Wort zum Sonntag: Gottes Gerechtigkeit ist menschengerecht

Ein christlicher Gewerkschafter aus Deutschland hat mal zu diesem Sonntagsevangelium gemeint: „Das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg ist ein Knochen, an dem ich viel zu nagen habe. Als IG-Metaller bin ich bei diesem Gleichnis mit meinem Latein schnell am Ende.“ Aber als Christ hat er nicht aufgegeben, nach dem tieferen Sinn dieses Evangeliums nach Matthäus zu suchen. Jesus erzählt von einem Gutsherrn, der zu verschiedenen Tageszeiten Arbeiter für seinen Weinberg anwirbt: einige früh am Morgen, andere erst später, manche sogar erst gegen Abend. Am Ende erhalten jedoch alle denselben Lohn. Diejenigen, die den ganzen Tag gearbeitet haben, empfinden das als ungerecht und beschweren sich. Der Hausherr entgegnet, dass er ihnen den vereinbarten Lohn bezahlt habe und frei sei, den anderen ebenso großzügig zu geben.

Unser Gewerkschafter hat sich gesagt: Ich muss einen ganz neuen Anlauf nehmen. Schließlich redet Jesus ja nicht von gleichem Lohn für gleiche Arbeit, sondern er will seinen Jüngern erklären, wie das mit dem Himmelreich ist. Wir könnten auch sagen, wie das ist, wenn jeder Mensch das bekommt, was er braucht. Vom Besitzer des Weinbergs heißt es, dass er immer wieder schaut, ob noch jemand eine Arbeit sucht. Und er nimmt die Leute mit und sagt nur: „Ich will dir geben was recht ist.“

Was soll das genau besagen? Unter den Arbeitern würde wahrscheinlich gleich gerechnet: Volle Arbeitszeit bringt einen Denar, halbe Arbeitszeit eben nur einen halben Denar. Aber wie sich zeigt, geht die Rechnung so nicht auf. Es ist zwar die Rechenart, die wir uns angewöhnt haben, und oft sagen wir auch noch, dass sie mit Gerechtigkeit zu tun hat, obwohl wir immer wieder erleben, wie unvollkommen diese Gerechtigkeit ist, die alles an der Leistung messen will.

Jesus will in seinem Gleichnis zeigen, dass die Gerechtigkeit Gottes anders ist.

Sie will vollkommener sein, d. h. sie will menschengerecht sein. Gott schaut nicht zuerst auf die Leistung, sondern auf den Menschen. Schließlich hat er sich vorgenommen, sich um den Menschen zu kümmern, wie keine menschliche Organisation es kann, auch wenn sie noch so viel von Gerechtigkeit redet. Für Gott ist immer die Frage: Was braucht der Mensch, um an sein Ziel zu kommen? Und es ist von vornherein klar, dass kein Mensch das aus eigener Kraft schaffen kann.

Wir alle leben in gleichem Maß von dem, was Gott uns schenken will. Und da spielt es vor Gott keine Rolle, ob wir von Anfang an dabei sind oder ob wir erst zur elften Stunde sein Angebot annehmen. Es wird da allerdings auch noch von einem großen Hindernis gesprochen, das es manchem schwer macht, Gottes Handeln zu verstehen.

Die Arbeiter der ersten Stunde schauen neidisch auf die anderen. Sie sind immer noch am Rechnen. Der Gutsherr versucht zu erklären, dass er mehr tun möchte als rechnen: Er möchte vor allem gut sein und jedem Menschen geben, was er braucht. Ich denke da gern an die Mutter, die von ihren Kindern sagte: Sie sind alle verschieden und ich versuche, jedem gerecht zu werden. Und weil ich sie liebe, weiß ich auch, was jedes einzelne von ihnen braucht.

Das ist die Gerechtigkeit Gottes, von der Jesus im Gleichnis spricht: Gott zahlt keinen Lohn, Gott schenkt, was der Mensch zum erfüllten Leben braucht. Das macht die Leistung des Menschen nicht klein, sondern geht einfach über das hinaus, was der Mensch leisten kann, weil der Mensch mehr braucht, als er sich selber verdienen kann.