„Wir müssen Fabriken in Schulen und Schulen in Fabriken bringen und Brücken bauen mit dem akademischen Medium“

EduPro Summit 2026 über duale Berufsausbildung und Arbeit der Zukunft

Foto: AHK România

Was gestern noch Innovation war, ist heute schon überholt. Künstliche Intelligenz (KI) stellt in diesem Prozess die größte Herausforderung dar. Die Entwicklung geht so rasant, dass niemand voraussagen kann, wie die Technologie der Zukunft aussieht, für die man heute ausbildet. Welche Berufe dann noch gebraucht werden. Das schafft neben der Euphorie über ungeahnte Entwicklungsmöglichkeiten auch eine Menge Unsicherheit. Eines ist klar: Die heutige Jugend kann nicht mehr für eine bestimmte Technologie ausgebildet werden, sie muss offen für alles sein – und vor allem offen, ständig zu lernen. Und weil man es sich in Zeiten des demografisch bedingten Arbeitskräfterückgangs auch nicht leisten kann, einfach auf die nächste Generation zu warten, müssen sich auch die Angestellten von heute, selbst jene mit Betriebsalter und viel Erfahrung, lebenslang weiterbilden. „Angestellte von heute brauchen keine hohe Spezialisierung, sondern die Fähigkeit zu lernen und die Bereitschaft, konstant Neues zu lernen“, erklärt Dan Lăzărescu, AHK-Vizepräsident und Generaldirektor der Robert Bosch SRL.

Um diese Kernthemen kreiste und foskussierte der zweite „EduPro-Summit – Education that Works“ (EduPro-Gipfel – Ausbildung, die funktioniert), organisiert von der deutsch-rumänischen Handelskammer AHK România, der am 15. Oktober im Bukarester Marriott-Hotel stattfand. AHK-Generaldirektor Sebastian Metz spezifiziert vor allem die Bedeutung der dualen Ausbildung, bei der Schule und praktische Anwendung in einem Unternehmen Hand in Hand gehen. „Die Berufsausbildung und vor allem die Berufsausbildung im dualen System ist eine gemeinsame Verantwortung“, betont Metz. „Es kann keinen Fortschritt geben, wenn wir uns gegenseitig die Schuld zuschieben“. Jeder in diesem Edu-Ökosystem – Schulen, Behörden, Unternehmen, Gesellschaft und Eltern – müssten langfristig einen realen Teil der Verantwortung übernehmen und ihren Beitrag leisten, setzt er fort. „Wir müssen Fabriken in Schulen und Schulen in Fabriken bringen“, illustriert Lăzărescu, „und Brücken bauen mit dem akademischen Medium.“ Wichtig sei, dass junge Menschen neben fachlichen Kompetenzen auch Leistungsvermögen entwickeln. 

Sechs Stakeholder und ein ständiger Dialog

Die deutsche Botschafterin Angela Ganninger identifiziert sechs Schlüssel-Stakeholder und ihre Herausforderungen: Erstens, die Schüler und Studenten – sie müssten neben konkretem Fachwissen soziale und organisatorische Kompetenzen erwerben und lernen, kreativ zu sein. Zweitens, die Eltern – sie müssen er- und anerkennen, dass zum Erfolg nicht nur ein Weg führt. Drittens: die Schulen; viertens: die Wirtschaft – sie müsse in Ausbildung investieren. Fünftens: die Gewerkschaften, um die Qualität der Ausbildung sichern und sechstens: der Staat, der die Grundlagen für alles schaffen muss. 
USR Senator Ștefan Pălărie betonte zudem: Bei der Gesetzgebung sei wichtig, dass alle der genannten Stakeholder an einem Tisch diskutieren, und dies kontinuierlich, weil sich die Lage so schnell ändert. Auch er verwies: „Wir bilden aus für einen Arbeitsmarkt, den auch wir noch nicht kennen.“ 

Duale Ausbildung in Rumänien heute

Im ersten Teil der Konferenz ging es um duale Ausbildung wie sie heute in Rumänien stattfindet. Seit zehn Jahren koordiniert die AHK das Projekt „Școala de Carte și Meserii“ zusammen mit sechs Partnern aus der Wirtschaft: Hornbach, Lidl, Metro, Penny als Teil der Rewe-Gruppe, Selgros und dem dm Drogeriemarkt. Mit 13 Partnerlyzeen wurden in dieser Zeit über zehn Schülergenerationen ausgebildet – rund 1200 Jugendliche. Über 400 von ihnen haben auch das Zertifikat der Deutschen Industrie- und Handelskammer erworben. 

In der ersten Panel-Diskussion ging es um das Thema „Ausbildung, die funktioniert. Von der Schule zur Karriere: Wie schafft man Kompetenzen, die die Wirtschaft braucht?“, moderiert vom Mitbegründer der Edupedu.ro-Plattform Mihai Peticilă. Es diskutierten Dalia-Maria Dărămuș, Leiterin des Nationalen Zentrums für die Entwicklung von Berufs- und technischer Ausbildung (CNDIPT), Mirela Gligore vom Rathaus Hermannstadt/Sibiu, Laura Cârstea, Direktorin des Wirtschaftskollegs „Virgil Madgearu“ in Jassy/Iași, Irina Manuela Butnaru von Penny România und Andreea Feierstein von Hornbach România. 

Eine der Schlussfolgerungen aus der Diskussion war, dass die Beziehung zwischen der angebotenen Qualifikation und den Bedarfsträgern in der Wirtschaft sehr viel enger werden muss. Das CNDIPT hat begonnen, 200 Berufsbilder in der dualen Ausbildung zu revisionieren und an die veränderten Bedürfnisse anzupassen, die vor allem aus dem Bereich KI und grüne Technologien erwachsen. 

Dărămuș ermutigte weitere Schulen, sich am System duale Ausbildung zu beteiligen. Sie sollen sich bei der AKH melden, die dann an CNDIPT weitervermittle.

Gligore erklärt die Bedeutung der Lokalbehörden am eigenen Beispiel: In Hermannstadt habe das Bürgermeisteramt bereits 2008 begonnen, duale Ausbildung massiv zu unterstützen. Mithilfe von Geldern aus dem Nationalen Aufbau- und Resilienzplan (PNRR) wurde ein moderner dualer Campus mit an die speziellen Bedürfnisse angepassten Gebäuden und Laboren geschaffen. Davor fanden die praktischen Übungen in Kellern von Schulen statt. Hermannstadt wolle mit dieser Infrastruktur auch Schüler aus dem Umland als potenzielle Arbeitskräfte anziehen.

Cârstea erzählt, wie ihre Schule 2018 zur dualen Ausbildung kam: Auf einer Veranstaltung habe sie erfahren, dass in Deutschland die duale Ausbildung 70 Prozent einnahm, in Rumänien waren es damals nur zwei Prozent, „und ich sagte mir: wir müssen etwas tun!“ Nach acht Jahren Erfahrung und Partnern aus Kommerz, Horeca und Metzgereien sei ihre Schule inzwischen bereit für 100 Prozent duale Ausbildungsplätze. 

Feierstein betont, das Modell böte schon während der Ausbildungsphase Vorteile sowohl für das Geschäft wie die Schüler. „Du hast drei bis vier Jahre Zeit zu entwickeln, was du einstellen willst“, erklärt sie. Die Schüler erwerben durch die Einbindung in Team und Arbeitsprozesse schnell Selbstvertrauen und können Entwicklungsmöglichkeiten im System erkennen. Außerdem seien für viele Auszubildende die Stipendien der „Școala de Carte și Meserii“ eine Motivation. 

Trotzdem betont Dărămuș, die duale Ausbildung müsse attraktiver werden: Alle Qualifikationen müssen revisioniert, alte Standards modernisiert, mehr Zukunftskompetenzen eingebaut und mehr Diversität geschaffen werden. Derzeit werden u.a. in den Kreisen  Alba, Hermannstadt, Hunedoara; Kronstadt, Dolj Plattformen als Pilotprojekte geschaffen, in denen Unternehmen transparent Ausbildungsplätze anbieten können. Bei Erfolg soll das System landesweit eingeführt werden.

Probleme, die es noch zu überwinden gilt

Kleinere Unternehmen aller-dings haben oft noch Probleme mit der dualen Ausbildung. Jemand aus dem Publikum erwähnte die Landwirtschaft, wo es ein versicherungstechnisches Problem sei, minderjährige Auszubildende an große Landmaschinen ranzulassen.

Ein anderer Teilnehmer verweist darauf, dass große Unternehmen oft spezifische Lehrmaterialien herausgeben, die aber von den Lehrkräften an den Schulen nicht angenommen würden. Auch stelle sich die Frage des Standards – also ob ein „von Bosch ausgebildeter Elektriker“ auch für andere Unternehmen ein „guter Elektriker“ sei.

In einem weiteren Beispiel brachte ein Auto-Unternehmen zu Ausbildungszwecken eine Lackiererei an eine Schule in Mangalia – tags darauf wurde die Schule bestraft, weil sie „Kurse von außerhalb“ anbot. 
Für KMU sei im Vergleich zu größeren Konzernen oft die Personalsituation ein Problem: Es gibt keine speziellen Tutoren für die duale Ausbildung, sie wird von den eigenen Angestellten als Zusatzbelastung zur eigentlichen Arbeit bestritten. Zwar könne man sich per dualer Ausbildung einen „Wunschangestellten“ heranziehen, doch verbietet das Gesetz eine Verpflichtung des Schülers für eine anschließende Einstellung im auszubildenden Unternehmen. Man investiert mitunter jahrelang in Kandidaten, den man dann nicht halten kann.

Wie Talente kultivieren?

Keynote-Speaker der Veranstaltung war Denise Otto vom deutschen Netzwerk der Industrie- und Handelskammern (DIHK) mit dem Thema „Technologie kann man kaufen. Talent muss man kultivieren“. Sie ergänzt die Diskussion um folgende Aspekte: Auf die Frage, ob KI Facharbeiter ersetzen werde, meinte sie bestimmt: „Nein, aber Facharbeiter, die KI nutzen können werden jene ersetzen, die das nicht können.“
Sie verweist auf einen „Shift in den Mindsets der Angestellten“: Wichtig sind Work-Life-Balance und Sinn der Tätigkeit. Sie suchen „Coaches und Vorbilder“ auf Augenhöhe. Essenziell für den Erfolg von Bildung sei außerdem der Zugang durch Infrastruktur: Wenn zwischen Schule und Unternehmen kein passendes Verkehrsmittel fährt, wird die Ausbildung automatisch unattraktiv. Sie verweist auch auf demografischen Druck, der Upskilling und Reskilling erfordert, „wir können nicht auf die nächste Generation warten“. Was „wir von der Politik brauchen“ sei: eine Konsolidierung der dualen Ausbildung, Infrastruktur, moderne Berufsschulen mit KI und dynamischen Curricula, die Förderung von Allianzen zwischen Schulen und Unternehmen und den Abbau bürokratischer Hürden. Bildung darf nicht als Kostenfaktor gesehen werden, sondern als Ressource für die Zukunft, betont Otto. Auf die Frage aus dem Publikum, wo man in Rumänien ansetzen müsse, um so weit zu kommen wie Deutschland, benennt sie als Schlüsselfaktor die Eltern. „So hat Deutschland auch vor 15 Jahren begonnen. Heute ist der akademische Weg für viele nicht mehr interessant.“

Arbeit der Zukunft – Zukunft der Arbeit

Im zweiten Panel, moderiert von Tudor Popp („Managing Partner Beyond Space“) geht es um die Zukunft der Arbeit. Es diskutierten: Dan Lăzărescu, Radu Merica, Generaldirektor der RER Ecologic Group SRL, Mihai Strasser, Mitbegründer der Elite Architect, Trainer und Brain Coach.

Merica betonte, der internationale Wettbewerb auf dem Arbeitsmarkt sei die größte Herausforderung, zumal Asiaten nicht nach Work-Life-Balance fragen, das Konzept sei ihnen „völlig fremd“. 

Weitere Inputs der Diskutierenden bezogen sich auf die Frage, ob Online-Lernen nicht reduziert werden müsse: Beim Kompetenzerwerb mache Training allein nur 10 Prozent aus, 20 Prozent fielen auf den Austausch zwischen Kollegen und Managern und 70 Prozent auf das passende Medium für die Anwendung des Gelernten.

Für Innovation seien interdisziplinäre Arbeitsgruppen essenziell. 

Bei der Frage nach den Auswahlkriterien für den „Angestellten der Zukunft“ wurde „echte Neugier“ als Schlüsselfaktor genannt. Viele Kandidaten gäben Hobbys wie „Lesen“ oder „Reisen“ an, doch könne man aus der Art und Weise, wie darüber erzählt wird, auf allgemeine Neugier als „wichtigste Grundeigenschaft“ schließen. Eine Stimme gab zu bedenken, dass Schüler ihre Neugier bereits in den Klassen 1-8 „verbrauchen“, danach erhielten sie Nachhilfestunden. Unternehmen stehen unter dem Druck, ihre Produkte zu verkaufen – Schulen müssten ihre Schüler ebenfalls als solche Produkte betrachten.

„Berufe, auf die wir stolz sind“

Nach der Verleihung des Bildungspreises der AHK und DIHK an die „Grup Feroviar Român“ für ihre „Școala GFR“ und des Qualitäts-Zertifikats der AHK-DIHK für die duale Ausbildung bei Penny România kündigte Sebastian Metz bereits das Thema des EduPro Summits in zwei Jahren an: „Berufe, auf die wir stolz sind“. Die Idee dahinter: Es sei wichtig, den Stolz auf einen Beruf in Rumänien zu fördern. 
Arbeit bedeutet schließlich nicht nur Tretmühle und Disziplin, sondern auch Identitätsfindung, kreatives Schaffen, einen gesellschaftlich wertvollen Leistungsbeitrag.