Mit neugierigen Kinderaugen durch Siebenbürgen

Die Autorin Dorothee Riese stellte ihren Roman in Hermannstadt vor

Literaturwissenschaftlerin Dr. Andreea Dumitru-Iacob, Autorin Dorothee Riese und Journalistin Beatrice Ungar bei der Buchvorstellung im Erasmus-Büchercafé am 14. Oktober. Im Hintergrund Gastgeber und Inhaber der Erasmus-Buchhandlung, Jens Kielhorn (v.l.n.r.) Foto: Aurelia Brecht

Hermannstadt – Ein voll besetztes Erasmus-Büchercafé erwartete die Autorin Dorothee Riese in Hermannstadt/Sibiu: Aufregend sei es für sie, in Hermannstadt zu lesen, so die Autorin zum Auftakt der Veranstaltung. Erstmals war Riese mit ihrem Buch „Wir sind hier für die Stille“ nun auch in Rumänien.

Der Roman erschien im Jahr 2024 und war bereits im selben Jahr für den Literaturpreis Fulda nominiert. Dorothee Riese, 1989 bei Göttingen geboren, wanderte 1993 mit ihren Eltern nach Siebenbürgen aus und wuchs hier auf. Die Wahlheimat der Familie wurde das Dorf Deutsch-Weißkirch/Viscri. Die Journalistin Beatrice Ungar beschrieb die Autorin zu Beginn der Lesung mit einem Augenzwinkern als „ein Exemplar der ,Siebenbürgen-geschädigten‘ Generation“. So verarbeitet Dorothee Riese in ihrem Roman ebenjene Erlebnisse und Erfahrungen ihres Aufwachsens in einem damals noch raueren Siebenbürgen der neunziger Jahre – einer Zeit des Umbruchs und des Aufbaus.

Die Autorin lässt ihre Lese-rinnen und Leser die siebenbürgische Welt von damals durch die Kinderaugen ihres Alteregos Judith miterleben: Im Dorf „Sarmizegetuza“ am Rande der Karpaten erlebt die Heranwachsende Menschen aus unterschiedliche Ethnien und mit verschiedenen Mentalitäten. Sie ist hineingeworfen in ein zunächst fremdes Umfeld, in dem neue Gesetze des Zusammenlebens gelten, die schrittweise erkundet werden wollen.

Nach und nach erschließt sich Judith die neue Dorfwelt: Auf dem Lastenauto mit dem Roma-Mädchen Irina, das eine Ziege besitzt und mit dem sie sich anfreundet. Im Zusammenleben mit der Siebenbürger Sächsin Lizitante, die der Familie die Mentalität und Sprache des Landes und seiner verschiedenen Bevölkerungsgruppen erklärt und die irgendwann zu Judiths Wahloma wird. Sie schenkt Judith einen goldenen Hahn, der für die Heranwachsende zum stolzen Symbol der Geschichte der Siebenbürger Sachsen und des Dorfes wird. Der Staatsfarmler Costache, dem der soziale Aufstieg durch die Übernahme einer ehemaligen kommunistischen Farm gelungen ist, erklärt der heranwachsenden Judith in haarsträubend-besserwisserischer Manier die rumänische Sprache, sodass das Kind auf den Dachboden flüchtet. Judith integriert sich, lernt fleißig Rumänisch und bemerkt irgendwann dass ihr „R“ nicht so rollt, wie das der anderen. Zugleich möchte sie möchte die „beste Rumänin“ und die „beste Siebenbürger Sächsin“ werden, am liebsten beides zugleich.

Es sind eben besonders die Sprache und die rumänische Mentalität, die eine Herausforderung für die Aussteigerfamilie darstellen und deren Verbindung und Brückenbau dem Kind vermutlich am besten gelingt. Besonders fasziniert zeigte sich auch die Literaturwissenschaftlerin Dr. Andreea Dumitru-Iacob von der Behandlung des Themas „Sprache“ durch die Autorin: „Sie spricht in ihrem Buch sehr viel über Sprache. Über die rumänische Sprache, über die gesellschaftliche Sprache und über die Sprache der Beziehungen und deren Bedeutung in der rumänischen Gesellschaft. Wenn man jemanden kenne, löse man bestimmte Probleme schneller, so Dumitru-Iacob in ihrer Einführung.

Ein Aufwachsen, eine Entwicklung parallel verlaufend mit der Geschichte der Umbruchjahre in Rumänien: Es ist eine Perspektive von außen, die durch die Entwicklung Judiths immer mehr den Drahtseilakt zwischen Außen- und Innenansicht vollzieht. Der Zugang zum einfachen Leben, der Wunsch nach einer ursprünglichen Gemeinschaft werden für die Familie nach und nach zur Herausforderung.

Zum Ende der Lesung konnte man die Wandlung der Kinderaugen zu Erwachsenenaugen mitvollziehen: „Haben Sie die Stille gefunden?“ lautete eine Frage aus dem Publikum. Im Roman scheine die Stille immer wieder auf, die die Figuren suchen wollten, so die Autorin. Das habe auch damit zu tun, dass in den neunziger Jahren alles brach gelegen habe, die Siebenbürger Sachsen in einer großen Auswanderungswelle das Dorf verlassen hätten, die Häuser dadurch leer standen. Diese gespenstische Stille werde von den Aussteigern zunächst auch als Gegenentwurf zum Kapitalismus wahrgenommen. Es gehe im Buch darum, dass sie die Stille auch nicht fänden. Sie bleibe eine Utopie, so die Autorin.