„Für meine Seele könnte ich kaum reicher sein“

Ruth Istvan über Heimat, Begegnungen und das Ankommen in Siebenbürgen

Foto: Ruth und Jürgen Haberhauer/sojombo

Siebenbürgisch-sächsische Möbel, die um die halbe Welt reisen. Zwischen Deutschland, Kanada und Siebenbürgen, zwischen Englisch, Deutsch, Sächsisch und Rumänisch, zwischen Aufbruch und Ankommen: Ruth Istvan hat viele Orte ihr Zuhause genannt. Heute lebt und arbeitet sie in Holzmengen/Hosman, wo sie kulturelles Erbe mit Leben füllt und Menschen zusammenbringt. Im Gespräch mit ADZ-Redakteur Roger Pârvu erzählt sie von Kindheitserinnerungen, Identität, Heimat und dem Weg zu dem Ort, an dem sie das Gefühl hat, genau richtig zu sein.

Frau Istvan, Sie stammen aus einer siebenbürgisch-evangelischen Pfarrerfamilie. Wenn Sie an Ihre Kindheit denken: Welches Bild taucht als Erstes auf?

Tatsächlich tauchen zuerst unsere Autos auf. An den verschiedenen Orten, an denen wir gelebt haben, hatten wir unterschiedliche Autos, und irgendwie mache ich viel an ihnen fest. Das gemeinsame Unterwegssein als Familie hat mich geprägt. Wir haben auf diese Weise ganz Nordamerika und Europa erkundet. Und dann sind da die Möbel: die massiven Truhen und Schränke aus Siebenbürgen, die wir von Ort zu Ort, ja eigentlich durch die ganze Welt mitgeschleppt haben. Diese Möbel gibt es bis heute. Sie haben wieder einen Platz gefunden und begleiten uns immer noch. Wenn ich an das Siebenbürgisch-Sächsische meiner Kindheit denke, dann denke ich an diese Möbel, die einfach immer da waren. Vieles, was meine Kindheit betrifft, spielt sich allerdings in Kanada ab. Wir haben dort sechs Jahre gelebt, zwischen meinem siebten und vierzehnten Lebensjahr. Das waren prägende Jahre. Deshalb denke ich an unser Zuhause dort, an die Küche, das Fernsehzimmer, mein eigenes Zimmer. Das sind die Räume meiner Kindheit.

Viele siebenbürgisch-sächsische Familien wachsen zwischen verschiedenen Sprachen, Kulturen und Zugehörigkeiten auf. Bei Ihnen kamen noch zahlreiche Ortswechsel hinzu. Wie hat das Ihr Verständnis von Identität geprägt?

Vielleicht fange ich bei der Sprache an. Das Sächsische ist meine Muttersprache. Egal wohin uns die Ortswechsel geführt haben, diese Sprache haben wir immer mitgenommen. In Siebenbürgen war das nichts Besonderes. In Deutschland wurden wir schon gefragt, was wir da eigentlich sprechen. In Kanada war es völlig außergewöhnlich, auch wenn die Kanadier natürlich nicht zwischen Deutsch und Sächsisch unterscheiden konnten. Für sie war das alles einfach „nicht Englisch“. Für mich war das Sächsische immer der Ort, an dem ich mich sprachlich und emotional zu Hause gefühlt habe. Bis heute sprechen wir in der Familie automatisch mehrere Sprachen gleichzeitig. Mit meinen Eltern spreche ich Sächsisch, mit meinem Bruder Englisch, mit meiner Schwester Deutsch. Dazu kommen spanische Einflüsse, inzwischen auch rumänische. Identität ist aber mehr als Sprache. Viele sprechen bei mir von einer Rückkehrerin. So habe ich mich nie empfunden. Ich war drei Jahre alt, als wir ausgewandert sind. Ich kann schwer von Rückkehr sprechen, wenn man einen Ort kaum bewusst gekannt hat. Mein Verständnis von mir selbst ist eher: Ich möchte etwas Sinnvolles tun. Natürlich spielen Herkunft, Familie und Erziehung dabei eine Rolle.

Sie haben in Deutschland Tourismus studiert und später in verschiedenen Ländern gearbeitet. Gab es Momente, in denen Sie zwar angekommen waren, aber nicht wirklich dazugehört haben?

Nein, eigentlich nie. Für mich war Zugehörigkeit oft an Sprache gekoppelt. Wenn ich in einer Sprache Witze verstand oder sogar selbst mit Sprachwitz spielen konnte, dann hatte ich das Gefühl, angekommen zu sein. Ansonsten habe ich mich überall, wo ich bisher war, ziemlich wohlgefühlt. In Europa sowieso, aber auch in Nord- und Südamerika. Ich bin neugierig und mir wird selten langweilig. Vielleicht hilft das. Jedenfalls habe ich nie das Gefühl gehabt, irgendwo völlig fremd zu sein oder mich nicht integrieren zu können. Ich fühle mich sehr europäisch. Das würde ich mir fast zehnfach auf die Stirn schreiben.

Während all dieser Jahre blieb die Verbindung nach Siebenbürgen bestehen. Wie hat die Distanz Ihren Blick auf die Region verändert?

Die ersten Besuche nach der Auswanderung waren noch vor der Wende. Ich erinnere mich vor allem an lange Autofahrten, endloses Warten an den Grenzen und an eine gewisse Düsternis. Zum ersten Mal wirklich bewusst war ich dann 1996 wieder hier, als Sechzehnjährige. Mein Vater und ich kamen mit einem Hilfstransport nach Siebenbürgen. Diese Reise hat mich sehr geprägt. Wir besuchten Waisenhäuser. Was ich dort gesehen habe, beschäftigt mich bis heute. Ich habe während dieser Reise viel geweint. Gleichzeitig gab es wunderschöne Momente. Ich erinnere mich an Großschenk, an einen Herbsttag auf einem Hügel, an Telemea, frisches Brot und eine fantastische Landschaft. Ich erinnere mich an das Pfarrhaus in Mediasch, an den Traubenduft, der durch das ganze Haus zog. Bis heute denke ich daran zurück, wenn ich diesen Geruch wahrnehme. Ich erinnere mich auch an das damalige Hermannstadt. Es war ein ganz anderes Siebenbürgen als heute. Was mich aber immer angezogen hat, auch nachdem ich in späteren Jahren alles viel bewusster wahrnahm, war etwas anderes: Hier gab es unglaublich viel zu tun. Das hat mich gereizt.

Wann wurde aus dem Gedanken „Vielleicht ziehe ich einmal nach Siebenbürgen“ eine konkrete Entscheidung?

Das entwickelte sich schrittweise. Meine Mutter erhielt ein Haus am Mediascher Hauptplatz zurück. Dadurch waren wir immer häufiger hier. Mein Bruder zog schließlich nach Mediasch und baute dort Ferienapartments auf. Gleichzeitig hat mich vieles gereizt, aber auch gestört. Vor allem im Tourismusbereich. Ich verstand nicht, warum Service oft so unfreundlich war oder warum man in Hotels an der Rezeption kein Englisch sprach. Ich dachte mir ständig: Das kann man doch besser machen. Der Gedanke, hier etwas aufzubauen, blieb. Ich hatte dauernd Ideen: ein kleines Boutique-Hotel, ein Café, irgendein Projekt in einem leerstehenden Haus. Aber ich konnte kein Rumänisch und große finanzielle Rücklagen hatte ich auch nicht. Als ich schließlich hörte, dass die Evangelische Kirche über eine Stelle im Bereich Tourismusentwicklung nachdachte, habe ich mich initiativ beworben. Ich war alleinerziehende Mutter und dachte: Vielleicht ist das der richtige erste Schritt. Eine feste Anstellung, die Möglichkeit, die Sprache zu lernen und anzukommen. Danach konnte man weitersehen.

Mit diesem Schritt begann Ihre Arbeit bei der Stiftung Kirchenburgen. Hatten Sie dabei das Gefühl, auch ein Stück Ihrer eigenen Geschichte zu bewahren?

Ja, definitiv. Das kam allerdings sehr organisch. Nicht, weil ich bewusst danach gesucht hätte, sondern weil es einfach passiert ist. Durch die Beschäftigung mit den Kirchenburgen und dem Kulturerbe insgesamt begann ich vieles neu zu verstehen. Da war diese kleine, immer kleiner werdende Kirche und gleichzeitig dieses gewaltige kulturelle Erbe, qualitativ und quantitativ. Da waren die Geschichten der Hiergebliebenen, die Herausforderungen, die Widersprüche. Ich hatte das Gefühl, mitreden zu können. Siebenbürger Sachsen waren mein ganzes Leben präsent, auch in Kanada. Als ich dann hier die Kirchenburgenlandschaft mitvermarkten durfte und an der Entwicklung der Stiftung mitwirkte, hatte ich zunehmend das Gefühl: Nirgendwo sonst auf der Welt könnte ich das so gut machen wie hier.

Heute arbeiten Sie weiterhin mit kulturellem Erbe. Verändert das den Blick auf die eigene Lebenszeit?

Auf jeden Fall. Wir leben inzwischen in Holzmengen und wollen dort auch bleiben. Schon das verändert den Blick auf vieles. Man denkt langfristiger. Und ich merke, dass sich für mich immer mehr Kreise schließen. In Holzmengen arbeite ich heute im Pfarrhaus, das als Jugendherberge genutzt wird. Wir eröffnen ein Burgcafé, empfangen Gäste und organisieren Veranstaltungen. Eigentlich ist das genau das, was ich immer machen wollte. Nach dem Abitur habe ich gegen die Wünsche meiner Eltern zunächst eine Ausbildung zur Restaurantfachfrau begonnen. Ich wollte in die Gastronomie. Ich wollte Gäste empfangen. Ich wollte Menschen glücklich machen. Wenn ich heute auf meine Tätigkeit in Holzmengen schaue, stelle ich fest: Genau das tue ich jetzt. Ich empfange Menschen, erzähle ihnen von Kirchenburgen und Geschichte, vermittle Zusammenhänge und schaffe Begegnungen. Das fühlt sich unglaublich richtig an.

Sie hätten an vielen Orten der Welt leben können. Warum leben Sie heute genau hier?

Weil es sich eben richtig anfühlt. Natürlich gibt es die schöne Formel, wir lebten dort, wo andere Urlaub machen. Das stimmt. Jeden Tag begegne ich Menschen, die Urlaub haben, gute Laune mitbringen und offen sind für Neues. Durch meine Geschichte und meine Identität habe ich außerdem das Gefühl, dass ich die richtige Person bin, um das zu vermitteln, was hier vermittelt werden kann. Und ich kann das auf Deutsch, Englisch, Spanisch, ein bisschen Französisch, Rumänisch und Sächsisch. Wenn Besucher kommen und sagen: „Ist das die Sächsin?“, dann muss ich immer schmunzeln. Ich komme ja von hier. Gleichzeitig habe ich mich bewusst entschieden, hier zu leben. Materiell werde ich mit dem, was ich tue, bestimmt nicht reich. Aber ideell und für meine Seele könnte ich kaum reicher sein. Es tut mir unglaublich gut. Und ich hoffe, dass es auch anderen gut tut.

Was bedeutet Heimat für Sie heute?

Heimat ist alles davon. Es ist ein Ort. Es ist ein Gefühl. Es sind Menschen. Es kann meine Familie sein. Es kann meine Couch sein. Es kann aber genau-so gut mein Hängestuhl unter dem Nussbaum in Holzmengen sein. Natürlich ist Heimat auch die Region. Aber Heimat bedeutet für mich nicht nur Ausruhen. Heimat ist etwas, das stattfindet. Sie hat mit Beziehungen zu tun, mit Reibung, mit Leben. Ich merke, dass mich dieses Thema immer wieder beschäftigt. Ich lese Artikel darüber, schaue Filme dazu und versuche dem Begriff auf den Grund zu gehen. Ganz gelungen ist mir das noch nicht. Vielleicht muss Heimat auch ein bisschen Geheimnis bleiben.

Wenn Sie eines Tages auf Ihr Leben zurückblicken: Woran sollen sich die Menschen erinnern? An Ihren Beitrag zum Kulturerbe oder an die Beziehungen, die Sie geschaffen haben?

Am liebsten an beides. Aber wenn ich ehrlich bin, ist mir die menschliche Ebene wichtiger. Natürlich freue ich mich, wenn durch meine Arbeit etwas vom Kulturerbe erhalten bleibt. Doch der eigentliche Beitrag entsteht für mich in den Begegnungen. In Holzmengen kommen Freiwillige, Jugendliche, Gäste aus aller Welt. Oft bin ich ein bisschen Gastgeberin, manchmal auch Mutterfigur. Ich koche für die Leute, achte darauf, dass sie sich wohlfühlen und versuche, ihnen etwas Gutes zu tun. Wenn jemand Jahre später an seine Zeit dort zurückdenkt und sagt: „Die Ruth hat sich damals um uns gekümmert“, dann bedeutet mir das wahrscheinlich mehr als so manche restaurierte Mauer.