Aufruf für Frieden und Völkerverständigung

Zum Buch „Kalte Tage“ von Dagmar Dusil

Dagmar Dusil: Kalte Tage. Gedichte und lyrische Prosa, Pop Verlag Ludwigsburg, 2026 Preis: 16,50 Euro

Es ist kalt in der Welt. Der Krieg ist Alltag geworden in den Nachrichten, die in Sekundenschnelle durch den Äther schwirren, Alltag an vielen Orten unseres Planeten, der Erde, die uns allen gehört.

Dagmar Dusil ist eine Autorin, die feinfühlig das Geschehen unserer Zeit beobachtet, scharfsinnig analysiert und literarische Bilder zeichnet, die in ihrer sprachlichen Schönheit schmerzen. Der Schmerz ist allgegenwärtig, denn es geht in Dagmar Dusils Werk um Krieg, Flucht, verlorene Heimat, Trauer, Abschied, Vergänglichkeit und Tod. Und doch ist die Lektüre ein literarischer Genuss, denn die Sprache bleibt immer elegant, und in all das Grauen schafft es die Autorin auch immer zarte Zeichen der Hoffnung einzuflechten.

Dagmar Dusil ist eine Schriftstellerin mit Wurzeln in Siebenbürgen, in das sie schreibend auch nach ihrer Ausreise 1985 immer wieder zurückkehrt. Sie ist eine vielseitige Autorin, die sowohl Prosa als auch Lyrik schreibt. Zu ihren Prosawerken zählen: Blick zurück ins Küchenfenster (2001), Kulinarisches Heim- und Fernweh (2006), Hermannstätter Miniaturen (2012), Im Schatten der Kirchenburgen: Anthologie (2014), Auf leisen Sohlen: Annäherungen an Katzendorf (2019), Entblätterte Zeit: Kurzgeschichten (2022), Mit Erinnerungen gepflastert: eine Anthologie (2022), Das Geheimnis der stummen Klänge: Roman (2024).   Sie hat bereits zwei Lyrikbände publiziert: Transitschatten (2015), und den zweisprachigen Band zusammen mit Ioana Ieronim Beleuchtete Busse in denen keiner saß (2021).

In Kalte Tage vereint Dagmar Dusil Lyrik und Prosa. Auf fast 100 Seiten stehen Gedichte, umrahmt von lyrischer Prosa und einem Nachwort von Britta Lübbers, die anerkennende Worte für Buch und Autorin findet. Sie sagt treffend: „Zwischen Trennung und Verlust tupft Dagmar Dusil Farbkleckse und öffnet den Blick für die Wunder des Alltags.“

Auch auf dem Cover sind Farbkleckse wie dahingetupft zu sehen, bleiche Farben, die stumme, traurige Gestalten wiedergeben, die im Kontrast zu dem dunklen Blau und dem grellen Rot einer Explosion stehen. Für das Cover stellte die aus Hermannstadt stammende Malerin und Kunsttherapeutin Barbara Niedermaier ihr Gemälde (Öl auf Leinwand) zur Verfügung.

Es kommen kalte Tage ist der Titel des ersten Teils bestehend aus einem Prosatext und vier Gedichten. Der Prosatext, der den Buchtitel Kalte Tage wieder aufnimmt, deckt schonungslos die Gräuel des Krieges auf. Der Krieg trifft auch die Unschuldigsten, am meisten diese, die Kinder. Die Autorin lässt ein Kind erzählen, ein Kind, das sich in einer U-Bahnstation verkriecht, denn „draußen fallen Bomben“, und das Kind sagt von sich: „…ich bin halb Kind, halb Ratte…“. Es überläuft einen kalt beim Lesen, denn was das Kind erzählt, ist bittere Realität im Ukrainekrieg, der seit mehr als vier Jahren tobt. Und es kommen neue Kriege hinzu… Die Gedichte, die auf den Prosatext folgen, zeigen das ganze Ausmaß der Grausamkeit des Krieges. Im Gedicht Septembernächte klingen tief sagt die Autorin: „Halt dich an Träumen fest / Es kommen kalte Tage“, Verse, die an Ingeborg Bachmanns bekanntes Gedicht Die gestundete Zeit erinnern, in dem diese schreibt: „Lösch die Lupinen! / Es kommen härtere Tage“. Und sie sind hart und kalt die Tage, wenn es in Auf der Flucht heißt: „Militärische Klänge in Es Dur / Lassen die Welt auseinanderfallen.“ In all dem Schrecklichen gibt es doch noch Trost bei Gott und in der Schönheit. In Oh Herr erfolgt ein Aufruf an Gott: „Bitte werde ein Gott des Friedens und der Liebe“, und in Zwischen den Träumen erscheint „Ein Stern am Himmel wie eine offene Wunde“.
Im Gedichtzyklus Im toten Winkel denkt die Autorin über Leben und Vergänglichkeit in einer Welt der verlorenen Werte und des Todes nach. „Sei der Tod im Leben / und das Leben im Tod“ schreibt sie in Austauschbar. Die Welt in Harscher Schnee ist verkehrt: „Mein bebildertes Ich fror weiß im schwarzen Schnee“. In Gegenüber sitzt überall der Tod, das Kind wird aufgefordert den Spiegel mit tiefem „Katerschwarz“ zu verhängen, doch etwas Hoffnung bleibt unsterblich verwahrt in den „sieben Metallen der Glocke“. 

Die verlorene Heimat, das Fremdsein  und die Kritik an den Mächtigen der Welt, die aus Gier die Menschen  ins Verderben schicken, wird im Gedichtzyklus Im Wollknäuel thematisiert. Die Erinnerungen werden aus dem Wollknäuel entwirrt, es sind Erinnerungen aus der Kindheit in Siebenbürgen, aus dem Leben in der Zeit der kommunistischen Diktatur, aus der schwierigen Zeit der Auswanderung und des Neuanfangs im fremden Land. Wie um den Verlust der Heimat zu unterstreichen, sind die meisten Gedichte in diesem Abschnitt ohne Titel. „Meine Kindheit wohnte / in einem weißen Wollknäuel“, schreibt die Autorin, auf die Geborgenheit hinweisend. Entsprechend wehmütig sind die Erinnerungen an Siebenbürgen.  „Wie süß die Früchte des / Erdbeermondes / Geschlagen von Mutter / Zu Schaum“. Die Auswanderung hingegen ist geprägt von Unsicherheit und Fremdsein. „Als Seiltänzer / Gingst du in das gelobte Land“. Diese Unsicherheit weitet sich aus in die allgemeine Unsicherheit in einer Welt voller Konflikte und Auseinandersetzungen. „Wie finde ich zu dir über die eingestürzte Brücke“. Die aktuelle Welt wird beherrscht von  jenen in „schwarzen Lackschuhen“, die mit Lügen die Welt überrollen. „Die Lüge stolpert in schwarzen Lackschuhen / Über Märchen und das ewige Leben / Die Wahrheit läuft am Stock in den Tod.“

Lost Places betitelt die Autorin den Zyklus von fünf Gedichten, in welchem sie die Leser auf die Reise mitnimmt zu verlorenen Orten. In Czernowitz  2019, wird die Geburtsstadt von Paul Celan als wunder Ort aufgesucht. Der Vers „Du wartest auf dich / mit schwarzer Milch“ erinnert schmerzlich an die Todesfuge von Paul Celan. Ein weiteres Gedicht trägt den Titel Dobring, ein Ort in der Nähe von Hermannstadt. Erschüttert vom Verfall und der Verwüstung der einst schönen Kirchburg schreibt Dagmar Dusil: „Wo der Himmel in die Kirche fällt / Und die Zeit in Uhren rostet / …Wo sich der Atem an Ruinen lehnt“.  In Bad Hamruden geht es  um „Reste von Mauern / Himmelslöcher / Im freien Fall“. Der Titel Tekendorfs verlassene Kirche sagt schon aus, worum es geht. Der Schmerz um die historische, im 14. Jahrhundert im Kreis Bistritz-Nassod errichtete Kirche, die nun zerstört dasteht, wird im Gedicht spürbar. Das geschundene Gebäude nimmt menschliche Züge an. „Gehäutet geschunden / Ohne Herz / Blinde Augen“. Angesichts des Verfalls der geliebten Orte in der Heimat, bleibt der Autorin im Gedicht In einer Stadt nur noch zu sagen: „Ich bin die Frau mit dem Geisterhaus“.

Der Gedichtzyklus Siebenbürgische Landschaften nimmt das Thema der verlorenen Heimat erneut auf. Auch hier sind die meisten Gedichte ohne Titel, es geht um Verlust, Kriegsangst und Wehmut. Das erste Gedicht Siebenbürgische Landschaft zeichnet bereits ein Bild des Verfalls. „Verschlossen die Tore / Für Freunde und Fremde / Bröckelnde Türme / Neigen ihr Haupt“. Die Maiskolben in Heere von Kukuruz erinnern an die „gezückten Kolben“, denn „Im Nachbarland herrscht Krieg“. Weiterhin bemerkt die Autorin kritisch: „Der Westen liefert Munition / Der Frieden vertrocknet / In Disteln am Wegesrand“. Wie ein Hoffnungsschimmer tauchen blaue Glockenblumen auf, doch in Dorfbild heißt es: „Die Toten tanzen durch die Brombeerbüsche / Kalte Hände sammeln entsorgte Erinnerungen“. Über die Ambivalenz des Seins philosophiert die Autorin im Gedicht Die Brenessel. „heilkraut oder unkraut – das ist die frage“. In Farbspiel bekennt sie: „wenn heimatliche Tore sich für immer schließen / ist meine Liebe eine blasse Freske / nur wahrnehmbar für dich“. Was Sprache kann, zeigt Dagmar Dusil in Etüde in Blau, eine wahre literarische Komposition aus lauter Blau-Wörtern unter denen auch „die blaue Note in der Musik von Chopin“ und „der blaue Hahn Chagalls“ ihre Plätze finden.

Dass sie eine Meisterin des Haiku, dieser kurzen japanischen Gedichtform ist, hat Dagmar Dusil bereits in ihrem Kurzgeschichtenband Entblätterte Zeit bewiesen, wo jeder Geschichte ein Haiku vo-rangestellt ist. In diesem Buch widmet sie jedem Buchstaben im Alphabet ein Haiku. Biblische Haikus von A bis Z ist dieser Abschnitt betitelt, zurecht, denn diese knappe, sehr eindringliche Gedichtform klingt hier wie eine Warnung und gleichzeitig wie ein Aufruf für Frieden und Völkerverständigung. Zum Buchstaben M schreibt sie:

„Moslem oder Christ - Habt endlich Mut zur Wahrheit. Götter tun Gutes.“ 

Der letzte Zyklus Szenen der Einsamkeit besteht aus sechs Kurzgeschichten, in denen das Thema Einsamkeit von der Wiege bis zur Bahre durchkonjugiert wird. Die Autorin spricht von der Einsamkeit im Mutterleib vor der Geburt und von der Einsamkeit des Kindes, dessen Eltern es verlassen, weil sie als Arbeitsmigranten in ein reicheres Land gehen. Die Einsamkeit erreicht einen tragischen Höhepunkt im Eingesperrtsein unter Trümmern nach einem Bombenangriff. Einsamkeit gibt es auch im Alltag durch das Sich-Auseinanderleben von Paaren. Ganz schlimm wird Einsamkeit in der Isolation einer Gefangenenzelle.  In der Palliativstation gelangt der Mensch nun zur Bahre, denn das letzte Wort hat der Tod. „Der Tod raubt alle Worte und wird zum Hüter unserer Einsamkeit“. 

Es scheint, als gäbe es im Leben keine Rettung, doch so hoffnungslos lässt Dagmar Dusil ihre Leser nicht zurück. Sie, die Sprachkünstlerin und Musikliebhaberin kennt die Macht der Kunst. Sie lässt den Gefangenen in seiner Zelle Gedichte aufsagen. Kunst kann Leben retten. „Ich rezitiere, sage Gedichte auf, mein Geist wird frei… Ich bin ein Mensch solange Worte in mir blühen, die ich zu Sätzen bündele, die Geschichten erzählen.“