„Die Geschichte ist nicht zu Ende. Wir schreiben sie weiter“

Marlene Herberth übernimmt die Leitung des Teutsch-Hauses und des Kulturreferats der Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien

Bischof Reinhart Guib: „Durch Partnerschaften, gemeinsame Projekte und neue Formen der Zusammenarbeit möchten wir die Abteilung für Kultur und Bildung zu einem Ort der Begegnung, der Initiative und der Entwicklung machen.“

Marlene Herberth: „Genau darin sehe ich auch einen wichtigen Teil unserer Aufgabe: eine Tradition fortzuführen, in der Kultur und Bildung stets zusammengehörten und niemals getrennt voneinander betrachtet wurden.“ Fotos: Roger Pârvu

Manchmal sind Personalentscheidungen mehr als die Besetzung einer Stelle. Sie erzählen von einer Richtung, die eingeschlagen werden soll, von Erwartungen, die über den tradierten institutionellen Rahmen hinausreichen, und von der Frage, wie eine Gemeinschaft ihre Geschichte in die Zukunft trägt. Die Vorstellung von Marlene Herberth als neue Leiterin des Friedrich-Teutsch-Begegnungs- und Kulturzentrums und zugleich des neu gegründeten Kultur- und Bildungsreferats der Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien (EKR) kann als eine solche Wegmarke gedeutet werden. Die Pressekonferenz, in der sie in ihrer neuen Funktion vorgestellt wurde, umfasste auch die Eröffnung einer neuen Ausstellung, die programmatisch für das steht, was künftig stärker in den Mittelpunkt rücken soll: die Verbindung von historischem Erbe, Bildung und gesellschaftlichem Dialog.

Wer das Teutsch-Haus kennt, weiß, dass es weit mehr ist als Sitz von Archiv, Bibliothek, Museum, Forschungszentrum und Büchercafe. Es ist zugleich Erinnerungs- und Gegenwartsort einer Gemeinschaft, die über Jahrhunderte das kirchliche, kulturelle, soziale und schulische Leben Siebenbürgens mitgeprägt und -getragen hat. Von hier aus werden Handschriften, Urkunden und Nachlässe bewahrt; zugleich ist das Haus ein Ort wissenschaftlicher Forschung, lebendiger Kultur und öffentlicher Begegnung. Die neue Struktur innerhalb der Kirche soll diese Rolle weiter ausbauen.

In seiner Ansprache ordnete Bischof Reinhart Guib die Neubesetzung in die umfassendere strategische Entwicklung der Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien ein. Mit einem neuen Leitbild konzentriere sich die Kirche künftig auf fünf zentrale Bereiche: strategische Entwicklung, geistliches Leben, Diakonie und Sozialarbeit, Kultur und Bildung sowie nachhaltige Verwaltung. Die Schaffung eines eigenen Referats für Kultur und Bildung ist Ausdruck dieses Prozesses. „Mit der Einrichtung der neuen Abteilung für Kultur und Bildung und der Berufung einer neuen Direktorin erhält dieser Bereich nun einen eigenen institutionellen Rahmen und neue Entwicklungsperspektiven“, betonte er. Ziel sei es, bestehende Initiativen besser zu vernetzen und neue Formen der Zusammenarbeit zu ermöglichen.

Dabei geht es nicht nur um die Arbeit des Teutsch-Hauses allein. Künftig sollen Einrichtungen wie das Museum der Evangelischen Kirche, die Stiftung Kirchenburgen, das Schülerheim und weitere kirchliche Akteure enger zusammenarbeiten. „Durch Partnerschaften, gemeinsame Projekte und neue Formen der Zusammenarbeit möchten wir die Abteilung für Kultur und Bildung zu einem Ort der Begegnung, der Initiative und der Entwicklung machen“, erklärte Guib. Kulturarbeit soll damit sichtbarer werden und gleichzeitig eine stärkere gesellschaftliche Wirkung entfalten.

Dass die Wahl auf Marlene Herberth fiel, überrascht Kenner der siebenbürgischen Kulturszene nicht wirklich. Die Anthropologin, Kuratorin und bildende Künstlerin gehört seit Jahren zu einer Generation von Kulturschaffenden, die das historische Erbe der Region nicht als musealen Endpunkt, sondern als Ausgangspunkt neuer Fragestellungen verstehen. Geboren in Bukarest, mit familiären Wurzeln in Kleinschenk/Cincșor, kehrte sie vor rund dreizehn Jahren nach Siebenbürgen zurück und widmete sich seither der Erforschung lokaler Traditionen, der Dokumentation des siebenbürgisch-sächsischen Kulturerbes und der Revitalisierung traditioneller Handwerkstechniken. Projekte und Ausstellungen führten sie unter anderem zur Vienna Design Week, zum Textile Arts Center New York, zur Romanian Creative Week und ins Brukenthalmuseum.

Ihr Name ist jedoch vor allem mit Kleinschenk verbunden. Dort entstand in den vergangenen Jahren ein kultureller Treffpunkt, der weit über die Grenzen des Dorfes hinaus Aufmerksamkeit erregte. Ausstellungen, Workshops, Konzerte, Künstlerresidenzen und Bildungsangebote machten den Ort zu einem Beispiel dafür, wie kulturelles Erbe lebendig genutzt werden kann. Bei der Vorstellung erinnerte Hans Königes, Öffentlichkeitsreferent der EKR, daran, dass Herberth bereits seit Sommer intensiv an den neuen Aufgaben arbeite. Sie habe, wie er augenzwinkernd bemerkte, bereits seit Juni „schlaflose Nächte“, weil sie sich mit den Möglichkeiten und Perspektiven ihrer neuen Rolle auseinandersetze.

Die neue Direktorin selbst machte deutlich, dass sie ihre Aufgabe nicht ausschließlich organisatorisch versteht. Ihr Blick richtet sich auf grundsätzliche Fragen. Kultur und Bildung seien in der Geschichte der deutschsprachigen evangelischen Gemeinschaft nie voneinander getrennt gewesen. „Genau darin sehe ich auch einen wichtigen Teil unserer Aufgabe: eine Tradition fortzuführen, in der Kultur und Bildung stets zusammengehörten und niemals getrennt vonei- nander betrachtet wurden“, sagte sie.

Diese Überzeugung prägt die Ausrichtung des neuen Referats. In ihrer Rede formulierte Herberth drei Leitfragen, die ihre Arbeit in den kommenden Jahren bestimmen sollen. Die erste betrifft den Umgang mit dem kulturellen Erbe. Wie können Kirchenburgen, Archive, Sammlungen und historische Orte auch für kommende Generationen lebendig bleiben? Und wie können sie für Menschen relevant werden, die keinen unmittelbaren Bezug zur Geschichte der Siebenbürger Sachsen haben?

Dabei setzt Herberth auf Bildungsarbeit und Vermittlung. Bestehende Programme der Stiftung Kirchenburgen sollen weiterentwickelt werden, ebenso Angebote für Kinder und Jugendliche. Schon kurz nach ihrem Amtsantritt starten neue Projekte mit Schulen. Geplant sind Angebote, bei denen junge Menschen Geschichte nicht nur kennenlernen, sondern selbst entdecken können. Digitale Anwendungen, die gemeinsam mit der Babeș-Bolyai-Universität entwickelt wurden, sollen dabei neue Zugänge zum Kulturerbe eröffnen und historische Objekte erfahrbar machen, die in Museen normalerweise nicht berührt werden dürfen.

Dabei geht es Herberth um mehr als Wissensvermittlung. Kulturarbeit versteht sie auch als Beitrag zur Medien- und Demokratiebildung. Angesichts einer zunehmend digitalen Informationswelt stellte sie die Frage: „Wie fördern wir kritisches Denken? Wie ermutigen wir junge Menschen, Fragen zu stellen? Wie lernen sie zu prüfen, woher eine Information stammt, wer sie verbreitet und auf welcher Grundlage sie glaubwürdig ist?“ Gerade darin sieht sie einen überraschenden Bezug zwischen historischen Quellen und gegenwärtigen Debatten. Schon im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit seien Informationen nicht isoliert entstanden, sondern in Netzwerken von Autoritäten, Texten und Interpretationen. Die Frage nach Glaubwürdigkeit und verlässlichem Wissen sei daher keineswegs ein exklusives Problem des digitalen Zeitalters.

Die zweite Leitlinie ihrer Arbeit betrifft Forschung und Wissenschaft. Archive und Sammlungen sollen stärker erschlossen und für neue Fragestellungen geöffnet werden. Das Teutsch-Haus soll sich noch deutlicher als Forschungsstandort positionieren und jungen Wissenschaftlern Möglichkeiten bieten, mit den Beständen zu arbeiten. Bereits jetzt sind Doktoranden, Archivwissenschaftler und Praktikanten in Projekte eingebunden; weitere Kooperationen mit Universitäten in Rumänien und Deutschland sind geplant.

Die dritte Frage ist vielleicht die grundlegendste: Wie bleibt eine kleine Gemeinschaft mit großer Geschichte sichtbar? Herberths Antwort fällt bemerkenswert optimistisch aus. Sie verwies auf zahlreiche Initiativen in den siebenbürgischen Dörfern, auf Menschen, die historische Gebäude restaurieren, Kulturveranstaltungen organisieren oder neue Nutzungskonzepte für Kirchenburgen entwickeln. Für sie gehören diese Akteure längst zur erweiterten Gemeinschaft derjenigen, die Verantwortung für das kulturelle Erbe der Region übernehmen. Besonders eindrücklich wurde ihre Rede dort, wo sie persönlich wurde. Sie erzählte von ihrem fünfjährigen Sohn, der bei einer Sommerschule auf die Frage, wer Siebenbürger Sachse sei, spontan die Hand gehoben und geantwortet habe: „Ich.“ In dieser Episode klang an, worum es letztlich geht: nicht um Nostalgie, sondern um die Weitergabe von Zugehörigkeit, Wissen und Verantwortung. Vielleicht war deshalb auch der programmatische Satz ihrer Rede zugleich der stärkste. Er beschreibt nicht nur ihre Vorstellung von Kulturarbeit, sondern auch die Herausforderung, vor der die evangelische Gemeinschaft heute steht: „Die Geschichte ist nicht zu Ende. Wir schreiben sie weiter.“