Eine doppelte Migrantin, die Rumänien etwas besser machen möchte

Cristina Zanfirescu erzählt gerne Geschichten und meistens sind diese interessanter als so manches Hörbuch

Ein aktuelles Bild von Cristina Zanfirescu Foto: privat

Cristinas Mutter mit ihr in der Flüchtlingsunterkunft.

Cristinas Vater (hinten, in der Mitte), umgeben von Bekannten in der Unterkunft Fotos: privat, abfotografiert von Christian Binder

Cristina Zanfirescu redet gerne, aber nie, um sich selbst darzustellen. Sondern ganz im Gegenteil: Sie redet, weil sie leidenschaftlich für die unterschiedlichsten Themen brennt. Jahrelang hat die 40-Jährige am Bukarester Goethe-Institut gearbeitet, dann hat sie die Öffentlichkeitsarbeit für viele Roma-Projekte gemacht und nun setzt sie sich unter anderem für Gärten in der Hauptstadt ein. Wenn man sie fragt, warum sie all das auf sich nimmt, und warum sie dazu noch Deutsch muttersprachlich spricht, fängt sie ganz von vorne an. Also kurz nach ihrer Geburt, als ihre Familie von Rumänien nach Deutschland ausgewandert ist...

Dies war im Jahr 1990. Ihr Vater nutzte den Fall des kommunistischen Regimes, um „im Westen“ Fuß zu fassen, wie Zanfirescu im ADZ-Gespräch erzählt. 

Er hatte es schon vorher während der kommunistischen Herrschaft versucht, aber nie geschafft. So oder so: Das Regime fiel und ihr Vater saß in einem Zug gen Westen. Er hatte sich in den Kopf gesetzt, nach Schweden zu fahren. Dort wollte er einen guten Job finden und schnell viel Geld verdienen. „Ich weiß nicht, warum, aber er ist in Prag ausgestiegen und hat sich gesagt: ‘Okay, wenn ich schon hier bin, dann kann ich auch ein bisschen spazieren gehen.’ Und dann ist er in einer Bierbrauerei gelandet! Alle Leute dort waren sehr nett und sie haben Bier getrunken, bis mein Vater blank war“, erzählt seine Tochter Cristina. 

Das restliche Geld hat wohl nicht mehr  bis Schweden gereicht, deswegen ist er nach Metzingen (in der Nähe von Stuttgart) gefahren, wo seine Mutter lebte. Sie war bereits einige Jahr vorher ausgewandert, nachdem sie sich von ihrem ehemaligen Mann (Cristinas Opa) getrennt hat und einen Siebenbürger Sachsen aus Vatra Dornei geheiratet hat, mit dem sie 1983 nach Westdeutschland geflohen ist. 

Die Mutter wollte ihren Sohn natürlich nicht mehr gehen lassen und sagte: „Ne, ne, ne, wo glaubst du, gehst du hin? Du bleibst hier! Du arbeitest hier!“ Und das tat der brave Sohn auch. Nach ein paar Monaten kamen die kleine Cristina und ihre Mutter nach und gemeinsam lebten sie erst mal in einer Flüchtlingsunterkunft. 

„Das war schon krass! Es gab viele Serben, Kroaten, Kosovaren, Ungarn und natürlich Rumänen“ und alle haben sich, so erzählt sie, Zimmer geteilt. Es gab Gruppenzimmer für Männer und für Frauen. „Also fast wie im Knast“, so Zanfirescu. Nach einiger Zeit hat ihr Vater jedoch zum Vorsitzendem gesagt: „Ich verlange, mit meiner Ehefrau und meiner Tochter im selben Zimmer zu schlafen!“ Und das mit Erfolg.

Die Unterkunft war in einem großen, deutschem Haus und er bekam auf dem Dachboden ein Zimmer. Dieser war alt, jedoch beschreibt es Zanfirescu als schön und heimelig. „Dazu gab es immer balkanische Partys, Grills und alle soffen. Denn alle hatten diverse Jobs natürlich und hauten das Geld in einem Konsumwahn auf den Kopf. Es war ein sehr animierendes, sehr, sehr schönes Leben“, so erklärt sie. 

In der Zeit ging die kleine Cristina in den Kindergarten und später auch in die Schule, während ihre Eltern vielen Jobs nachgingen, um Geld zu verdienen und auch ein bisschen anzusparen. Sie hatte eine feste Freundesgruppe, wo auch die Mütter abwechselnd auf die Kleinen aufpassten, und sie sprach Deutsch muttersprachlich. „Es war die perfekte Welt für Kinder! Schwimmbad am Wochenende, im Park spielen, immer hatte eine Mutter ein tolles Picknick dabei!“ Doch dann änderte sich alles. 

Auf einmal wurde alles anders

Die noch kleine Cristina Zanfirescu, die aus Rumänien nach Deutschland ausgewandert ist und komplett angekommen war, musste wieder auswandern: 1993 entschied ihr Vater, dass die Familie wieder nach Rumänien, nach Bukarest zieht. „Als ich dann hier war, war ich schockiert, denn Bukarest war total kaputt. Nichts war mehr perfekt. Alles war ein totales Chaos. Die Leute waren irgendwie grau.“

Sie musste sich also in einer neuen Welt einfinden, als sozusagen zweifache Migrantin, die damals besser Deutsch als Rumänisch sprach. Dazu lebte sie auch in Bukarest zwischen den Welten: Sie ging in der Innenstadt zu deutschen Schulen (erst die ehemalige Hermann-Oberth-Schule und später das Goethe-Kolleg) und lebte aber in Ferentari, wo ihre Familie ein Haus hat. 

„Ferentari ist wie ein Dorf“, erklärt Zanfirescu dazu. „Es ist eigentlich ein Stadtviertel, das super okay ist, aber es hat weiterhin ein sehr schlechtes Image, vor allem aus Rassismus gegenüber den Roma, die hier zahlreich leben.“

Schon ihr ganzes Leben musste sie sich mit Stereotypen durchschlagen: Von Deutschen gegenüber Rumänen, von Rumänen gegenüber Deutschen und wegen ihres Wohnorts von Rumänen gegenüber Roma (die sie nur als ihre Nachbarn kannte). Auch deswegen kann sie mit all diesen Zuschreibungen nichts anfangen. Es sind doch alles einfach Menschen, so Zanfirescu. 

Die deutsche Sprache begleitet sie

Abseits davon setzte sie ihre Laufbahn fort: Sie studierte in Bukarest Geschichte und Journalismus im Bachelor erfolgreich. Ihr Vater hat ihr aber stets vermittelt, wie wichtig es sei, selbstständig zu sein und ihre Mutter hat sie immer im Deutschlernen unterstützt und sie dazu bewegt, die Sprache nie aufzugeben. Deswegen scheute sie vor einem Arbeitsvertrag zurück (sie hatte auch Probleme wegen der damaligen Wirtschaftskrise) und lehrte erst mal einige Jahre selbstständig Deutsch als Lehrerin. Jedoch fühlte sie im Jahr 2017 den Druck, noch mehr zu tun. Eigentlich war sie zufrieden mit ihrem Leben und ihrem Job, dennoch wollte sie irgendwie mehr. Schnell ergab sich eine Möglichkeit: Das Goethe-Institut suchte damals eine Person für ein Projekt. 

Über eine Bekannte wurde der Kontakt hergestellt und Zanfirescu erhielt die Projektarbeit. Bei dieser überzeugte sie so sehr, dass sie eine Stelle in der Öffentlichkeitsarbeit angeboten bekam, die sie annahm. Los ging der Job am 25. März 2017, wie sie immer noch genau weiß.

Schnell lebte sie sich in der Goethe-Familie ein und wurde ein Teil des Teams. Damals sagte sie auch ihren Eltern: „Dieser Job ist die beste Sache, die ich in meinem Leben leisten kann“. Denn er war perfekt auf ihre Denkstruktur und ihre Interessen zugeschnitten, als doppelte Migrantin zwischen Deutschland und Rumänien. „Es war wie die Liebe auf den ersten Blick, eine Win-Win-Situation“.

Der Traum hat ein Ende

Dennoch kündigte sie im März des Jahres 2022. Es war eine unglaublich schwere Entscheidung für sie, aber sie wollte ihren „Weg ändern“. Sie war für die Karriere und Arbeitswelt nicht geschaffen, erklärt sie, und sie sehnte sich nach mehr Freizeit, um auch ihr persönliches Leben anzukurbeln. Insbesondere auch, um mehr Zeit mit ihren Eltern und dem Großvater zu verbringen: „Da habe ich mir selbst ein so großes Geschenk gemacht!“

Und das, obwohl das Goethe-Team auch wie eine Familie war. „Als ich gekündigt habe, haben zwei Kolleginnen geweint“, erklärt sie ebenfalls berührt. „Eigentlich gibt es auch eine Feier, wenn jemand geht. Bei mir war das nicht so. Ich glaube, es wäre zu schmerzhaft gewesen und damit sollte irgendwie auch eine Tür offen gehalten werden.“ 

Zanfirescu wollte ebenfalls diese Tür offenhalten. Auch heutzutage arbeitet sie ab und zu bei Goethe-Projekten mit, außerdem pflegt sie intensive Kontakte zu einigen Mitarbeitern. Auch zu den ungefähr 20 deutschen Praktikanten und Praktikantinnen, die sie während ihrer Arbeit kennengelernt hat, und die sie „durch ihre schöne, tolerante Weltanschauung“ beeindruckt haben. Sie haben Zanfirescu auch motiviert, selber aktivistischer tätig zu sein. Sie würde heutzutage gerne mit ihrem Pudel und ihrem Freund einen Road-trip durch Deutschland machen und alle 20 besuchen.

Nach dem Goethe-Institut arbeitete Zanfirescu als freie Öffentlichkeitsreferentin für einige Roma-Festivals und -Veranstaltungen. Dies machte sie vor allem auch, um der oft diskriminierten Gemeinschaft eine Stimme zu geben. Nach einigen Jahren widmete sie sich wieder anderen Themen. Momentan befasst sie sich vor allem mit Gärten in Bukarest. Gemeinsam mit der Organisation „Club Clorofila“ sollen möglichst viele Bürger zur gemeinsamen, entspannten Gartenarbeit eingeladen werden. Außerdem arbeitete sie vor Kurzem an einem Projekt über „Mileus“ im Goethe-Institut, bei dem ein Stammtisch für ältere Menschen ins Leben gerufen wurde (die ADZ hatte berichtet). 

Sie möchte, dass die Gesellschaft mehr zusammenwächst. „Ich glaube an Gemeinschaft, Nächstenliebe und Toleranz“, so Zanfirescu. Die Geschichtenerzählerin, deren ganze Erlebnisse und Anekdoten hier nur bruchstückhaft wiedergegeben werden können, setzt sich stets dafür ein, dass Bukarest und Rumänien zu besseren Orten werden. Deswegen möchte sie auch nicht nach Deutschland auswandern. Sie glaubt, dass Bukarest, Rumänien, engagierte Menschen braucht.