Vor Kurzem hatte die ADZ einen besonderen Gast in Bukarest: Arianna Tersigni aus Rijeka, Kroatien, Journalistin der Zeitung „La Voce del Popolo“ (die Stimme des Volkes). Aufmerksame Leser werden sofort merken: „Das ist ja Italienisch und nicht Kroatisch!“ Das stimmt, denn „La Voce del Popolo“ ist die Zeitung für die italienische Minderheit in Kroatien und Slowenien. Sie ist Mitglied der Europäischen Vereinigung von Tageszeitungen in Minderheiten- und Regionalsprachen MIDAS, zu der auch die ADZ gehört. Der einwöchige Studienbesuch der aus Livorno stammenden Italienerin erfolgte im Rahmen eines Stipendiums von Plurilingmedia, einem 2024 gegründeten, EU-geförderten Forschungsnetzwerk, das sich dem Schutz und der Erforschung von Medien in Regional- und Minderheitensprachen in Europa widmet.
Arianna Tersigni hatte sich die ADZ als Ziel ausgesucht, auch wegen der gemeinsamen kommunistischen Vergangenheit der beiden Länder. Sie verbrachte vier Tage in der Hauptredaktion in Bukarest und gewann – trotz Urlaubszeit und Kürze des Aufenthalts – vielfältige Eindrücke durch Besuche bei deutschen Institutionen und Gespräche bzw. Interviews mit deren Vertretern: im Goethe-Kolleg, im Goethe-Institut, bei den deutschsprachigen Medien Radio Bukarest und TVR, der evangelischen Kirche A.B. in Bukarest (Dr. Daniel Zikeli). Einen Tag besuchte sie Kronstadt/Brașov und wurde von einer Kollegin der Karpatenrundschau, einem Vertreter der Schwarzen Kirche und Stadträtin Olivia Grigoriu empfangen. Ihre Eindrücke will sie in mehreren Artikel festhalten. „Bevor ich herkam, hatte ich keine Ahnung von der deutschen Minderheit in Rumänien“, gestand sie. „Ich finde interessant, wie komplex sie ist – verschiedene Gruppen, die zu unterschiedlichen Zeiten in verschiedene Regionen eingewandert sind. Inzwischen sind es nur noch kleine Gemeinschaften, aber mit starkem Identitätsbewusstsein, starken Bindungen und einer äußerst reichen Infrastruktur.“
Ähnlichkeiten und Unterschiede
Zur italienischen Minderheit in Kroatien und Slowenien entdeckt sie Ähnlichkeiten, aber auch Unterschiede. Ähnlich seien italienische Schulen in Kroatien Teil des staatlichen Bildungswesens, die nach kroatischem Lehrplan funktionieren, mit Unterrichtssprache Italienisch. Auch erfreuen sich diese einer gewissen Beliebtheit in der Mehrheitsbevölkerung, weil sie den Zugang zu italienischen Universitäten oder Karrierechancen in Italien eröffnen.
Die italienische Minderheit ist mehrheitlich katholisch, wie die Kroaten, sodass Religion eher ein verbindendes Element als einen herausragenden Identifikationsfaktor darstellt.
Das kroatische öffentliche Fernsehen bietet keine Programme in der Minderheitensprache. Es gebe aber einen privaten kroatischen Sender, der auch ein italienisches Programm hat. In den Städten Rijeka und Pula strahlt das nationale Radio jeweils eine Stunde am Tag eine Sendung in Italienisch aus. In Slowenien bieten hingegen die nationalen Sender italienische Radio- und TV-Kanäle.
Die Zeitung der italienischen Minderheit, „La Voce del Popolo“, wird teils von der kroatischen und slowenischen Regierung finanziert, erhält aber auch Fonds von der italienischen Regierung über einen Kulturverein, der sich um die Minderheiten kümmert.
Eher ungewöhnlich sei ihre Position als italienische Staatsbürgerin bei einem Minderheitenmedium in Kroatien, erklärt die 27-Jährige, weswegen sie erstaunt war über die Selbstverständlichkeit auch bundesdeutscher Mitarbeiter bei der ADZ. Nach Kroatien kam Tersigni übrigens durch ihr Studium: An der Universität von Bologna hatte sie nach ihrem Bachelor ein Masterstudium „Osteuropa und Eurasische Studien“ begonnen. Schon damals hat sie sich vor allem mit dem Westbalkan, insbesondere mit den ehemaligen Ländern Jugoslawiens, befasst. „Das erste Jahr des Studiums verbrachte ich in Bologna und das zweite an einer Partneruniversität. Da mein Hauptfokus auf post-jugoslawischen Ländern lag, habe ich Zagreb ausgewählt“, so die Journalistin. Deswegen zog sie dann auch in die Hauptstadt Kroatiens.
Dort befasste sie sich in ihrer Masterarbeit mit der schweren Thematik: „Die Aufarbeitung des Erbes sexualisierter Kriegsgewalt: Perspektiven der Versöhnung nach dem Bosnienkrieg (1992–1995)“.
Währenddessen startete sie auch eine Kooperationen mit der Zeitung „La Voce del Popolo“; für die sie aus Zagreb berichtete. Dabei wusste sie wohl zu überzeugen: Ein paar Monate nach dem Abschluss ihres Studiums erhielt sie bei der Zeitung eine Stelle und zog von Zagreb nach Rijeka. Seit mittlerweile einem Jahr arbeitet sie nun für das Blatt. Und schätzt ihre Festanstellung im Gegensatz zu der in Italien üblichen Selbstständigkeit der Journalisten. Kroatisch hat sie schon zur Zeit ihres Studiums gelernt. Für ein kroatisches Medium zu arbeiten traut sie sich jedoch nicht zu.
Eine Zeitung für die autochthone, italienische Minderheit
„Die Zeitung wird in Rijeka und der dazugehörigen Kvarner-Region, im kroatischen Istrien, sowie im Küstenbereich Sloweniens und in Italien in Triest und Görz vertrieben“, erklärt die junge Journalistin. Denn dort lebt eine autochthone (alteingesessene) Minderheit von Italienern. Der Verlag „Edit“, der „La Voce del Popolo“ herausgibt, schätzt auf seiner Website, dass noch 25.000 Italiener im Verbreitungsgebiet leben.
Früher waren es deutlich mehr, schließlich war das Gebiet größtenteils für einige Jahrhunderte Teil von Venedig. Jedoch hat, ähnlich wie bei deutschen Minderheiten in ganz Osteuropa, der Zweite Weltkrieg zu einem Schwund der Minderheit geführt. Insbesondere, da Italiener mit Faschismus assoziiert wurden. Nach dem Krieg verließen viele Italiener die Region freiwillig, aber auch unter Druck und Zwang. Die genaue Geschichte ist kompliziert und unterschiedlich pro Region und kann hier nur verkürzt wiedergegeben werden.
Doch einige blieben ihrer italienischen Identität bis heute treu. „Die Minderheit ist perfekt zweisprachig“, erklärt Tersigni dazu. Darüber hinaus sprechen die Menschen in Rijeka auch den Dialekt „Fiuman“, der vom Venetischen abstammt und viele italienische, aber auch ungarische und deutsche Einflüsse hat. Er ist so benannt, da Rijeka auf Italienisch und Venetisch „Fiume“ heißt.
Abseits der Sprache erklärt Tersigni, dass die Minderheit sehr stolz auf ihre eigene Identität ist und zumeist auch enge Beziehungen zu Italien pflegt. Auch architektonisch ist Italien indirekt präsent: Viele Städte, gerade an der Küste, haben venetische Architektur und der Einfluss ist bis heute sichtbar.
Ein neues Zuhause für die junge Journalistin
Unter anderem auch deswegen fühlt sich die junge Journalistin in Kroatien zu Hause. Doch auch in Zagreb – wo es weniger italienischen Einfluss gibt und wo sie zwei Jahre gelebt hat – hat es ihr gefallen. „Ich fühlte mich von Kroaten und Italienern stets willkommen geheißen“, erklärt sie erfreut.
Auch deswegen wird sie wohl noch einige Zeit in Rijeka bei der Zeitung bleiben. Zwar überlegt sie, irgendwann in der Zukunft noch ihren Doktor (zum Thema der Masterarbeit) zu machen, dafür würde sie ihre journalistische Tätigkeit jedoch nicht aufgeben.
Zu recherchieren und in Themen abzuzutauchen liegt ihr einfach, sagt sie. Dies hat sie auch motiviert, durch den kurzen Studienaufenthalt in Rumänien ihren Horizont gen Osten zu erweitern.
Bukarest als Überraschung
Auch Bukarest hat Arianna Tersigni „überrascht“, wie sie sagt. „Besonders interessant fand ich das Nebeneinander verschiedener Architekturstile: brutalistische Gebäude, elegante Villen, alte Klöster und so weiter“, so die Journa-listin im ADZ-Gespräch am Ende ihres Besuchs. „Ich habe die lokale Küche und die langen Spaziergänge genossen, bei denen ich von einem Ort zum anderen gelangte. Mir ist vor allem der Kontrast aufgefallen, den man beim Spazierengehen wahrnimmt: Einerseits die imposante Wirkung von Straßen, Plätzen und Bauwerken sowie die Pracht mancher religiöser Stätten, etwa der orthodoxen Kirchen; andererseits der oft vernachlässigte Zustand vieler Gebäude. Dennoch empfand ich diese Mischung auf eine gewisse Weise als faszinierend – als Spiegelbild der verschiedenen Epochen und Veränderungen, die die Stadt durchlebt hat“, erklärt sie.
Darüber hinaus hat sie noch etwas anderes überrascht: „Ich hätte nicht gedacht, dass Bukarest eine so große Stadt mit einer so reichen Geschichte ist – und gleichzeitig so unterschiedlich zu einer Stadt wie Kronstadt, obwohl die Städte im selben Land und geografisch relativ nah liegen.“ Dies liegt natürlich unter anderem an der Geschichte und Österreich-Ungarn, zu dem im übrigens auch Kroatien und Slowenien zeitweise gehört haben.
Doch nicht nur die Architektur und die Geschichte, sondern auch die deutsche Gemeinschaft hat sie begeistert: „Am meisten geprägt wurde meine Erfahrung durch die Begegnungen mit Mitgliedern und Vertretern der deutschen Gemeinschaft aus verschiedensten Bereichen: Medien, Institutionen, Kultur, Religion, Bildung“, so Tersi-gni. Ihrer Aussage nach fand sie vor allem die Stärke der Identität und Kultur, die von verschiedenen Institutionen bis heute bewahrt wird, beeindruckend.
Insgesamt fand sie den Besuch „äußerst bereichernd“, wie sie erklärte. In ihrer Zeitung „La Voce del Popolo“ wird sie die ADZ, aber vor allem auch die deutsche Minderheit, ausführlich vorstellen.
