Wenn die Glocken in den Dörfern wieder klingen...

Kann Schönbergs Lösung Musterbeispiel auch für andere Kirchenburgen sein?

Die Kirchenburg von Schönberg

Hedwig Herberth, „Heditante“

Wenn die Kirchenglocken wieder über die weite Landschaft tönen...

Wenn Kirchenglocken in nahezu verlassenen siebenbürgischen Dörfern nicht mehr klingen, ist ein Stück sächsisches Leben für immer in der Vergangenheit versunken. Schmerzhaft für die wenigen, die dort noch wohnen, die dort vielleicht begraben werden möchten. Aber auch für jene, die sich ihrer alten Heimat immer noch verbunden fühlen.

So erging es Hedwig Herberth, bekannt als Heditante, langjährige Organistin und treue Dienerin der evangelischen Kirche in Schönberg/Dealu Frumos, die Kirchenburg und Pfarrhaus betreute und Touristen über das einst blühende sächsische Leben vor Ort erzählte. Bei jedem Besuch aus Deutschland beklagte sie ihre bedrückende Einsamkeit, seit fast alle ihrer Landleute ausgewandert waren. Am meisten aber vermisste sie den Klang der früher aus dem Alltag nicht wegzudenkenden Kirchenglocken. „Ich habe in all den Jahren mit dem Glockenläuten unsere Verstorbenen zum Friedhof begleitet. Nun funktionieren die Glocken nicht mehr, niemand hat Interesse, sie zu reparieren, es schmerzt mich jetzt der Gedanke, dass sie mich auf meinem letzten Weg nicht mehr begleiten werden“, sagte sie  im Sommer 2021 zu Johann Stürner von der Heimatsortsgemeinschaft Schönberg (HOG). „Dies war der Moment, ihr das Versprechen zu geben, alles zu tun, um dies zu ändern“, erinnert sich dieser.

Inspiration vielleicht auch für andere Dörfer

Es sei vorweggenommen: Es ist gelungen! Die Glocken von Schönberg erklingen heute wieder regelmäßig zu allen Gelegenheiten, zu denen Kirchenglocken eben läuten müssen. Obwohl die drei bronzenen  Glocken im Kirchturm paradoxerweise gar nicht selber läuten… Zu gefährlich, weil ein großer Riss die Große Glocke (gegossen 1628) durchzieht und mit der Zeit immer tiefer wurde, so dass sie nicht mehr gut klang und auch nicht mehr geläutet werden durfte, das gut 500 Kilogramm schwere Stück hätte dabei auseinanderbrechen können. Dank eines Verstärkungsrings, der sie seit 2021 sichert, kann sie zumindest an ihrem ehrwürdigen Platz bleiben und vor Ort bestaunt werden – sie und ihre beiden kleineren „Schwestern“, die  Mittlere Glocke (gegossen 1628) und die Kleine Glocke (gegossen 1538). Sie ruhen also dort und lauschen sozusagen ihrem eigenen Klang – wie ist das möglich? 

Die Lösung, die die Schönberger HOG zur Rettung ihres geliebten heimatlichen Glockenklangs fand, könnte, so meint, Johann Stürner, auch für andere Dörfer eine gute Idee sein...

Glocken, Herzstück jeder Kirchenburg

Doch warum sind die Kirchenglocken den Siebenbürger Sachsen so wichtig?

Glocken waren das Herzstück jeder sächsischen Kirchenburg – geläutet wurden sie nicht nur bei Gottesdiensten, Beerdigungen und anderen kirchlichen Ereignissen, sondern sie warnten auch vor Feuer und anderen Gefahren und signalisierten darüberhinaus die Uhrzeit, als die Menschen noch keine tragbaren Chronometer hatten. Für die Dorfgemeinschaft waren sie darüberhinaus ein Statussymbol: ihre Größe und Anzahl reflektierte den Wohlstand.

In Schönberg hing der Stolz der Gemeinde in Form von drei stattlichen Bronzeglocken im Westturm der Kirchenburg. Bis zum Einbau eines elektrischen Antriebs 1984, gespendet von bereits im Kommunismus ausgewanderten Schönbergern, wurden sie manuell geläutet. Das bedeutete, für jede Glocke musste ein Mann mühevoll auf den Turm bis zum Glockengestühl steigen und kräftig am Seil ziehend den Klöppel zum Schwingen bringen. Bei Hitze, Kälte und Wind eine anstrengende und nicht ganz ungefährliche Arbeit, die vom Burghüter und von jungen, kräftigen Gemeindemitgliedern geleistet wurde. Bis das elektrische System die bequemere Bedienung des Steuersystems hinter der Orgel erlaubte.

Mit der Auswanderungswelle von 1990, die Schönberger Kirchengemeinde wurde aufgelöst, sind die Glocken für immer verstummt. Zwar wurden Kirchenburg, Gemeindesaal und Volksschule von der Evangelischen Kirche A.B. (EKR) an die Bukarester Architektur-Universität „Ion Mincu“ für 25 Jahre verpachtet und von dieser umfassend restauriert, doch das elektrische Glockengeläut wurde nicht mehr gewartet – vermutlich hatten es die Experten als nicht erhaltenswert eingestuft.

Finanzielle Hürden und eine überraschende Lösung

Mehr als 30 Jahre waren von 1990 bis zum Besuch der Schönberger HOG-Leute und ihrem Versprechen an Heditante vergangen. 30 Jahre, in denen die Glocken nicht mehr geläutet wurden. Wie könnte man sie nach so langer Zeit wiederbeleben? Eine Generalüberholung des elektrischen Geläuts plus Schweißung der geborstenen Großen Glocke stellte sich schnell als zu teuer heraus. Angeboten zufolge hätte allein die Schweißung des Risses ca. 10.000 Euro gekostet, ein Neuguss an die 20.000. Für Abbau, Transport und Wiedereinbau wären weitere 6000 Euro angefallen. Hinzu kommt, dass jemand vor Ort das System hätte bedienen müssen. 

Man entschloss sich also 2021 zunächst nur zur Sicherung der Großen Glocke durch den Metallring, der in Deutschland gefertigt und in Eigenregie eingebaut wurde – für rund 1000 Euro aus Spendengeldern.
Wie die Glocken dann doch noch zum Klingen kamen? Nach umfassender Recherche war die HOG auf ein erschwingliches elektronisches System gestoßen, das die Wiedergabe von originalgetreuen Glockenklängen aus robusten Trichterlautsprechern per automatisierter Programmierung erlaubt – ohne Personal, ohne Wartungskosten, mit nur geringen Stromkosten. 2022 wurde es von HOG-Mitgliedern und Helfern vor Ort innerhalb nur drei Stunden eingebaut und in Betrieb genommen. Gesamtkostenfaktor: rund 7400 Euro.

Fernbedienung und GPS erlauben eine Steuerung auf Distanz. Es gibt Programme für feste und bewegliche Feiertage, für den Viertel- und Stundenschlag, Nachtabschaltung und Sonderprogramme für Totensonntag, Weihnachten, etc. Die Glocken können gleichzeitig, einzeln oder versetzt geläutet werden oder Liedfolgen wiedergeben, etwa „Stille Nacht“ an Weihnachten. Auf Wunsch können die Glocken auch zur Beerdigung eines Schönbergers in Deutschland im Heimatort erklingen. 

Neues Leben auch für die Turmuhr

Das nächste Problem war die Turmuhr: Angetrieben wurde sie über zwei Seilzüge mit schweren Gewichten, die regelmäßig aufgezogen werden mussten. Die Uhr mit je einem Ziffernblatt auf der Nord- und Südseite des Hauptturms steuerte auch die Hämmer für den Stundenschlag an den Glocken. Doch nach all den Jahren hatte das Uhrwerk dasselbe Schicksal wie die Glocken ereilt. Nach 1990 war die Uhr praktisch nicht mehr in Betrieb. Reparatur und Wartung, Installation eines Aufzugs für die Gewichte sowie die Personalkosten für die Betreuung wären zu teuer gewesen. So wurde auch hierfür nach einer Alternativlösung gesucht. Und nach umfangreicher Suche gefunden: ein elektronisches System eines einheimischen Herstellers für weniger als 5000 Euro erlaubt den Antrieb der Ziffernblätter, die Steuerung der Schlagmotoren für den Stundenschlag (was jedoch in Anbetracht des elektronischen Glockensystems nicht in Anspruch genommen wurde), automatische Zeitkorrektur bei Stromausfall oder Zeitumstellung, dies alles zu geringem Stromverbrauch. Für dieses System hat das Rathaus in Mergerln/Merghindeal die Kosten übernommen.

Siebenbürgens Glockenschläge in die Zukunft retten

Im August 2026 hat Johann Stürner die beiden Lösung auf einer Festlichkeit in Schönberg der Öffentlichkeit vorgestellt. Die Präsentation mit allen technischen Details – dem Glockengeläut eines Anbieters aus Deutschland und dem Turmuhrschlag eines rumänischen Herstellers – hat er auf YouTube veröffentlicht , und sich dann mit der Idee, dass die Lösung von Schönberg auch für andere Dorfgemeinschaften in Siebenbürgen von Interesse sein könnte, auch an die ADZ gewandt.

Die wichtigsten Vorteile der Schönberger Lösung: Der Klang der Glocken ist absolut naturgetreu und kann laut Stürner vom Klang der originalen Bronzeglocken nicht unterschieden werden. Die Lautstärke ist einstellbar und auf Wunsch auch weit über die Dorfgrenzen hinaus zu hören. Alle Komponenten sind unsichtbar im Turm installiert und beeinträchtigen das Besichtigungserlebnis der altehrwürdigen Kirchenburgen in keinster Weise. Wichtig auch zu wissen, dass die EKR die Systeme in Schönberg genehmigt hat. „Es ist unsere feste Überzeugung, dass nur mit moderner Technik das Glockenläuten und der Uhrenschlag in den meisten unserer Heimatorte weit in die Zukunft gerettet werden kann“, schreibt Johann Stürner. Es sei Anerkennung und ein Dank „für die Zeit, die wir in dieser geborgenen und wohlbehüteten Gemeinschaft einen großen Teil unseres Lebens verbringen durften“.


Der vorliegende Artikel entstand auf der Basis der Präsentation von Johann Stürner über die beiden technischen Lösungen für Glockenschlag und Turmuhr auf YouTube. Dort erfahren Interessierte auch Details zu den verwendeten technischen Systemen:
youtube.com/watch?v=oZItp6fizVY
youtube.com/watch?v=bgtc5BoPLjc