Am Theißufer wartet Ungarn auf sich selbst

Ein müdes Land zwischen Hoffnung und Gewohnheit / Ein Lagebericht aus Szeged ein Monat vor Ungarns Parlamentswahl

Am Klauzál tér im Herzen der Universitätsstadt Szeged flanieren Einwohner und Studenten. Die ruhige Atmosphäre steht im Kontrast zur aufgeheizten politischen Debatte im Land.

Ein Fidesz-Plakat in der Kleinstadt Makó warnt vor den politischen Gegnern der Regierung und zeigt unter anderem Wolodymyr Selenskyj und Ursula von der Leyen.

Ein Plakat in Szeged warnt davor, dass am Ende „Selenskyj lachen könnte“. In Ungarns Wahlkampf stellt die Regierung die Unterstützung der Ukraine als Risiko dar.

Am Rand von Szeged entsteht eine Fabrik des chinesischen Elektroautoherstellers BYD. Für die Regierung ist das Projekt ein Symbol wirtschaftlicher Stärke – Kritiker sehen darin die wachsende Abhängigkeit von China. Fotos: Dan-Adrian Cărămidariu

In Szeged, an der Theiß, sieht Ungarn in diesen Wochen fast so aus, als wolle es mit Politik möglichst wenig zu tun haben. Es ist die große südungarische Universitätsstadt nahe der rumänischen und serbischen Grenze, berühmt für ihre Hochschule, für ihre Rolle als Zentrum einer agrarisch geprägten Region und für die Pick-Salami, die den Stadtnamen längst zur Marke gemacht hat. Wer hier durch die Innenstadt geht, sieht Spaziergänger am Fluss, Eisdielen, Konditoreien, ein gelassenes Zentrum. 

Das neubarocke Rathaus am Széchenyi-Platz beherrscht mit seiner breiten Parkanlage das Zentrum. Vor dem Gebäude erinnern Denkmäler an den Heiligen König Stephan und seine bayerische Frau, an den Bildungsminister der Zwischenkriegszeit Kuno Graf Klebelsberg, an Pál Vásárhelyi, der die Theiß begradigen ließ, und an weitere Heroen des Magyarentums. Nur wenige Gehminuten von hier entfernt liegt der „Mars téri piac”, der größte Bauernmarkt der rund 160.000 Einwohner zählenden Stadt. An diesem Samstagmorgen herrscht emsiges Treiben. Vor der großen Markthalle werden vor allem Gemüse und Obst angeboten, in der Halle selbst Brot, Fleisch, Würste, Eingelegtes, Käse, Milch, Pilze und Eier. In einer Nebenhalle, 2010 mit EU-Mitteln neugebaut, stehen die Bürger Schlange vor den Imbissbuden. Sie essen Lángos, aber auch gebratene Würste und panierten Fisch. Früh am Morgen. Auf eine Diskussion über Politik will sich keiner so recht einlassen, die meisten winken höflich ab. Man will den Lángos mit Sauerrahm, geriebenem Käse und ein bisschen Knoblauch genießen, den Fisch, die fettigen Würste, man trinkt den „presszó kávé“ und bestellt ein Stück Kuchen. Es gibt Greta-Garbo-Schnitten, die hier natürlich Zserbó heißen, Cremeschnitten, Krapfen, Schomlauer Nockerln, Palatschinken, „mákos guba“, ein Hefeteigauflauf mit Mohn, und natürlich Croissants mit Pistaziencreme, weil die globale Pistazien-Manie nicht einmal um Ungarn einen Bogen gemacht hat. Man gibt sich gelassen. Aber diese Gelassenheit täuscht.


Denn auch in Szeged ist die große ungarische Frage angekommen: Geht das System Viktor Orbán in seine nächste Verlängerung – oder beginnt sein Ende? Am 12. April wählt Ungarn ein neues Parlament. Offiziell ist es eine Parlamentswahl; politisch ist es längst ein Duell zweier Männer. Auf der einen Seite steht Viktor Orbán, seit 2010 ununterbrochen der dominante politische Faktor des Landes, auf der anderen Péter Ma-gyar, der ehemalige Fidesz-Insider, der sich in erstaunlich kurzer Zeit zum ernsthaftesten Herausforderer des Premiers aufgeschwungen hat. Die jüngsten unabhängigen Umfragen sahen Magyars Tisza-Partei zeit-weise vor dem Fidesz, während Orbán weiter auf seine Medienmacht, den Staatsapparat und seine starke Verankerung außerhalb der liberalen Großstadtmilieus setzen kann. Sicher ist also nur: Diese Wahl ist offener als jede ungarische Parlamentswahl seit Jahren.

Auffällig ist dabei das Bild, das das Land plakatiert. Fast alle Parteien zeigen junge Gesichter, als wollten sie den erschöpften Bürgern demonstrativ Zukunft versprechen. Das gilt für den Fidesz, das gilt erst recht für die Tisza-Bewegung, und es gilt auch für die kleineren Kräfte. Klára Dobrev führt nicht etwa eine „Demokratische Aktion“, sondern die „Demokratikus Koalíció“ (DK), die alle 106 Wahlkreiskandidaten präsentiert hat. Rechts von Fidesz positioniert sich „Mi Hazánk“ unter László Toroczkai – eine ultranationalistische Abspaltung der früheren Jobbik, die mit radikaler Anti-EU-Rhetorik, Verschwörungsthemen und Nationalismus um Wähler konkurriert. Doch im Grunde läuft alles auf die Konfrontation Orbán gegen Magyar hinaus.

Péter Magyar verdankt seinen Aufstieg gerade dem Umstand, dass er keine klassische Oppositionsfigur ist. Er kommt aus dem Machtmilieu selbst, kennt seine Sprache, seine Rituale und seine Schwächen. Genau das macht ihn gefährlich. Die Tisza-Partei hat ihrem Programm den Titel „Müködö és emberséges Magyaror-szág“ gegeben – ein funktionierendes und menschliches Ungarn. Dahinter steckt das Versprechen einer nüchternen Reparatur: Rechtsstaat, Anti-Korruption, die Rückholung eingefrorener EU-Gelder, Investitionen in Gesundheit, Bildung, Straßen und Schienen, weniger Abhängigkeit von russischer Energie, mehr Berechenbarkeit, mehr Normalität. Es ist gerade diese bürgerliche Normalitätssehnsucht, mit der Magyar den Fidesz zu bedrängen versucht.

Orbán dagegen betreibt keinen Wahlkampf der großen Detailprogramme, sondern einen Wahlkampf der Grundgefühle. Auf den offiziellen Regierungsseiten dominiert die bekannte Mischung aus Familienförderung, Steuerversprechen, Wohnkreditprogrammen, Schutzrhetorik und nationaler Selbstbehauptung. Er verspricht niedrigere Lasten, neue Vorteile für Familien, günstige Kredite und Stabilität – und stellt all das in den Rahmen seiner großen politischen Erzählung: Nur er könne Ungarn vor Krieg, Migration, Brüssel, Kiew und fremdem Einfluss bewahren. Fidesz tritt nicht als Partei eines einzelnen Wahlprogramms an, sondern als Machtapparat, der Versorgung, Angst und Loyalität miteinander verbindet.

Um zu begreifen, wa-rum diese Wahl mehr ist als eine gewöhnliche Regierungsentscheidung, muss man zurückgehen. Der Fidesz wurde 1988 als antikommunistische, marktwirtschaftliche, klar westlich orientierte Jugendpartei gegründet. Unter Orbán wandelte sich die Partei schrittweise in eine nationalkonservative Machtmaschine. 1998 wurde er zum ersten Mal Ministerpräsident, verlor 2002 die Macht und kam 2010 mit jener Zweidrittelmehrheit zurück, die zur eigentlichen Geburtsstunde seines heutigen Systems wurde. Seither folgten weitere Siege 2014, 2018 und 2022 – nicht nur Wahlsiege, sondern Siege mit jener Größe, die Umbauten des Staates möglich machten.

Die Zweidrittelmehrheit erlaubte Orbán eine neue Verfassungsordnung und eine systematische Neujustierung der Institutionen. Was als konservative Korrektur begann, wurde zur Umformung des Staates. 2014 sagte Orbán in seiner berühmten Rede im siebenbürgischen Bad Tuschnad/Băile Tușnad/Tusnádfürdö offen, er baue einen „illiberalen Staat“. Das war keine Nachlässigkeit, sondern Programmatik. Später wurde der Begriff in „christliche Demokratie“ oder „nationale Ordnung“ umetikettiert, doch der Kern blieb: Wahlen ja, aber ein Staat, in dem Medien, Verwaltung, Justiz, Wirtschaft und Kultur immer stärker entlang politischer Loyalität geordnet werden. Die Europäische Kommission benennt alljährlich in ihren Rechtsstaatsberichten große Defizite bei Justiz, Vermögenserklärungen, Lobbying, Korruptionskontrolle und institutionellen Gegengewichten.

Zum zweiten Gründungsmoment dieses Systems wurde die Flüchtlingskrise 2015. Mit dem Stacheldrahtzaun an der Grenze zu Serbien, der Kriminalisierung irregulärer Einreisen und der politischen Dauermobilisierung gegen Migration fand Orbán ein Thema, mit dem er das Land moralisch und emotional neu ordnen konnte. Der Grenzzaun war immer mehr als nur eine Sicherheitsmaßnahme; er war Kulisse, Symbol und innenpolitische Maschine zugleich. Seitdem leben Orbán und seine Partei politisch von der Dauererzählung, Ungarn befinde sich in einer Abwehrschlacht. Erst waren es die Migranten, dann „Brüssel“, dann der Krieg, dann die Ukraine. Außenpolitisch hat Orbán diese Herrschaft mit einer doppelten Strategie unterfüttert. Er hielt Ungarn fest im industriellen Westen verankert – vor allem über Deutschland – und öffnete es zugleich wie kaum ein anderer EU-Regierungschef in Richtung China. Deutschland ist weiterhin wichtigster Handelspartner und größter Kapitalinvestor; deutsche Firmen beschäftigen in Ungarn Hunderttausende Menschen. Gleichzeitig rühmt Budapest immer offensiver seine Sonderrolle als europäischer Brückenkopf chinesischer Investitionen. Dass heute BMW in Debrecen steht und BYD in Szeged baut, gehört also zur gleichen politischen Logik: Orbán will EU-Mitglied bleiben und zugleich als bevorzugter Partner autoritärer oder halbautoritärer Machtzentren auftreten. Lange profitierte Orbán dabei auch von stiller Rückendeckung aus dem europäischen Mitte-Rechts-Lager. Fidesz gehörte bis 2021 der Europäischen Volkspartei an, und führende Politiker aus Deutschland und Österreich – darunter Angela Merkel und Vertreter der österreichischen ÖVP – setzten über Jahre eher auf Einbindung als auf Konfrontation. Auch im Europaparlament überwog lange der Wille, Orbán im Lager zu halten, statt ihn frühzeitig zu isolieren. Kritiker sagen heute, diese Nachsicht habe Orbán Zeit verschafft, sein System zu festigen.

Dieses Modell mag Ungarn Stabilität verschafft haben – doch inzwischen knirscht es. Die EU-Kommission beschreibt eine fragile Konjunktur, anhaltende Inflationsrisiken und hohe Unsicherheit; das ungarische Statistikamt meldete für die ersten drei Quartale 2025 gerade einmal 0,3 Prozent Wachstum gegenüber dem Vorjahr. Beim materiellen Konsum der Haushalte liegt Ungarn in der EU weiterhin weit hinten, und so manchem Bewohner Westrumäniens, der 25 Jahre lang gewohnt war, ein aufstrebendes Nachbarland zu sehen, in dem Kapitalismus und Marktwirtschaft früher Früchte trugen, kommt es jetzt so vor, als würde zumindest der westliche Teil Rumäniens inzwischen, wenn nicht reicher, so zumindest dynamischer sein als mancher ungarische Landstrich. Szeged, das über Jahrzehnte von rumänischen Einkaufstouristen aufgesucht wurde, hat zwar noch immer eine gepflegte Innenstadt, aber die Straßen sind schlecht, gebaut wird vergleichsweise wenig, und so manches Gebäude, das vor 25 Jahren instandgesetzt wurde, ist heute ein trauriger Sanierungsfall. In der Kleinstadt Makó, deren Touristen aus Serbien und Rumänien wegen des Freibads mit seiner zwiebelartigen Architektur kommen, ist es an einem Samstagnachmittag Mitte März eher traurig. Der Stillstand wirkt greifbar.

Dazu kommt die Abwanderung: Laut OECD stieg die Emigration ungarischer Staatsbürger in OECD-Länder 2023 um 13 Prozent auf 50.000 Menschen; die wichtigsten Ziele waren Deutschland, Österreich und die Niederlande. Das sind Zahlen, die viel über die Stimmung im Land sagen. Der Orbán-Staat ist nicht zusammengebrochen. Und trotzdem bleibt Orbáns Kernwählerschaft real. Sie sitzt vor allem außerhalb der oppositionellen Großstadtinseln, in kleinstädtischen und ländlichen Räumen, in Milieus, die stärker von regierungsnahen Medien, lokalen Patronagenetzen und dem Versprechen von Ordnung und Schutz geprägt sind. Genau darin liegt seine anhaltende Stärke. Selbst wenn Tisza in Budapest und unter jüngeren, mobileren Wählern aufholt, ist Orbán im Land noch längst nicht erledigt. Die Wahl wird deshalb auch zu einer Abstimmung darü-ber, ob Müdigkeit stärker ist als Angst – und ob Veränderungswille stärker sein kann als Gewöhnung.

Der schmutzige Teil des Wahlkampfs zeigt, dass der Fidesz die Gefahr erkannt hat. Orbán versucht die Abstimmung immer offener als letzte Abwehrschlacht gegen die Ukraine und gegen angebliche ausländische Einmischung zu inszenieren. In den vergangenen Tagen warf er Kiew sogar ohne Belege vor, seinen Rivalen Magyar zu finanzieren; dazu kamen antiukrainische Kampagnen, KI-Bilder und eine Zuspitzung, die den Wahlkampf bewusst in den Bereich der Bedrohungsfantasie zieht. Für Europa ist das mehr als ungarische Innenpolitik. In Brüssel geht es um eingefrorene Milliarden, um Rechtsstaatlichkeit, um den Kurs gegenüber Russland und der Ukraine – und um die Frage, ob Ungarn als illiberaler Sonderfall dauerhaft quer im Inneren der EU liegen bleibt.

Zu den sichtbaren Rissen des Systems gehört auch die Wut über Bereicherung. Kaum ein Ort symbolisiert das stärker als Felcsút, Orbáns Heimatdorf im zentralungarischen Komitat Fejér, und das prunkvolle Anwesen Hatvanpuszta, das zum Wahlkampfthema geworden ist. Die Opposition liest dort die ganze Geschichte des Regimes: Kindheitsfreunde und Verwandte, die in einem staatsnahen Kapitalismus zu enormem Reichtum aufsteigen; Macht, die sich im öffentlichen Raum moralisch national gibt und privat aristokratisch wohnt. In diese Logik passen auch die kostspieligen Rekonstruktionsprojekte im Budaer Burgviertel. Das Nationale Alajos-Hauszmann-Programm will historische Pracht wiedererschaffen, doch die UNESCO warnte jüngst erneut, dass Umfang und Tempo der Arbeiten die Authentizität des Welterbes bedrohten. Was für die Regierung nationale Wiedergeburt ist, erscheint Kritikern als teure Kulisse eines restaurativen Staats.

Nicht alles in Orbáns System ist hart und einschüchternd. Ein Teil seiner Macht liegt gerade in der weicheren, fürsorglichen Form der Bindung. Dazu gehört auch das Erzsébet-Tábor-Programm, ein staatlich gestütztes Netz von Kinder- und Familienlagern, das jährlich mit hohen Summen gefördert wird und Erholung, Sozialpolitik, christlich-nationale Symbolik und Gemeinschaftsbildung verbindet. Es ist mehr als Ferienorganisation. Es zeigt, wie der Orbán-Staat Loyalität nicht nur mit Patronage und Angst, sondern auch mit Fürsorge, Ritualen und kultureller Einbindung produziert – bis weit über die Landesgrenzen hinaus.

Gerade deshalb ist Szeged als Schauplatz so inte-ressant. Die Stadt ist eine der wenigen großen ungarischen Städte, die dem Fidesz-Lager nicht selbstverständlich gehören. Bürgermeister László Botka, einst Sozialist, heute vor allem als lokaler Gegenpol zu Budapest profiliert, steht für ein anderes Ungarn: städtisch, europäisch, pragmatisch. Zugleich wächst am Rand dieser Stadt das vielleicht sichtbarste Symbol von Orbáns Wirtschaftsmodell: das BYD-Werk. Dort läuft bereits die Probeproduktion; fast tausend Beschäftigte sind an Bord, die Arbeitslosigkeit in der Stadt ist extrem niedrig. Aus Sicht der Regierung ist das ein Triumph: China bringt Industrie, Jobs und Prestige. Aus Sicht vieler Einwohner ist es ambivalenter. Mit dem Werk kommen Hoffnungen auf Aufschwung – und Sorgen über Wasserverbrauch, Energiebedarf, Gastarbeiter und Abhängigkeit. Recherchen zu den Umweltunterlagen beziffern den Ressourcenhunger des Werks in Größenordnungen einer Kleinstadt. Genau hier, am Rand der Theiß, wird greifbar, was Orbáns Modell bedeutet: Wachstum ja, aber um den Preis neuer Abhängigkeiten.

Und dann ist da noch das, was man in Szeged nicht oder nur schwer erzählt bekommt. Viele Jüngere, viele Menschen aus dem Mittelstand, viele, die man im Zentrum oder am Ufer trifft, haben keine Lust mehr auf Politikgespräche. Nicht weil sie keine Meinung hätten. Sondern weil Politik in Ungarn für viele längst ein erschöpfender Dauerzustand geworden ist: zu laut, zu aggressiv, zu unerquicklich. Man zieht sich ins Private zurück, in die Familie, in die Arbeit, in kleine Zonen der Normalität.

Das ist vielleicht Orbáns größte Leistung – und zugleich das größte Risiko für seine Gegner: Er hat ein Land mitproduziert, das sich an die politische Überwältigung gewöhnt hat.

Für Leser in Rumänien ist diese Wahl trotzdem keine bloße Auslandsbeobachtung. Die ungarische Wahlverwaltung war Anfang März in Szeklerburg/Miercurea-Ciuc und Klausenburg/Cluj-Napoca, um die grenzüberschreitende Abwicklung der Wahl vorzubereiten. Parallel fließen weiter erhebliche Summen aus Budapest nach Siebenbürgen. Ungarischen Presseinformationen zufolge entschied der Bethlen-Gábor-Fonds 2025 über 90,94 Milliarden Forint für ungarische Gemeinschaften außerhalb des Landes; davon gingen 34,92 Milliarden nach Siebenbürgen, ein erheblicher Teil an UDMR- und NER-nahe Stiftungen, Vereine und Einrichtungen – also an Organisationen aus dem Umfeld des „Systems der nationalen Zusammenarbeit“, jenes politischen und wirtschaftlichen Netzwerks, das Orbán seit 2010 um Staat, Partei und regierungsnahe Unternehmer aufgebaut hat. Das ist mehr als nur Kulturpolitik. Das ist Einflussarchitektur, diskret aufgebaut und zielsicher eingesetzt. Hinzu kommt die offene politische Nähe der UDMR-Führung zu Orbán. UDMR-Chef Kelemen Hunor sagte Ende Februar in Interviews, angesichts des derzeitigen Angebots wäre es besser, wenn Orbán weitermache. Das passt zu einer langen Entwicklung, in der die Budapester Nationalpolitik und das institutionelle Geflecht des Ungarnverbands in Rumänien immer enger ineinandergreifen. Aber das Bild ist auch hier nicht mehr vollkommen geschlossen. Es gibt in Siebenbürgen längst Gegenreaktionen, kleine oppositionelle Milieus, neue Tisza-Netzwerke; in Klausenburg entstand im vergangenen Jahr der erste siebenbürgische Tisza-Ableger. Orbáns grenzüberschreitende Hegemonie ist also wirksam, aber nicht mehr widerspruchslos.

Und noch etwas ist für den hiesigen Beobachter wichtig: Selbst dort, wo Orbáns Geld, Symbolik und institutionelle Nähe stark sind, bleibt die soziale Realität sperrig. In den von Szeklern bewohnten Kreisen ist die Aufholjagd keineswegs vollendet; der Wirtschaft in den Kreisen Harghita und Covasna geht es alles andere als glänzend, die dortigen Bürger haben längst begriffen, dass ihre eigenen Politiker eher wenig zu bieten haben und dass Abgrenzungspolitik und nationalistisches Dauergetöse für ökonomischen Aufschwung nur bedingt sorgen. Der politische und finanzielle Zugriff aus Budapest hat Identität gefestigt und Strukturen aufgebaut, aber nicht automatisch Entwicklung geliefert. Gerade darin liegt die stille Gegenfrage an Orbáns gesamte Nationalpolitik: Was sind Fahnen, Loyalitäten und Stiftungen wert, wenn die ökonomische Konvergenz ausbleibt?

Vielleicht ist das die eigentliche Wahrheit dieser Wahl. Orbán hat Ungarn nicht nur regiert; er hat es umgebaut, rhetorisch militarisiert, institutionell diszipliniert, ökonomisch neu verkabelt und emotional in einen Zustand ständiger Verteidigung versetzt.

Péter Magyar lebt davon, dass immer mehr Menschen dieses Modell nicht mehr für Stärke, sondern für Stillstand halten. In Szeged, wo am Stadtrand die chinesische Zukunft aus Beton wächst und im Zentrum die Leute lieber über anderes reden, lässt sich das besonders deutlich sehen. Das Land wirkt ruhig. Aber es ist keine Ruhe. Es ist Erschöpfung vor einer Entscheidung.