Neben einem herbstlichen Chrysanthemen-Blättergesteck brennen drei hohe weiße Kerzen, davor ein Standkreuz mit Jesus. Dahinter an den Wänden zwei Fetzenbilder mit religiösen Motiven, Geschenke der Künstlerin Lilian Theil. Langsam füllt sich der Gemeindesaal der evangelischen Kirche Bukarest an diesem Samstagnachmittag: in der ersten Reihe die Presbyter,dahinter die stolzen Eltern, Großeltern, Kinder oder Freunde der zu Konfirmierenden und andere Besucher. Alle Augen sind auf die Kandidaten geheftet, die in zwei Grüppchen ihrer Prüfung harren, bevor sie morgen im Festgottesdienst als mündige Vollmitglieder in die Gemeinschaft aufgenommen werden: rechts die vier Jugendlichen, zwei Jungen und zwei Mädchen, links die sechs Erwachsenen, zwei Männer und vier Frauen.
Das sogenannte Examen ist eigentlich eine katechetische Diskussion, keine strenge Prüfung, beruhigt sie Stadtpfarrer und Bischofsvikar Dr. Daniel Zikeli. „Und danach halten die Mitglieder des Presbyteriums die Daumen hoch oder runter“, scherzt er. Dann prasseln die Fragen zuerst auf die Jugendlichen ein: Wann die Kirche gebaut wurde, welche Königin dabei eine besondere Rolle spielte, wie der Architekt hieß und wie man die Aufteilung des Kirchenraums nennt. David, Lukas, Ema und Cristina sind um keine Antwort verlegen. Sie wissen, was der Altar enthält, von wo aus die Predigt gehalten wird, wieviele Orgeln es in der Kirche gibt und wer sie gebaut hat. Was es mit dem Abendmahl auf sich hat oder was Wörter wie „Hosianna“, „Halleluja“ und „Amen“ bedeuten. Im Konfirmandenunterricht gut vorbereitet, antworten sie mit starken Stimmen. Pfarrer Zikeli verrät, dass sich diese Vorbereitung nicht nur auf die klassischen biblischen Inhalte beschränkte, sondern auch versucht wurde, Bezüge zur heutigen Gesellschaft zu finden. In den zehn Geboten etwa verortete man moderne Probleme wie Bullying als Erweiterung von Gebot 5 „Du sollst nicht töten“, Gebot 7 („Du sollst nicht stehlen“) schließt auch Internet-Piraterie und Gebot 8 („Du sollst kein falsches Zeugnis reden“) Manipulation und Fake News ein.
Die erwachsenen Kandidaten halten jeweils ein Kurzreferat zu einem Moment der Reformation. Wir erfahren von den fünf Säulen der Reformation, von den Reformern – neben Luther auch Calvin (Frankreich), Zwingli (Schweiz) und Heinrich VIII. (England), von Volk und Nation und der Warnung hinter der Geschichte des Turmbaus zu Babel vor einer einheitlichen Weltherrschaft. Statt dessen sollen Christen für Frieden und Vielfalt einstehen – vorgelebt auch an diesem Ort, wo Kulturen ineinanderfließen und abwechselnd Deutsch und Rumänisch gesprochen wird. Denn immer mehr Gemeindemitglieder kommen aus der Mehrheitsbevölkerung, immer weniger sprechen ausreichend gut Deutsch, wie Zikeli später verrät.
Dem Deutschen treu, aber offen für Rumänisch
Selbst bei den Schülern im Konfirmandenunterricht habe er „erst mal sprachlichen Elementarunterricht machen müssen, obwohl sie acht Klassen in der deutschen Schule waren“. Dieser Trend sei auch spürbar bei der Jungschar- und Kinderarbeit, und auch Religionslehrer beklagen den Schwund deutscher Sprachkenntnisse.
Nicht nur deswegen hatte sich die Evangelische Kirche A.B. in Bukarest unter Zikeli für die rumänische Sprache geöffnet. Seine Amtsvorgänger hatten Kindern, die nicht gut genug Deusch sprachen, noch die Mitgliedschaft verwehrt. Seit rund fünf Jahren ist der Gottesdienst am ersten und dritten Sonntag zweisprachig, und darin liegt auch eine Chance: Denn jetzt wenden sich die Großeltern und Eltern jener abgelehnter Kinder der Gemeinde wieder zu.
Darüberhinaus gibt es immer mehr Rumänen, die die evangelische Kirche für sich entdeckten und – wie die zu konformierenden anwesenden Erwachsenen – aus anderen Konfessionen übertreten. Dennoch habe eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts IRSOP, dessen Gründer Dr. Petre Datculescu im Presbyterium der evangelischen Kirche sitzt, gezeigt, dass 87 Prozent der 320 Befragten trotzdem die Weiterpflege der deutschen Sprache in der Kirche unterstützen.
Eine dynamische aktive Gemeinschaft
Motive für die Beitritte aus der rumänischen Mehrheitsgesellschaft sind: die aktive Gemeinschaft, die gepflegt wird, „die Einfachheit und Direktheit“ der religiösen Botschaft - kein „Umweg über die Heiligen“, erklärt Zikeli -, viele fänden auch an den gemeinsamen Bibelstunden gefallen oder an den zahlreichen Gruppen, Milieus genannt, die sich in der Freizeit treffen. „Bei uns ist alles sehr persönlich“, betont er und nennt „Kinder-, Jugend- und Familiengottesdienste“, wo die Teilnehmer direkt angesprochen werden und sich in die Gestaltung einbringen dürfen. Für alle Altersgruppen gibt es ein Angebot: die Jungschar, die Kindergruppe für 11- bis 13-Jährige, die Konfirmandengruppe, die evangelische Jugend, den Frauen- und den Männerkreis für das mittlere Alter sowie den mobilen und immobilen Seniorenkreis. Letzerer bezieht Senioren sein, die zu besonderen Veranstaltungen – etwa Ostertreff, Adventstreff oder Pfingsttreff - abgeholt werden müssen.
Besonders dynamisch sei die Frauengruppe, die die Gemeinschaft pflegt und sich organisatorisch einbringt, gemeinsam handarbeitet und Basare veranstaltet oder auch Frauen aus verschiedenen Aktivitätsbereichen als Gäste zum Diskutieren einlädt. Und weil die Frauen so aktiv sind – „in den Gottesdiensten machen sie 80 bis 85% aus“, verweist Zikeli – sei es gut, die Männer getrennt anzusprechen. „Sie darf man nicht forcieren, ihre Spiritualität ist anders“, schmunzelt er und meint, am besten taue man die Männer mit einem Grillfest auf.
Festgottesdienst trotz Restaurationsarbeiten
Nachdem die Kandidaten alle bestanden und die Presbyter Mihai Draganovici und Monica Strava sie als „sprachfähig im Glauben“ mit „einem Ja der Gemeinde zu euch“ herzlich entlassen haben, steht der Konfirmation am sonntäglichen Festgottesdienst nichts mehr entgegen. Zum gleichzeitigen Erntedankfest ist die Kirche, die dank fortgeschrittener Innenrestauration schon in frischem Weiß erstrahlt, üppig geschmückt: Körbe voller Obst, Gemüse und Zierkürbisse, Blumengestecke vor dem Altar, Herbstblättergirlanden baumeln von der Kanzel. Die Bänke sind voll wie nie und Pfarrer Zikeli dankt den Baufirmen, dass die laufenden Arbeiten den Festakt hier trotzdem ermöglichten. Denn dank des Staatssekretariats für Kulte kann das Restaurierungsprojekt für Innenraum, Fassade und Hofgestaltung als öffentlicher Park mit Steinbänken und Springbrunnen doch noch durchgeführt werden, nachdem es unter der Zuständigkeit des Bürgermeisteramts ins Stocken geraten war. „Außerdem haben wir inzwischen auch zwei große Privatspender“, freut sich Zikeli. Auch für die Restauration der großen Walker Orgel sei das Geld schon vorhanden.
Bis Weihnachten hofft er auf die Beendigung der Innenrestauration, bis Ende 2027 soll auch der Rest vollzogen sein. Die Kirche wird auf den Stand des Jahres 1912 gebracht, bevor sie von einem Großbrand zerstört wurde, „einschließlich der Rekonstruktion der Dachtürmchen, der Innenstukkatur, des Schriftzugs mit den Seligpreisungen und den Lilien“, erklärt er.
Im Festgottesdienst wird die kleine Prause-Orgel bespielt, die aus der aufgelösten Gemeinde Magarei/Pelișor bei Agnetheln/Agnita vor dem Verfall hierher gerettet wurde. Und da, wo der Pfarrer jetzt noch sitzt, im Sessel der königlichen Loge, soll diese originalgetreu hergerichtet werden. „Da wird man dann nicht mehr sitzen können, dafür bekommen wir ein Pfarrgestühl aus Marienburg bei Kronstadt“, erklärt Zikeli.
Wenn das kein Grund ist, dankbar zu sein nach all den Schwierigkeiten, Gegenstand des letzten ADZ-Beitrags („Vereinte Kraft wirkt Großes!“, 1. September 2026)? Dankbar sein kann man immer, predigt Stadtpfarrer Zikeli von der Kanzel, in der Fülle und in weniger üppigen Zeiten, und nicht nur für die Ernte, sondern auch für viel kleinere, alltäglichere Dinge - „ein Lächeln, einen Sonnenaufgang, einen guten Kaffee…“ Den es gleich nach der großen Zeremonie geben wird, wenn die Konfirmanden vor dem Pfarrer knien, seine Hände feierlich ihr Haupt umfasst, und sie mit Blumenstrauß und Bibel wieder in der ersten Reihe Platz nehmen, Stolz und Freude in ihren leuchtenden Gesichtern. Halleluja!
