Seit mehr als zwei Jahrzehnten kommt Bernhard Balsliemke nach Nadrag/Nădrag, der Temescher Gemeinde am Fuße des Poiana-Ruscăi-Gebirges. Was einst mit Lebensmittelpaketen für bedürftige ältere Menschen begann, ist längst zu einer dauerhaften Partnerschaft geworden. Vor Kurzem waren Balsliemke, Gründer der Interessengemeinschaft „Hilfe für Nadrag“ aus Münster, und Fritz Heudtlaß erneut im Banater Bergland zu Gast. Ihr Ziel war auch diesmal die Suppenküche der Caritas, die die Interessengemeinschaft seit vielen Jahren unterstützt.
Das Projekt funktioniere derzeit sehr gut, sagt Herbert Grün, Geschäftsführer des Caritasverbands der römisch-katholischen Diözese Temeswar/ Timișoara. Rund 58 ältere Menschen erhalten dort von Montag bis Freitag ein Mittagessen. Für das Wochenende werden ihnen zusätzlich haltbare Lebensmittel, etwa Konserven, mitgegeben. Bald dürfte die Zahl der Senioren wieder bei 60 liegen. Hinzu kommen 25 Kinder, deren Mittagessen über die Caritas Graz finanziert wird.
Für Balsliemke war der jüngste Besuch auch eine Gelegenheit, sich persönlich ein Bild davon zu machen, wie die Unterstützung ankommt. In Begleitung des Caritas-Direktors besuchten Balsliemke und Heudtlaß zwei ältere Frauen zu Hause. Solche Hausbesuche zeigen eine Seite des Projekts, die hinter den Zahlen leicht unsichtbar bleibt. Beide Frauen können ihre Wohnungen kaum noch verlassen. Eine von ihnen lebt seit mehr als 20 Jahren allein und bewegt sich mit einem Rollator durch Haus und Hof, die andere wohnt im ersten Stock eines Altbaus und kann die Treppen nur schwer bewältigen. Beide sind auf das gelieferte Essen angewiesen. Mehr als 40 der derzeit rund 58 Senioren erhalten ihre Mahlzeit mittlerweile direkt nach Hause. Dafür steht der Caritas inzwischen auch ein kleiner Pkw zur Verfügung.
Die Suppenküche hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten erheblich entwickelt. Balsliemke kam bereits vor mehr als 20 Jahren nach Rumänien und begann zunächst damit, Lebensmittel für ältere Menschen bereitzustellen. Ansprechpartner vor Ort war über die Jahre der im Januar verstorbene katholische Pfarrer Josef Hollschwandtner. Später entstand die Suppenküche, die anfangs etwa 20 bis 30 Personen versorgte. Heute ist ihre Kapazitätsgrenze mit rund 60 Senioren praktisch erreicht.
Bereits bei einem früheren Besuch der Interessengemeinschaft war deutlich geworden, welche Bedeutung die Einrichtung für den ehemaligen Industrieort hat. Nach der Schließung des Hüttenwerks und der Abwanderung vieler jüngerer Bewohner blieb eine alternde Bevölkerung zurück; zahlreiche Senioren leben allein und verfügen nur über geringe Einkommen. Die von Balsliemke initiierte Hilfe führte schließlich 2003 zur Eröffnung der Suppenküche.
Spenden gehen zurück
Dass das Projekt weitergeführt werden kann, ist allerdings keine Selbstverständlichkeit. Rund 60 bis 70 Prozent seiner Finanzierung kommen nach Angaben Grüns aus Spenden, der Rest wird über staatliche Subventionen gedeckt. Die Spendenbereitschaft gehe jedoch zurück – auch in Deutschland. Für die Nadrager Suppenküche gebe es derzeit noch Reserven, mit denen die Arbeit für die kommenden ein bis zwei Jahre abgesichert werden könne.
Das Problem betrifft nicht nur Nadrag. Der Caritasverband unterhält im Banat derzeit rund 16 lizenzierte Sozialprojekte. Dazu gehören zwei Suppenküchen, die Hauskrankenpflege mit vier Stationen, ein Kinderheim, drei Kindertagesstätten, ein Nachtasyl und ein Frauenhaus in Temeswar, eine Palliativstation mit zehn Betten, zwei Altenpflegeheime sowie eine Farm zur sozialen Integration von Obdachlosen in Bakowa. All diese Einrichtungen müssen finanziert werden, und gerade dabei wird die Lage zunehmend schwierig. Staatliche oder kommunale Zuschüsse decken nur einen Teil der Kosten, den Eigenanteil muss die Caritas selbst aufbringen. „Wenn wir keine Spenden mehr aus dem Ausland bekämen, würde die Situation dramatisch werden“, sagt Herbert Grün.
Die langjährigen Unterstützer kommen fast ausschließlich aus dem Ausland. „Wir haben unsere festen Spender aus Deutschland, Österreich und Südtirol, die uns wahrscheinlich alle schon über 20 Jahre unterstützen“, erklärt der Caritas-Geschäftsführer. Dafür sei er dankbar, denn „ohne ihre Hilfe würde es nicht gehen“. Spenden aus Rumänien, etwa von Unternehmen, spielten dagegen nur eine sehr geringe Rolle und machten laut Grün lediglich wenige Prozent aus.
Frauenhaus derzeit voll belegt
Dass der Bedarf an sozialen Angeboten keineswegs sinkt, zeigt sich auch in Temeswar. Die Einrichtungen seien ausgelastet, sagt Grün: „Unsere Plätze sind fast immer voll besetzt“. Gleichzeitig könne die Caritas ihre Kapazitäten nicht beliebig erweitern, weil jede zusätzliche Leistung auch dauerhaft finanziert werden müsse.
Besonders deutlich wird dies beim Frauenhaus für Opfer häuslicher Gewalt in Temeswar. Die Belegung schwanke zwar stark – manchmal lebten dort nur zwei Frauen, manchmal zehn –, zum Zeitpunkt des Gesprächs vor etwa zwei Wochen war die Einrichtung jedoch voll belegt. Untergebracht sind dort auch Frauen mit Kindern. „Häusliche Gewalt ist ein Thema, immer noch“, sagt Grün.
Das eigentliche Problem beginne häufig erst nach dem Verlassen der geschützten Einrichtung. Die Frauen erhalten psychologische Beratung, Unterstützung bei einer möglichen Scheidung und Hilfe bei der Suche nach einem Arbeitsplatz. Doch damit sei noch längst keine langfristige Perspektive geschaffen. Wer ein oder zwei Kinder versorgen müsse, könne sich mit einem niedrigen Einkommen eine Wohnung oft nicht leisten. „Dann sind sie auf jemandem angewiesen“, beschreibt Grün die schwierige Situation. Fehlt die Unterstützung durch die eigene Familie, droht erneut Abhängigkeit.
Ein permanentes Zuhause für ehemalige Obdachlose
Ein anderes Modell verfolgt die Caritas auf ihrer Farm in Bakowa/Bacova. Dort leben derzeit acht ehemals obdachlose Menschen, die zugleich auf der Farm arbeiten. Die Landwirtschaft wurde allerdings zurückgefahren, weil die Produktionskosten zu hoch sind und die technische Ausstattung für einen professionellen landwirtschaftlichen Betrieb fehlt. Kühe und einige Schweine gibt es weiterhin, doch die Caritas setzt inzwischen verstärkt auf Miscanthus, auch Elefantengras genannt. Auf mehreren Hektar wird die Pflanze angebaut und anschließend zu Heizbriketts verarbeitet. Künftig sollen diese auch vermarktet werden.
Daneben stellt die Farm Einwegpaletten her. Doch auch hier ist die wirtschaftliche Lage schwieriger geworden. Wurden früher rund 5000 Stück pro Jahr abgenommen, sind es laut Grün mittlerweile nur noch etwa 1200.
Trotzdem erfüllt die Farm ihren eigentlichen sozialen Zweck. Manche Bewohner leben bereits seit zehn Jahren dort. „Das ist ihr Zuhause“, sagt Grün. Sie arbeiten, erhalten einen Lohn und sind krankenversichert. Vor allem aber müssen sie nicht wieder auf die Straße zurück.
Ohne ausländische Partner geht es kaum
Ob Suppenküche in Nadrag, Frauenhaus in Temeswar oder Obdachlosenfarm in Bakowa, die Projekte unterscheiden sich, doch die Herausforderung ist dieselbe: Sozialarbeit braucht nicht nur engagierte Mitarbeiter, sondern auch eine verlässliche Finanzierung. Vor allem die Unterstützung durch langjährige Partner aus Deutschland, Österreich und Südtirol ermöglicht es dem Caritas-Verband Temeswar, seine Projekte weiterzuführen.
Zu diesen Partnern gehört auch die Interessengemeinschaft „Hilfe für Nadrag“ aus Münster. Der jüngste Besuch von Bernhard Balsliemke und Fritz Heudtlaß zeigte, dass diese Hilfe auch nach mehr als zwei Jahrzehnten gebraucht wird. Denn während die Spenden zurückgehen, wird die Zahl jener Menschen, die auf Hilfe angewiesen sind, nicht geringer.
