Deutschsein als Gesellschaftsentwurf – Teil 2

AfD-Politiker Tillschneider propagiert Russlandnähe als Gegenmodell zu „wokem“ Westen

AfD-Politiker Tillschneider Foto: Jens Schlüter

Nationale Eigentlichkeit

Besonders deutlich formulierte Tillschneider seine geschichtspolitischen Vorstellungen im September 2023 bei einem „Preußenfest“ in Schnellroda. Seine Rede trug den Titel „Schuld anerkennen, Schuldkult beenden!“. Darin stellte er die deutsche Schuld an den Verbrechen des Nationalsozialismus nicht infrage, erklärte sie jedoch durch Krieg und Nachkriegsfolgen für gesühnt. Am Ende fiel jener Satz, der die Stoßrichtung seines Anliegens besonders deutlich macht: „Unsere Vergangenheit soll uns keine Last mehr sein, sondern eine Lust.“

Damit wird deutlich, worauf seine Geschichtspolitik zielt: Die nationalsozialistischen Verbrechen werden nicht geleugnet; die daraus erwachsene historische Verantwortung soll jedoch nicht länger den zentralen Bezugspunkt des deutschen Selbstverständnisses bilden. Stattdessen sollen andere Epochen und Traditionen stärker hervortreten und einer positiven nationalen Identitätsbildung dienen. 
Diese Verschiebung berührt eine grundlegende Frage des politischen Selbstverständnisses der Bundesrepublik. Das Bundesverfassungsgericht hat hervorgehoben, dass die Abgrenzung von der nationalsozialistischen Gewalt- und Willkürherrschaft für die Verfassungsordnung der Bundesrepublik eine „gegenbildlich identitätsprägende Bedeutung“ besitzt. Das Grundgesetz könne insofern als Gegenentwurf zum nationalsozialistischen Totalitarismus verstanden werden. Die Befürwortung dieses Systems bezeichnete das Gericht als „Angriff auf die Identität des Gemeinwesens“.

Zu Tillschneiders geschichtspolitischem Gegenentwurf passt die von ihm propagierte „#deutschdenken“-Kampagne. Seine historischen Bezugspunkte reichen von Heinrich I. und Otto I. über Luther und Bismarck bis zu Nietzsche. Das Bauhaus hingegen – ein weltweites Aushängeschild der Moderne im sachsen-anhaltinischen Dessau – bezeichnete Tillschneider als Ausdruck einer „Identitätsstörung“ und als „internationalistisches Etwas und Nichts“. Gegen Universalismus und Verfassungspatriotismus setzt Tillschneider eine ethnisch-kulturell bestimmte nationale Identität, die den Deutschen zu einer neuen nationalen „Eigentlichkeit“ verhelfen soll.

Nähe zu Russland

Zu Tillschneiders politischen Grundorientierungen gehört eine ausgeprägte Russlandnähe. Der Verfassungsschutz Sachsen-Anhalt dokumentiert seit Jahren seine prorussische Positionierung sowie seine Kontakte zu politischen Akteuren in der Russischen Föderation. Auch nach dem russischen Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 rissen diese Kontakte nicht ab. 2024 war Tillschneider gemeinsam mit anderen AfD-Politikern aus Sachsen-Anhalt am weiteren Ausbau direkter Beziehungen zu politischen Vertretern der russischen Oblast Kaliningrad beteiligt.

Dabei geht es nicht nur um außenpolitische Zweckmäßigkeit. Russland gilt in Teilen der Neuen Rechten als Gegenmodell zu einem liberalen, individualistischen und als „woke“ abgelehnten Westen. Es wird als national orientiert, gesellschaftlich konservativ und auf staatliche Souveränität bedacht wahrgenommen. Tillschneiders Kritik am westlichen Liberalismus verbindet sich entsprechend mit der Forderung nach einer engeren deutsch-russischen Zusammenarbeit.

Ideologische Berührungspunkte zeigen sich auch zum russischen ultranationalistischen Ideologen und Vordenker des Neo-Eurasismus Alexander Dugin. Bereits 2017 erklärte Tillschneider, man solle sich mit dessen Theorien und insbesondere mit der Idee einer „multipolaren Welt“ ausei-nandersetzen. Später griff er selbst Begriffe wie „Eurasien“ und „multipolare Weltordnung“ auf, die auch in Dugins geopolitischem Denken eine zentrale Rolle spielen.

Russland erscheint in diesem Denken damit nicht allein als außenpolitischer Partner, sondern auch als Bezugspunkt eines antiliberalen Gesellschaftsbildes. Hier verbinden sich die Ablehnung universalistischer Vorstellungen, das Ideal kulturell möglichst geschlossener Nationen und die Aufwertung nationaler Traditionen mit der Vorstellung einer multipolaren Weltordnung, in der voneinander abgegrenzte kulturelle und politische Großräume nebeneinanderstehen.

Nicht nur Tillschneider

Tillschneider ist nicht der einzige prominente AfD-Politiker, der aus Rumänien stammt. Unter ihnen ist Markus Cornel Frohnmaier, Bundestagsabgeordneter und Landesvorsitzender der AfD Baden-Württemberg, der bekannteste. Er wurde im südrumänischen Craiova geboren und als Säugling von einem deutschen Ehepaar adoptiert; auch seine politischen Kontakte nach Russland sorgen seit Jahren für Kontroversen. Mit dem Bundestagsabgeordneten Raimond Scheirich aus Temeswar und dem bayerischen Landtagsabgeordneten Andreas Jurca aus Ferdinandsberg/Oțelu Roșu vertreten neben Tillschneider zwei weitere Banater Deutsche die AfD in deutschen Parlamenten. Auch sie kamen bereits als Kinder nach Deutschland. Gegen Scheirich und Jurca ermittelt die Staatsanwaltschaft Augsburg wegen des Verdachts der Untreue und des Betrugs im Zusammenhang mit Fraktionsgeldern.

Aus diesen biografischen Parallelen lässt sich jedoch keine gemeinsame politische Prägung durch das Herkunftsland ableiten. Frohnmaier kam als  Adoptivkind nach Deutschland; auch ein Geburtsort im Banat sagt für sich genommen wenig über ethnische Identität oder politische Sozialisation aus. Bei Tillschneider liegt der Fall insofern anders, als er seiner Herkunft aus der deutschen Minderheit selbst eine erkennbare Bedeutung für sein Verständnis von Kultur und „Deutsch-sein“ beimisst.

Herkunft und Weltbild

An diesem Punkt berührt Tillschneiders Weltbild die grundlegende Frage, die Alex Zimmermann für die Banater Schwaben aufgeworfen hat. Heimatbewusstsein, die Pflege von Muttersprache und Brauchtum sowie das Interesse an der eigenen Geschichte sind keineswegs identisch mit einem politischen Programm, das ethnische Homogenität zum gesellschaftlichen Ideal erhebt. Mit Blick auf Tillschneider und die AfD warnt Zimmermann, „dass wir näher an 1933 sind als gedacht“. Damit berührt er auch eine Grundentscheidung der bundesdeutschen Verfassungsordnung: die bewusste Abgrenzung vom Nationalsozialismus.

Mit dieser Haltung steht Zimmermann unter den Banater Schwaben nicht allein. Bereits 2021 distanzierte sich der Landesverband Baden-Württemberg der Landsmannschaft der Banater Schwaben entschieden von der Vereinnahmung eines Landestrachtenfestes für Parteizwecke der AfD. Bemerkenswert ist vor allem die historische Begründung: „Über Jahrhunderte haben die Banater Schwaben als deutsche Minderheit friedlich und in Freundschaft mit unseren Nachbarn, den Rumänen, Ungarn, Serben, Bulgaren und anderen Volksgruppen zusammengelebt. Hetze, Hass, Gewalt und Krieg durch die nationalsozialistischen Verbrecher haben schließlich dazu geführt, dass wir nach dem Zweiten Weltkrieg unsere Banater Heimat verloren haben.“

Diese Selbstbeschreibung verweist auf eine Vergangenheit, die sich kaum auf das Bild einer kulturell abgeschlossenen deutschen Gemeinschaft reduzieren lässt. Das Banat war über Jahrhunderte eine multiethnische, plurikulturelle und mehrsprachige Region. Zur Erfahrung der Banater Deutschen gehören kulturelle Selbstbehauptung und die Bewahrung von Sprache und Traditionen ebenso wie Austausch und Zusammenleben mit anderen Bevölkerungsgruppen, aber auch konkurrierende Nationalismen, nationalsozialistische Radikalisierung, Deportationen, kommunistische Diktatur und schließlich die Aussiedlung nach Deutschland.

Tillschneider war ein Kleinkind, als seine Familie das Banat verließ. Jene Welt, auf die er sich heute als Teil seiner Herkunft bezieht, kann er nur sehr begrenzt bewusst erlebt haben. Erinnerungen an Erlebnisse aus dem zweiten Lebensjahr sind selten und lassen sich später oft nur schwer von familiären Erzählungen, Bildern und nachträglicher Rekonstruktion trennen. Umso aufschlussreicher ist das Bild, das Tillschneider rückblickend daraus formt: das einer weitgehend geschlossenen deutschen Gemeinschaft, die ihre kulturelle Prägung gegenüber einer anderssprachigen Umgebung behauptet und bewahrt habe. 

Gerade hier zeigt sich, was Deutsch-sein bei Tillschneider bedeutet. Für ihn ist es nicht allein eine Frage persönlicher Herkunft oder kultureller Zugehörigkeit, sondern ein politischer Maßstab für Gesellschaft, Bildung, Geschichte und öffentliche Kultur. 

Aus diesem Identitätsverständnis konstruiert Tillschneider einen umfassenden Gesellschaftsentwurf. Die Geschichte der Banater Schwaben belegt jedoch, dass deutsche Identität über Jahrhunderte auch in einer mehrsprachigen und multiethnischen Lebenswelt bestehen konnte. Sie lässt sich deshalb kaum auf jene Vorstellung kultureller Geschlossenheit reduzieren, die diesem Entwurf zugrunde liegt.