Eine kapitalistische Perversion am Rande Bukarests

Ein Besuch bei „Dragonul Roșu“

Der Hauptplatz, wo die meisten Hallen sich gegenüberstehen

„Dragonul Roșu liegt direkt neben der Bahnstation „Pantelimon“. Außerdem ist das Geschäft mit dem Auto und mit dem Bus 182 (Station „Dragonul Roșu“) erreichbar.

Innerhalb einer der üblichen Hallen: Auf dem Foto sieht man vor allem Haushaltswaren. Meistens werden jedoch die immer gleichen Klamotten verkauft.

Die Halle „Dragonul Roșu Oriental“ Fotos: Valentin Brendler

„Dragonul Roșu“ (der rote Drache), stand in roter Schrift über einer gigantischen Halle. Das erste Mal sah ich das, als ich an der Station Pantelimon aus dem Zugfenster blickte. Ich war gerade unterwegs von Bukarest Băneasă nach Bukarest Obor, als ich das Gebäude entdeckte. Dann sah ich noch eine Halle. Und noch eine Halle. Und noch eine Halle. Und immer mehr. Ich sah nicht mal das Ende des Gebäudekomplexes im Nordosten von Bukarest. „Was ist das nur?“, fragte ich mich. Gibt es dort Lebensmittel? Klamotten? Oder andere asiatische Waren? Dem wollte ich auf den Grund gehen. Deswegen brach ich vor Kurzem frühmorgens auf und fuhr mit dem Bus 182 zur Station „Dragonul Roșu“. Mich erwartete ein kapitalistisches Museum im Ausverkauf.

Zuerst betrat ich „Dragonul Roșu Oriental“, die erste Halle neben der Busstation. Die Schiebetür öffnete sich und ich betrat eine andere Welt. Die Halle war größtenteils unsortiert. Sie bestand aus vielen, kleinen Läden, die wenig geordnet massenhaft billige China-Klamotten verkauften. Einige Verkäufer sprachen Chinesisch und stammten scheinbar aus dem Land, viele waren aber auch rumänisch. 

Im ersten Stock gab es auch einige Büroräume. Sie waren hinter einer großen Glasscheibe, also leicht zu sehen. In ihnen standen ein Bürotisch und ein paar Stühle. Mehr nicht. Keine Bilder an der Wand, keine Pflanzen, nichts. Nur ein paar Stühle und ein Tisch. 

In der Mitte der Halle stand auch ein Tisch, auf dem ein Aschenbecher mit gerade gerauchten Zigaretten stand. Roch es deswegen so muffig in der Halle? 

Oder waren es die China-Klamotten? Interessiert betrat ich ein paar Läden und merkte direkt, wie oft mir Verkäufer überraschend auffällig folgten. Bestimmt hatten sie Angst, dass ich was klauen würde... Aber wenn alles ungefähr fünf bis zehn Lei oder weniger (ist Verhandlungssache) kostet, wäre es dann überhaupt ein großes Problem, wenn ich etwas klauen würde? Ich kann ja nur schwer unbemerkt den Laden mit einem Haufen an Klamotten verlassen, der groß genug ist, um echten finanziellen Schaden anzurichten.

Ein T-Shirt? Geht nicht. Du musst zehn kaufen!

In den meisten der Läden in „Dragonul Roșu“ kann man nämlich tatsächlich nur im Bulk, also auf Menge, kaufen. Du möchtest ein T-Shirt haben? Geht nicht. Aber wenn du zehn vom selben T-Shirt kaufst, ist das OK. Nun, das hat einen einfachen Grund: „Dragonul Roșu“ ist größtenteils eigentlich nicht für normale Direktkunden, sondern für Geschäfte gedacht. Touristenshops, billige Klamottenläden, Spielzeughändler, Küchenutensilienläden und viele weitere Geschäfte. Diese kaufen ihre Produkte günstig in „Dragonul Roșu“ und verkaufen sie teurer weiter, wenn sie die billige China-Ware nicht selber im Internet bestellen.

Dafür gibt es im Komplex nicht nur „Dragonul Roșu Oriental“, sondern insgesamt zehn gigantische Hallen auf insgesamt 63 Hektar. Aus Neugierde betrat ich alle Hallen und fühlte mich wie in einem Paralleluniversum. Alle Hallen sehen gleich aus, überall gibt es irgendwie dieselben Produkte und in jeder Halle sind hunderte Händler (insgesamt gibt es bis zu 4500). Es ist wie ein niemals endendes Labyrinth. Es gibt billigen Schmuck, Plastikblumen, Schuhe, Küchenutensilien, unendliche viel Klamotten (darunter auch die „traditionellen“ rumänischen Trachten zu Spottpreisen – direkt aus China!) Vorhänge, Unterwäsche, Uhren, Handtücher, Rucksäcke, Reifen, Werkzeug, Gitarren, Elektronik, Drogerieprodukte, Wasserhähne, Spielzeug, rumänische-AI-Bücher, Möbel und so viel mehr, dass man es gar nicht auflisten kann.

Eine unwirkliche und überfordernde Erfahrung

Diese unglaubliche Häufung an Produkten, Farben und Geräuschen ist unglaublich anstrengend und überfordernd. Nach zwei Hallen wollte ich eigentlich nur noch ins Bett. Dazu hat „Dragonul Roșu“ etwas Unwirkliches: Man kennt all diese Produkte. Ich habe sie schon in den unterschiedlichsten Läden in Rumänien gesehen und hier kommen sie her. Aus diesem verrückten Markt. Hier sind sie ausgestellt wie in einem Museum, nur, dass sie verkauft werden. 

Möchte man einen Touristenladen zum Beispiel in Schäßburg/Sighișoara aufmachen, fährt man ein Mal mit dem Transporter zu „Dragonul Roșu“, kauft billige, „traditionelle“, rumänische Produkte und fährt wieder zurück. Damit stattet man sein Geschäft aus und fertig. Mehr muss man nicht machen. Profit! Ich bin mir sicher, dass einige Touristenshops genau so vorgehen.

Unendliche Auswahl, trotzdem nichts Interessantes

Dabei ging ich durch „Dragonul Roșu“ – das im Übrigen im Jahr 2003 von Dragonul Roșu SA, ein Mitglied der rumänischen Niro Group, gegründet wurde – und sah zuerst kein einziges Produkt, dass ich mir kaufen wollte. Kein einziges. Jedes einzelne Produkt war gezielt dafür hergestellt worden, schnell kaputtzugehen. Die Klamotten werden verwaschen und zerreißen, die Küchenware wird irgendwann rosten und so weiter (natürlich nicht alle, womöglich findet man auch mal bessere Qualität). Dann, wenn es kaputt ist, kann man ja neues kaufen. Kosten tut es ja wirklich nicht viel. Dann tritt man ein in einen endlosen Kreislauf des Konsumierens. Eine Perversion des Kapitalismus.  

Jedoch möchte ich mich nicht auf ein zu hohes, moralisches Ross setzen. Ich habe am Ende doch etwas gekauft: Plastikobst. Ein paar Zitronen, Orangen, Paprikas und Weintrauben, die ich in meiner kleinen Küche dann an der Wand angebracht habe. Sie sehen nicht besonders realistisch aus, aber das Plastikobst gibt meiner Küche etwas Farbe, die ich mag. Wirklich gebraucht habe ich die Plastikdekoration natürlich nicht, gekauft habe ich sie für ungefähr 60 Lei trotzdem.

Damit man sich fühlt, als wäre man reich

Das ist wahrscheinlich auch der größte Reiz an den billigen China-Produkten: Man braucht sie nicht wirklich, aber sie sind günstig. Deswegen sind die chinesischen Internetseiten, wo man Klamotten kaufen kann, in den vergangenen Jahr auch so getrendet. Auch wenn man weniger Geld hat, kann man dort einkaufen, als wäre man reich. Man kann fünf Paar Schuhe kaufen, für den Preis von einem Paar Schuhe eines Schuhmachers. Jedoch halten die Schuhe des Schuhmachers zumeist zehnmal so lange wie die aus den chinesischen Fast-Fashion Fabriken. Was wirklich schade ist: dass es Schuhmacher und wirkliches Klamotten-Handwerk in Rumänien (und anderen Ländern in Europa) wegen der billigen Produktflut aus China kaum noch gibt.