Als Bomben auf Bukarest regneten

Im Jahr 1944 attackierten die Amerikaner, die Briten und dann die Deutschen die rumänische Hauptstadt

Der Gara de Nord in Bukarest wird bombardiert. Das Foto stammt von einem unbekannten amerikanischen Soldaten in einem der Bomber. Foto: Unbekannt/Creative-Commons

Bukarest: Nach dem britischen Angriff vom 15. April 1944, das Restaurant Capșa, das in ähnlicher Form auch noch heute existiert. Filmnegative: Willy Pragher/Staatsarchiv Freiburg/Creative-Commons

Das Hotel Union, auf der Straße „Biserica Enei“. Filmnegative: Willy Pragher/Staatsarchiv Freiburg/Creative-Commons

Der Bukarester Hauptbahnhof Gara de Nord lag größtenteils in Trümmern, Stadtteile wie Grivița, Giulești, Steaua und Cotroceni wurden ebenfalls schwer beschädigt und auch das heute noch bekannte Casa Capșa, das Hotel Athénée Palace und zahlreiche Wohnhäuser wurden getroffen. Tausende Menschen verloren ihre Leben. Im Zweiten Weltkrieg wurde Bukarest zur Zielscheibe und für einige Tage fielen Bomben vom Himmel. Die Angriffe kamen gleich von drei Ländern: Den USA und Britannien, welche die Sowjetunion unterstützen wollten, und dann auch noch von Deutschland.

Der Schrecken in Bukarest begann am 4. April 1944. An diesem Tag starteten ein paar hundert amerikanische Bombenflugzeuge aus Foggia, Italien. Ihr Ziel war es, strategische Punkte in Rumänien zu bombardieren. Die Vereinigten Staaten wollten damit ihren sowjetischen Alliierten im Kampf gegen die Achsenmächte unter der Leitung Nazi-Deutschlands helfen, mit denen Rumänien verbündet war. 
Rumänien war zu der Zeit eine Militärdiktatur unter Ion Antonescu. Er kam im Jahr 1940 an die Macht und schloss schnell ein Militärbündnis mit Deutschland. Im Herbst desselben Jahres sagte Hitler die Entsendung einer deutschen Militärmission nach Rumänien zu, die offiziell der Ausbildung der rumänischen Soldaten dienen sollte. Mit der Stationierung deutscher Truppen in Rumänien wollte die rumänische Regierung die Sowjetunion von einem erneuten Angriff abhalten (am 28. Juni 1940 besetzten sowjetische Truppen das rumänische Bessarabien und die Nordbukowina) und das Nazi-Regime wollte unter anderem das rumänische Erdölgebiet sichern. 

Rumänien trat dem Krieg auf deutscher Seite bei

Ende März 1941 begannen mit Truppenbewegungen und der Ausarbeitung von Verteidigungsstrategien für das dringend benötigte rumänische Öl die deutschen Vorbereitungen für den Krieg gegen die Sowjetunion. Dieser begann am 22. Juni 1941 unter Teilnahme rumänischer Truppen. Zusammen mit der in Rumänien stationierten deutschen 11. Armee stießen sie zuerst rasch vor. 

Antonescus Kriegsziele, die von der Mehrheit der rumänischen Bevölkerung unterstützt wurden, sahen die Rückgewinnung der 1940 verlorenen Gebiete vor. „Noch während der Rückeroberung Bessarabiens und der nördlichen Bukowina begannen rumänische Armee, Gendarmerie und Geheimpolizei mit der Ermordung und Vertreibung von mehreren zehntausend dort ansässiger Juden und Roma“, berichtet das deutsche historische Museum Berlin darüber hinaus. 

Ein fast vergessener Ort des Holocaust

Die Deportierten mussten in Kolonnen gen Transnistrien marschieren und über den Dnister übersetzen. Dort ermordeten deutsche Einsatzgruppen und rumänische Sondereinheiten Zehntausende Juden. Hunger, Kälte und Typhusepidemien verwandelten Transnistrien für Hunderttausende in eine Sterbenslandschaft. Transnistrien – bis heute der fast vergessener Ort eines Holocaust, schreibt die siebenbürgische Zeitung dazu.

Der Krieg ging immer weiter und nach der Schlacht von Stalingrad wendete sich das Blatt. Von da an wurden die deutschen und rumänischen Truppen immer weiter zurückgedrängt. Als die Front im April 1944 auf rumänisches Territorium übergriff, konnten deutsche und rumänische Kräfte den sowjetischen Vormarsch nicht aufhalten. Genau in diesem Monat, am 4. April, kamen auch die amerikanischen Bomber, um die verbündeten Sowjettruppen zu unterstützen.

Bukarest wurde zur Zielscheibe

Der amerikanische Bombenangriff hatten auch die rumänische Hauptstadt zum Ziel. „Hier wollten die Amerikaner den Rangierbahnhof zerstören. Das führte jedoch auch zum Tod von ein paar tausend unschuldigen Zivilisten, die meisten von ihnen Flüchtlinge aus dem Norden der Moldau, wo gekämpft wurde“, erklärt Radio Romănia in einem Text. Laut offizieller Bilanz kamen 2942 Menschen ums Leben, 2126 wurden verletzt. 

Am 8. April 1944 schilderte der Schriftsteller Mihail Sebastian in seinem Tagebuch die Situation eindringlich, wie ihn Radio România zitiert: 


„Gestern Nachmittag war ich im Grivița-Viertel. Vom Bahnhof bis zum Basarab-Boulevard blieb kein Haus unberührt. Die Ansicht ist herzzerreißend. Man bergt immer noch Tote, man hört noch Gestöhne unter den Trümmern. An einer Straßenecke weinten drei Frauen mit scharfen Schreien. Eine verkohlte Leiche wurde gerade aus den Trümmern geholt. Am Morgen hatte es leicht geregnet und im ganzen Viertel war ein Geruch von Schlamm, Asche und gebranntem Holz zu spüren. Ich konnte nicht weiter als Basarab gehen und kehrte mit einem Gefühl von Ekel, Entsetzen und Unfähigkeit nach Hause zurück.“ 

Auch der Dirigent Emanuel Elenescu berichtete von diesen schrecklichen Tagen. Er wurde 1994 vom Zentrum für mündlich überlieferte Geschichte des rumänischen Rundfunks interviewt, so Radio România. Er erinnert sich, wie alles am 4. April 1944 begann: „Eine Woche zuvor wurde für 10 Uhr eine passive Verteidigungsübung eingeplant. (...) Gegen 1.30 oder 1.40 Uhr — plötzlich erneutes Sirenengeheul: Fliegeralarm. Die Menschen haben das ignoriert, sie wussten ja, das sei eine passive Verteidigungsübung. Ich befand mich auf der Popa-Tatu-Straße, in der Nähe des Rundfunks, und habe meine Mutter und meinen Bruder getroffen. Sie aßen gerade etwas in einem Selbstbedienungs-Restaurant in der Nähe des Buzești-Platzes. Als der Alarm zu Ende ging, hörte ich Flugzeug-Geräusche. Ich hatte ein feines Gehör und erkannte, dass es kein übliches Geräusch war, es deutete auf sehr schwere Flugzeuge hin. Der Himmel bebte. Ich sagte dann: ‚Mutter, gehen wir hier rein, in diesen Luftschutzbunker, der Alarm ist echt!‘ Dann begann der Bombenangriff. Es waren drei Flugzeug-Angriffswellen. Der Bunker bebte, es war einem Erdbeben ähnlich. (...) Als wir rausgingen, war der ganze Matache-Măcelarul-Platz voller Tote. Eine Straßenbahn lehnte an ein Haus, die Gleise waren verkrummt. Und alle umherliegenden toten Menschen waren nicht von der Bombenexplosion erfasst worden. Sie starben nur wegen der Druckwelle. Alle hatten etwas Blut im Gesicht, waren auch geschwollen. Bei einer Explosion entsteht Vakuum, und die Menschenkörper implodieren.“ 

Die Angriffe gingen weiter

Am 15. April folgte ein weiterer schwerer Angriff. Dieses Mal griff die britischen Royal Air Force die rumänische Hauptstadt an. Doch das war noch lange nicht das Ende der Bomben: Nach einer erfolgreichen sowjetischen Großoffensive auf Bessarabien wurde am 23. August 1944 Antonescu von einigen Generälen aus dem Umkreis des Königs festgenommen und abgesetzt. Die neue Regierung brach die diplomatischen Beziehungen zum Deutschen Reich ab. Darauf ordnete Adolf Hitler noch in derselben Nacht die Bombardierung von Bukarest an, welche in der darauffolgenden Nacht weitergeführt wurde. 182 Menschen kamen dabei nach offiziellen Angaben ums Leben. 

Am 31. August besetzte dann die Rote Armee Bukarest und am 12. September 1944 wurde ein Waffenstillstand geschlossen. Rumänische Soldaten kämpften anschließend an sowjetischer Seite gegen das Deutsche Reich, wobei es noch einmal zu hohen Verlusten in der rumänischen Armee kam. Rumänien verlor während des Zweiten Weltkriegs rund 378.000 Soldaten und Zivilisten. Zudem war die rumänische Regierung im Rahmen des NS-Völkermords an der Ermordung von etwa 270.000 rumänischen Juden aktiv beteiligt.