„Lösen wir es nicht auf, belügen wir uns selber auch weiterhin“

Filip Florians neuer Roman berührt Rumäniens Verzerrung der eigenen Geschichte

Ironie ist etwas „sehr Gutes“, findet Schriftsteller Filip Florian, und Selbstironie „herrlich“. Foto: Klaus Philippi

Hermannstadt – „Wenn wir uns darauf beschränken, alles stets nur vom Augenblick an zu betrachten, als die Russen die Macht im Land an sich rissen, wird weiterhin unter den Teppich gekehrt, was sich vorher ereignet hatte“, schärfte Journalist Filip Florian (58) am Freitagabend, dem 9. Oktober, sich selbst und seinem Publikum im Kellerraum der Humanitas-Buchhandlung in Hermannstadt/Sibiu ein. „Die Zwischenkriegszeit war von Gutem gekennzeichnet, aber auch von sehr schlechten Dingen“, und in Person von Schriftsteller und Übersetzer Marin Mălaicu-Hondrari war auf dem Podium der Präsentation ein ungefähr gleichaltriger Mitredner beteiligt, der Autor Filip Florian glatt aus der Seele zu sprechen schien, und im Tandem mit dem Gast aus Bukarest unabsichtlich einen schlagenden Beweis dafür lieferte, dass für diesmal gar auch ein recht erbitterter Freund und Verfechter der pro-russischen Wählergesellschaft aufmerksam Platz als Zuhörer im literarisch beliebten Untergeschoss genommen hatte.

„Das arithmetische Mittel“, vom Polirom-Verlag herausgegeben, ist der fünfte und neueste Roman von Filip Florian, einem akademisch ausgebildeten Geologen und Geophysiker. Auf 370 Seiten schildert er, wie der fiktive Ex-Unterleutnant Tudi Blădoianu sein Dasein in einem Dachboden Bukarests fristet und zu meistern versucht. Die 40er-Jahre des 20. Jahrhunderts neigen sich dem Ende zu, und aus Angst vor der Verhaftung durch die russischen Truppen zieht der Hauptprotagonist es vor, sein karges und nicht heizbares Versteck unter keinen Umständen zu verlassen. Die „Media aritmetică“ von Filip Florian ist ausführliches Tagebuch eines Regime-Gegners, der sich von Rumäniens sowjetischen Machthabern nach dem Zweiten Weltkrieg nicht aufspüren lassen möchte. Die Frage, ob dem Buch ohne politische Vorbehalte zu vertrauen wäre, wurde zur Stunde der Vorstellung in Hermannstadt eindeutigst entschärft: „Bald 40 Jahre sind schon vergangen, und wir sind immer noch energisch Kämpfer gegen Ceaușescu“, erklärte Filip Florian, und „alles, was in den 30er- und 40er-Jahren unter den Tisch fallen gelassen wurde, ist bereit, Rumänien zu regieren“. Marin Mălaicu-Hondrari schlug sofort auch in die gleiche Kerbe, da „wir es als Nation niemals begriffen haben, die Dinge bis zum Ende zu lösen“. Deutschlands Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl war einmal an einem polnischen Bahnhof aus dem Zug ausgestiegen, um vor den Bürgern Polens niederknieend um Verzeihung zu bitten. „Bei uns“, so Mălaicu-Hondrari, „werden die Pogrome von Jassy und Odessa teils noch immer verneint“.

„Ich glaube an den Pinocchio-Effekt“, so Filip Florian zu seiner Roman-Taktik. „Die erschaffenen Personen drängen ihrerseits in eine bestimmte Richtung, und wenn man sich ihnen mit allzu viel Bedürfnis nach Kontrolle nähert, ersticken sie daran. Ich habe eine irrsinnige Leidenschaft für dieses Thema empfunden.“ Die „Media aritmetică“ spielt statistisch im Bukarest und Rumänien der frühen Nachkriegszeit, orientiert sich inhaltlich aber auch am bedenklichen Sog des ideologischen Gegenpols zum Kommunismus. Dass Marin Mălaicu-Hondrari eingangs vom Hakenkreuz sprach, das Dichter Octavian Goga sich auf eigenen Wunsch dem Revers seines Rocks zur Beerdigung anheften ließ, brachte einen Zuhörer im leider nur kleinen Publikum der Buchvorstellung zum großen Thema kräftig in Rage: Samuel von Bruken-thal gilt in regionalen Kreisen, die sich offensiv gegen Rumäniens Mitgliedschaft in westlichen Bündnissen aussprechen, als „Faschist“.

Dozentin Alina Bako von der Lucian-Blaga-Universität empfiehlt, den neuen Roman von Filip Florian „in Ruhe“ zu lesen. „So, wie er auch geschrieben wurde.“ Weil er um „den Sinn“ kreist, „in dem das Individuum sich in Beziehung zur Geschichte setzt“, wie Professorin Teodora Coman vom Hermannstädter Gymnasium Nr. 18 dem „arithmetischen Mittel“ bescheinigt. In der Überschneidung von Faschismus und Kommunismus ein nicht leichtes Unterfangen, dem Filip Florian jedoch gewachsen ist. Mit der Feststellung, dass „in der Literatur die persönlichen Geschichten funktionieren und nicht die aus den Lehrbüchern“, behält Marin Mălaicu-Hondrari vollkommen recht.