Es gibt Bilder, die nie zustande kommen. Der jüngste G20-Gipfel lieferte dafür ein gutes Beispiel. Als die Fotografen das traditionelle Gruppenbild arrangieren wollten, wurde die übliche Choreografie abgesagt. Mehrere europäische Vertreter hatten keine Lust, gemeinsam mit Lawrow für die Nachwelt zu posieren. Das Ganze erinnerte an eine Schulklasse vor dem Abschlussfoto: Niemand möchte neben dem Klassenrowdy stehen.
Ein nicht entstandenes Bild als Symbol unserer Zeit. Politik wird heute hauptsächlich mittels Nähe definiert. Wer steht neben wem? Wer lässt sich mit wem fotografieren? Wer unterstützt wen? Und kaum eine Unterstützung scheint derzeit so wertvoll zu sein wie ein Bleigürtel beim Schwimmwettbewerb: jene von Donald Trump.
In den letzten Monaten häuften sich die Fälle. In Brasilien galt Bolsonaro als Teil jener internationalen „orangen Welle“, die Trump-Freunde rund um den Globus erfassen sollte. Die Rechnung war einfach: Wer auf Trump setzt, gewinnt. Die Wähler aber sahen das anders. Nicht nur ein Kandidat verlor, sondern ein ganzes politisches Narrativ: die Vorstellung, Trump könne politische Entwicklungen weltweit nach Belieben steuern. Auch Serbien wurde nicht zum Schaukasten populistischer Dauerherrschaft. Das Vucic-Lager verlor gegen eine studentisch geprägte Oppositionsbewegung. Und selbst dort, wo die Ergebnisse weniger eindeutig erscheinen, zeigt sich ein ähnliches Muster. Politische Trump-Nähe, populistische Rhetorik und demonstrative Distanz zu Brüssel entwickeln sich zunehmend zum Risikofaktor. In Bulgarien prägten genau diese Fragen den Wahlkampf.
Das alles mag Zufall sein. Aber drei Zufälle werden zur Statistik. Vier nennt man Trend. Fünf werden gewöhnlich zum Thema einer Dissertation.
Nun steht Donald Trump selbst vor der Prüfung, die amerikanische Präsidenten traditionell fürchten: den Midterm Elections. Diesmal werden alle 435 Sitze im Repräsentantenhaus sowie 35 Sitze im Senat neu vergeben. Dazu kommen Gouverneurswahlen und zahllose regionale Ämter. Es geht um die Kontrolle großer Teile der amerikanischen Machtmaschine.
Für die Republikaner wäre nun eigentlich Zurückhaltung geboten. Doch Zurückhaltung und Trump stehen zueinander wie Vegetarismus und Schlachthof. Er will, kann und muss alles dominieren: die Schlagzeilen, die sozialen Netzwerke, die Wahlveranstaltungen, die Empörung und die Begeisterung. Die Republikaner haben zwar ihren Allzweckkandidaten, doch besteht das Problem darin, dass er überall und für alles kandidiert. Das Bemerkenswerte dabei: Sein Name steht gar nicht auf dem Stimmzettel. Trotzdem ist jede Wahl eine Abstimmung über Trump und seine Politik.
Hinzu kommt seine neuerlich wiedergefundene politische Wärmeentwicklung gegenüber Putin. Während europäische Politiker nicht einmal mehr auf demselben Gruppenfoto mit russischen Vertretern erscheinen wollen, versucht Trump jene Distanz zu verkürzen, die andere demonstrativ vergrößern. Dort die Europäer, die möglichst weit von Lawrow entfernt stehen wollen. Hier Trump, der alle wieder näher zusammenrücken lassen möchte. Dazwischen die Fotografen der Weltpolitik, die verzweifelt nach einer Aufstellung suchen, in der niemand Anstoß nimmt. So geht ein Bild verloren.
Doch auch nicht zustande gekommene Fotos erzählen Geschichten. Die Wahlergebnisse der letzten Monate berichten von Wählern, die von der internationalen Trump-Marke weit weniger begeistert sind als deren Strategen. Sie erzählen von Kandidaten, die glaubten, im Licht des amerikanischen Präsidenten zu glänzen, nur um festzustellen, dass auch ein Scheinwerfer Schatten wirft.
Sollten die Republikaner bei den Midterms enttäuschen, wäre die Ironie vollkommen. Dann müsste Trump dieselbe Lektion lernen, die er seinen politischen Freunden bereits erteilt hat: Unterstützung ist nicht ansteckend. Niederlagen schon.
