Vertonung des Requiems und „einer großartigen Lyrik, voller Hass auf die Zerstörungswut“

Rumäniens jüngster Konzertsaal sprengt die alte Komfortzone von Spielern und Hörern

Architektonisch ist die „Héritage“ ein Schmuckstück, akustisch dafür erfordert sie einige Kompromissbereitschaft. Foto: Klaus Philippi

Klausenburg – Lag es am neuen Standort der Gheorghe-Dima-Musikhochschule (ANMGD) und ihrer nicht einfachen „Héritage“ am Stadtrand im Viertel Mănăștur, dass noch zwei Tage vor dem Konzert der Staatsphilharmonie „Transilvania“ zum Saison-Start mindestens die Hälfte von 1030 Zuhörerplätzen nach wie vor im freien Verkauf standen, oder stürmen in Klausenburg/Cluj meist ohnehin Spätentschlossene die Aufführungen echt denkwürdiger Meisterwerke für große Besetzung? Dem „War Requiem“ op. 60 von Benjamin Britten tat es gut, dass der Große Konzertsaal der ANMGD am letzten Freitagabend im September zu mindestens drei Vierteln ausverkauft war. Die Busse des stadtweiten Linien-Verkehrs halten denn auch unmittelbar vor der „Héritage“ oder zumindest gleich um die Ecke. Und auf ihrer Bühne sparte man sich wegen des höchstmöglichen Aufgebots von Mitgliedern im Chor und Orchester den Aufmarsch zu Beginn, wo die Künstler-Garderoben, die Stimmzimmer und die Kulissen für so markant viele Interpreten gleichzeitig kaum ausgelegt sein dürften. Allein Melody Moore (Sopran), Adorján Pataki (Tenor) und Sándor Balla (Bariton) in solistischer Aufgabe sowie Chefdirigent Gregory Vajda wurde die Türe separat im tatsächlich letzten Warten auf die ersten Takte geöffnet.

Richtig groß ist das Herzstück des Campus zur Musik-Ausbildung an der westlichen Stadtausfahrt, und sichtbar von Kopf bis Fuß mit hartem Holz und Material ausgestattet, das eigentlich jeden auf der Bühne erzeugten Klang von Soli bis zu reichen Ensemble-Auftritten angenehm im Raum zirkulieren lassen sollte, statt ihn aufzusaugen. Am Schaumstoff und Samt ihrer dunkelgrünen Bestuhlung kann es gewiss nicht liegen, dass die „Héritage“ sehr trocken ist. Bereits der stehende Akkord des Orchesters in absichtlich niedriger Lautstärke vor dem ersten Kinderchor-Einsatz entfaltete schlicht keinen Glanz, obwohl die Streicher- und Bläsergruppen ihn lupenrein intonierten. Einschließlich den Röhrenglocken war über die gesamte Dauer des „War Requiem“ kaum Aura abzuringen. Adorján Pataki für seinen Teil versuchte dennoch das Beste daraus zu machen, was ihm bis auf den Schluss vom „Agnus Dei“, als ihm die Stimme auf dem finalen Ton der aufsteigenden Leiter ganz leicht ausrutschte, auch glückte. Sándor Balla als ebenbürtiger Mitsänger von Gedichtzeilen aus der Hand des kurz vor Ende des Ersten Weltkriegs im Schützengraben verstorbenen Lyrikers Wilfried Owen schien sich ganz vorn auf der Bühne genauso wohl wie Adorján Pataki zu fühlen, und weit mehr als nur einmal stand einem im Hören von Strecken der lateinischen Totenmesse der Atem still – weil der Chor der Staatsphilharmonie „Transilvania“ sie lieferte und sich unter Leitung seines Dirigenten Cornel Groza die Kraft und Geschicklichkeit erarbeitet hatte, gegen die sperrige Akustik der „Héritage“ anzusingen, sie wettzumachen: das von Benjamin Britten zur Konklusion auf 80 Minuten gewaltige wie himmlische Musik geforderte „Amen“, ein ausdrücklich tief zu stemmendes Bittwort in leisest zu haltender Lautstärke, tönte schier ätherisch. Trotzdem der Große Konzertsaal der ANMGD derartigen Klangzauber erheblich erschwert.

Knifflig sein mögen die Spielanforderungen an Hörner, Trompeten und Posaunen, doch den verlässlichen Könnern des Klausenburger philharmonischen Orchesters brannte nichts an. Wie geölt lief auch der Anteil von 30 Schülerinnen des städtischen Musikgymnasiums, die sich auf der engen Bühnen-Empore in nur einer einzigen langen Reihe stehend ununterbrochen am Hilfsdirigat ihres Lehrers Andrei Dunca orientieren konnten, und den Kinderchor-Part in angelischer Qualität beisteuerten. Die mitunter schwierigste Entscheidung hatte Gregory Vajda zu tragen, der am Chefpult optierte, die gesammelte Kraft sämtlicher Singstimmen und Instrumente im Tosen des „War Requiem“ nicht zu deckeln, statt auf den maximalen Reiz Rücksicht zu nehmen, den die „Héritage“ verträgt. Der „Casa Universitarilor“ in ultrazentraler Lage mag sie akustisch zwar unterlegen sein, doch für Benjamin Brittens Hauptwerk waren auf ihrer Bühne der Chor und das Orchester der Staatsphilharmonie „Transilvania“ deutlich besser als nur mittelmäßig aufgehoben. Mutig dosiert das kräftige Vibrato, womit Melody Moore ihre Sopran-Soli gestaltete, ohne zu übertreiben.

Konzertgängern übrigens, die als erwachsene Flugzeug-Passagiere meist Nachteile wegen überdurchschnittlicher Körpergröße spüren, gilt der Ratschlag, beim Buchen von Tickets für die „Héritage“ ihre Plätze möglichst im Parterre oder in den vier seitlichen Balkons zu wählen. Auf dem zentralen Balkon für knapp 400 Personen sitzt es sich sehr beengt.