„Auktionshäuser werden immer ein Problem sein!“

Rumänien beteiligt sich ernst am Bekämpfen von Schwarzhandel

„Manchmal bemühen wir das Wort ´Kooperation´ zu stark, aber es stimmt einfach!”, fordert Sophie Delepierre vom Generalsekretariat des Internationalen Museumsrates in Paris. Fotos: Klaus Philippi

Dem Tenor, dass nachrückende Generationen sich kaum mehr für Kulturerbe und seinen Schutz inte-ressieren, widerspricht dringend Rumäniens Ex-Generalstaatsanwalt Augustin Lazăr (r.). Forscher Claudiu Purdea (l.) hat ein Buch über die Geschichte und juristische Aufarbeitung des Plünderns von Bodenschätzen im Mühlbächer Gebirge geschrieben.



„Studentinnen und Studenten im ersten Ausbildungsjahr werden von uns für das Verwenden des Ausdrucks ´rechtmäßiger Inhaber´ drastisch sanktioniert!“, erklärte am Donnerstag der letzten März-Woche im Schatzkästlein/Casa Artelor Jurist Vlad Vieriu, Dozent für Römisches Recht an der Universität Jassy. „Nur den einen Inhaber gibt es.“ Etwa 25 Kulturerbe-Profis aus Serbien, Bulgarien, Ungarn, Kroatien, Frankreich, aus der Republik Moldau und nicht zuletzt auch Rumänien hatten sich schon an den zwei spannenden Tagen davor wahlweise auf Englisch oder Rumänisch zum Thema „Heritage under Threat – Regional Responses to Illicit Trafficking“ geäußert, und gemessen an den Ausführungen des Referenten aus der ostrumänischen Universitätsmetropole dürfte bestimmt selbst in der Überschrift des Symposiums ein Wort überflüssig gewesen sein: klarerweise das vorletzte, wo Schwarzhandel („Trafficking”) ohnehin nichts als gesetzeswidrig („Illicit“) sein kann. Im Übrigen erschließt sich der Begriff „Regionaler Reaktionsmaßnahmen” auf „Kulturerbe in Bedrohung” auch ohne elementares Verstehen der englischen Sprache als Motto, das Fachleute wie Laien überall auf der Welt aufhorchen lassen sollte.

Insgesamt drei Jahre Laufzeit veranschlagt das Kulturerbe-Schutz-Departement des vor 80 Jahren in Paris formierten Internationalen Museumsrates (International Council of Museums, ICOM) für sein aktuelles sowie finanziell freundlicherweise von der Europäischen Union gefördertes Projekt „Prevention, Research, Investigation and Security in Museums”. Es verträgt Übersetzung in andere Sprachen wie beispiels-weise das Deutsche, ohne das Kürzel PRISM anpassen zu müssen: „Prävention, Recherche, Investigation und Sicherheit in Museen.“ Pflichten allerhöchster Priorität, führt man sich ein Credo vor Augen und Ohren, womit am 24. März in Hermannstadt/Sibiu Archäologin Mihaela Simion aus Bukarest die Konferenz eröffnete: „Kulturerbe ist eine nicht regenerierbare Ressource“, statuierte die Koordinatorin der Zuarbeit Rumäniens für das Projekt PRISM. Die Sensations-Nachricht vom Wiederauffinden und Rückerstatten des dakischen Helms aus Gold und zweier von drei ebenfalls goldenen Armreifen aus rumänischem Staatseigentum, die Ende Januar 2025 als Leihgaben aus einem Museum in der niederländischen Provinz-Hauptstadt Assen gestohlen worden waren, sollte just eine Woche nach Ende der Vortragsreihe in Hermannstadt Genugtuung in die Medienlandschaft zeichnen.

Mehr als kurzfristiges Aufatmen aber vermochte auch der positive Ausgang dieser Causa nicht auszulösen. Denn der ICOM, bei dem Fäden von mehr als 60.000 Kunst- und Kulturstätten in 140 Staaten weltweit zusammenlaufen, gönnt sich kein Durchschnaufen. „Rar“ wäre es in polizeilichen Dienststellen, einen Kunstgeschichtler oder Archäologen zu beschäftigen, der im Ernstfall sofort Bescheid weiß, stellte Sophie Delepierre im sicher ältesten Baudenkmal am Kleinen Ring/Pia]a Mic² und der Lügenbrücke/Podul Miniciunilor anfangs klar. „Vulnerabilitäten sind unterschiedlich von Land zu Land“, so die leitende Referentin für Kulturerbe-Schutz im Generalsekretariat des ICOM, und „wichtig ist es, von den wertvollsten Gegenständen international Bescheid zu wissen.“ Um sie vorsorglich auf regionale „rote Listen“ setzen zu können, auf deren Aktualisierungen die von Paris aus verwaltete Dachorganisation immensen Wert legt. „Macht eure Inventuren, bringt sie regelmäßig auf den neuesten Stand, und sorgt für qualitativ gute Fotos und korrekte Informationen. Für den  besten Weg zum Kampf gegen Schwarzhandel.“ In einigen Staaten, wo der ICOM nach lokal spezifischen Erfordernissen zum besseren Schutz vor Kunstraub gefragt hat, soll zur Antwort gesagt worden sein, dass darüber nicht nachgedacht würde. „Nicht so Rumänien“, lobt Expertin Sophie Delepierre.

Augustin Laz²r dürfte ihre Wertschätzung nur bestätigen. Wer den Ex-Generalstaatsanwalt Rumäniens, der bis zu seinem Rücktritt im April 2019 drei Jahre lang Widerstand gegen das Treiben von Liviu Dragnea an der Spitze der PSD zu leisten versucht hatte, noch nicht als Technokraten mit ausgewiesener Vorliebe und Fachkenntnis für das Ermitteln in Fällen von Schwarzhandel mit Kulturerbe gekannt haben soll, hätte den prominenten Forscher im Ehrenstand von der Universität Karlsburg/Alba Iulia auf dem Symposium des Projekts PRISM in Hermannstadt unbedingt als Mitdenker höchstmöglichen Ranges erlebt. „Bodenschätze sind weltweit Staatseigentum“, doch der unverantwortliche Umgang mit ihnen trage heute noch die Last der kommunistischen Epoche, als Plünderer sich meist unbeschadet des Goldes zu bedienen verstanden, erinnerte betreffend Rumänien Augustin Lazăr. Und das Imperium von Kommanditgesellschaftern aus Ungarn, Serbien, Rumänien und weiteren Ländern Osteuropas, die als „kleine Dealer“ für schwarzgehandeltes Kulturerbe Zugang zu Auktionshäusern im Westen hätten und pflegten, reichte bis in  Städte wie London, Wien, Zürich und München. Auf eine klare Trennung zwischen ihnen und „unseren Experten, die sich von dem illegalen Markt nicht haben vereinnahmen lassen“, hält Optimist Augustin Laz²r große Stücke.

Erfolgsgeschichten wie jüngst das erfolgreiche Fahnden nach dem dakischen Helm von Co]ofene{ti sprechen für ein Rumänien, das die Abkommen der UNESCO und die UNIDROIT-Vereinbarung ihrerzeit im 20. Jahrhundert nicht vergeblich mit unterzeichnet hat. Letztere Konventionen jedoch sind im internationalen Ernstfall erst von Nutzen, wenn auch jeweils beide Staaten sie wirklich ratifiziert haben, wie Margareta Arsenescu als erfahrene Ermittlerin und seit 2022 im Großraum Budapest freischaffende Archäologin ausführt. Außerdem vergäßen manche Staaten gelegentlich, der INTERPOL ihre Datenbanken zu übermitteln, was nicht allein Rumänien und seinen Nachbarländern, sondern gar auch Frankreich nachgesagt werden könne. „Auktionshäuser werden immer ein Problem sein!“, so der eindringliche Fingerzeig von Margareta Arsenescu, die im Hermannstädter Schatzkästlein auch und gerade an das Heltauer Vortragekreuz nach venezianischem Muster des 13. Jahrhunderts erinnerte: 2016 war es der evangelischen Kirchengemeinde A.B. in der auf Rumänisch Cisn²die heißenden Stadt geraubt, und endlich 2021 nach seiner Wiederauffindung rückerstattet worden. Bestaunt werden kann es seither im Landeskirchlichen Museum der Kultur- und Begegnungsstätte „Friedrich Teutsch“. Die danach forschende Person hatte ihren Auftrag übrigens verdeckt ausgeführt, weiß Margareta Arsenescu zu erzählen.

Auf die Frage wiederum nach dem in Rumänien gültigen Gesetz für den Umgang mit nationalem Kulturerbe hat Vlad Vieriu eine Antwort parat, die sich am inländischen Akkulturations-Mangel orientiert – auf der Homepage des Kulturministeriums cultura.ro zwar steht der Gesetzesentwurf vom März 2022 zum Einsehen frei, doch ist er bislang nur ein ganz wenig mehr als 500 Mal aufgerufen worden. Die anderen 10.000 Interessenten, unter denen sich gewiss auch eine Vielzahl von Profiteuren mit unlauteren Absichten fände, informierten sich genauso online, nur eben nicht auf dem Link zum Gesetzesentwurf. „Von daher beglückwünsche ich persönlich das Parlament, ihn noch nicht ratifiziert zu haben.“ Womit Jurist Vlad Vieriu aus Ia{i der landläufig noch immer oft bösen Absicht einen Finger in die Wunde legte. „Das Römische Recht legt sehr gut aus, was Gutgläubigkeit bedeutet.”