Gustav Binder, der Studienleiter des Heiligenhofs in Bad Kissingen, ist gemeinsam mit Dr. Johannes Klein aus Fogarasch/Făgăraș diesjähriger Preisträger der Honterus-Medaille, die auf dem Sachsentreffen am morgigen Sonntag in Schönau/Șona verliehen wird. Aus diesem Anlass führte Prof. Dr. András F. Balogh von der Babeș-Bolyai-Universität Klausenburg/Cluj-Napoca ein Interview mit dem Geehrten.
Du stammst aus Siebenbürgen. Wer sind deine Eltern?
Meine Eltern sind Katharina und Martin Binder. Die Mutter wurde 1923 in Seiburg/Jibert, der Vater 1928 in Radeln/Roadeș, beides Gemeinden im Umkreis des Marktfleckens Reps/Rupea, geboren. Beide Eltern, die Mutter 22 Jahre alt, der Vater 16, wurden im Januar 1945 in die Sowjetunion in den Donbass bei Stalino, heute Donezk, deportiert, wo sie fünf Jahre im Kohlebergbau bzw. in der Schwerindustrie und zeitweise in der Landwirtschaft gearbeitet haben. Sie waren im Lager 1023 Petrovka, haben sich aber erst in Kronstadt/Brașov kennengelernt, da sie nach der Deportation nicht in die Heimatdörfer zurückgekehrt sind. 1952 heirateten sie in Radeln. Der Vater fand eine Anstellung in der Kugellagerfabrik in Kronstadt. Die Familie, die 1953 um den Sohn Walter, 1953 um die Tochter Hildegard und 1960 um mich anwuchs, wohnte bis 1961 auf dem Anger/Prund in beengten Verhältnissen, bis sie eine Blockwohnung im Neubauviertel Rote Fahne/Steagul Roșu, heute Astra, fanden. 1963 starb der Vater eines gewaltsamen und nicht aufgeklärten Todes. Die Mutter, die durch die Deportation und danach keinen Beruf erlernt hatte, fand eine Anstellung in der Kugellagerfabrik. Aufgrund der schwierigen materiellen Verhältnisse und auf Rat zweier in der Bundesrepublik Deutschland lebender Geschwister der Mutter versuchten wir seit Mitte der 1960er Jahre auszuwandern. Die Sommerferien verbrachte ich stets auf den Heimatdörfern bei Großeltern und einer großen Verwandtschaft. Das sind die schönsten Kindheitserinnerungen. Ich wurde 1967 in die 7er- Schule in Kronstadt eingeschult und besuchte ab 1971 bis zur Auswanderung im November 1972, einen Tag nach meinem 12. Geburtstag, die Honterusschule.
Wohin seid ihr ausgewandert?
Wir wanderten nach Gummersbach im Oberbergischen Kreis aus, wo eine Schwester meiner Mutter lebte. Nach sechs Wochen war unsere Auswanderung vorbei: Wir hatten eine Wohnung, die Mutter Arbeit, Bruder und Schwester eine Lehrstelle und ich wurde in einer Hauptschule angemeldet, die ich nach neun Schulklassen mit 16 Jahren verließ, um eine Ausbildung zum Betriebsschlosser zu machen. Während meines zweiten und dritten Lehrjahrs besuchte ich eine Abendschule und erhielt die Mittlere Reife. Danach folgte ein Jahr an einer technischen Fachoberschule, wo ich das Fachabitur erhielt. 1980 folgte der Wehrdienst und anschließend ein Studium der Sozialwissenschaften in Wuppertal, welches ich aber nicht beendet habe. Danach machte ich erneut eine Lehre als Fachbuchhändler in Köln und Düsseldorf und war rund 10 Jahre u.a. in Frankfurt und Nürnberg als solcher tätig. Wichtig ist, dass ich 1986 in meinem Studium ein Interesse an Siebenbürgen entdeckte und gemeinsam mit dem damaligen Abiturienten Harald Roth die Siebenbürgische Ferienakademie ins Leben rief, die bis heute existiert. Damals wurde ich Mitglied im Arbeitskreis für siebenbürgische Landeskunde und lernte das gesamte Spektrum siebenbürgischer Institutionen, etwa den Evangelischen Freundeskreis Siebenbürgen kennen. 1989 nahm ich an einem Rumänischsprachkurs in Klausenburg teil und fuhr in den ersten Januartagen 1990 mit einem Hilfstransport des Roten Kreuzes gleich als Dolmetscher nach Rumänien. Nach der politischen Wende nahmen die Siebenbürgenreisen zu. Meine Freunde hatten einen Jugendreiseverein gegründet und wir fuhren mit Kleinbussen häufig nach Siebenbürgen und in Städte der ehemaligen Habsburger-Monarchie. 1995 erfuhr ich, dass ein Studienleiter für die Evangelische Akademie Siebenbürgen gesucht wurde und bewarb mich dort. Ab Juni 1997 wohnte ich drei Jahre in Hermannstadt/Sibiu. Da das Gebäude der Evangelischen Akademie in Neppendorf/Turnișor noch nicht fertig war, wurden viele Veranstaltungen im Elimheim in Michelsberg/Cisnădioara durchgeführt. In der Programmgestaltung war ich frei und konnte gemeinsam mit dem Hermannstädter Jugendforum und Studierenden aus Klausenburg und Hermannstadt Veranstaltungen zur Landeskunde und zu kulturellen Themen durchführen.
Wie ging es dann nach der Tätigkeit in Siebenbürgen weiter?
Von Juli 2000 bis Ende 2004 war ich beim Siebenbürgischen Kulturrat bzw. Siebenbürgen-Institut mit Bibliothek in Gundelsheim am Neckar angestellt, dessen Geschäftsführer, Leiter mein Freund Dr. Harald Roth seit Beginn der 1990er Jahre war. Leider wurde damals die öffentliche Förderung dieser Einrichtung durch das Patenland der Siebenbürger Sachsen Nordrhein-Westfalen eingestellt und dadurch wurde ich für drei Monate arbeitslos, bis ich in Bad Kissingen eine neue Arbeitsstelle als Studienleiter des Heiligenhofs, eines Tagungshauses mit sudetendeutschen Wurzeln, fand. Hier war auch kurz zuvor eine Akademie Mitteleuropa gegründet worden, die den inhaltlichen Schwerpunkt „Die Deutschen und ihre östlichen Nachbarn“ pflegen sollte. Obwohl mir viele Regionen im östlichen Europa, etwa Böhmen, Mähren, Schlesien, Ost- und Westpreußen, Galizien usw. zunächst nicht bekannt waren und ich keine Kontakte hatte, ergaben sich solche mit der Zeit. Ich konnte eigene Veranstaltungsformate entwickeln, etwa eine Germanistische Nachwuchstagung; Städte-, Regionen-, Länderportäts; Erinnerungskulturen. Und zunächst hatte ich Siebenbürgen und ein siebenbürgisch-sächsisches Publikum gar nicht im Blick, doch konnte ich im Laufe von zwei Jahrzehnten rund 100 Veranstaltungen mit siebenbürgischen Themen, aber auch mit anderen Regionen (Groß)Rumäniens: Banat, Bukowina, Bessarabien, Dobru-dscha durchführen. Es ergaben sich Programmlinien mit dem Verband der siebenbürgisch-sächsischen Heimatortsgemeinschaften, dem Frauenreferat des Verbandes der Siebenbürger Sachsen, dem Evangelischen Freundeskreis Siebenbürgen, den siebenbürgischen Genealogen u.a. Ich kann nicht eine einzelne Veranstaltung hervorheben, nur bedauern, dass ich das nicht alles speichern und mir merken konnte. Diese Vergesslichkeit hat mich aber permanent neugierig gehalten.
Zusätzlich haben hier rund 400 sächsische Klassen-, Familien- und Heimatortstreffen stattgefunden. Besonders stolz bin ich darauf, dass die Heimatdörfer meiner Eltern, Seiburg und Radeln, sich mehrfach hier getroffen haben. Allen diesen Gruppen habe ich Führungen durch das Weltbad Kissingen und Rhönfahrten angeboten. Ich habe so jährlich an die 1000 Siebenbürger Sachsen und weitere rund 1000 Personen aus Deutschland, Österreich, Tschechien, Polen, Ungarn, der Ukraine und Rumänien hier zu Gast: Schüler, Studenten, ältere Personen. Derzeit organisiere ich rund 20 Veranstaltungen pro Jahr hier, je zur Hälfte Wochen- und Wochenendveranstaltungen. Im Durchschnitt sind es jeweils 50 Personen. Hierfür brauche ich rund 300.000 Euro öffentliche Projektförderungen. Damit werden die Seminarkosten und die Teilnehmenden, vielfach Aussiedler, Heimatverbliebene deutscher Minderheiten, Studierende etc. subventioniert. Leider ist die Finanzlage der öffentlichen Haushalte in Deutschland derzeit sehr angespannt und es werden andere Prioritäten gesetzt, so dass wir sehr schwierigen Zeiten entgegensehen. Manche meiner Referenten sind aber mehrfach im Jahr hier. Ich bin gut vernetzt und ein Großteil der Referierenden kommt eigentlich aus reiner Selbstlosigkeit, denn unsere Honorare sind sehr bescheiden. Mit manchen Referenten haben sich schöne Freundschaften entwickelt, so mit den Germanistikprofessoren Hans-Jürgen Schrader aus Genf, András F. Balogh aus Klausenburg oder die Dozenten Eszter und Szabolcs János aus Großwardein/Oradea, Isabel Röskau-Rydel aus Krakau/Krakow, Jan Pacholski aus Breslau/Wroclaw und ihre Kolleginnen und Kollegen, dem früheren deutschen Botschafter Axel Hartmann aus Pressburg, dem Fernsehjournalisten und ARD-Südosteuropakorrespondenten Peter Miroschnikoff sowie den Geschwistern Beatrice, Christel und Arno Unger, die in den deutschsprachigen Medien Rumäniens, Wochenzeitung und Fernsehen, Berichterstattung, literarische Übersetzungen und Musik, politische Kommentare, usw. Hervorragendes leisten. Daneben weitere Freundschaften nach und aus Siebenbürgen: Rumänen, Ungarn und Sachsen, Menschen mit Funktionen in Kirche und Forum, Wissenschaft, Kultur und Medien. Es ist mir nicht möglich, diese alle aufzuzählen und allen gerecht zu werden. Mehrere meiner Jugendfreunde sind heute in verantwortlichen und führenden Positionen. Ich habe zahlreiche Schriftsteller und Dichter, vor allem aus dem Banat und Siebenbürgen, im Hause gehabt, von Joachim Wittstock über Karin Gündisch zu Iris Wolff. Die Jahre 1997 bis 2000 in Siebenbürgen waren, wie zuvor das Netzwerk der Ferienakademie, für meine Arbeit essentiell. Ohne diese Kontakte, vor allem aber die Bereitschaft Tausender Referenten, die viel Zeit in die Vorbereitung und Präsentation sowie für An- und Abreise aufgebracht haben, wäre meine Tätigkeit nicht erfolgreich gewesen.
Hast du ein Lieblingsbuch?
Als gelernter Buchhändler lese ich natürlich gerne Bücher, werde aber von einer exzessiven Zeitungslektüre, bevorzugt auf Papier, abgehalten. Von den siebenbürgisch-sächsischen und banat-schwäbischen Autoren dürfte ich nicht wenig gelesen haben. Viele dieser Autoren habe ich persönlich kennengelernt. Ehemalige Mitglieder der Aktionsgruppe Banat und ihres Umfeldes kommen jährlich zu einer Tagung nach Kissingen. Von Eginald Schlatter habe ich fast alles gelesen. Früher gerne auch die Erzählungen und Romane von Erwin Wittstock und Paul Schuster. Aber ich bin nunmehr zögerlich, allzuviele neue Bücher anzuschaffen, da meine Bibliothek überquillt und mir kaum Zeit bleibt, vieles gesammelte noch (einmal) zu lesen. 1990 hatte ich eine Vision, eine Buchhandlung in Hermannstadt auf dem Großen Ring zu eröffnen. Dieses Vorhaben ist vorbildlich anderthalb Jahrzehnte später mit dem Erasmus-Büchercafé von anderen Personen mit mehr Unternehmergeist im Teutsch-Haus mit landeskirchlichem Museum und Archiv geschaffen worden. Und in der Nähe dieses Ortes ist die Johanniskirche, wo der spätgotische Altar aus Radeln, geschaffen 1520 von Veit Stoß d.J., vor dem ich getauft wurde, eine Heimstätte gefunden hat. Einer der schönsten Plätze im schönen Hermannstadt.
Welches Verhältnis hast du zu deiner Heimatstadt Kronstadt?
In der Zeit meiner Siebenbürgen-Aufenthalte ist mir Hermannstadt noch mehr ans Herz gewachsen als meine Geburtsstadt Kronstadt. Ich beziehe seit rund drei Jahrzehnten die Hermannstädter Zeitung und kenne fast die gesamte deutschsprachige und evangelische Gemeinschaft Hermannstadts. Kronstadt ist eine wunderbare Stadt und mein Lieblingsplatz ist natürlich der Blick von der Zinne auf die Altstadt, die Burzenländer Ebene und die Berge. Besondere Kindheitserinnerungen sind natürlich die Weihnachtsgottesdienste mit den bekannten Liedern und dem wuchtigen Orgelspiel in der Schwarzen Kirche, das imposante Bauwerk und die kalten und schneereichen Winter. Und manchmal bedauere ich es, dass ich nur so kurze Zeit an der Honterusschule war.
Du bist verheiratet und hast zwei Töchter?
Während meiner Zeit in Rumänien habe ich meine Frau Mihaela, die aus Heltau/Cisnădie stammte, kennengelernt und wir haben 1999 geheiratet. Im Folgejahr zogen wir nach Deutschland wo unsere Töchter Sarah und Hanna in Mosbach geboren wurden. Unsere Kinder waren in allen Sommerferien in Michelsberg, wo wir einen alten Hof erworben hatten. Unseren Kindern ist es wichtig, diesen zu erhalten.
Was hat dich in Deutschland geprägt?
Ich hatte in Gummersbach-Bernberg einen Freundeskreis, der aufgrund einer aktiven kirchlichen Jugendarbeit in einem Neubauviertel zustande kam und den wir bis heute durch jährliche Treffen pflegen. Es gab wöchentliche Jugendtreffen mit Andachten, Singen, Freizeitgestaltung, Sommer- und Silvesterfreizeiten. Von diesen dort gelernten Soft Skills habe ich viel profitiert. Und mit 18 habe ich dort auch die Theodor-Heuss-Akademie der Friedrich-Naumann-Stiftung und die politische Bildung kennengelernt. Beides hat mich nachhaltig geprägt.
