Am Ende sind es nur wenige hundert Meter bergauf. Der eigentliche Weg aber beginnt weit früher, in mehreren evangelischen Gemeinden des Hermannstädter Bezirks, dort, wo Menschen gesegnet und als Pilger auf ihren Weg geschickt wurden. Manche kamen aus Nachbarorten, andere von weiter her. Gruppen brachen getrennt auf, gingen oder fuhren über unterschiedliche Wege, mit unterschiedlichen Geschichten, Hoffnungen und Beweggründen. Erst am Fuße des Michelsberger Burgbergs vereinigten sich die einzelnen Pilgergruppen zu einer gemeinsamen Prozession. Von dort führte nur noch ein Weg: hinauf zur romanischen Basilika auf dem Berg.
Was am 27. September in Michelsberg/Cisnădioara geschah, war mehr als die Wiedereinweihung einer Kirche nach abgeschlossenen Bauarbeiten. Es war der Versuch, eine jahrhundertealte Erinnerung wieder in lebendige Praxis zu verwandeln. Der Einladung der evangelischen Kirchengemeinde war ein bemerkenswerter Satz vorangestellt worden: Die Basilika auf dem Berg sei ursprünglich eine Wallfahrtskirche gewesen, weit über die Region hinaus bedeutsam. Was man an diesem Sonntag feiere, sei keine Neuerfindung, sondern die Wiederaufnahme einer alten Tradition. In dieser Formulierung lag bereits das eigentliche Programm des Tages.
Die Sanierung des Daches war Anlass. Die Wiedergewinnung eines geistlichen Ortes war das Ziel. Schon die Ankündigung machte deutlich, dass die Teilnehmer nicht als Besucher angesprochen wurden, sondern ausdrücklich als Pilger. Wer wollte, sollte den Weg möglichst zu Fuß zurücklegen. Wer nicht die gesamte Strecke gehen konnte, war eingeladen, zumindest das letzte Stück gemeinsam hinauf auf den Berg zu gehen. Selbst die Anreise war Teil des Konzepts. Der Weg sollte bewusst erlebt werden. Die Gemeinschaft sollte nicht erst am Ziel entstehen. Sie sollte auf dem Weg wachsen.
An der Spitze des Pilgerzuges gingen Daniel Zikeli, Bischofsvikar der Evangelischen Kirche A. B. in Rumänien, Zoran Kezdi, Stadtpfarrer von Heltau und Ortspfarrer von Michelsberg, Michael Reger aus Kerz, der ehemalige Michelsberger Ortspfarrer Stefan Cosoroabă, Dr. Stefan Tobler sowie der orthodoxe Ortspfarrer Radu Tănase. Schon dieses gemeinsame Vorangehen machte sichtbar, worum es an diesem Tag ging: um mehr als die Wiedereinweihung eines Bauwerks, nämlich um die Erfahrung von Gemeinschaft über Gemeinde- und Konfessionsgrenzen hinweg.
Oben auf dem Berg hat sie gute und schlechte Zeiten überdauert. Die romanische Basilika über dem Silberbachtal, klein gegen den Himmel, stark und fest in der Erinnerung und der Gegenwart verankert. Seit mehr als achthundert Jahren begleitet sie die Geschichte des Ortes und seiner Menschen. Sie zählt zu den ältesten erhaltenen Sakralbauten Siebenbürgens. Bereits um das Jahr 1200 entstanden, war sie über Jahrhunderte Wallfahrtsort, Wehrkirche und geistliches Zentrum zugleich. Die verblassten Weihekreuze an den Innenwänden erinnern noch heute daran, dass Menschen hier bereits beteten, als viele der heutigen Dörfer Siebenbürgens erst im Entstehen begriffen waren.
Aus den verschiedenen Wegen wurde ein gemeinsamer Weg. Aus den einzelnen Gemeinden wurde eine Gemeinschaft. Immer wieder kehrte das Motiv des Unterwegsseins in den Ansprachen der Geistlichen zurück. Die Pilger trugen ihre Erfahrungen, ihre Dankbarkeit, ihre Sorgen und ihre Bitten mit auf den Berg. Der Michaelistag erhielt dabei eine erstaunlich existenzielle Deutung. Es ging nicht um heroische Stärke, sondern um die Erfahrung menschlicher Begrenztheit. Die Tage werden kürzer, die Kräfte lassen nach, die Natur beginnt loszulassen. Solche Zeiten gebe es auch im Leben der Menschen, hieß es in der Ansprache, die Stefan Cosoroabă vor dem Aufbruch in der Dorfkirche hielt. Christlicher Glaube bedeute nicht, immer stark sein zu müssen, sondern darauf zu vertrauen, dass Gott auch dort gegenwärtig bleibt, wo die eigenen Kräfte an Grenzen stoßen.
Passend wirkten diese Gedanken angesichts der Geschichte, die hinter der Wiedereinweihung stand. Denn auch die Basilika selbst war an ihre Grenzen gekommen. Noch wenige Wochen zuvor war der Berg eine Baustelle gewesen. Restauratoren, Ingenieure, Architekten, Handwerker und Freiwillige arbeiteten unter dem Motto „Ein Dach für den Heiligen Michael“ an der Rettung des gefährdeten Kirchendaches. Mehr als einhundertfünfzig Menschen waren nach Angaben der Organisatoren an dem Projekt beteiligt. Wo Fahrzeuge nicht eingesetzt werden konnten, entstanden Menschenketten. Schweres Material flog per Hubschrauber auf den Berg. Ermöglicht wurde dies auch durch die Unterstützung der Siebenbürgisch-Sächsischen Stiftung und von Dr. Hans-Christian Habermann.
Noch wenige Wochen zuvor hatten Restauratoren, Ingenieure, Architekten, Handwerker und Freiwillige auf dem Michelsberg gearbeitet. Unter dem Motto „Ein Dach für den Heiligen Michael“ hatte der Rumänische Verband der Restauratoren historischer Denkmäler eine groß angelegte Rettungsaktion organisiert und feierte durch diesen Einsatz sein 35-jähriges Jubiläum. Ziel war die Sicherung der historischen Dachkonstruktion und der Schutz der ursprünglichen Bausubstanz vor weiteren Schäden. Die Michelsberger Kirchengemeinde vergaß deshalb in ihren Danksagungen nicht jene Institutionen und Personen, die den Einsatz ermöglicht oder maßgeblich unterstützt hatten. Hinter den sichtbaren Arbeiten am Dach standen zahlreiche unsichtbare Entscheidungen, Förderungen und Hilfen, ohne die die Rettungsaktion kaum denkbar gewesen wäre.
Gerade deshalb war die Wie-dereinweihung mehr als eine Bauabnahme. Sie war die Feier eines Gemeinschaftswerks. In den Grußworten und Danksagungen tauchte immer wieder dasselbe Motiv auf: Niemand habe gefragt, was er für seinen Einsatz bekomme. Fast alle hätten dieselbe Frage gestellt: „Wie kann ich helfen?“ Genau diese Erfahrung schilderte Gabriel Tischer in seinem Rückblick auf das Projekt. Man habe ein Dach reparieren wollen und am Ende weit mehr aufgebaut als nur ein Bauwerk. Aus einer technischen Aufgabe sei etwas Größeres entstanden: eine Gemeinschaft von Menschen, die bereit waren, Verantwortung zu übernehmen.
Auch die Michelsberger Kirchengemeinde sieht die Geschichte in diesem Licht. Für Zoran Kezdi war die große Zahl der Pilger aus dem gesamten Hermannstädter Bezirk nicht bloß ein erfreulicher Besucherzustrom. Wichtig war etwas anderes. Menschen aus unterschiedlichen Gemeinden kamen zusammen. Sogar orthodoxe Einwohner Michelsbergs schlossen sich dem Pilgerzug an. Die alte Wallfahrtstradition wurde nicht nur erinnert, sondern tatsächlich wieder praktiziert. Der Pilgergottesdienst nehme diese Tradition nach Jahrhunderten wieder auf. Zugleich kündigte er an, dass die Gemeinde das Fest künftig jährlich am Sonntag vor Michaelis feiern wolle.
Auch Michael Henning, Kurator der Kirchengemeinde, spricht nicht von einem abgeschlossenen Erfolg, sondern von einem Versuch. Die Basilika solle wieder zu einer Pilgerstätte werden, wie sie es einst gewesen sei. Er spricht nicht vom Erfolg einer neuen Tradition. Er spricht von einer Hoffnung. „Man sagt ja, wenn man etwas dreimal macht, dann wird es zur Tradition“, erklärte er. Ob sich die Pilgerreise nach Michelsberg etablieren werde, könne heute niemand wissen. Tradition, so könnte man seine Worte zusammenfassen, entsteht nicht durch Programme oder Beschlüsse. Sie entsteht dadurch, dass Menschen wiederkommen.
Darin liegt vielleicht die Stärke dieser Initiative. Sie beansprucht keine historische Wiederherstellung. Niemand behauptet, eine über Jahrhunderte unterbrochene Tradition einfach fortsetzen zu können. Tradition entsteht eben nicht auf dem Papier. Sie entsteht in der Wiederholung. Durch Schritte, die immer wieder gegangen werden. Durch Erinnerungen, die sich in Erfahrungen verwandeln.
Genau deshalb war auch das gemeinsame Picknick am Ende des Tages mehr als eine organisatorische Beigabe. Nach dem Gottesdienst, den Grußworten und der Eröffnung der Ausstellung zur Baugeschichte Michelsbergs und zur Dachsanierung blieben die Menschen auf dem Burgplateau zusammen. Die Gespräche setzten sich fort. Der geistliche Weg ging in gemeinschaftliche Begegnung über. Der Pilgerweg endete nicht mit dem Erreichen des Ziels. Er setzte sich in den Beziehungen fort, die an diesem Tag neu geknüpft oder vertieft wurden.
Vielleicht liegt darin die eigentliche Bedeutung dieses Tages. Die Dachsanierung rettete ein Gebäude. Die Wiedereinweihung gab der Kirche ihre liturgische Funktion zurück. Die Wallfahrt aber versuchte etwas noch Schwierigeres: einem historischen Ort eine weitere Zukunft zu geben.
Ob daraus tatsächlich eine neue alte Tradition wird, weiß heute niemand. Als sich der Pilgerzug den Hang hinauf bewegte, wurde jedoch für einige Stunden sichtbar, was Michelsberg über Jahrhunderte gewesen ist: nicht nur eine Kirche aus Stein, sondern ein Ort der Begegnung. Ein Ort, an dem Wege zusammenlaufen. Ob an diesem Sonntag auch eine Tradition neu begonnen hat, wird erst die Zukunft zeigen. Der erste Schritt jedenfalls ist getan.
