Randbemerkungen: Türkisch zum Mittleren Osten

Abdullah Gül (76), türkischer Politiker mit beeindruckender Karriere (Ministerpräsident und Außenminister, Parteimitbegründer, 11. Präsident der Republik 2007-2014, seit 2007 parteilos, derzeit nicht im öffentlichen Leben präsent und verdächtigt, dass er eine Partei gründen will), meldet sich mit einer Stellungnahme in der Öffentlichkeit. Diesmal ging es dem fließend Englisch und Arabisch Sprechenden darum, seine Meinung zum aktuellen USA-Iran-Konflikt kundzutun: der Iran sollte sein jetziges „Opportunitätsfenster“ gegenüber den USA dringend nutzen.

„Am 28. Februar haben Israel und die USA die Welt geschockt durch ihre Angriffe auf den Iran und die Ermordung des Obersten Ayatollahs Ali Khamenei.“ Gül betont die hohe Zahl ziviler Opfer im neu entfachten Krieg im Mittleren Osten und die vielen Kinder, die die USA bei einem Luftangriff auf eine Schule ermordeten. Nicht unerwähnt lässt er die Gegenangriffe des Irans auf Israel und die US-Stützpunkte in diesem Raum, nicht zuletzt die Blockade der Straße von Hormus. Den Kriegsausbruch nennt er eine „einseitige Aggression“, welcher „die internationale Legitimation gefehlt“ habe und die zur „Destabilisierung des gesamten Mittleren Ostens“ geführt hat. Die arabischen Länder seien angegriffen worden vom Iran oder Repressalien ausgesetzt, weil sie US-Stützpunkte auf ihrem Hoheitsgebiet dulden. Sämtliche Länder der Welt müssten seither wirtschaftliche Zusatzkosten schultern wegen des rasanten Anstiegs der Energiepreise. Die Golfstaaten koste es große Imageverluste wegen Sicherheitsmängeln.

Im Weiteren zitiert Gül einen Beitrag der „New York Times“ vom 7. April, wo im Detail geschildert wird, wie leicht es dem Israeli Bibi Netanyahu gefallen war, den US-Präsidenten Trump zu überzeugen, den Iran zu überfallen. Das zeige einerseits, wie simpel es sei, Trump zu überzeugen, die USA in einen Krieg zu stürzen. Die Supermacht, strotzend vor Nuklearwaffen! Offensichtlich fehlten den USA Brems- und Überprüfungsmechanismen für Entscheidungsfälle betreffs Krieg und Frieden! Der Vorgang bezeuge auch die maßlose Selbstüberschätzung des US-Präsidenten – damit implizite der US-Administration – nach dem „Sieg“ über Maduro-Venezuela. Trump und sein Famulus Hegseth meinten sich wohl nach Venezuela als Militärmacht unüberwindbar. Der Iran belehrte sie eines Besseren – ohne dass beide bisher die Lehre kapiert hätten! Dass die einzige Ähnlichkeit zwischen dem Iran und Venezuela in deren schier unerschöpflichen Ölreserven liege, sei wahrscheinlich auch das einzige Interesse, das diese Räume beim geldgeilen Dealer Trump wecken.

Nun habe sich Trump vor den Midterm-Wahlen im Iran festgebissen. Zudem haben die Golfstaaten, aber auch Saudi Arabien (nach den Huthi-Angriffen) begriffen, dass die „Garantiemacht“ USA sich schwertut im Mittleren Osten, ja, vom durchhaltenden Iran in Schach gehalten wird. US-Aktiva im Golf mutierten vom Garantie- zum Wackelfaktor. Folglich diversifizieren die arabischen Staaten ihre Partnerschaften. China winkt mit Konfuzius-Lächeln.

Dem Iran hat sich gerade jetzt, vor den Midterms, ein Opportunitätsfenster aufgetan, sagt Gül, mit dem Nachweis, trotz US- und israelischer Übermacht diesen Paroli bieten, widerstehen zu können. Gül: „Der Iran sollte kurzfristige Vorteile nicht mit langfristig wirkenden Siegen verwechseln. Vorsicht ist angesagt.“ Bei Friedensverhandlungen seien dem Iran „maximalistische Forderungen“ tabu. „Aber vom Momentanvorteil könnte er profitieren, nutzen, was er bisher herausschlagen konnte.“ Auf zwei Aspekte sei zu achten: a) die innere Ordnung des Iran und der Wohlstand der Bevölkerung – eine Ur-Staatsaufgabe; b) die breiter gefächerte regionale Ordnung, die potenzielle Vielfalt gegenseitig vorteilhafter regionaler Zusammenarbeit. Iran und Saudi Arabien sollten ihre Beziehungen rasch normalisieren.