De capul nostru – Von der Zerbrechlichkeit des Augenblicks

Ein Film von Tudor Cristian Jurgiu feiert Weltpremiere auf der 76. Berlinale

Denisa Vraja als Flavia mit dem „Geschwisterpaar“ Dominique Toma als Dudu und Sofia Vasiliu als Lia Fotos: Lavinia Cioacă

Die beiden von Denisa Vraja und Vlad Furtun² (im Bild) mit unglaublicher Intensität und zugleich Subtilität dargestellten Protagonisten sind in all ihrer Verlassenheit und Verletzlichkeit, in ihrer Verunsicherung und Verlustangst am Ende doch diejenigen, die ihren Erzeugern um Längen an Reife und Verantwortungsgefühl voraus sind.


Der Autorenfilm „De capul nostru“ von Tudor Cristian Jurgiu ist einer von drei rumänischen Beiträgen bei der diesjährigen Berlinale und feiert dort Weltpremiere. Erzählt wird die Geschichte der beiden befreundeten Teen-ager Flavia und Luca, deren Eltern im Ausland arbeiten. Die beiden sind quasi sich selbst überlassen. Auch wenn Lucas gebrechliche Großmutter am Rande mitwirkt, übernimmt er die erzieherische Verantwortung für seine kleine Schwester Tina. Diese bringt eines Tages zwei weitere Kinder mit: Lia und ihren jüngeren Bruder Dudu. Die beiden sind von zuhause ausgebüxt und schließen sich nun der Clique um Flavia und Luca an. Gemeinsam schlagen sie die Zeit tot, leben sich aus, werden einander zur Familie – und sind doch immer wieder auf sich allein gestellt. 

Der 1984 in Mediasch geborene Jurgiu webt mit seinem dritten abendfüllenden Spielfilm nach „Câinele Japonez“ und „Poate mai tr²iesc {i azi“ ein einfühlsames Porträt einer von ihren Eltern verlassenen Generation. Ohne jegliches Pathos zeigt er, wie sich die Heranwachsenden durch den herausfordernden Alltag Rumäniens zwischen Betonwüsten und Waldhöhlen schlagen. Die beiden von Denisa Vraja und Vlad Furtun² mit unglaublicher Intensität und zugleich Subtilität dargestellten Protagonisten sind in all ihrer Verlassenheit und Verletzlichkeit, in ihrer Verunsicherung und Verlustangst am Ende doch diejenigen, die ihren Erzeugern um Längen an Reife und Verantwortungsgefühl voraus sind. 
Die Folgen eines Aufwachsens auf eigene Faust werden nicht mit dem Megaphon herausposaunt, sie spiegeln sich in den Augen der Akteure wider, im Blickkontakt, in kleinen Gesten. Flavia kann zunächst keine wirkliche Nähe zulassen, sie scheint sich selbst nicht mehr zu spüren, verteilt gleich zu Beginn spielerisch Ohrfeigen, um den geschlagenen Luca zu „heilen“ und fordert ihn in der nächsten Szene auf, sie zu würgen. Als er das nicht kann und ihr gesteht, in sie verliebt zu sein, reagiert sie mit Ablehnung, ridikülisiert ihn. Doch tief im Innern sehnt sie sich nach ihm. 

Gewalt, ob körperliche oder seelische, bleibt Thema. Bei einem Elternabend, an dem Luca als Vaterersatz teilnimmt für seine Schwester Tina (mit phantastischer Natürlichkeit von Mara Diaconu-Ducica verkörpert), wird er von der Klassenlehrerin über ihren Ungehorsam informiert. Als er erklärt, sie bereits mehrfach dafür erfolglos bestraft zu haben, appelliert eine der Mütter an ihn, die Gangart gegenüber der „frechen Göre“ zu verschärfen. Die versammelte Elternschaft auf den Arm nehmend, schwört Luca, er habe die Kleine immer wieder nach allen Regeln der Kunst verprügelt, da dies ja bekanntlich der einzige Weg sei, aus ihr einen „richtigen Menschen“ zu machen. 

Anhand solcher Auseinandersetzungen zwischen den Generationen zeigt der Film gekonnt, wie hilf- und machtlos die Älteren mit ihren antiquierten Erziehungsmethoden und scheinheiligen Selbstbetrügereien den Jüngeren gegenüberstehen. Es fehlt den Erwachsenen schlicht an Kommunikations- und dadurch letztlich an Beziehungsfähigkeit. Ihre Kinder sind Leidtragende dieser Unreife. Flavias Vater, der im Ausland auf dem Bau arbeitet, will von ihr wissen, ob ihn ihre in Italien als Krankenpflegerin tätige Mutter betrügt. Die Mutter (Steliana B²l²cianu, exzellent in ihrer rücksichtslosen Selbstbezogenheit) verschiebt wiederum ihre Rückkehr nach Rumänien immer wieder, hält ihre Tochter mit Unwahrheiten hin und versucht sich deren Einverständnis zu erkaufen („Zwei Monate länger hier arbeiten, heißt doppelt so viel Geld für dich!“). Schließlich realisiert sie doch, dass ihr Kind leidet, und will sich entschuldigen. Doch Flavia macht es ihr damit nicht einfach, worauf die Mutter zum Gegenangriff übergeht und sich selbst zum Opfer der Umstände stilisiert. 

Der Mangel an Direktheit in der Verständigung zwischen den Erzeugern und ihren Sprösslingen findet seine technische Entsprechung in der Videotelefonie, die bis auf den audiovisuellen Aspekt keinen anderen Sinneseindruck zulässt. Vor allem keine Berührung. Wie weit entzweit die in Rumänien Zurückgelassenen und deren außerhalb des Landes buckelnden Eltern sind, illustriert Jurgiu am Tod von Lucas Oma. Die Kinder inszenieren eine eigene Trauerfeier, tanzen entrückt zu rumänischen Balladen, um nach einigen Stunden zu bemerken, dass sie den Vater noch gar nicht über den Tod seiner Mutter informiert haben. Der Enkel beschließt, ihn darüber nicht in Kenntnis zu setzen. Denn als sie lebte, war sie ihrem Sohn egal, warum sollte dies nun anders sein? 

Die tiefe Verunsicherung, die lebenslangen Spuren, die durch die elterliche Abwesenheit bei deren Nachkommen entstehen, werden auch an dem von Flavia und Luca „adoptierten“ Geschwisterpaar deutlich. Die ältere Lia (mit vulnera-bler Härte gespielt von Sofia Vasiliu) fühlt sich von ihrer Freundin Tina nicht genug beachtet und demonstriert ihr daraufhin ihre zerstörerische Seite. Ihr kleiner Bruder Dudu (Dominique Toma) driftet immer wieder derart ab, dass er sich in die Ecke stellt und wahnhaft Zauberformeln in erfundenen Sprachen ausstößt. Seine Schwester warnt die anderen davor, bei diesem verstörenden Ritual einzugreifen oder gar den Jungen anzufassen. 

Worum es der Bande letztlich geht, offenbart sich in der letzten Szene des Films: Flavia ist verschwunden, ihre Freunde suchen sie verzweifelt im Wald. Schließlich findet Luca sie und will den anderen Entwarnung geben. Doch die Vermisste hält ihn davon ab: die anderen sollen ruhig noch ein wenig nach ihr fahnden. Dem Freund vertraut sie an, gerade Pilze gegessen zu haben, die möglicherweise giftig sind. Mit alledem will sie nur wissen: Macht ihr euch Sorgen um mich? Bin ich euch wichtig? Werde ich geliebt? 

Mit großer Einfachheit und voller Zuneigung für seine Figuren beleuchtet der Film auf mikroskopischer Ebene die zwischenmenschlichen Folgen der Globalisierung. Die Zuschauer werden Teil einer Welt, in der auf ein Gefühl starker Verbundenheit binnen eines Wimpernschlags die allergrößte Einsamkeit folgen kann. In eben dieser Zerbrechlichkeit eines jeden Moments liegt die große Kraft dieses Werks, seine unaufdringliche Poesie. 

Im Rahmen des Festivals wird der Film noch am Freitag, den 20. Februar, um 21 Uhr im Delphi Filmpalast und am Sonntag, den 22. Februar, um 17:30 im Cinema Betonhalle @Silent Green gezeigt.