Von Berglegenden und Pionieren der Fotografie

Ausstellung „Lehmann vs Lehmann“ im Olimpia-Sportmuseum

Carl Lehmann war in erster Linie ein großer Naturliebhaber, der sein ganzes Leben den Bergen gewidmet hat. | Foto: Elise Wilk

Kronstädter Eisläufer im Jahr 1905 | Foto: Heinrich Lehmann

Die große Leidenschaft von Carl Lehmann war das Gebirge.

Ein grauer Januarvormittag. Die Zinne ist in eine dicke Nebelwolke eingewickelt. Auf dem Olimpia-Eislaufplatz ertönt laute Radio-Musik. Ein paar Teenager drehen ihre Runden auf dem Eis, ein Mädchen übt Pirouetten. Aus der ersten Etage des Olympia-Sportmuseums kann man die Eisläufer gut beobachten. Auch im Jahr 1905 schwebten Menschen in Schlittschuhen hier über das Eis. Ein Schwarz-Weiß-Foto von Heinrich Lehmann, das im Sportmuseum ausgestellt ist, zeigt eine Gruppe von elegant gekleideten Leuten auf dem Eislaufplatz. Die Männer tragen Zylinder, die Frauen lange Samtkleider mit Rüschen und schicke Hüte – als würden sie auf einen Ball gehen.

Man schaut sich das Foto fasziniert an – und für ein paar Sekunden taucht man ein in eine längst vergessene Zeit. Denn ein solches Foto ist ein wertvolles Zeitdokument. Es hält einen Moment für immer fest und rettet ihn vor der Vergessenheit. Dann wendet man den Blick vom alten Foto und schaut wieder aus dem Fenster. Im Januar 2026 fahren die Menschen zu Radiomusik mit Sportjacken und Skihosen bekleidet Schlittschuh. Eins hat sich in über 120 Jahren nicht geändert – Kronstädter sind von Wintersport begeistert.

Zeugnisse eines wichtigen Kapitels der Geschichte 

Die touristische „Eroberung“ der Karpaten begann in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit dem Entstehen der ersten Berghütten, Wanderwege und Bergvereine. Das beste Zeugnis dieses Kapitels der europäischen Geschichte ist die Fotografie. Die Ausstellung „Lehmann vs Lehmann“, die in diesem Winter im Olympia-Sportmuseum zu sehen ist, zeigt die Anfänge des Bergtourismus in Rumänien und die (Wieder-)Entdeckung der Berge durch die Fotokunst und rückt dabei zwei bedeutende Namen in den Vordergrund: Heinrich Lehmann und Carl Lehmann.

Der Lithograf Heinrich Lehmann (1877-1954) war ein Pionier der Sportfotografie und hinterließ Fotos mit den ersten Generationen von Eisläufern und Skifahrern Kronstadts.

Er erlernte die Kunst und das Handwerk der Lithografie von seinem Vater Johann Gottlieb Lehmann und vertiefte anschließend seine Fachkenntnisse in Wien. Er kehrte 1901 nach Hause zurück, nachdem er seine Ausbildung auch auf den Bereich der Fotolithografie und der fotografischen Reproduktion ausgeweitet hatte.Wie sein Vater war Heinrich ein zuverlässiges Mitglied des Siebenbürgischen Karpatenvereins (SKV, gegründet 1880 in Hermannstadt). Darüber hinaus wurde er Mitglied der Leitung des SKV, Sektion Kronstadt.

Carl Lehmann (1894-1990), dessen Vater und Großvater beide Förster waren, durchstreifte schon als Kind die Berge der Umgebung und lernte sie kennen und lieben. Später gab er seine ganzen Ersparnisse für Anschaffung von Foto- und Bergsteigerausrüstung aus. Seinen Aufzeichnungen zufolge erreichte er im Sommer 1908 zum ersten Mal den Gipfel des Schuler. Er war damals 14 Jahre alt. Bereits in den 1920er Jahren bildete sich Carl Lehmann autodidaktisch zum Lithografen und Fotografen aus. Schon bald wurde der künstlerische Wert seiner Fotos bei Wettbewerben sowie durch Veröffentlichungen in Tourismusmagazinen gewürdigt.Dank seiner Erfahrung in der Bergwelt wurde Carl Lehmann 1936 von dem neu gegründeten ONT (Oficiul National de Turism) angestellt. Hier wurde er zum ersten staatlich anerkannten Bergführer in Kronstadt und konnte selbst Bergführer ausbilden und ernennen. Mit Hilfe der Stadt und des ONT errichtete Lehmann im Jahre 1938 am Schuler, auf halber Höhe der neuen Abfahrtspiste, der Telefonschlucht, eine Unterkunft für die Bergrettung, genannt „das Lehmann-Haus“. Dies war mit allem Notwendigen ausgestattet, so im Sommer mit einer Trage, im Winter mit Schlitten auf Skiern.

Ein Leben den Bergen gewidmet 

Mit Hilfe von Infotafeln, Fotografien und Postkarten werden die Besucher der Ausstellung auf eine Zeitreise mitgenommen, die Ende des 19. Jahrhunderts mit den Werken des Lithografen Heinrich Lehmann beginnt und bis in die Jahre des Kommunismus führt, als die Berglegende Carl Lehmann für seine Fotokunst noch Glasplatten verwendete. Man erkennt auf den alten SchwarzWeiß-Bildern Orte, die man kennt und liebt. Ein Foto von Heinrich Lehmann zeigt die Eröffnung der Julius Römer Hütte auf dem Schuler am 1. September 1935, andere zeigen die Schützhütten Mălăiești oder Omu. Und man erfährt interessante Fakten. Etwa, dass der Förster Karl Lehmann einer der ersten Bergführer aus Siebenbürgen war. Oder dass er die Trasse „7 Leitern“ im Canyon aus dem Hohenstein erschaffen hat. Oder dass er im Jahr 1981, mit 87 Jahren, eine letzte Kamm-Wanderung am Königsstein unternahm und mit 93 Jahren noch auf den Schuler und auf die Zinne stieg. 

Begeisterte Wanderer kennen den Namen Carl Lehmann sicherlich. Mehrere Bergpfade wurden nach ihm benannt, am Königgstein gibt es eine Notunterkunft, die seinen Namen trägt (Refugiul Vârful Ascuțit Carl Lehmann) und in Kronstadt wurde eine Straße nach ihm benannt.

Er hat schwierige Bergtouren unter extremen Wetterbedingungen geschafft und zur Rettung zahlreicher verirrter oder verunglückter Touristen beigetragen. Er hat Artikel und Bücher über Bergsteigen und Bergtourismus veröffentlicht und Vorträge zu diesem Thema gehalten. Er hat Orientierungstafeln und Markierungen gemalt, Wanderwege geplant und Schutzhütten und Unterkünfte gebaut. Zu den bemerkenswerten Besteigungen aus seiner Pionierzeit zählen „Piatra Mică“ im Königsstein,  Bucșoiu-Omu-Țigănești im Bucegi-Gebirge im August 1913 aber auch Winterbesteigungen. Neujahr 1922 gelangte er auf den Gipfel Vârful cu Dor und Weihnachten 1924 auf den Omu-Gipfel.

Bilder von Orten, die es heute nicht mehr gibt 

Er war leidenschaftlicher Fotograf und hielt bis zu seinem 90. Lebensjahr Tausende von Landschaften in den Bergen auf Film fest. Zuerst als geschickter Amateur, später auch professionell arbeitend, machte er seine Bilder, die eine Bereicherung vor allem der siebenbürgischen Bergfotografie darstellen. Sie sind im Allgemeinen der klassischen Motivgestaltung zuzuordnen und entstanden meist in stundelanger Arbeit. Bevor nicht alle Bildkomponenten stimmten, wie etwa die schöne Motivwahl, der angemessene Bildausschnitt, der Lichteinfallwinkel, der Stand der Wolken und vieles andere mehr, löste er seine Kamera gar nicht aus. Viele seiner Fotografien haben einen hohen historischen Wert – sie halten Schutzhütten fest, die heute nicht mehr existieren.

In erster Linie jedoch war Lehmann ein Naturliebhaber. Und das versucht auch die Ausstellung im Olimpia-Sportmuseum zu vermitteln: die Natur in den Bergen in der Umgebung von Kronstadt ist wunderschön. Es ist unsere Pflicht, sie zu schützen.

Die Ausstellung kann bis zum 31. Mai im Sportmuseum besucht werden. Sehr zu empfehlen ist auch die permanente Ausstellung im Erdgeschoß.