„Ganz neue Blickpunkte und Perspektiven“

Philologe Hermann Scheuringer erhält Ehrendoktorwürde der Universität Bukarest

Festakt im Senatssaal der Universität Bukarest: in der Mitte Prof. Dr. Hermann Scheuringer. Prof. Dr. Ileana Ratcu (rechts) verliest die Laudatio. Foto: privat

Dass die deutsche Hochsprache „kein monolithischer Block“ ist, sondern nationale und regionale Varianzen aufweist, wobei das Österreichische als standardsprachliche Varietät und selbst das Rumäniendeutsche als Viertelzentrum gewürdigt wird, überraschte die akademische Gemeinschaft der Sprachforscher in Bukarest wohl mindestens ebenso sehr wie die unerwartete Präsenz dessen, der diese neuen Horizonte eröffnet hatte. Im Holzfällerhemd mit aufgekrempelten Ärmeln stand dieser damals in der sogenannten Österreich-Bibliothek der Bukarester Uni und schmunzelte leise vor sich hin, während sich eilig zusammengerufene Studenten und Professoren versammelten, um seinem Vortrag über „österreichisches Deutsch“ zu lauschen. Der ganz entgegen den akademischen Gepflogenheiten nicht zuvor am Schwarzen Brett angekündigt worden war… 

So begann, was am vergangenen Mittwoch seinen feierlichen Höhepunkt fand: die Verleihung der Ehrendoktorwürde an Prof. Dr. Hermann Scheuringer, diesmal gebührend im schwarzen Anzug, durch die Universität Bukarest – als Krönung einer langjährigen Zusammenarbeit, die auf diesen überraschenden Erstbesuch folgen sollte.

In zwischen ist nicht nur der Geehrte emeritiert, sondern auch der sich humorvoll an den Beginn einer fruchtbaren wissenschaftlichen Kooperation erinnernde  Prof. Dr. Ioan Gabriel Lăzărescu, der es sich nicht nehmen lassen wollte, auf dem der offiziellen Zeremonie folgenden Empfang in der Residenz der österreichischen Botschafterin Ulla Krauss-Nussbaumer eine kleine Privatlaudatio zu halten. Es steckten (in dem eingangs genannten Vortrag von Scheuringer) „ganz neue Blickpunkte und Perspektiven“, verriet Lăzărescu, „die bis damals an unserem Lehrstuhl nie näher diskutiert, geschweige denn thematisiert wurden – soll ich sogar sagen: verpönt waren?“ 

Hoch und heilig war dort das „einheitliche“ Deutsch „mit hannoverscher Aussprache, Duden-konformer Rechtschreibung und deutschlanddeutscher Lexik“ gewesen. Heute hingegen weiß man, dass Vertreter der plurizentrischen Sicht auf das Deutsche von den bundesdeutschen Teutonismen und Deutschlandismen Austriazismen, Helvetismen, Liechtensteinismen, Luxemburgismen und vieles mehr unterscheiden.

Ein revolutionäres Konzept: Sprache als komplexes Multisystem

Aus der Laudatio von Prof. Dr. Ileana Ratcu, die durchgesetzt hatte, dass diese beim Festakt im Senatsaal der Universität auf Deutsch und nicht wie sonst üblich auf Englisch verlesen wurde – den dort wiehernden Amtsschimmel hätte sie einfach überhört, scherzt Lăzărescu – entnehmen wir als einen der bedeutendsten wissenschaftlichen Beiträge von Scheuringer „die Theorie der Sprache als komplexes Multisystem“, das aus zahlreichen Varietäten besteht.  Und auch, dass es sich um ein „revolutionäres Konzept“ handelt, „das die Art und Weise verändert hat, wie die Struktur natürlicher Sprachen zu verstehen ist“. Ein Konzept, das ursprünglich auf den australischen Sprachwissenschaftler österreichischer Herkunft Michael Clyne zurückgeht und von Scheuringer und anderen weiterentwickelt wurde. 

Dieses plurizentrische System kennt heute die Varietäten Deutschland, Österreich und Schweiz als Vollzentren, ergänzt durch die Halbzentren Ostbelgien, Liechtenstein, Luxemburg und Südtirol, in einer neuen Forschungsphase wiederum durch die Viertelzentren der mennonitischen Gemeinden in Mexiko und Nordamerikas, Namibia sowie die deutschsprachigen Gebiete Rumäniens bereichert.

Schwerpunkt regionale Sprachformen und Geolinguistik

Hermann Scheuringer hat sein Leben der Erforschung der Mechanismen regionaler Sprachformen und Geolinguistik gewidmet. Es sei anzunehmen, betonen Ratcu wie Lăzărescu, dass bei dieser Themenwahl seine Herkunft eine Rolle gespielt haben mag. Stammt der in Moos im Bayerischen Sauwald geborene Sprachforscher mit heute deutscher und österreichischer Doppelstaatsbürgerschaft doch aus dem sogenannten Dreiländereck zwischen Österreich, Deutschland und Tschechien, einer plurilingualen Region, die ihn „primär in seiner humanen Dimension geprägt und geformt hat“, so Lăzărescu, und wohl auch das Fundament für seine Laufbahn als Dialektologe und Sprachhistoriker legte.

Seine bedeutendste wissenschaftliche Tätigkeit aber entfaltete Scheuringer zuletzt als Leiter des Forschungszentrums für Deutsch in Mittel-, Ost- und Südosteuropa (DiMOS) an der Uni Regensburg, wo die deutsche Sprache in Osteuropa im Kontext des historischen und gegenwärtigen Multilinguismus erforscht wurde, unter Einbeziehung der mit dem Deutschen eng verbundenen Nachbarsprachen. In diesem Forschungszentrum – einzigartig in dieser Ausrichtung und in ihren Ergebnissen, so Ratcu – wurde mit Forschern aus zahlreichen Ländern, darunter Albanien, Bosnien und Herzegowina, Bulgarien, Kroatien, Nordmazedonien, Polen, Tschechien, der Moldau, Serbien, der Slowakei, Slowenien, der Ukraine und natürlich Rumänien, zusammengearbeitet.

Österreichische Einflüsse auf das Rumäniendeutsche erforscht und dokumentiert

Auch mit der Uni Bukarest entspann sich eine enge Kooperation, die bald in eine persönliche Freundschaft mündete, mit vielen fachlichen Diskussionen an langen Abenden oder auf gemeinsamen Wanderungen, wie sich Lăzărescu erinnert. Einmal habe er ihn gefragt: „War Mozart, in Salzburg geboren, Österreicher?“ Und erfuhr: Salzburg sei damals ein eigenständiges Fürstentum gewesen, das erst 1816 zum Kaisertum Österreich kam. Mozart selbst habe sich immer als Deutscher gesehen. Und Brockhaus habe ihn noch 1837 bis 1841 als deutschen Komponisten verzeichnet.

Nur unschwer konnte Lăzărescu den Freund und Kollegen von einem spannenden Projekt begeistern: „Ich hatte schon seit geraumer Zeit den Vorsatz gefasst, ein österreichisch-deutsch-rumänisches Wörterbuch zu verfassen, das nicht nur die Besonderheiten des österreichischen Wortschatzes beinhalten, sondern auch die sprachhistorisch zu erklärenden Gemeinsamkeiten mit dem Rumäniendeutschen aufdecken und kenntlich machen sollte“, verriet er. Es sollte seinen rumänischen Studenten zeigen, dass das österreichische Deutsch nicht nur auf die „22 bekannten Wörter im kulinarischen Bereich“ – „Erdäpfel“, „Paradeiser“, „Marillen“, „Fisolen“, „Powidl“, „Karfiol“ usw. – reduziert werden dürfe. Zu seiner Freude willigte Scheuringer ein, das Projekt gemeinsam in Angriff zu nehmen. So erschien 2007 in erster und 2008 in zweiter Auflage das auch in der Laudatio von Ratcu als „äußerst wertvoll“ gewürdigte, 624 Seiten starke Werk „Limba germană din Austria. Un dicționar german-român“/Österreichisches Deutsch. Ein deutsch-rumänisches Wörterbuch“ im Karl Stutz Verlag Passau. Zu verdanken auch der Unterstützung des damaligen Kulturattachés der österreichischen Botschaft in Bukarest, Dr. Rainer Schubert.

Deutsche Sprache in Rumänien: historisch völkerverbindend

Scheuringer bestätigt den Einfluss seiner heimatlichen Ursprünge auf die Variationslinguistik, doch korrigiert er, sie seien „nicht wirklich multilingual“ gewesen. Erst die Erforschung bairischer Sprachinseln in Rumänien habe ihn sukzessive mit „wirklicher, äußerer Mehrsprachigkeit“ konfrontiert. Die deutsche Sprache habe in diesem Raum „fast das ganze zweite Jahrtausend unserer Zeitrechnung eine essenzielle Rolle gehabt, zuweilen zu dominant, doch, wenn wir das Alltagsleben der sogenannten kleinen Leute betrachten, im Grunde immer die Völker verbindend und einander respektierend“. Diesen Sprachen und Völker verbindenden Aspekt herauszustreichen und die gegenseitige Wertschätzung zu fördern, sei bei seiner Arbeit stets das dahinterstehende Ziel gewesen.