Es ist früh morgens, der Chrysler Pacifica brettert mit 80 Meilen pro Stunde über die breite Landstraße. Links und rechts ziehen grüne Wälder und weite Felder vorbei, etwas weiter vorne ist nur ein weißer Jeep zu sehen und aus den Lautsprechern tönt auf Englisch: „Heute mit einer neuen Folge von: Diese Woche in Yellowstone – Bärenangriff, Müll und neue Webcam.“ Ein passender Einstieg. Denn das Ziel ist der erste Nationalpark der Vereinigten Staaten – Heimat von Wölfen, Bisons und Bären. Empfang gibt es keinen. Der ist hier allerdings auch nicht nötig.
Nach genau 100 Tagen ohne einen freien Tag – ja, in den USA ist es möglich, mehrere Vollzeitjobs zu haben, und ich hatte vergangenen Sommer durchgehend zwei – würde man meinen, dass etwas Erholung auf der Prioritätenliste ganz oben stehen würde. Stattdessen beginnt ein Tag mit vielen Stunden im Auto und Wanderungen zwischendurch. Aber man ist ja nicht jeden Sommer jung und in den Staaten und außerdem hatte ich bei der Arbeit so viel Zeit zum Nachdenken und Träumen, dass die Müdigkeit kaum an die Vorfreude auf diesen Road-trip reichen konnte. Und so kam es, dass ich Ende September 2025 mit meinem Mann und vier Freunden, die ebenfalls den Sommer mit Work & Travel in den USA verbrachten, auf dem Weg zum Yellowstone Nationalpark war.
Die Route
Schaut man ihn sich auf einer Karte an, ist leicht zu erkennen, dass das Straßensystem des Parks wie eine „8“ aufgebaut ist: die südliche Rundfahrt mit knapp 115 Kilometern und die nördliche mit etwa 155. Diese Route abzufahren, sollte – je nach Verkehrs- (oder Touristen-) Aufkommen – vier bis fünf Stunden in Anspruch nehmen. Das jedoch, ohne das Wichtigste an einem Besuch dieses besonderen Fleckens Erde zu berücksichtigen: Pausen an den markierten Aussichtspunkten, kleine Wanderungen zu noch schöneren Aussichtspunkten und ganz viele wilde Tiere sichten. Und mit anderen Parkbesuchern ins Gespräch zu kommen – einige sind zum wiederholten Mal im Park und geben Tipps zu nicht markierten Orten, andere haben gerade ein paar Kilometer weiter einen Bison gesehen. Setzt man diese Punkte um, wird aus den wenigen Stunden mindestens ein Tag – besser wäre vermutlich ein ganzer Monat, um möglichst viel über die Natur und den Nationalpark zu lernen. Wir hatten nur einen Tag. Das Ziel: die komplette „8“ abfahren und alles ansehen, was sehenswert ist. Machbar? Das würde sich noch zeigen.
Fährt man durch den westlichen Eingang in den Park herein, ist es von Vorteil, neben der Park-Broschüre, die man beim Bezahlen der Parkgebühr bekommt, auch am Informationszentrum „Madison“ zu halten. Dort sind neben Souvenirs auch Bücher über den Park erhältlich und außerdem ist eine frühere Hütte zu einem Mini-Zentrum mit Ranger umgewandelt worden, welcher alle möglichen Fragen beantwortet. Und danach los zum ersten Stopp.
Norris Geyser Basin und Mammoth Hot Springs
Der Park ist besonders für seine Geysire bekannt. Dabei handelt es sich um heiße Quellen, die in regelmäßigen Abständen Wasser und Dampf explosionsartig ausstoßen. Über die Hälfte aller Geysire weltweit sind im Yellowstone Nationalpark zu finden. Und damit leider auch ein Geruch, der an faule Eier erinnert. Nicht besonders angenehm – aber schnell nebensächlich, bei der Schönheit der Quellen.
Die Mammoth Hot Springs sind spektakuläre Terrassen aus Kalkstein, die durch heiße, mineralreiche Quellen gebildet werden. Vom Aussehen erinnern sie an Salzlampen, über welche viel weiße Flüssigkeit geronnen ist und die nun erstarrt aus der Landschaft ragen – beinahe, so weit das Auge reicht. Es wachsen auch ständig neue Terrassen nach, während alte austrocknen und ihre Form verändern.
Entlang des Yellowstone Rivers
Ein kleines Problem begleitete uns: Niemand hatte ein Fernglas dabei. Und die Preise in den Souvenirläden überzeugten auch niemanden spontan davon, das zu ändern. Doch die USA wären nicht die USA, wenn uns die bereits dort verbrachten Monate nicht sehr kontaktfreudig gemacht hätten, und wir deshalb kein Problem damit hatten, sämtliche Leute anzusprechen und so hin und wieder trotzdem durch die Linse eines Fernglases schauen zu können – und nebenbei Tipps zu bekommen.
Bei eben einer dieser Begegnungen erwähnten ältere Amerikaner ganz beiläufig, dass ein paar Kilometer weiter südlich ein Grizzly am Fluss zu sehen sei. Also: nichts wie hin! Die Stelle ist leicht zu erkennen. Nicht wegen des Bären, sondern wegen der Autos und Menschenmengen. Und tatsächlich – auf der anderen Seite des vielleicht zehn Meter breiten Flusses steht ein Grizzly. Zwar ist man in Rumänien den Anblick von Bären leider fast schon gewohnt, dieser hier war jedoch kräftiger gebaut und mit dem Schulterbuckel und silbrig durchmischten Fell eindeutig als Grizzly zu erkennen. Nach einigen Minuten lief er in ein Wäldchen und verschwand aus unserem Blickfeld – ein guter Grund, weiterzufahren.
Lamar Valley
Sowohl der Podcast als auch einer der Ranger haben das Lamar Valley besonders hervorgehoben – vor allem wegen der Bisonherden. Und tatsächlich lohnt sich der Abstecher. Zuerst sehen wir sie nur im Tal und auf Hügeln in der Ferne, dann immer näher. Schließlich stehen sie direkt neben der Straße, ruhig grasend, während einige Kälber bei ihren Müttern trinken. Und dann setzt sich die Herde plötzlich in Bewegung – zwischen den Autos hindurch, über die Straße. Einen Bison direkt vor der Windschutzscheibe zu haben ist etwas Atemberaubendes: riesig und doch so graziös, mit gewaltigem Nacken und dichtem Fell, hinübergehend in den schmaleren Rumpf. Die Hörner nicht zu vergessen – gut, dass noch etwas Glas zwischen uns war.
Canyon Village
Mitten im Park taucht auch so etwas wie Zivilisation auf: das Canyon Village ist mitten auf dem Verbindungspunkt zwischen nördlicher und südlicher Rundfahrt gelegen und mit Unterkünften, Restaurants und Souvenirläden ausgestattet. Unterkunft? Brauchten wir nicht, denn unsere lag bereits in Richtung Salt Lake City, um am nächsten Morgen das geliehene Auto zurückzubringen und pünktlich zur Spätschicht in Park City zu sein. Restaurant? Auch nicht, denn ein Walmart-Besuch zu Beginn des Ausflugs hatte uns genug Snacks beschert. Souvenir-Laden? Tatsächlich Volltreffer! Denn dort ist zu finden, was jeder jüngere Reisende (also wir) für seine Nalgene-Flasche oder den Rücken des Laptops braucht: Sticker. Mit möglichst vielen Details zu dem Park und natürlich auch mit einem Schriftzug, der die Herkunft verrät. Und da man ja nie weiß, wie gut so ein Sticker den Abwasch der Flasche überlebt, noch ein Kühlschrankmagnet. Für sechs Dollar – leicht überteuert, aber besser, als ihn in der Sammlung zu missen – zeigt dieser einen Wegweiser mit all den Orten im Yellow-stone-Nationalpark, die wir besucht hatten.
Artist Point (Lower Falls) und North Rim Trail
Der Artist Point ist einer der bekanntesten Aussichtspunkte und bietet einen spektakulären Blick auf den „Grand Canyon“ des Parks. Der Name verrät schon viel über ihn: Er ist wie geschaffen für Maler, mit der leuchtenden Farbe der Felswände, einem ikonischen Wasserfall und der dramatisch wirkenden Landschaft.
Um diesen Wasserfall aus der Nähe zu bestaunen, ist der North-Rim-Wanderweg die beste Variante – auch wenn die Motivation am Nachmittag nicht mehr auf unserer Seite war, lohnte sich jeder Schritt für die Aussicht. Spätestens danach wird jedoch klar: Unser ursprünglicher Plan geht nicht mehr auf. Es ist bereits 18 Uhr, und um 19:18 Uhr geht die Sonne unter. Die komplette untere Runde schaffen wir nicht mehr. Also: neuer Plan. Da wir nicht allzu weit vom Mittelpunkt der „8“ entfernt sind, ist es einfacher, durch ihn zurückzufahren, anstatt den ganzen unteren Buckel mitzunehmen.
Grand Prismatic Spring und Old Faithful
So konzentrieren wir uns auf das, was man wirklich nicht auslassen sollte: Die Grand-Prismatic-Quelle ist mit ca. 110 Metern Durchmesser die größte heiße Quelle der USA. Dazu kommen ihre Farben: Orange, das in Beige übergeht und dann strahlendes Hellblau. Über ihr steigen Dämpfe auf (und natürlich auch gewisse Gerüche) und neben sehr vielen asiatischen und südamerikanischen Touristen haben auch wir es zum Sonnenuntergang dorthin geschafft. Ein Holzsteg führt durch die Geysir-Landschaft – ganz ohne Geländer. Sämtliche Befürchtungen zu fallenden Handys oder gar Menschen sind glücklicherweise, als wir dort waren, nicht wahr geworden. Und so geht es nach dem Sonnenuntergang weiter zu einer der Hauptattraktionen: dem Old Faithful.
Der „treue Alte“ hat daher seinen Namen, dass dieser Geysir besonders regelmäßig ausbricht. So heißt es, dass er alle 60-110 Minuten ausbrechen würde. Wir sind trotz noch längeren Wartens nicht in den Genuss gekommen – dieses Mal blieb der Geysir seinem Namen nicht treu.
Der Rückweg mit Bison-Burger
Und so geht es Richtung Unterkunft. Nach einer kurzen Begegnung mit den Parkrangern, welche uns eindrücklich vermitteln, langsam zu fahren, um keinen Bison auf dem Gewissen zu haben, treffen wir tatsächlich auf zwei Wölfe oder Koyoten (ich bin dafür, dass es Wölfe waren) und etwas später zwei Rehe, die gemächlich vor dem Auto hinstolzieren. Aus dem Park raus, gibt es die besondere Aufgabe, ein Restaurant zu finden, das uns allen zusagen würde. Hank´s Chop Shop, ein traditionell amerikanisches Cowboy-Restaurant wird auserkoren und enttäuscht nicht: ein Bison-Burger mit Pommes, Ranch und Fry Sauce – vielleicht nicht das gesündeste Essen, aber definitiv das richtige nach so einem Tag.
Und so kommt das Yellowstone-Abenteuer, wieder im Auto, zu einem Ende. Was bleibt, sind wunderschöne Erinnerungen und der Wunsch, einmal wiederzukommen – dann hoffentlich für eine Woche (oder einen Monat?), um tatsächlich die ganze „8“ zu schaffen und, um den Old Faithful in Action zu erleben. Und, um noch einmal Bison-Burger zu essen.






