Auf 78 Kilometern führt eine der schönsten Panoramastraßen Rumäniens durch eine Landschaft voller Naturwunder, einsamer Bergdörfer und jahrhundertealter Traditionen. Die Transapuseana im Kreis Alba ist weit mehr als eine Verbindung zwischen Orten: Sie ist eine Einladung, das ursprüngliche Rumänien abseits der großen Touristenströme zu entdecken. Wer sich Zeit nimmt, findet entlang der Strecke beeindruckende Schluchten, Wasserfälle, historische Klöster und außergewöhnliche geologische Formationen.
Es gibt Straßen, die man möglichst schnell hinter sich bringen möchte, und solche, auf denen bereits die Fahrt zum Erlebnis wird. Die Transapuseana gehört zweifellos zur zweiten Kategorie. Hinter jeder Kurve eröffnet sich ein neuer Blick auf bewaldete Berghänge, grüne Täler und kleine Siedlungen, deren Häuser sich an die Hänge schmiegen. Manchmal scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Alte Holzzäune begrenzen die Wiesen, Heuschober stehen verstreut in der Landschaft, und auf den Weiden grasen Schafe und Kühe. Wer hier unterwegs ist, sollte es nicht eilig haben.
Die rund 78 Kilometer lange Panoramastraße, die auch als „Transalpina de Apuseni“ bezeichnet wird, verbindet die Gegend um Straßburg am Mieresch/Aiud mit dem Raum Bucium – Großschlatten/Abrud im Kreis Alba. Sie verläuft über die Kreisstraße DJ 107I und verbindet die Autobahn A10 mit der Nationalstraße DN74. Dabei durchquert sie die Gemeinden Râmeț, Ponor, Mogoș und Bucium, eine Region, die selbst vielen Rumänen noch wenig bekannt sein dürfte.
Ihren besonderen Reiz verdankt die Transapuseana nicht allein den zahlreichen Serpentinen und Aussichtspunkten, sondern auch der Vielfalt der Landschaften. Die Straße führt durch die Ausläufer des Trascău-Gebirges und in Richtung des Siebenbürgischen Erzgebirges/Munții Metaliferi. Mal schlängelt sie sich durch dichte Wälder, mal verläuft sie über offene Höhenzüge, von denen aus sich weite Panoramen über das Siebenbürgische Westgebirge/ Munțiii Apuseni bieten.
Eine alte Verbindung in neuem Gewand
Die Geschichte der Straße reicht weiter zurück, als ihr moderner Name vermuten lässt. Bereits in den 1930-er Jahren wurde eine Straßenverbindung durch diese Bergregion angelegt. Sie sollte abgelegene Ortschaften besser erschließen und den Verkehr zwischen verschiedenen Teilen Siebenbürgens erleichtern.
Jahrzehntelang blieb die Strecke eine eher unscheinbare Gebirgsstraße, die vor allem von den Bewohnern der umliegenden Dörfer genutzt wurde. Erst die umfassende Modernisierung rückte sie stärker ins öffentliche Bewusstsein. Die Arbeiten wurden 2024 abgeschlossen. Mit Investitionen von rund 73 Millionen Euro, die zu einem großen Teil aus europäischen Mitteln finanziert wurden, zählt die Sanierung zu den bedeutendsten Straßenbauprojekten auf Kreisebene in Rumänien. Die Straße wurde asphaltiert, an gefährlichen Stellen mit Leitplanken versehen und durch Sicherungsarbeiten an den Hängen stabilisiert. Dadurch ist eine Strecke entstanden, die nicht nur den Alltag der Bewohner erleichtert, sondern auch neue touristische Perspektiven eröffnet.
Anders als die bekannteren Hochgebirgsstraßen, die Transfogarascher Straße und die Transalpina, steht die Transapuseana weniger für extreme Höhenlagen als für die abwechslungsreiche Verbindung von Natur, Kultur und ländlichem Leben. Gerade darin liegt ihr besonderer Charme.
Râmeț – zwischen Klostermauern und steilen Felswänden
Eine der ersten Gegenden, die auf einer Reise von Straßburg am Mieresch aus besondere Aufmerksamkeit verdienen, ist die Gemeinde Râmeț. Sie liegt in einer Landschaft, die von tief eingeschnittenen Tälern, bewaldeten Berghängen und schroffen Kalksteinfelsen geprägt wird.
Zu den bedeutendsten Sehenswürdigkeiten gehört das Kloster Râmeț, eines der ältesten orthodoxen Klöster Siebenbürgens. Seine Ursprünge reichen bis ins Mittelalter zurück. Eingebettet in das malerische Klostertal/Valea Mănăstirii bildet die Anlage einen bemerkenswerten Kontrast zur wilden Berglandschaft. Die alte Klosterkirche mit ihren historischen Wandmalereien erinnert an die lange religiöse und kulturelle Tradition der Region. Zum kulturellen Erbe gehören auch Ikonen auf Holz und Glas, alte kirchliche Bücher und Gegenstände des traditionellen Volkslebens.
Nur wenige Kilometer entfernt wartet ein völlig anderes Erlebnis: die Râmeț-Klamm/Cheile Râmețului. Sie zählt zu den eindrucksvollsten Schluchten des Trascău-Gebirges. Über Jahrtausende hat sich das Wasser seinen Weg durch die Kalksteinfelsen gebahnt und eine spektakuläre Landschaft aus engen Felspassagen, steilen Wänden und kleinen Wasserfällen geschaffen.
Die Wanderung durch die Klamm gehört zu den Höhepunkten der Gegend. Allerdings ist sie nicht mit einem gewöhnlichen Spaziergang zu verwechseln. Je nach Wasserstand müssen Wanderer durch das Bachbett gehen oder schwierigere Passagen überwinden. Festes Schuhwerk, Trittsicherheit und gutes Wetter sind daher wichtig. Bei hohem Wasserstand sollte auf eine Durchquerung verzichtet werden.
Ponor – wo das Wasser im Berg verschwindet
Weiter führt die Reise in die Gemeinde Ponor, die für ihre ungewöhnlichen Karstlandschaften bekannt ist. Hier hat die Natur über Millionen von Jahren ein faszinierendes Zusammenspiel aus Höhlen, Dolinen, unterirdischen Wasserläufen und steilen Felswänden geschaffen.
Besonders sehenswert ist das Naturschutzgebiet Vânătările Ponorului, das sich im südwestlichen Bereich des Bedeleu-Massivs befindet. Sein Name bezeichnet eine Landschaft, in der das Wasser auf eindrucksvolle Weise die Kalksteinformationen gestaltet hat.
Die bekannteste Attraktion ist der Wasserfall Vânătările Ponorului. Bei ausreichender Wasserführung stürzt das Wasser über eine hohe Felswand in die Tiefe. Die Felsformation erreicht eine Höhe von rund 100 Metern, während der Wasserfall häufig mit etwa 92 Metern angegeben wird. Besonders nach Regenfällen oder während der Schneeschmelze bietet sich ein beeindruckendes Naturschauspiel. Das Wasser verschwindet anschließend teilweise im unterirdischen Karstsystem. Gerade dieses Wechselspiel zwischen sichtbaren Wasserläufen und verborgenen Höhlen macht die Gegend geologisch so inte-ressant.
Für Naturliebhaber und Fotografen ist das Gebiet ein lohnendes Ziel. Allerdings führen nicht alle Wege unmittelbar bis zum Wasserfall, und manche Aussichtspunkte erfordern eine Wanderung. Die Bedingungen hängen auch in diesem Fall stark vom Wetter ab.
Mogoș – eine Reise in die Vergangenheit
Wer auf der Transapuseana weiterfährt, gelangt in die Gemeinde Mogoș, wo nicht spektakuläre Naturdenkmäler, sondern die traditionelle Kulturlandschaft im Mittelpunkt steht.
Die verstreuten Bergsiedlungen, alten Bauernhäuser und kleinen Wirtschaftsgebäude erzählen vom Leben früherer Generationen. Viele Höfe wurden aus Holz und Stein errichtet, Materialien, die in der Umgebung reichlich vorhanden waren. Manche Häuser besitzen einfache Veranden, steinerne Keller und traditionelle Wirtschaftsgebäude. Vereinzelt sind noch alte Dachformen und historische Bauweisen zu erkennen.
Das Leben in diesen Bergdörfern war jahrhundertelang von Landwirtschaft, Viehzucht und der schwierigen Erreichbarkeit geprägt. Die Bewohner mussten sich an lange Winter, steile Hänge und begrenzte Anbauflächen anpassen.
Heute sind manche Gebäude verlassen, andere werden weiterhin bewohnt oder als Ferienhäuser genutzt. Gerade dieser Gegensatz zwischen Vergangenheit und Gegenwart macht die Dörfer interessant. Wer durch die Ortschaften spaziert, sollte sich Zeit für die kleinen Details nehmen: geschnitzte Holztore, alte Scheunen, Obstgärten, schmale Wege und die weiten Ausblicke auf die umliegenden Höhenzüge. Es sind Bilder eines ländlichen Rumäniens, das andernorts zunehmend verschwindet.
Bucium – Bergbaugeschichte und Naturdenkmäler
Im südwestlichen Abschnitt der Transapuseana erreicht man die Gemeinde Bucium, die eng mit der Geschichte des Bergbaus verbunden ist. Das Siebenbürgische Erzgebirge gehört zu den traditionsreichsten Bergbauregionen Rumäniens. Über Jahrhunderte wurden hier wertvolle Bodenschätze gewonnen, insbesondere Gold und Silber. Diese Vergangenheit hat nicht nur die Wirtschaft, sondern auch die Kultur der Region geprägt. Historische Häuser, alte Wege und zahlreiche steinerne Kreuze erinnern an frühere Generationen. Einige der Kreuze stehen heute unter Denkmalschutz.
Eine bemerkenswerte historische Persönlichkeit, deren Name mit Bucium verbunden ist, ist Ecaterina Varga. Die im 19. Jahrhundert lebende Frau setzte sich für die Rechte der Bergbauern ein und wurde zu einer Symbolfigur ihres Widerstands gegen soziale Ungerechtigkeit. Ihr ist in der Gemeinde ein Gedenkhaus gewidmet.
Die Umgebung von Bucium besitzt zudem einige der außergewöhnlichsten Naturdenkmäler des Westgebirges. Besonders bekannt sind die beiden vulkanischen Felsformationen Detunata Goală und Detunata Flocoasă. Ein weiteres lohnendes Ausflugsziel – allerdings erst für den kommenden Frühling - ist die Narzissenwiese von Negrileasa. Auf einer Fläche von mehreren Hektar blühen hier im Frühjahr wilde Narzissen.
Eine Straße für Entdecker, nicht für Eilige
Obwohl die Transapuseana nur 78 Kilometer lang ist, sollte man für ihre Erkundung mindestens einen ganzen Tag einplanen. Wer auch die Schluchten, Wasserfälle und Bergdörfer besuchen möchte, kann problemlos ein Wochenende oder mehrere Tage in der Gegend verbringen. Besonders reizvoll ist eine Fahrt zwischen Mai und Oktober. Im Frühjahr leuchten die Wiesen in frischem Grün, im Sommer bieten die Wälder angenehme Kühle, und im Herbst verwandelt sich die Landschaft in ein Mosaik aus goldenen, roten und braunen Farbtönen.
Auf den kurvenreichen Abschnitten ist vorsichtiges Fahren angesagt. Nicht jede Stelle eignet sich zum Anhalten, und auch Tiere können gelegentlich die Fahrbahn kreuzen. Wer abgelegene Wanderziele besuchen möchte, sollte ausreichend Wasser, geeignetes Schuhwerk und eine zuverlässige Orientierungsmöglichkeit mitnehmen.
Die eigentliche Attraktion dieser Straße ist jedoch nicht ihre Länge oder die Zahl der Kurven. Es ist die Möglichkeit, eine Region zu entdecken, in der sich die Landschaft vielerorts ihre Ursprünglichkeit bewahrt hat. Die Transapuseana verbindet Naturerlebnisse mit Einblicken in die Geschichte und das Alltagsleben der Menschen im Siebenbürgischen Westgebirge.
