„Zuerst fuhr der Zug an einer Papierfabrik vorbei, die mit ihren vielen Gebäuden und umzäunten Arealen beinahe selbst eine kleine Stadt war. (…) Noch urtümlicher als das Fabrikgelände war Bușteni selbst: Der Ort wird im letzten und in dem Jahrhundert zuvor nicht anders ausgesehen haben – bis auf die Elektrifizierung. Es gab eine Hauptstraße, die parallel zum Bahngeleise verlief, links, auf der Bergseite, wo es nebst der Schule, Post, Kirche und dem Stadthaus auch ein paar kleine Läden gab, auch meinen Lieblingsladen, wo ich immer Halva und Hirsetrunk erstand“.
So beschreibt die aus Rumänien stammende Schweizer Autorin Dana Grigorcea in ihrem vor Kurzem beim Pengiun-Verlag erschienenen Roman „Tanzende Frau, blauer Hahn“ den kleinen Bergkurort Bu{teni am Anfang der 90er Jahre. Inzwischen haben sich manche Sachen gerändert, doch vieles ist gleich geblieben. Zum Beispiel die atemberaubende Aussicht, die sich den Reisenden plötzlich durch Zugfenster offenbart, während man auf der Strecke Bukarest-Kronstadt fährt. Jedes Mal, wenn der Zug sich Bușteni nähert, hofft man, dass keine Wolken das majestätische Bucegi-Gebirge verstecken.
Bușteni ist eine Stunde von Kronstadt/Brașov und anderthalb Stunden von Bukarest enfernt. Der Kurort macht dauernd Schlagzeilen wegen der vielen Touristen, die ihre Wochenenden im Prahova-Tal verbringen. Und auch wegen der Bären. Der Massentourismus hat in den letzten Jahren der koketten Kleinstadt am Fuße der Berge viel Schlechtes angetan: an den Verkaufsständen gibt es Unmengen an Plastikware, aus den Gaststätten ertönt laute Radiomusik, an der Drahtseilbahn, die zur Babele-Hütte fährt, herrscht ständig Gedränge und Chaos - man kann sich nicht mehr so richtig über die Schönheit des Ortes freuen.
Doch im Roman von Dana Grigorcea entdeckt man ein geheimnisvolles Bușteni und seine skurrilen und liebenswerten Bewohner. Manchmal, wenn man auf den steilen und engen Straßen der Ortschaft zwischen den neorumänischen Villen spazieren geht und den Geruch des nahen Waldes spürt, merkt man, dass es das Bușteni aus dem Roman immer noch gibt. Der Roman über „Liebesvariationen in den rumänischen Karpaten“ ist nicht nur eine spannende Lektüre, sondern lädt dazu ein, Bușteni neu zu entdecken.
Schauplätze in Rumänien
Literaturtourismus liegt im Trend: Immer mehr Leser besuchen Schauplätze ihrer Lieblingsbücher. Sie begeben sich auf die Spuren ihrer literarischen Helden und reisen zu jenen Orten, an denen Romane spielen oder Autoren gelebt und gearbeitet haben: Wenn Leser den Figuren aus ihren Lieblingsbüchern folgen, spricht man von Literaturtourismus. Um Schauplätze von zeitgenössischen Romanen zu besuchen, braucht man aber nicht ins Ausland zu fahren. In der deutschsprachigen Literatur gibt es zahlreiche Bücher, die an Orten in Rumänien spielen. Bei vielen von ihnen lohnt es sich, sie (erneut) zu besuchen nachdem man das Buch gelesen hat. Man wird sie sicherlich mit anderen Augen betrachten.
Worum geht es im Roman?
Sommer für Sommer treffen sich Camil und Roxana im kleinen Ort Bușteni in den rumänischen Bergen. Hier trennt sie eine Bahnschranke – in Wirklichkeit trennt sie jedoch ein ganzes Leben. Für diese Wochen im Sommer verwischen die Unterschiede. Gemeinsam beobachten sie die Paare im Ort und ergründen, wann Liebe Liebe ist. Da ist die kluge Anwältin aus Bukarest, die ihren kranken Mann pflegt, bis eines Tages ein Baum aus ihrem Haus herauswächst. Und die schöne Dame, die einer Figur in einer Telenovela gleicht, mit ihrem völlig unscheinbaren Ehemann. Das Paar mit den gleichen Wehklagen. Paare, die ungleicher kaum sein könnten und die doch glücklich miteinander zu sein scheinen. Und mittendrin Roxana und Camil und ihre Geschichte, die eine Liebesgeschichte werden könnte.
Der schönste Ort, an dem man den Roman lesen kann…
ist auf jeden Fall die Terrasse des Schlosses Cantacuzino. Das Schloss war nicht nur der Filmort für die Serie „Wednesday“, sondern ist auch eines der schönsten und wichtigsten historischen Schlösser in Rumänien. Das 1911 von Gheorghe Grigore Cantacuzino erbaute Schloss erhebt sich majestätisch auf 1000 Metern über dem Meeresspiegel, direkt vor dem Bucegi-Gebirge. Der sechs Hektar große Schlosspark lädt zum Verweilen ein und ist heute eine der meistbesuchten Sehenswürdigkeiten im Prahova-Tal. Auf der Terrasse kann man ungestört bei einem Cappuccino lesen und die Aussicht genießen.
Wo übernachtet man?
Wer sich auf eine literarische Reise begibt, sollte unbedingt atmosphärisch wohnen. Dafür eignen sich in Bu{teni die vielen Villen im neorumänischen Stil – ein Architekturstil, der im späten 19. Jahrhundert entstand und sich als bewusste Abgrenzung zum eklektischen Stil und zum Jugendstil entwickelte, mit dem Ziel, einen eigenständigen, nationalen Baustil zu schaffen. Typisch für den neorumänischen Stil sind offene Veranden, geschwungene Giebel, kunstvolle Holzschnitzereien und der Einsatz von Terrakotta oder Keramikfliesen.
Eine vor kurzer Zeit neu renovierte Villa ist die Villa Mareșal, die im Jahr 1900 von Mircea Ignetie für seine deutsche Frau Helena Turck gebaut wurde. Nach einem Jahrhundert bewegter Geschichte und Nationalisierung durch die Kommunisten gelangte das Gebäude zurück an die Eigentümerfamilie. Die sechs Doppelzimmer sind so elegant eingerichtet, dass man sich wie in einem Schloss fühlt. Es ist der perfekte Ort, um ein Buch zu lesen.
Für sportliche Leseratten: Wanderung auf den Jepii Mici
Um noch mehr in die Atmosphäre des Romans einzutauchen, ist eine Wanderung eine gute Idee. Denn zur Identität von Bușteni gehört das Bucegi-Gebirge. Eine beliebte, aber nicht gerade leichte Wanderung ist die mit blauem Kreuz markierte Route über die Jepii Mici. Der Weg führt zuerst von der Babele-Hütte bis zur Caraiman-Hütte. Dafür braucht man knapp 20 Minuten. Auch von hier gibt es viele Wandermöglichkeiten. Man kann zur Hütte „Piatra Ars˛” und von dort nach Sinaia (Dauer: etwa vier Stunden), oder man kann einen kurzen Ausflug (45 Minuten) zum Heldenkreuz (Crucea Eroilor) unternehmen.
Wir folgen dem blauen Kreuz. Der Weg geht von der Hütte steil hinunter. Obwohl der Wegweiser zwei bis drei Stunden bis nach Bu{teni anzeigt, könnten nicht einmal Leistungssportler den Weg in zwei Stunden schaffen. Da der Pfad sehr schmal ist, muss man oft warten, bis aufsteigende Touristen vorbei gehen. Viele Gruppen keuchender Bergsteiger, wunderschöne Blumen, einige Bergziegen, die Drahtseilbahn ganz oben im Himmel und eine atemberaubende Aussicht auf die Stadt – das bietet eine Wanderung auf den Jepii Mici. Und natürlich viel Adrenalin: Es geht sehr steil hinunter, man tritt immer auf bröckelnde Steine und muss sich dauernd an Ketten und Kabeln festhalten, um nicht auf der feuchten Erde auszurutschen und in die Schlucht zu fallen. Ab und zu trifft man auf Kreuze von Touristen, die auf diesem Weg, der in den Wintermonaten gesperrt ist, ihr Ende gefunden haben. Nach drei Stunden ist man hinter dem Silva-Hotel in Bușteni.
Mit Aussicht essen und trinken
Nach einer so schweren Wanderung verdient man nicht nur ein köstliches Essen, sondern auch eine schöne Aussicht auf die Berge. Eine gute Adresse ist das Restaurant „La Cerdac“, das sich in der Villa Leonida befindet. Bei gutem Wetter sollte man unbedingt einen Tisch auf der Veranda buchen. Aber auch drinnen kann man sich an den antiken Möbeln und am mit blauem Blumenmuster verzierten Kachelofen nicht satt sehen. Auch hier hat man durch die großen Fenster einen atemberaubenden Ausblick auf die Berge. Auf der Speisekarte stehen moderne Interpretationen von traditionellen rumänischen Gerichten. Besonders zu empfehlen ist die gebratene Forelle in Zitronensauce, aber auch die „Papanași“ schmecken hervorragend. Ein Nachmittag, den man hier verbringt, hat etwas von der Atmosphäre aus „Tanzende Frau, blauer Hahn“.
Lesetipp
„Schauplätze der Weltliteratur: Eine Reise zu berühmten Orten großer Werke“ von John Sutherland (Herausgeber) , Verlag Herder GmbH , 2025, 256 Seiten. Von Elena Ferrantes Neapel über das London von Virginia Woolf oder Alfred Döblins Berlin – John Sutherland führt die Leserinnen und Leser zu 70 Schauplätzen großer literarischer Werke – von realen Städten bis zu fiktiven Landschaften. Dabei zeigt er, wie eng Orte und Geschichten miteinander verwoben sind und wie literarische Räume unsere Vorstellungskraft prägen. Der Band bietet fundierte Einblicke in Klassiker der Weltliteratur, ist unterhaltsam geschrieben und optisch eindrucksvoll gestaltet. Mit seinem ungewöhnlichen Format, dem durchgehend vierfarbigen Druck und zahlreichen Abbildungen sowie Originalcovern der Romane ist er ein echtes Schmuckstück – ideal als Geschenk für alle, die Literatur und Tourismus lieben.







