„Als ich das Handwerk erlernt habe, gab es nur Inteng“

Ein Elektriker rüstet Hermannstadts alte Infrastrukturen nach

Hartnäckigster Beton und nur das Billigste vom Billigen: für seriöse Elektriker nichts als Grund zum Spott auf den Kommunismus, aber eben auch Garant für Arbeit.

Stümperei ist Dumitru Zăvoi zuwider. Fotos: Klaus Philippi

„Vielleicht liegt es an der Staubschicht darauf, dass mir heute mit meinen 61 Jahren das Heben großer Geräte immer schwerer fällt“, räumt Dumitru Zăvoi ein.

Gelb sind sie, die alten Lichtschalter und Steckdosen. Richtig gelb, wie vom Glimmstängel imprägnierte Fingerspitzen eines strengen Kettenrauchers, der es einfach nicht lassen kann. Positiv auf sie zu sprechen ist Dumitru Zăvoi (61) unter gar keinen Umständen, die Dinger sind ihm genauso verhasst wie Stromleitungen aus reinem Aluminium, worauf selbst geschickte Heimwerker heute zumeist nur schimpfen können. Und sobald Zimmerwände sich ihm dann noch ganz aus Beton ohne jedes Ziegelrot entgegenstellen, komme er ordentlich ins Schwitzen, erzählt Elektriker Dumitru. Baustellen solchen Widerstands wären zwar alles andere als leicht und für die Auftraggeber auch spürbar teurer wegen zeitlichen Mehraufwands, doch Qualitäts-Rabatt bietet der seit 32 Jahren total selbstständig im Raum Hermannstadt/Sibiu tätige und erfahrene Strom-Installateur niemandem, der Arbeit für ihn hat. „Du siehst, die Steckdosen und Schalter bei dir zuhause sind noch immer tadellos weiß!”, und klar gebe ich ihm gern recht. Zwölf Jahre ist es her, dass Dumitru Zăvoi in meiner Wohnung ausnahmslos Komponenten der französischen Marke „Legrand” verbaut hat, die nicht vergilben. „Die türkischen gehören entsorgt!”

Was weiter weg südlich des Karpatenbogens öfter durchget und leider auf den Ruf gesamt Rumäniens abfärbt, hat bei ihm keine Chance. Ein sonnig warmer Frühjahrstag Ende April ist es, als ich Dumitru Zăvoi in einem leergeräumten Vier-Zimmer-Appartement antreffe und er mir alles aufzählt und zeigt, was ihm von acht Uhr morgens täglich bis zu zehn Stunden wichtig ist: seinen Marken-Bohrhammer und die an einen Staubsauger gekoppelte ebensolche Schlitzfräse. Zudem die beiden Transporter, die hier im Goldtal-Viertel/Valea Aurie vor dem Plattenbau stehen, wo er gerade vollbeschäftigt ist. Zufällig derjenige, in dem Dumitru auch selber wohnt. Erspäht man aus einem Fenster die beiden Autos, klebt der Blick am Panorama des Fogarascher Gebirges/Munții Făgărașului fest. Von ihm, der Orte wie das Hotel und Restaurant „Zum Römischen Kaiser” und das Altenheim „Dr. Carl Wolff” im Portfolio stehen hat, weiß man möglicherweise nur im Norden der „Siebenbürgischen Alpen”.

Weil er schon früh hin wollte und bis heute da geblieben ist. „1978 bin ich nach Hermannstadt gekommen und habe mich als Schüler am Industrie-Gymnasium Nr. 7, das heute den Namen von König Karl I. trägt, zum Elektriker ausbilden lassen. Aufgewachsen bin ich im Kreis Vâlcea, meine Eltern haben dort Schafzucht betrieben. Als Hirte im Lotrului-Tal erlebte mein Vater die Jahre des Bauens von Stauseen und Wasserkraftwerken unter Ceaușescu. Er dachte, dass die fossilen Brennstoffe irgendwann alle sein würden, und es wenig Zukunft für den Beruf Mechaniker geben könnte. Aber das Wasser wird immer fließen und Strom erzeugen, sagte er mir, und so fiel die Entscheidung”, erinnert sich Dumitru Zăvoi. Bis auf die 16 Monate Pflichtwehrdienst nach Schulabschluss, die er in Târgu Jiu absolvierte, hat ihn nichts mehr wieder weg aus Hermannstadt geführt.

Sein allererster Arbeitsplatz war das kreisweite Bauunternehmen – ein anderes als das staatliche gab es ja nicht im kommunistischen Rumänien –, wo er Werner Freitag aus Holzmengen/Hosman im Harbachtal/Valea Hârtibaciului zum Vorgesetzten hatte. Bis 1989. „An die 25 bis 30 Jahre älter als ich. Nach seinem Auswandern in die Bundesrepublik Deutschland und beruflichen Neuanfang im Dienst bei einem Chef in Stuttgart namens Fischer bat ich ihn um zeitweise Arbeit dort auch für mich.

Doch er wies ab und schickte mir Werkzeug nach Rumänien. Mit der Begründung, dass es auch in Rumänien Arbeit gebe.“ Es war das einzige Mal, dass Dumitru Zăvoi händeringend um etwas anfragte und sich beschenken ließ. Reich noch dazu.

Sobald Werner Freitag nämlich auf Besuch kommt und die beiden Berufshandwerker in Hermannstadt ausgehen, achtet der jüngere und nicht emigrierte auf paritätische Kostenteilung: „Einmal zahlt er, beim anderen Mal ich.“ Nie im Leben käme es ihm in den Sinn, den vermeintlich Ärmeren herauskehren zu wollen und sich stets vom wirtschaftlich ach so Überlegenen aus Deutschland einladen zu lassen! Dumitru Zăvoi, dem in Sachen Bodenständigkeit keiner was vormacht, schwört auf die Küche der „Cabana Valea Aurie“ und des „Kon-Tiki“, der unstreitbaren Hermannstädter Gaststätte Nummer Eins für Freaks von „ciorbă de burtă“, saurer Suppe mit Rinderpansen und deftiger Rahm-Ei-Zugabe. Bei Profis seines Schlags gibt es garantiert weder kulinarisch noch zur Arbeit halbe Sachen.

Verselbstständigt hat er sich 1994. Nur eine Bohrmaschine und den zu ihr gehörenden Eisenbohrer hatte er damals zusätzlich zu allem kleinen Werkzeug, ließ jedoch nicht locker und profitierte von „der schwachen Arbeit unter Ceaușescu. Für mich ist sie bis heute etwas Gutes.“ Denn plötzlich, als es endlich erlaubt und möglich war, sich Mikrowellen, Kühlschränke, Gefriertruhen, Fernseher, Videogeräte, Computer, Kassettenrekorder, CD-Player, Klimaanlagen und lauter Elektro-Zubehör ohne Ende zuzulegen, musste praktisch das ganze Land infrastrukturell nachgerüstet werden. „Bloß zwei Steckdosen hatten die Blockwohnungen, für Waschmaschine und Kühlschrank, mehr nicht.“

Eine weitere technische Folge vom kommunistischen Sparkurs ist, dass Decken von Plattenbauten trotz Verlegens und Ziehens neuer Leitungen tunlichst keinen Bohrhammer und keine Schlitzfräse zu spüren bekommen dürfen; sonst erleidet die Struktur Schaden, wo aus sozialistischer Räson der Estrich des einen Appartements dem darunterliegenden häufig als Decke diente. Die „Gefahr“ bei Nicht-Profi-Wissen beim Hantieren mit Elektrostrom, vor der Dumitru Zăvoi warnt, hat spezifisch in Rumänien ihren ernst zu nehmenden Hintergrund.

Gipfel vom diktatorischen Geiz war das Knausern mit Kupfer, das seinerzeit nur beim Bauen der „Casa Poporului“ genehmigt wurde. „Als ich das Handwerk erlernt habe, gab es nur Inteng.“ Und stets beim Errichten neuer Wohnblocks die Vorgabe, die Raumhöhen so niedrig wie möglich zu halten. Auf die Maßnahme, sämtlichen vier Zimmern des aktuell von ihm zu überholenden Appartements eine Zwischendecke einzubauen, kann Dumitru Zăvoi nicht verzichten, andernfalls wird es nichts mit dem kompletten Austausch vom gut 50 Jahre alten Stromnetz. Irgendwie letztlich muss doch das Verbot, der Raumdecke mit hartem Gerät aufzurücken, umgangen werden. Koste es gar nochmaliges Senken der Höhe. „Zwei Wochen“ dauert Überholen von A bis Z.

Dass er die in Wohnblocks gesetzlich vorgeschriebenen Ruhezeiten auf den Punkt genau achtet, um möglichst keine einzige Minute zu vergeuden, ist für ihn zwingende Bedingung. Weil Dumitru Zăvoi bis 12:59 Uhr Krach machen darf, tut er es auch. Erst um 13:00 Uhr ist die Zeit reif für all die geräuschlosen Arbeitsschritte mit Kabeln und Vergipsen. Bis 14 Uhr gilt Lärmverbot. Ob es manchmal selbst ihm zu laut werde? Nein, über Hörschäden könne er trotz der vier Jahrzehnte mit Bohrhammer und Schlitzfräse gar nicht klagen, gibt mir Dumitru sofort zur Antwort. Bei mir stillem Gast und Reporter auf seiner Baustelle wiederum, der ich nach nur einer Minute schon vom harschen Ton der Maschinen bedient bin, würde die Sicherung binnen kürzester Zeit durchbrennen.

Stress, so berichtet er, hätte er nur damals vor Jahren gehabt, als im Straßenverkehr ein Stockbesoffener ihm die Vorfahrt nicht gab und seinen orangefarbenen Mikrobus quasi direkt auf eine Schrotthalde beförderte. „Ich rief Werner Freitag an und bat ihn höchst dringend um Hilfe beim Vermitteln eines anderen Pkws“, schildert Dumitru Zăvoi. Selbstverständlich war der freundliche Siebenbürger Sachse aus Baden-Württemberg mit dem richtigen Rat zur Stelle und fuhr später einmal auch den zweiten gebrauchten Transporter von Rastatt bis nach Hermannstadt, den Elektriker Dumitru sich eigens für seine Privatzwecke leistete. Die mit seinem Handwerk nicht zu verwechseln sind, denn an den Wochenenden geht er liebend gern Saxophon auf Hochzeiten spielen. Klar kann er dazu seinen weißen Transporter mit dem blauen Aufdruck „ELECTROTECH-IND SRL“ nicht brauchen. „Nirgends, wo ich gearbeitet habe, gab es hinterher jemals Probleme.“ Wer ihn bucht, trifft zweifellos die bestmögliche Entscheidung.