Vor einem Jahr wurde Benjamin Józsa, Geschäftsführer des Demokratischen Forums der Deutschen in Rumänien (DFDR) in das Amt des Sprechers der Arbeitsgemeinschaft deutscher Minderheiten (AGDM) in der Föderalistischen Union Europäischer Nationalitäten (FUEN) gewählt. Diese befasst sich im Schwerpunkt mit der Vernetzung der deutschen Minderheiten aus Europa und Zentralasien und wird in diesem Jahr 35 Jahre alt. Im Gespräch mit ADZ-Redakteurin Aurelia Brecht zieht der AGDM-Sprecher Bilanz über das erste Jahr.
Herr Józsa, vor einem Jahr wurden Sie zum Vorsitzenden der AGDM gewählt. Wie haben Sie das erste Jahr im Amt erlebt?
Das erste Amtsjahr ist ja immer etwas schwieriger, weil man viel mehr umsetzen möchte als man aufgrund der Situationen umsetzen kann. Aber ich habe das Jahr als unheimlich bereichernd empfunden, weil ich noch mehr als in der bisherigen Tätigkeit mit der deutschen Politik zusammenarbeiten durfte; die „Herzkammer der Demokratie“, der Bundestag, hat mich immer schon fasziniert. Es war ein Jahr, geprägt von sehr vielen Gesprächen, von viel Arbeit – was voraussehbar war – und ich hoffe, von einigen Weichenstellungen, von denen die AGDM und die deutschen Minderheiten auch noch in mehreren Jahren zehren werden.
Die Schwerpunkte, die Sie sich gesetzt haben, waren die verstärkte Sichtbarmachung der deutschen Minderheiten in Deutschland und in ihren jeweiligen Ländern, die Förderung der Zusammenarbeit der Minderheiten untereinander und die Stärkung der Jugendarbeit. Was konnte hier bisher erreicht werden?
Ich würde die Reihenfolge umdrehen: Das Wichtigste ist für uns die Jugendarbeit und unsere Zukunft, die in ihr liegt. Als ich noch kein AGDM-Vorsitzender war und mehr oder weniger informell mit Vertretern der Jugend zu tun hatte, habe ich gemerkt, dass die Jugend viele Fragen hat, die über die tägliche Arbeit im Verband hinausgehen: Deswegen habe ich ein Mentoratsprogramm ins Leben gerufen, wo verschiedene jugendliche „In-spe-Funktionsträger“ zur AGDM nach Berlin oder zu einem anderen Mitgliedsverband kommen können. Dort erhalten sie die Möglichkeit, neben einem Funktionsträger zu sitzen und nicht nur die Arbeit an der Basis kennenzulernen, sondern eine ganzheitliche Entwicklung mitzumachen. Sie erfahren einiges über die Kunst und Kultur des jeweiligen Landes, über Geschichte, Mentalitätsgeschichte und über persönliche Entwicklung.
Der zweite Punkt war die Sichtbarmachung der deutschen Gemeinschaften in Deutschland und in ihren jeweiligen Ländern.
Hier habe ich in diesem Jahr festgestellt, dass die deutsche Minderheit in den Herkunftsländern sichtbarer ist als in der Bundesrepublik Deutschland. Das ist nicht neu, aber ich bin verwundert, wie wenig man über deutschen Minderheiten, die außerhalb Deutschlands leben, weiß, und das selbst an den höchsten Stellen. Wir haben unsere Partner, die uns kennen und mit denen wir eng zusammenarbeiten, aber außerhalb dessen ist das Interesse fast gar nicht vorhanden. Ich möchte das beileibe nicht als einen politischen Inhalt werten, das Interesse ist in Deutschland nicht gegeben, weil man über die deutschen Minderheiten schlicht nichts mehr weiß. Deshalb planen wir gerade eine große Wanderausstellung, die 2028 im Bundestag eröffnet werden soll. Diese wird sich speziell an die Deutschen aus Deutschland richten und vom Bundestag aus nicht nur durch die verschiedenen Länderparlamente touren, sondern auch ein Modul enthalten, mit dem wir in Schulen gehen können. Dieser pädagogische Ansatz verspricht den meisten Erfolg.
Der dritte Punkt war die Förderung der Zusammenarbeit der Minderheiten untereinander...
Dieser Punkt ist ein wenig in Vergessenheit geraten, denn: Wir haben uns in der AGDM sternförmig ausgerichtet. Die Strahlen gehen nach Berlin und von Berlin weg. Wir treffen uns in Berlin, damit wir unsere Gespräche mit der deutschen Politik führen – so gibt es die Verbindungen von Deutschland nach Kroatien, von Deutschland nach Ungarn, usw. Ich möchte eher zu einer netzartigen Struktur finden, damit die Verbindungen unter den Minderheiten gestärkt werden. Es gibt nämlich einige Minderheitengruppen, die mehr miteinander zu tun haben als andere: Zum Beispiel die ehemaligen GUS-Staaten, die ein gemeinsames Schicksal teilen, wie Russland, Kasachstan, Usbekistan, Georgien und Armenien. Dann gibt es die Minderheiten des früheren Ostblocks hinter dem Eisernen Vorhang, nämlich Ungarn, Rumänien, Kroatien, Serbien, Tschechien, Slowakei, usw. Diese Minderheiten haben zum Teil gemeinsame Probleme aber auch Lösungsansätze und man kann auf Erfahrungen zurückgreifen: In diesem Kontext können wir als rumäniendeutsche Minderheit beispielsweise Lösungen anbieten – denn wir haben eine lange politische Tradition und eine genauso lange Tradition in einem deutschsprachigen Schulwesen. Diese Lösungen haben wir in langen Jahren, ja Jahrhunderten erarbeitet – angepasst können sie sicher auch in anderen Ländern angewandt werden.
Deutsche Minderheiten scheinen in Deutschland oft eine Art „Stiefkind“ zu sein. Wie gehen Sie damit um?
Stiefkind als Wort ist vielleicht ein wenig zu hart gewählt. Ein Kind als Stiefkind ist ein gewollter Prozess, während wir eher aus Unkenntnis nicht beachtet werden. Ich beklage ja nicht, dass die deutsche Minderheit irgendwo schlecht behandelt worden wäre, sondern sie ist nicht im Bewusstsein. Vielleicht spielt auch ein wenig die Geschichte Deutschlands mit, in der die Minderheiten manchmal zum Spielball der Geschichte geworden sind. Es ist sicher ein vielschichtiges Thema, aber ich habe nicht den Eindruck, dass uns jemand absichtlich schlecht behandeln oder nicht beachten möchte. Es ist einfach das Wissen nicht mehr da, dass es eine Million Minderheitenangehörige außerhalb der Grenzen von Deutschland gibt, die noch die deutsche Sprache und Kultur pflegen, die ein deutsches Schulwesen haben, in Rumänien sogar ein staatlich finanziertes.
Mir geht es nicht nur um die Beziehung der Minderheiten zu Deutschland, sondern auch um den umgekehrten Weg. Deutschland kann von den Erfahrungen der verschiedenen Länder profitieren. Wir haben einen Krieg vor den Toren Europas. Einige unserer Länder sind fast Frontländer, sie grenzen an ein Kriegsgebiet und sind auch für die Politik Stabilitätsanker: Als in Polen gewählt wurde, wurden die Rechtsextremen in den Gebieten, in denen es eine starke deutsche Minderheit gab, kaum gewählt. Man konnte die Karte übereinanderlegen: Wo es deutsche Minderheit gab, gab es mehr demokratisches Verständnis.
Wir haben auch Lösungen für Probleme, die Deutschland umtreiben, anzubieten: Denn wir sind ja par excellence bikulturell geprägt. Wir sind in der deutschen Kultur zu Hause, aber auch in der Kultur unseres Heimatlandes. Wir denken immer zwei Sichtweisen mit. Mittlerweile leben wir in einer Welt, wo man zwingend zwei und mehr Sichtweisen mitbedenken und mit ihnen umgehen können muss. Gerade Siebenbürgen – das Mini-Europa bevor es die EU gab – hat Lösungen für einige Probleme. Es wäre schade, die nicht anzuwenden.
Ihr Vater ist Szekler, Ihre Mutter Siebenbürger-Sächsin. Inwieweit stehen Sie selbst mit jeweils einem Bein in unterschiedlichen Welten?
Ich stehe mit meinen Beinen in verschiedenen unterschiedlichen Welten, da ja schon der sächsische Teil nur teilweise sächsisch war, denn mein Großvater stammte aus Böhmen. Das heißt, es handelte sich vereinfacht gesagt um katholische Sachsen. Ich habe Sprachen studiert – dabei stellt man fest, dass jede Sprache einen anderen Teil der Seele anspricht. Es ist ganz normal, dass man einiges im Deutschen sagen kann, ganz anders im Ungarischen denkt und wieder anders im Rumänischen. Das hilft mir aber, denn das ist eine sehr gute Schule, um Töne in ganz verschiedenen Gesellschaften zu treffen. Diese Mehrsprachigkeit und die Kulturkreise, in denen ich aufgewachsen bin, haben mich sehr sensibel gemacht für Zwischentöne. Ich denke, dass das sowohl mir als auch meinem Umfeld viel gebracht hat.
Inwieweit nützt Ihnen das für die Tätigkeit der AGDM?
Bei der AGDM-Tätigkeit hilft es, möglichst viele Sprachen zu sprechen. Hier habe ich auch eine Sache aufgrund meines Nachnamens gemerkt: Er ist der Indikator dafür, wie sehr sich ein potenzieller Gesprächspartner mit dem, den er vor sich hat, auseinandergesetzt hat. Es scheint vielleicht eine Kleinigkeit: Aber ich war schwer beeindruckt, als ich den ersten Termin als AGDM-Sprecher mit Innenminister Dobrindt hatte und der mich mit einem perfekt ausgesprochenem „Józsa“ begrüßt – mit zwei Lauten, die es in der deutschen Sprache nicht gibt. Das hat mir gezeigt, dass er – ich gehe sehr stark davon aus, dass Herr Dobrindt nicht Ungarisch spricht – jemanden gefragt hat oder sich irgendwie darauf eingestellt hat. Das zeigt die Ernsthaftigkeit eines Gesprächs. Wenn ich andererseits im Briefverkehr sehe, wie falsch man fünf Buchstaben schreiben kann, merke ich, dass manche Leute ihr Gegenüber eher nicht so wichtig nehmen. Ein komplizierter oder ungewöhnlicher Name ist manchmal ein guter Indikator für die Ernsthaftigkeit eines Gesprächs oder einer Zusammenarbeit.
Gibt es eine unterschiedliche Sichtbarkeit der deutschen Minderheiten?
Ja, je nachdem welches die Schwerpunkte ihrer Arbeit sind. Manche Minderheiten werden eher politisch wahrgenommen, andere durch ihre Folklore, wieder andere durch ihre Literatur. Als Herta Müller den Nobelpreis bekam, waren die Deutschen aus Rumänien und die Banater Schwaben in aller Munde.
Was kann man tun, um die jeweiligen Mehrheitsgesellschaften in den Ländern für die Kultur der Minderheiten zu interessieren?
Die meisten Mehrheitsgesellschaften interessieren sich schon für diese Kultur. Man kann als Minderheit mit der Kultur für sich werben und zeigen, dass man keine Bedrohung für die Mehrheitsgesellschaft darstellt, sondern im Gegenteil eine Bereicherung. Kultur verbindet und diesen Umstand muss man unablässig für sich zu nutzen wissen.
Wie schätzen Sie die zukünftige Entwicklung der deutschen Minderheiten ein? Welche Rolle spielt dabei die deutsche Sprache?
Als ich beim Jugendforum Hermannstadt angefangen habe, schien die Entwicklung der deutschen Minderheiten und der deutschen Minderheit in Rumänien klar: Es ging abwärts und es gab eine Menge Leute, die mir sagten, dass es in zehn Jahren keine Deutschen mehr in Rumänien geben werde. Dasselbe erlebten meine Kollegen in Polen, in Kroatien oder in Ungarn. Aber dreißig bis fünfunddreißig Jahre später gibt es die Minderheiten noch und sie sind aktiver denn je. Ich denke, wir müssen uns um die deutsche Minderheit keine Sorge machen. Wohl aber um die Qualität der deutschen Sprache und des deutschen Unterrichts. Wir müssen möglichst in allen Ländern sicherstellen, dass ein Kind, das Deutsch lernen möchte, dieses auch kann.
Kürzlich fand in Helsinki der FUEN-Kongress statt. Unter dem Motto „Vision 2100 – Zukunft der deutschen Minderheiten in Europa – Selbstbestimmt. Gestalten. Weiterdenken“ wurde ein Thinktank ins Leben gerufen. Was soll damit erreicht werden?
Die AGDM ist eine politisch gedachte Organisation. Dort sind meistens die Vorsitzenden und Geschäftsführer der einzelnen Minderheiten vertreten. Die Arbeit ist sehr prozessorientiert: Man denkt in Mandaten, auch mittelfristig, aber nicht langfristig, weil schlicht die Zeit dafür fehlt. Deswegen wollte ich einen Kreis bilden, in dem die politische Ebene vertreten ist, aber auch Leute aus ganz anderen Bereichen, wie beispielsweise, Gerald Volkmer, der stellvertretende Direktor des BKGE (Anm. d. Red.: Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa), der von Anfang an dabei war. Wir wollen Wissenschaftler, Presseleute, Kunstschaffende dafür gewinnen, um über Fragen nachzudenken: Wie deutsch kann man sein, wenn man nicht mehr Deutsch spricht? Das ist in einigen Gemeinschaften eine relevante Frage. Eine weitere Frage wird wahrscheinlich der Umgang mit rechtsextremen Parteien sein, die die Minderheiten in die ein oder andere Richtung vereinnahmen wollen könnten. Wir wollen mit diesem Thinktank möglichst jetzt die Weichen stellen, damit es im Jahr 2100 noch eine Minderheit gibt und dass man in den jeweiligen Länder auch dann noch über die deutsche Minderheit redet. Das war und ist uns wichtig. Dieser Thinktank wird Anfang des nächsten Jahres zu tagen beginnen. Ein- bis zweimal im Jahr werden wir uns zu einem bestimmten Thema treffen – am Ende soll idealerweise ein Arbeitspapier entstehen, das wissenschaftlichen Standards genügt und konkrete Punkte herausarbeitet.
Insbesondere die deutsche Minderheit in Rumänien hat, wenn man ihre Geschichte betrachtet, Erinnerungs- und Erfahrungspunkte mit politischen Rändern. Es gab in den 30er Jahren und verstärkt im Zweiten Weltkrieg eine Kollaboration mit dem Hitler-Regime. Nach dem Krieg hatten die Rumäniendeutschen ihre ganz eigenen schmerzhaften Erfahrungen unter dem Kommunismus. Was bedeuten diese Erfahrungen für die deutschen Minderheiten hier und heute?
Wenn wir etwas aus dem Weltkrieg gelernt haben, auch diejenigen, die wie ich zu den „glücklichen Nachgeborenen“ zählen, war es, dass Menschen nie wieder aufgrund ihrer Herkunft, ihrer politischen Überzeugung oder ihrer Religion diskriminiert werden dürfen. Nie wieder darf es Massenmord geben, nie wieder Holocaust und idealerweise nie wieder Krieg. Persönlich habe ich meine ganz direkte Erfahrung mit dem linken politischen Rand gemacht, dadurch, dass ich 17 Jahre in einem kommunistisch-unfreien Land gelebt habe. Und wenn es um Diktaturen geht, dann unterscheiden sich links und rechts nicht wesentlich. Eine Diktatur hat immer die gleichen Eigenschaften, egal welches die Ideologie ist, Leute werden entrechtet, eingesperrt, sie dürfen nicht reden, nicht reisen, nicht ihren Gedanken oder ihrem Wohl folgen, sondern ausschließlich dem Wohle der jeweiligen Partei, dem jeweiligen Führer, der jeweiligen Clique, die sich emporgearbeitet hat – meistens aus sehr bescheidenen Verhältnissen. Ich erinnere mich noch sehr gut, welche Gemütsverfassung mein Vater hatte, wenn wieder die Securitate zu Besuch war. Das vergisst man nicht, auch wenn man damals ein Kind war und nicht wirklich verstand, worum es ging. Der ultrarechte politische Rand kommt momentan in ganz Europa hoch. Nicht nur in Deutschland beginnt der rechtsextreme Rand salonfähig zu werden – wir werden es wahrscheinlich in Frankreich sehen, wir sehen es in Rumänien. Es ist überall das gleiche Lied: Wir haben einfache Lösungen, kommt zu uns, mit uns wird Milch und Honig fließen und am Ende stehen Unfreiheit, Deportation, Lager und Tod. Dazu darf es nie wieder kommen.
In Deutschland haben nun mehrere Landtagswahlen gezeigt, dass die AfD stärker wird. Der Rumäniendeutsche Hans-Thomas Tillschneider wurde erst kürzlich zum Vizepräsident des Landtags von Sachsen-Anhalt gewählt. Wie wirkt das auf Sie?
Es erschreckt mich. Ich stelle immer wieder aufs Neue fest, wie schnell sich das Sagbare verschiebt. Wie Wörter umgedeutet werden, wie menschenverachtende Sachverhalte in technische Begriffe, beispielsweise „Remigration“, gepackt werden. Man muss kein Philologe sein, um Victor Klemperers „LTI – Notizbuch eines Philologen – Lingua Tertii Imperii“ zu lesen, um festzustellen: Es ist etwas ganz Ähnliches im Gange.
Aber Erschrecken lähmt auch. Deswegen müssen wir miteinander sprechen, mit Argumenten überzeugen und für die Demokratie werben. Diese mag manchmal unperfekt sein, aber wir haben nichts Besseres.
Wie sichern sich die AGDM und auch die jeweiligen Gemeinschaften vor Ort vor einer politischen Einflussnahme oder einer Vereinnahmung durch die AfD ab?
Wir mussten bisher nichts wirklich sichern, weil die AfD das Thema Minderheiten noch nicht für sich entdeckt hat. Zumindest kenne ich außer einer kleinen Ausnahme kein Beispiel, wo die AfD um Zusammenarbeit gebeten hätte. Es gab und gibt keinen Kontakt. Es gibt Indikatoren, dass unsere Social-Media-Kanäle von der AfD gelesen werden. Unsere Themen sind wohl bekannt, aber es gab bis jetzt noch keinen, der versucht hat, offiziell mit der AGDM Verbindung aufzunehmen.
Sie sagen öfter, dass „Minderheitenarbeit immer Friedensarbeit“ ist. Was lässt sich daraus ableiten?
Immer wenn Minderheiten bedroht waren, war der Krieg nicht weit. Als solches ist Minderheitenarbeit ein guter Indikator für das, was ein gewisses Land möchte. Das gilt nicht nur für die deutsche Minderheit, sondern für alle Minderheiten. Wo eine Minderheit tätig ist, dort gibt es eine Mehrheitsgesellschaft, die mehrere Standpunkte bedenken kann. Unsere Arbeit findet ja nicht in einem Elfenbeinturm statt, sondern in einem konkreten multiethnischen Umfeld. In Rumänien gibt es 20 Minderheiten – zum Teil gibt es Städte, in denen sieben oder sogar zehn Minderheiten vertreten sind. Das ist bei den anderen Minderheiten genauso, in Kroatien oder Ungarn gibt es überall multiethnische Verbände. In dem Moment, in dem in einer Region eine Minderheit existiert, prosperiert diese Region. Ich kenne kein einziges Beispiel, wo eine Region eine Minderheit beherbergt hat und wo es bergab ging. Eine Minderheit prosperiert meistens – weil sie einen gewissen Gestaltungswillen hat. Sie möchte sich nach ihrem Bilde ihr Leben einrichten. Manches wird von der Mehrheit übernommen, anderes wird bekämpft. Das erzeugt wieder Gegendruck. Das ist ein Spannungsfeld, das nicht nur interessant ist, sondern eines, in dem auch vieles entsteht.
Sie beschreiben die deutschen Gemeinschaften als Chance für die Bundesrepublik Deutschland, aber auch für die jeweiligen Herkunftsländer. Wo-rin genau besteht diese Chance Ihrer Meinung nach?
Es ist eine Chance für die Länder selbst und es ist jetzt eine Chance für das moderne Deutschland als Wirtschaftsmacht: In Gegenden, wo es eine starke deutsche Minderheit gibt, siedeln sich ganz natürlich deutsche Unternehmer an. Es ist kein Zufall, dass es in Hermannstadt so viele deutsche Unternehmen gibt von Siemens bis Continental. Auch auf anderer Ebene sehe ich Chancen: Ich erwähnte den Nobelpreis an Herta Müller, auch der an Stefan Hell soll an dieser Stelle erwähnt sein. Diese beiden Nobelpreise haben ihre Wurzel im Lenau-Lyzeum in Temeswar. Das ist geistig das Sichtbarste. Deutschland hat aus seinen Randgebieten beziehungsweise aus seinen Minderheitengebieten immer Inputs bekommen – kulturell, geistig, geistlich: Als die Reformation begann, wurde sie in Siebenbürgen sofort von Siebenbürger Sachsen übernommen. Generell gilt, wenn man Lösungen für Minderheitenprobleme sucht, dann fragt man am besten die Minderheiten. Die Minderheitenfrage wird sich ja in Deutschland auch noch auftun. Momentan kennt Deutschland vier Minderheiten. Vielleicht werden in den nächsten hundert Jahren noch welche dazu kommen. Wir wissen natürlich nicht, wie Deutschland sich noch entwickeln wird, aber: Bei Herausforderungen in Minderheitenfragen haben wir einfach lange Erfahrung und anwendbare Lösungsansätze, die wir gerne zur Verfügung stellen.
