„Das gute Bild findet zu einem“

Frieda von Wild über das Werk von Sibylle Bergemann

Frieda von Wild bei der „Sibylle Bergemann – Fotografien“-Vernissage in Temeswar: Sie leitete die Expo ein und hielt auch eine Führung durch die Ausstellung.

An der Wand (rechts) hängt das Porträt der noch sehr jungen Schauspielerin Katharina Thalbach (1974). Diese Serie wurde Sibylles Eintrittskarte als Modefotografin. Fotos: George Miheș

Die Ausstellung „Sibylle Bergemann – Fotografien“ wurde Ende Februar in Temeswar/Timișoara eröffnet und zeigt einen umfassenden Überblick über das Werk der bedeutenden deutschen Fotografin Sibylle Bergemann. Kuratiert wurde die Schau von ihrer Tochter Frieda von Wild, die auch den fotografischen Nachlass der Künstlerin betreut.

Die Ausstellung basiert auf einer Auswahl, die Bergemann selbst im Jahr 2006 zusammengestellt hatte und die erstmals in der Akademie der Künste Berlin gezeigt wurde, bevor sie vom In-stitut für Auslandsbeziehungen (ifa) als internationale Wanderausstellung übernommen wurde. Zu sehen sind Modefotografien, Reportagen, Porträts sowie Reisebilder, die über mehrere Jahrzehnte entstanden sind – darunter auch Arbeiten, die für das Magazin GEO entstanden.


In einem Gespräch mit ADZ-Redakteurin Andreea Oance berichtet Frieda von Wild über die Entstehung der Ausstellung, über die fotografische Arbeitsweise ihrer Mutter und über den Umgang mit ihrem künstlerischen Nachlass. 

Frau von Wild, Ihre Mutter gilt heute als eine der wichtigsten deutschen Fotografinnen der Nachkriegszeit. Viele Fotografien Ihrer Mutter wirken zeitlos, obwohl sie fest in ihren historischen Kontexten verankert sind. Was macht die Arbeit von Sibylle Bergemann Ihrer Ansicht nach bis heute so relevant? 

Anscheinend ist ihre Art, die Welt zu sehen, nach wie vor zeitlos. Diese Melancholie und auch immer wieder ihr Humor scheinen irgendwie in allen Generationen bei sehr vielen Menschen auf offene Türen zu treffen. 

Meine Mutter ist 1941 in Berlin geboren und lebte immer im Ostteil Berlins. Als sie Ende der 60er Jahre anfing, in Berlin zu fotografieren, war die Stadt noch sehr stark vom Krieg geprägt. Viele Einschusslöcher in Häusern wurden erst in den 90er Jahren überdeckt. Möglicherweise hat auch das Aufwachsen in der Nachkriegszeit einen bestimmten Blick auf Situationen forciert... 

Sibylle Bergemann hat Modefotografie, Porträt, Reportage und Fotoessay gleichermaßen geprägt. Wie hat sie selbst diese Vielseitigkeit verstanden – als Freiheit, als Haltung oder als Notwendigkeit?

Ich glaube, dass diese Genres letztendlich zusammengehören. Sie war immer eine moderne bzw. eine modische Frau. Sie war immer gut angezogen. Die Art, in der die Wohnung eingerichtet war, inspirierte einige ihrer Freundinnen, so sagt es zumindest die Journalistin Regine Silvester in ihrem Nachruf auf Sibylle. Jugendstil, Art Deco, Palmen im Wohnzimmer. Insofern war das Fotografieren von Mode etwas, was ihr intuitiv lag. Die Modefotografien von Sibylle Bergemann waren nie nur das Ablichten einer Klamotte an einem möglichst schönen Menschen, es war ihr sehr wichtig, dass das entstehende Bild am Ende auch die Persönlichkeit des Modells unterstreichen wird. Das ist ein Grund, weshalb wir bei den Präsentationen ihrer Fotografien irgendwann angefangen haben, die Modefotos mit den Frauenportraits zu mischen. Interessanterweise tauchen Männer da nicht wirklich auf.
Ihre ersten Modefotos machte sie 1974 mit der damals auch noch sehr jungen Katharina Thalbach. Ein gutes Jahr lang haben sich die beiden immer wieder zum Fotografieren getroffen und diese Serie wurde Sibylles Eintrittskarte, um als Modefotografin bei der damals schon renommierten Zeitschrift „Sibylle“ zur Modefotografin zu werden (An.d.Red: Es ist Zufall, dass die Zeitschrift so hieß, wie sie). 

Ihre Mutter arbeitete überwiegend in Schwarz-Weiß, setzte Farbe jedoch sehr bewusst ein. Welche Rolle spielte diese formale Entscheidung für ihre visuelle Sprache?

Zu DDR-Zeiten stellte sich die Frage nach der Fotografie in Farbe nicht wirklich, was einerseits daran lag, dass das Farbmaterial für den professionellen Gebrauch nicht wirklich brauchbar war. Und andererseits wurde Farbfotografie oft eben einfach nur bunt wahrgenommen. Es gab keinen Anreiz. Das Schwarzweiß-Material war dagegen ziemlich gut und bot auch für professionelle Ansprüche gutes Arbeitsmaterial, auch wenn es manchmal Lieferschwierigkeiten gab.

Mit dem Fall der Mauer wechselten auch die Auftraggeber und diese wollten die Welt in Farbe abgebildet bekommen. Am Anfang fotografierte sie mit Diafilmen, weil es üblich war, von Diapositiven zu drucken. Das ist letztendlich aber ein ziemlich komplizierter Prozess, weshalb die Redaktionen dazu übergingen, von Farbnegativen hergestellte positive Abzüge zu akzeptieren.

Ende der 90er wurde sie von dem Hamburger Magazin „Geo“ entdeckt und von da an musste sie sich mit der Farbe sowieso arrangieren. Es war relativ schnell klar, dass das, was die Vergrößerungen, die die Labore von ihren Farbnegativen machten, sie nicht zufriedenstellten. 

Die Farbfilme ließ sie weiterhin von einem Fachlabor entwickeln, für die Vergrößerungen kaufte sie sich aber eine riesige Maschine und lernte, wie man Farbvergrößerungen macht, damit der Himmel über Afrika auch so aussieht, wie sie ihn empfunden hat.

Als Verwalterin des fotografischen Nachlasses tragen Sie eine große Verantwortung. Was bedeutet diese Aufgabe für Sie persönlich?

Es ist nun über 15 Jahre her, dass meine Mutter starb. Ich habe ihr damals auf dem Sterbebett versprochen, dass ich mich um das Archiv kümmern werde. Mir war nicht klar, wie umfangreich die Arbeit damit sein würde – ich hätte es ja trotzdem versprochen. Am Anfang war es eine gute Trauerarbeit. Aber es war dann auch ziemlich schnell absehbar, dass das nicht nebenbei zu schaffen ist. Das ist nun mein Beruf. 

Die Wanderausstellung zeigt erstmals einen umfassenden Querschnitt durch mehr als 35 Jahre künstlerischer Arbeit. Nach welchen Kriterien wurde diese Auswahl getroffen?

Diese Ausstellung hat meine Mutter ja noch zu Lebzeiten konzipiert und zusammengestellt. Ich denke, es ist ein sehr guter Überblick über ihr Oeuvre. So, wie sie ihre Arbeit im Jahr 2006 gesehen haben wollte.

Ich denke, wir, das heißt meine Tochter und ich, sind inzwischen sehr viel weiter gekommen. Wir haben noch einiges mehr in ihrem Archiv entdeckt und das 2022 in einer repräsentativen Werkschau in der Berlinischen Galerie gezeigt. Wir haben schnell gesehen, dass es noch keine Retrospektive sein kann, wie auch diese Ausstellung hier in Temeswar nicht, weil es wirklich noch einige Schätze im Archiv zu bergen gilt...

Gibt es Serien oder einzelne Arbeiten, die Ihnen besonders am Herzen liegen?

Das wechselt. Dieses „Wimmelbild“ hier in der Ausstellung aus dem Hotelfenster in Dakar fotografiert, mag ich zum Beispiel sehr. Man entdeckt immer wieder neue Kleinigkeiten auf dem Bild.

Ich mag die Frauen, mag Berlin. Ach, ich mag die alle! Auch wenn ich die inzwischen wirklich alle in- und auswendig kenne.

Es gibt in dieser Ausstellung dann aber doch ein, zwei Bilder, die ich nicht so sehr mag und die hängen dann halt oft auch nicht, wenn es nicht genügend Platz für alle Bilder gibt. 

Was kann die zeitgenössische Fotografie heute noch von Sibylle Bergemanns Haltung und Arbeitsweise lernen?

Eigentlich könnte das ein ganzer Aufsatz über Fotografie werden. Ich versuch’s mal in ganz kurz. Mit der digitalen Fotografie und der Möglichkeit, das Ergebnis immer sofort kontrollieren zu können, geht möglicherweise ein wichtiger Moment der Konzen-tration verloren. Man muss sich bei der analogen Fotografie auf seine Intuition verlassen, ob man es geschafft hat, das Bild bekommen zu haben, worauf man hingearbeitet hat. Das Ergebnis in der Dunkelkammer zu sehen, kann ziemlich ernüchternd sein. 

Das Denken ist anders. Sibylle hat bis zum Schluss analog gearbeitet. Nicht weil sie sich nicht in die digitale Technik einarbeiten wollte, sondern aus Überzeugung. Dass sie locker dazu in der Lage gewesen wäre, beweist ihr Umgang mit der Farbfotografie. Aber die vielen jungen Leute, die heute auch wieder analog arbeiten, geben ihr ja recht.
Am Ende geht es wahrscheinlich immer auch um so eine Art Urvertrauen, dass das eine gute Bild zu einem finden wird. Dafür braucht es manchmal viel Geduld. 

Außerdem finde ich wirklich wichtig, zu lernen, die Bildauswahl zu limitieren. Sich zu entscheiden. Das haben sowohl Sibylle, als auch Arno (Anm. d. Red: Der Fotograf Arno Fischer, Sibylle Bergemanns Mentor und Lebenspartner) ihren Schülern immer wieder versucht, zu vermitteln. Du solltest nach Möglichkeit in der Lage sein, das, was du sagen möchtest, mit einem Bild zu sagen, nicht mit einer Serie sich ähnelnder Fotos. Vielleicht macht es das auch aus. Es ist nicht mit kleinen Blicken/Bildern nach links oder rechts verwässert. Es gibt immer dieses eine Bild.

Die Ausstellung ist nun international unterwegs. Was bedeutet es Ihnen, dass das Werk Ihrer Mutter in so unterschiedlichen kulturellen Kontexten gezeigt wird?
Das bedeutet mir tatsächlich sehr viel, dass ihre Bilder inzwischen in so vielen verschiedenen Städten, Ländern, Kulturen gezeigt wurden und werden. Das ist wirklich toll, das macht mich stolz!