Weder ein Accessoire noch verpflichtend, aber nicht zu ersetzen

Der Helm kann das Wichtigste überhaupt beim Radfahren sein

Kleinkinder mit zu weit nach hinten aufgesetztem Helm mögen wegen freiliegender Stirn mit Kopfhaaren zwar putzig aussehen, verdienen es aber nicht, von Eltern und Erwachsenen gegen das verwundende Stürzen nach vorne schlecht geschützt zu werden. Foto: künstlich intelligent generiert auf bing.com

Der Favorit nicht weniger Freizeitsportler: Helme mit Hartplastik-Schild für mehr Schutz für das Gesicht Fotos (3): Klaus Philippi

Fahrradhelme für Kinder: Der mittlere auf diesem Bild hier liegt viel zu weit hinten am Kopf und würde das Gesicht bei einem Sturz nicht genug schützen. Am besten platziert ist der rosafarbene, der dafür den Gurt offen hat. Geschlossen ist er beim roten, der auch korrekt auf dem Kopf sitzt.

Über die Vielfalt an Fahrradhelmen in Sportgeschäften kann man sich gewiss nicht beschweren. Was es direkt im Geschäft nicht vorrätig gibt, findet sich garantiert im Online-Shop mit über 1000 Optionen.

Zehn Meter noch, manchmal auch nur noch fünf, und dann könnte tatsächlich der frontale Zusammenstoß geschehen. Als ob der Herr oder die Dame auf dem Sattel es so richtig drauf ankommen lassen möchte. Gut, der eine von zwei Gehsteigen ist selbst für Fußgänger eng, und wenn man es vielleicht gerade sehr eilig hat, kann für das flüssige Vorankommen auch der andere nicht breit genug sein, den alle mögen, die weder Auto noch Drahtesel nutzen. Bleibt leider oft nur noch die Asphaltbahn für PKW und den elektrisch betriebenen Linienbus übrig, der auch die Altstadt bedient. Ich wohne auf einer der am stärksten befahrenen Einbahnstraßen Hermannstadts/Sibius und beobachte es in der Regel wöchentlich, das nicht ungefährliche Fahrradfahren auf der Autospur gegen die Fahrtrichtung. Nein, ich halte nicht Ausschau nach Leuten, die es tun. Aber es passiert eben auch vor meinen Augen, und bislang ist die Sache immer unfallfrei ausgegangen. Gebe Gott, dass es so bleibt. Weil diejenigen, die sich zweirädrig in der verbotenen Fahrtrichtung auf die Einbahnstraße wagen, gelegentlich gar auch noch ihren Kopf zur Seite neigen, um beim Telefonieren das Smart- oder iPhone auf der hochgezogenen Schulter ja nicht zu verlieren. Ein Helm, für den Fall der Fälle? Den trägt eigentlich niemand.

Dabei gibt es ihn schon ab läppischen 80 Lei im Decathlon. Köpfe von Kindern lassen sich dort zu gar noch niedrigerem Preis von 70 Lei gemäß der Europäischen Norm 1078 ausstatten. Sie fordert das ungehemmte Sichtfeld, einwandfreie Funktion bei Trockenheit wie bei Nässe, Beschriftungen mit Informationen, Gurte – und im Kern der Bestimmung die Fähigkeit des anatomisch geformten Materials, Schocks zu absorbieren. „Der Helm ist kein Accessoire”, schärft die Decathlon-Homepage Surfenden ungefragt ein. „Er sichert Schutz!” Im Ernstfall erleidet der Helm einen Sprung oder er bricht entzwei, und der Kopf darin bleibt heil. Doch nur, wenn vor dem Losfahren die Gurte genügend festgezurrt worden waren. Warum Gurte und nicht Gurt? Klar, da handelsübliche Helme stets zwei haben: einen vertikalen zur Schließung unter dem Kiefer, und den horizontalen für nochmal angepassten Sitz.

Beide Gurte sind individuell einstellbar, weswegen es gar nicht erst passieren kann, das Sportfachgeschäft mit dem falschen Einkauf zu verlassen. Außerdem soll man beim Fahrradfahren trotz Helm noch frei sprechen und je nach Bedarf auch bloß durch den Mund atmen können. Selbst Profis der spitzenmäßig besetzten Großrundfahrten wie dem Giro d´Italia, der Tour de France und der Vuelta a España dürfen vom Startschuss bis zur Zieleinfahrt jeder einzelnen Etappe ihren Helm nicht abnehmen, und sei es auch eine Tagesstrecke bei sengender Sonne über steilen Pässen und Bergankünften auf bis zu 2800 Metern Höhe in den Alpen oder Pyrenäen. Seit über 20 Jahren gilt die Ausnahmeregelung nicht mehr. Obwohl Kfz-Gegenverkehr sich auf den für die Dauer von Profi-Wettrennen gesperrten Straßen nicht ereignen kann. Ein Grund mehr also, als Laie besser mit Helm zu fahren, statt ohne, zumal in Rumänien. Mal ehrlich: wem ist das Risiko, mit einer Gehirnerschütterung oder gar noch Schlimmerem in der Notaufnahme zu landen, ausreichend niedrig, um den Helm für nicht zwingend nötig zu halten? Beim Gedanken an Rumäniens staatliche Krankenhäuser sollte die Vorsicht viel eher zunehmen als sinken, oder?

Profis haben keine Wahl

Zumal Rumänien und Bulgarien traurig die Spitze der EU-Statistik von Verkehrsunfällen halten. Trotzdem es zu Fahrschulen gehören sollte, sich am Lenkrad die Sicherheits-Routine anzutrainieren, vor jedem Einbiegen in den Seitenspiegel zu schauen. Und gelegentlich ist der Schulterblick auch für Passagiere verpflichtend, denen keine Fahrradfahrer von hinten in eine unachtsam geöffnete Türe stürzen sollen. Details, die im Osteuropa der ersten Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs kaum groß zählten, als nicht wenige erwachsene Radfahrer von heute gerade lernten, in die Pedale zu treten und die Lenkstange zu beherrschen. Sportlich schnell Auto gefahren wurde noch nicht, die Gefahr des Zusammenstoßens mit PKW aus anderer Richtung war vernachlässigbar.

Seit wann überhaupt werden Helme für das Fahrradfahren gebaut und von Profis wie Laien gebraucht? Die Antwort ist ziemlich weit davon entfernt, sich auf das 21. Jahrhundert zu beschränken: erste Helme, wenn auch streng militärisch im Aussehen, gab es ein paar Jahre vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs, und die bald nach dem Zweiten Weltkrieg aufkommenden Sturzringe überdauerten sogar den Kalten Krieg: direkt auf den Kopf gespannte elastische Riemen, wie Schläuche mit dämpfendem Material gefüllt. Aus ihnen als der echt letzten Vorstufe ergaben sich endlich die harten Fahrradhelme unserer Tage im dritten Jahrtausend. Profis ohne Sturzringe setzten sich die kleinen Schirmmützen zum Schutz vor der Sonne auf, oder fuhren ganz einfach ohne Kopfbedeckung. Was seit 2003 auf keinen Fall mehr erlaubt ist. Die Union Cycliste Internationale (UCI) macht da null Kompromisse.

Sicherheit vor Schönheit

Ob es für Laien ausreichend ist, sich wahllos auf irgendeinen Helm zu verlassen? Genügt es, sich den nächstbesten zu greifen, ihn dem eigenen Kopf aufzusetzen, die Gurte zu schließen, und fertig? Nein, nicht ganz. Weil nicht nur der Schädel geschützt sein will, sondern so weit wie möglich auch das Gesicht. Nur ein mittig positionierter und ohne zu wackeln sitzender Helm schützt Stirne, Wangen, Nase und Kinn vor üblen Kratzern und Schürfwunden. Wurde er zu weit auf den Hinterkopf zentriert und festgezurrt, mag sich das zwar für die Trägerin oder den Träger angenehm anfühlen; im Ernstfall aber steigt das Risiko, sich Schrammen ausgerechnet an empfindlichsten Stellen einzuhandeln. Nie wird man Radrennfahrer dabei ertappen können, dass während der Trainingsfahrt oder dem Wettkampf die Stirn vom Helm komplett unbedeckt bleibt. Er gehört bis dicht über die Augenbrauen fixiert. Auch ein nach Wunsch von Farbe und Stil ausgesuchter Fahrradhelm ist in erster Linie dazu da, Verletzungen vorzubeugen. In der kalten Jahreszeit obendrein kann er für Wärme sorgen, und auch eine nicht zu dicke Wollmütze passt noch bequem darunter.

Je schneller und sportlicher, desto notwendiger. Genau darum sind Fahrradhelme bestimmt nicht nur was für Profis. Autofahrern und ihren Passagieren gilt bei Strafe die Pflicht zu angelegtem Gurt. Ob in unfallreichen Staaten wie Rumänien Helm-Pflicht für Radfahrer gesetzlich sinnvoll wäre? In Deutschland beispielsweise muss ein Verkehrssünder auf dem Fahrrad, den die Polizei erwischt, auch seinen Kfz-Führerschein abgeben, wenn sie es für gerechtfertigt hält. Auf Einbahnstraßen in verbotener Fahrtrichtung Tretroller oder Rad fahren, noch dazu ohne Helm? Das überlegt man sich besser wenigstens dreimal, bevor es irgendwann einmal doch schiefgeht.