Der deutsche Politiker Hans-Thomas Tillschneider von der rechtsextremen Partei Alternative für Deutschland (AfD) macht aus kultureller Identität ein politisches Ordnungsprinzip. Sein nationalistischer Gesellschaftsentwurf steht im Widerspruch zur multiethnischen Geschichte des Banats, aus dem seine Familie stammt. Längst haben sich die jüngeren Generationen der Rumäniendeutschen von der ideologischen Verblendung und den nationalsozialistischen Verstrickungen eines Teils ihrer Vorfahren in den 1930er- und 1940er-Jahren gelöst. Dennoch vertreten in Deutschland Politiker banatschwäbischer Herkunft Positionen, in denen ethnische Zugehörigkeit, nationale Homogenität und die Abwehr vermeintlicher kultureller Fremdbestimmung eine zentrale Rolle spielen.
Wie sehr solche Positionen auch innerhalb der eigenen Herkunftsgemeinschaft auf Widerspruch stoßen, zeigt ein Beitrag von Alex Zimmermann auf der Seite des Jugendforums der „Banater Post“, der Zeitung der Banater Schwaben in Deutschland. Bemerkenswert ist dabei, dass sich gerade die Jugendredaktion dazu eindeutig positioniert. Unter dem Titel „Herr Tillschneider, wir sollten es besser wissen“ zieht Zimmermann am 20. Oktober 2026 eine klare Trennlinie zum Rechtsextremismus der AfD. Mit Blick auf Tillschneider schreibt er: „Er spricht von der ‚ethnokulturellen Einheit‘ des deutschen Volkes, verteidigt den Ethnopluralismus, bei dem eine Mischung verschiedener Völker als Bedrohung angesehen wird, und steht für eine Politik, in der Herkunft und nationale Zugehörigkeit eine zentrale Rolle spielen. Daher stellt sich für mich die Frage: Wie kann man aus unserer Geschichte kommen und aus ihr solche Schlüsse ziehen?“
Der von Zimmermann benannte Widerspruch besteht darin, dass die Banater Schwaben als deutsche Minderheit in einer multiethnischen Region lebten und ihre Geschichte von Migration, kultureller Selbstbehauptung und friedlichem Zusammenleben ebenso geprägt ist wie schließlich von der Aussiedlung nach Deutschland. Wie lässt sich aus dieser Erfahrung ein Gesellschaftsbild ableiten, das ethnokulturelle Homogenität und Abgrenzung zum politischen Ideal erhebt?
In diesem Zusammenhang lohnt ein genauerer Blick auf Tillschneider: Wer ist dieser aus dem Banat stammende AfD-Politiker, welches Weltbild vertritt er, und welche politischen Ziele verbindet er damit? Besondere Aktualität gewinnt diese Frage dadurch, dass Tillschneider längst nicht mehr nur zu den ideologischen Köpfen der AfD in Sachsen-Anhalt gehört: Am 6. Oktober 2026 wurde er zum Vizepräsidenten des dortigen Landtags gewählt.
Konstruierte Erinnerung
Hans-Thomas Tillschneider wurde am 5. Februar 1978 in Temeswar/Timișoara als Sohn von Johann Tillschneider, Tierarzt aus Grabatz, und Gerlinde Schickerle geboren. 1980, als er erst zwei Jahre alt war, siedelte die Familie nach Freudenstadt in Baden-Württemberg über.
Dieser frühe Wegzug ist für die Einordnung seiner späteren Selbstdarstellung nicht unwichtig. Von einer bewusst erlebten Existenz als Angehöriger der deutschen Minderheit im kommunistischen Rumänien kann kaum die Rede sein. Gegenüber der „Zeit“ schilderte Tillschneider seine früheste Kindheit rückblickend als Erfahrung kultureller Selbstbehauptung. In Grabatz, rund 50 Kilometer von Temeswar entfernt und damals Wohnort der Familie, will er als Zweijähriger Nachbarskinder korrigiert haben, dass es statt des rumänischen Wortes „floare“ eben „Blume“ heißen müsse. Das Dorfleben beschreibt er als deutsch geprägt, das Deutschsein in Rumänien als „Kulturleistung“. Wie viel davon tatsächliche Erinnerung eines Kleinkindes ist und wie viel auf familiärer Überlieferung und späterer Selbstdeutung beruht, lässt sich kaum trennen. Aufschlussreich ist jedoch das Bild, das Tillschneider entwirft: Das Banat erscheint bei ihm als Ort einer deutschen Kultur, die ihre Sprache und Traditionen in einem mehrsprachigen Umfeld behaupten musste.
Nach dem Abitur studierte Tillschneider Islamwissenschaft, Germanistik und Philosophie. Er promovierte 2009 und habilitierte sich 2018 an der Universität Bayreuth, wo er anschließend mehrere Jahre Islamwissenschaft lehrte. 2013 trat er in die AfD ein, seit 2016 ist er Landtagsabgeordneter in Sachsen-Anhalt. Prägend für sein Selbstverständnis war nach eigener Darstellung seine Ankunft in Leipzig im Jahr 2000, die er als Erweckungserlebnis beschreibt: Im Osten sei es „deutscher“ als im Westen. Inzwischen bezeichnet er sich selbst als „Ultra-Ossi“.
Völkischer Volksbegriff
Ein Schlüsselbegriff in Tillschneiders Denken ist der „Ethnopluralismus“. Das Konzept gehört zum theoretischen Grundbestand der Neuen Rechten. Seine Vertreter betonen, andere Kulturen seien nicht per se minderwertig, müssten aber ihre jeweilige Eigenart bewahren. Kulturelle Vielfalt wird dabei nicht in erster Linie innerhalb einer Gesellschaft gedacht, sondern als Nebenei-nander voneinander abgegrenzter, ethnisch und kulturell möglichst homogener Gemeinschaften oder Staaten. Der Verfassungsschutz Sachsen-Anhalt, der den dortigen AfD-Landesverband als gesichert rechtsextremistisch eingestuft hat, sieht darin einen völkisch-abstammungsmäßigen Volksbegriff. Auch innerhalb der AfD gehörte Tillschneider früh zum äußersten rechten Lager. Er zählte zu den führenden Akteuren des formal aufgelösten „Flügels“ um den Thüringer AfD-Politiker Björn Höcke.
Tillschneiders Verhältnis zum Islam folgt ebenfalls der ethnopluralistischen Trennungslogik. Trotz wissenschaftlicher Studienaufenthalte in Damaskus und einer durchaus vorhandenen Wertschätzung für die islamische Kultur lehnt er eine multikulturelle Gesellschaft ab. Den Islam in Deutschland bezeichnete er drastisch als „Baumpilz an der deutschen Eiche“.
Tillschneiders Verbindungen zur Neuen Rechten beschränken sich jedoch nicht auf ideologische Gemeinsamkeiten. Er gehört zu den Mitbegründern des neurechten Netzwerks „Ein Prozent“. 2017 richtete er sein Bürgerbüro in Halle in einem Haus ein, das zugleich von Aktivisten der Identitären Bewegung als Zentrum genutzt wurde. Zu Martin Sellner, einem der bekanntesten Ideologen der Identitären, bestanden enge Kontakte. Dieses Milieu setzt stark auf sogenannte Metapolitik: Gesellschaftliche Veränderungen sollen nicht allein über Parlamente, sondern zunächst über die Beeinflussung von Begriffen, Wertvorstellungen, Kunst und Sprache vorbereitet werden.
Kulturwende von rechts
In seinem Buch „Kulturpolitik. Wie es ist, deutsch zu sein“ fasst Tillschneider den Kulturbegriff ausgesprochen weit – von der Kleidung bis zur „Kultur des Toilettengangs“. Seine zentrale Forderung lautet, die Lebenswelt habe in Deutschland deutsch zu sein. Nationalkultur soll demnach nicht einen gesellschaftlichen Bereich neben anderen bilden, sondern als übergreifendes Prinzip auch Bildung, Rechtspflege und weitere Lebensbereiche prägen.
Das weitgehend von ihm verfasste Wahlprogramm der AfD in Sachsen-Anhalt übersetzt dies in konkrete politische Forderungen. Vorgesehen sind unter anderem eine „Bürgerwacht“, Online-Meldeportale für als politisch einseitig empfundene Lehrkräfte sowie die Streichung öffentlicher Gelder für bestimmte NGOs und Kirchen. Einen besonderen Schwerpunkt bildet die Schule. Regenbogenfahnen sollen entfernt werden, Nationalflagge und Nationalhymne dagegen stärker präsent sein.
Für die Lehrpläne brachte Tillschneider die Formel „Mehr Bismarck, weniger Hitler“ ins Spiel. Die NS-Zeit solle zwar nicht aus dem Unterricht verschwinden, dürfe aber andere Epochen der deutschen Geschichte nicht länger überschatten. Dahinter steht mehr als ein Streit um die Verteilung von Unterrichtsstunden: Es geht um eine grundlegende Veränderung dessen, welche historischen Traditionen für das deutsche Selbstverständnis maßgeblich sein sollen.
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