf. Eine Kronstädter Reisefirma, unter Laura Vesas Leitung, schaffte das großartig: die zahlreichen Gäste in den umgebenden Dörfern unterzubringen, sie in verschiedene Ortschaften zum Essen zu karren und sie dann pünktlich zu den gemeinsamen Vorträgen zu sammeln. Keiner ging verloren. Das Gästehaus „La Curtea Richvini“, von Toni Timmerman im Reichesdorfer Pfarrhaus betreut, war der Hauptsitz des Geschehens und beeindruckte durch seine Gastlichkeit. Doch die evangelische Kirche kam auch zu ihrem Recht. Am Anfang des Geschehens wurde durch den bekannten Restaurator Loránd Kiss und seine Gattin Melinda Janka Kiss die freigelegte Wandmalerei des „Jüngsten Gerichts“ an der Nordwand der Chorapsis vorgestellt und am Tagungsende beeindruckte ein Chorkonzert des bekannten Klausenburger Chors „Schola Cantorum Transsylvaniensis“ das begeisterte Publikum. Es war ein eindrucksvolles, großartiges Fest gewesen!
Was war die Meinung der beliebten Veranstalterin?
Im Gespräch mit Lucy Abel Smith
Frau Lucy Abel Smith, Sie haben im Jahr 2013 zum ersten Mal in Rumänien ein englischsprachiges Symposium organisiert. Warum ist Ihre Wahl auf das kleine siebenbürgische Dörflein Reichesdorf gefallen? Was war Ihre Absicht ?
Seltsamerweise, Christa, war es wie eine Berufung. Einige Menschen werden Nonnen, andere machen die verschiedensten Dinge auf dieser Welt. Ich fühlte mich berufen als Engländerin, die in einem alten sächsischen Dorf im Zentrum Europas lebt, zu versuchen, mit meinen Kenntnissen in Kunstgeschichte und Literatur möglicherweise für beide Seiten etwas zu tun, um Lücken in der Bildung auszufüllen, die Rumänien der jahrzehntelangen kommunistischen Herrschaft zu verdanken hat; desgleichen auch die Wissenslücken im Westen, die dem Eisernen Vorhang zu verdanken sind. Tatsächlich habe ich 2013 angefangen. Und ich nannte es ein Book Festival, weil es anfangs so eines war. In jenem Jahr wurde Miklós Bánffy ins Englische übersetzt und die Biografie von Patrick Leigh Fermor gedruckt. Deshalb nannte ich es Buchfestival. Aber ich mag Buchfestivals eigentlich nicht, von wegen speziell ausgewählten Menschen und Themen. Ich wollte in englischer Sprache etwas Englisches über Rumänien darbringen, etwas über Land und Leute, aber insbesonders Transilvanien im Blickpunkt haben.
Am Anfang war es also Buchfestival, obwohl es mehr war als nur das. Und jetzt trägt es den Namen „Transylvanian Arts Festival“. Was ist anders geworden?
Eigentlich war es meine Tochter, die darauf hinwies, dass Buchfestivals Gemeinplätze geworden sind. Uns ging es schon immer da-rum, etwas Typisches aus Gebieten der Kunst, Literatur, Geschichte und Politik zu bieten, aber auch auf Kulinarisches und Weine nicht zu vergessen.
Interessant und nicht einfach ist es, die Thematik so eines Festivals festzulegen. Diesmal war alles sehr unterschiedlich, sehr vielfältig und multiethnisch.
Ich denke, es ist wichtig, bezüglich der Geschichte in diesem Teil der Welt, dass es auch multiethnisch bleibt. Schon wegen des kulturellen Reichtums von hier, dessen verschiedenartige Facetten neuartig sind – und das nicht nur für die Rumänen, sondern genauso für die Besucher. In meiner Situation ist man davon abhängig, wer Bücher verfasst und Musik macht. Letztendlich auch, wem man begegnet. Man braucht viel Zeit, sich umzuhören und eine gute Phase herauszufinden, von allem, was es gibt.
Sie sind jedes Mal mit zahlreichen Touristen und Gästen angereist. Wie haben Sie diese ausfindig gemacht? Denn sie kommen aus der ganzen Welt, um sich hier in Reichesdorf ein Stelldichein zu geben. Wie schaffen Sie das ?
Das ist schwer zu sagen. Vielleicht ist es eine Art Glücksfall. Ich habe es einfach bekannt gemacht. Ich habe ein kleines Reiseunternehmen namens „Reality and Beyond“ und verwende Listen daraus. Hier habe ich das Rumänische Kulturinstitut gebeten, dafür zu werben. Ehrlich gesagt, ich kann es nicht erklären, es war einfach Glück. Die Leute haben das Risiko auf sich genommen, den Sprung gewagt, denn es ist nicht leicht, herzu- kommen und auch nicht billig. Die vier Tage sind nicht teuer, aber es ist schön, wenn Leute den All-inclusive-Preis anwenden. Und es gibt auch Tagestickets für Einheimische, weil das wichtig ist. Ich möchte so inklusiv sein, wie ich nur kann. Doch weil es gemeinnützig ist, kann ich es mir persönlich nicht leisten, Verluste zu machen, weil ich so viel Geld nicht habe. Also muss man rechnen.
Wie schon erwähnt gab es viele Themen mit ethnischen Gruppen aus Rumänien, von Sinti und Roma, von Deutschen und Ungarn. Aber dieses Jahr, zu unserer Überraschung, waren die Siebenbürger Sachsen an der Reihe. Man brachte per Bus alle Gäste weit weg in ein abgelegenes Dorf. Was geschah in Martinsberg?
Martinsberg/Șomartin war aufregend. Es dauerte lange, dorthin zu kommen mit unserem sehr großen Bus, der schmale Brücken überqueren musste. Als wir bei unseren großartigen Gastgebern, Mariana Moore und Joachim Kusch, ankamen, wurden die Glocken geläutet und Gläser Champagner vom atemberaubenden Weingut Valea Verde angeboten. Denn dieses Paar, sie ist Rumänin, er ist Deutscher, hat es sich zur Aufgabe gemacht, ein wunderbares Gebäude von Fritz Balthes zu restaurieren. Darüber gab es einen Vortrag von der sachkundigen Gerhild Rudolph.
Wie haben Sie diesen Architekten ausfindig gemacht? Er ist bekannt, er ist sehr sächsisch.
Ich kannte ihn, weil ich über ihn in meinem „Blue Guide“ geschrieben habe, von dem gerade die zweite Ausgabe erschienen ist. Es war sehr schwierig, Material über ihn zu finden.
Und Sie haben Gerhild Rudolf gefunden.
Ja, ich glaube Tony Timmerman hat mir von ihr erzählt, und ihr Buch ist wunderbar, ich werde es mir kaufen.
Sehr schwierig war es auch, diese vielen Leute zusammenzubringen und das Festival zu organisieren.
Es hat 18 Monate gedauert, um es zu schaffen. Wir sind das einzige Festival, das in Dörfern stattfindet. Aber ich denke, gerade das macht es so interessant. Ich bin aber völlig auf jemanden angewiesen, mit dem ich seit 20 Jahren zusammenarbeite, das ist Laura Vesa von „Discover Romania“. Sie ist wirklich hervorragend.
Woher kamen diesmal Ihre Gäste?
Aus welchen Ländern die Gäste insgesamt kamen, habe ich nicht analysiert. Südamerika, habe ich gehört, aber auch Amerika, Argentinien, Südafrika, Angola und Großbritannien. Wir hoffen, dass wir auch nächstes Jahr weitergehen werden. Reichesdorf wird überleben!
So sieht es aus. Es spricht sich herum, dieses Festival sei eine der bemerkenswertesten Kulturveranstaltungen in Siebenbürgen.
