„Der Reichtum des Heterogenen ist, dass du nie wirklich ausatmest“

ADZ-Gespräch mit dem Publizisten und Buchautor Michel Friedman

Michel Friedman in seiner Kanzlei im Frankfurter Westend | Foto: Nicci Kuhn

Januar 2026. Überall in Europa sind rechtsextreme Parteien auf dem Vormarsch, in Rumänien, wie auch in Deutschland. Der Publizist und Rechtsanwalt Michel Friedman sitzt in seinem Büro im Frankfurter Westend und atmet ein. In seinen Büchern schreibt er über jüdisches Leben in Deutschland. Zuletzt erschienen „Mensch! Liebeserklärung eines verzweifelten Demokraten“ und „7. Oktober 2023. Judenhass“. Über jüdisches Leben in Deutschland, jüdische Geistesgeschichte und Demokratie hat ADZ-Redakteurin Aurelia Brecht mit ihm gesprochen.

Jüdisches Leben ist medial sichtbarer geworden in den letzten Jahren. Andererseits ist der Antisemitismus mit dem 7. Oktober noch gesellschaftsfähiger geworden. Wie lebt es sich heute als Jude in Deutschland?

Schlecht.

Fühlen Sie sich seitdem fremd?

Meine Selbstbestimmung lässt sich nicht von der Fremdbestimmung fremdbestimmen. Ich mache meine Identität nicht abhängig von denen, die mich bestimmen wollen. 

Was hat sich verändert?

Vor allem die Sicherheit: Die geistige Brandstiftung wirkt, die alltägliche Gefahr entwickelt sich. Gerade bei Kindern und Jugendlichen zeigt sich das in ihren tagtäglichen Erfahrungen in der U-Bahn, S-Bahn oder in der Schule. Wenn sie als jüdische Kinder identifiziert werden, werden sie angemacht, angegriffen. An den Universitäten konnten plötzlich jüdische Studenten ihr Studium nicht mehr fortsetzen, ohne das Risiko, dass sie dort bis hin zu körperlichen Angriffen gefährdet waren. Die Unsicherheit, die Unfähigkeit und das bewusste Hinnehmen sowohl von Professoren als auch Professorinnen wie auch von Universitätspräsidenten und -präsidentinnen ist im Jahre 2025 an viel zu vielen Beispielen sichtbar geworden. Das führt dazu, dass in jüdischen Familien ein Rückzug aus der Öffentlichkeit als Lösung gedacht wird, was das Gegenteil dessen ist, was ich mir wünsche, nämlich einen emanzipativen, offensiven Umgang mit jüdischer Identität.

Was bedeutet das gesamtgesellschaftlich?

Das ist auch der Ausdruck eines gesellschaftspolitischen Klimas, das sowohl durch Rechtsextremismus, Linksextremismus und Islamismus verdeutlicht, dass die Würde des Menschen eben doch antastbar ist in unserer Gesellschaft. Der jüdische Mensch ist wieder viel mehr Jude geworden, im Sinne eines Schimpfwortes, und immer weniger Mensch. Es ist ein Warnsignal, dass die Demokratie, die Freiheitsrechte und die Menschenrechte in einer hohen Gefährdungslage sind – übrigens nicht nur in Deutschland.

Konkret?

Der Judenhass ist keine deutsche Erfindung, aber Auschwitz ist eine deutsche Erfindung. Die unmittelbaren Beteiligten sind fast alle tot. Aber schon das Wort „fast“ sagt, dass selbst aus Täter- wie aber auch noch aus Opferperspektive diese Menschen, und seien es auch noch wenige, atmen. Damit befinden wir uns in einem Übergang zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Aber die Menschen aus diesem Zwischenbereich sind auch ein Teil der Gegenwart. Es sind übrigens die jetzt Siebzigjährigen, die sich irgendwann einmal das Versprechen gegeben haben, dass sie es besser machen werden. Dass sie lernen wollten aus den Fehlern unserer Eltern, unserer Familien, aber auch aus der Geschichte an sich. Heute stelle ich fest: Ja, das System Demokratie in Deutschland ist systemisch stabil – nein, der politische Wunsch, das politische Ziel, dass in diesem Land jüdisches Leben selbstverständlich wird mit der Hypothek der Geschichte, ist nicht selbstverständlich, sondern immer noch mit Angst und mit aktiver Diskriminierung verknüpft. Der Satz „Wehret den Anfängen“ hat einen solch negativen Beigeschmack, wenn er in der Gegenwart verwendet wird, weil wir uns nicht mehr in den Anfängen befinden, sondern in einer historischen Zeit, wo wir aus dem gelben Bereich in den hellroten Bereich übergegangen sind. Wir stehen kurz vor der letzten Frage in der politischen Demokratie dieses Landes: Ob Antidemokraten erklärte Ziele, die Demokratie vernichten zu wollen, und dabei auch den ersten Grundsatz der Verfassung, nämlich „die Würde des Menschen ist unantastbar“, pervertieren zu wollen in „die Würde einiger Menschen ist antastbar“, oder wieder bestimmen zu wollen, dass Menschen bestimmen dürfen, ob ein Mensch und welcher Mensch ein Mensch ist, in exekutiver Funktion in Deutschland gewählt werden könnten. 

In diesem Jahr sind Landtagswahlen – und wir antizipieren in den Debatten bereits, dass es möglich ist, dass es sogar einen AfD-Ministerpräsidenten gibt. Das ist der hellrote Bereich. Das Versprechen „Wir wollen es anders machen“, der Satz „Wehret den Anfängen“, des „Nie-Wieders“, ist, wenn man diese Diagnose stellt, nicht umgesetzt worden. Allerdings: Es ist nicht das erste Land in Europa – wir kennen Ungarn, wo die Demokratie zerstört ist. Wir erinnern uns an Polen mit der PiS, wo die demokratischen Rechte zerstört worden sind. Wir sehen uns Amerika an, wo ein Teil der Unterstützer von Donald Trump offene Antisemiten sind. Von anderen Grundrechten wie Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, Kunstfreiheit ist gar nicht die Rede. Aber nun diskutieren Sie mit einem deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens und ich komme wieder zurück auf meine Aussage: Sich in Deutschland – wo Auschwitz erfunden und umgesetzt wurde – nicht einmal hundert Jahre später die Frage stellen zu müssen, ob wieder eine rechtsextremistische Partei bis hin sogar zur Bundesregierung eines Tages regieren wird können, ist in der Rezipienz, also auch in meiner persönlichen Biographie, eine nicht zu ertragende, schmerzhafte, ja fast bis zur Verzweiflung bringende Erkenntnis. Die entscheidende Frage, die man jetzt sehr laut wird stellen müssen, ist: Wer ist eigentlich dafür verantwortlich? Wer trägt die Verantwortung dafür, dass in diesem Land Deutschland denkbar ist, dass eine rechtsextremistische, antisemitische Partei, die in Teilen sogar den Geist der Nazizeit in sich trägt, den letzten Punkt in einer Demokratie erreichen kann, den eine Partei erreichen will, nämlich die Exekutive?

Sie sind ja jemand, der von seinen Eltern nach Deutschland „gegangen worden ist“. Wenn Sie sich aus heutiger Perspektive selbst entscheiden könnten, würden Sie dann auch nach Deutschland gehen?

Würde ich in ein Land, wenn ich heute frei wählen würde, ziehen, in dem demokratische Strukturen und ihre Repräsentanten mit dieser Diagnose die politische Realität abbilden, würde ich mir immer eines aussuchen, dessen demokratische Strukturen und Werteskala intakt sind – dass man die Menschenrechte nicht gefährdet sehen muss.

Das bessere Leben ist immer dort, wo der Respekt vor dem Menschen auch im politischen System stabiler ist als in anderen Ländern. Das hat auch etwas mit Lebensqualität zu tun. Diskriminierung vergiftet mein Leben. Deswegen würde ich diese Frage nicht nur auf Deutschland reduzieren: Ich würde freiwillig nicht in Ungarn leben können. Ich würde in keinem Land leben können – und das sage ich ja nicht nur als Jude, ich sage das als Bürger und als Mensch – wo ich meine Klappe nicht aufmachen kann ohne Angst zu haben, dass man mich abholt. Ich möchte meine Phantasien leben können. Ich möchte auch der sein, der ich bin – Sie haben zu Beginn nach meiner Selbstbestimmung gefragt – und meine Identitäten leben können: Meine sexuelle, meine kulturelle, meine politische Identität, alles was sich in mir entwickelt, sein können. Das Recht, Rechte zu haben, wie Hannah Arendt sagt. Das ist die einzige Kategorie, die Freiheit ermöglicht. Ob der Mensch sie dann auspackt, ist wiederum seine freie Entscheidung. Aber sie mit weniger Angst auspacken zu können, ist nicht nur eine Frage der Lebensqualität, sondern des selbstbestimmten Menschen. Ich würde also immer auf der Landkarte suchen – das wäre übrigens immer mein erstes Kriterium – und fragen, wo das heute am meisten gewährleistet ist. Das bedeutet aber nicht, dass das in zehn Jahren in diesem Land gewährleistet bleibt. Das haben wir ja gelebt und gelernt: Es sind Menschen, die das immer wieder vereinbaren müssen. Und Bevölkerung ist immer dynamisch. Menschen sterben, werden geboren, reisen ein, andere reisen aus. Das bedeutet, dass wahrscheinlich alle zehn Jahre ganz andere Menschen verhandeln. Deswegen gibt es keine Garantie, deswegen ist die Wachsamkeit so notwendig. Ob Deutschland dann heute noch zu den Top Ten gehören würde, das weiß ich nicht.

In gewisser Weise sind Sie ein Vertreter einer Minderheit in Deutschland, richtig?

Ja, allein schon quantitativ, als jüdischer Mensch, bin ich eine Minderheit. Als Mensch, darauf bestehe ich, gibt es die Kategorie der Minderheit nicht. Die Minderheit ist eine Konstruktion. Sie kann übrigens quantitativ eine Mehrheit sein, mathematisch. Sie entsteht durch die Diskriminierungsmacht der Mächtigen.

In der Region, in der diese Zeitung erscheint, leben mehrere Ethnien zusammen. Mehrsprachigkeit spielt hier eine Rolle. Welche Rolle spielt Mehrsprachigkeit für Sie?

Ich bin in Paris geboren, aber Französisch ist nicht meine Muttersprache – das ist Polnisch. Meine Eltern sprachen Polnisch und Jiddisch zu Hause. Als Kind habe ich schnell verstanden: Wenn ich nicht verstehe, was sie sprechen, verstehe ich auch nicht, was sie über mich sprechen. Kinder lernen deswegen schnell die Sprachen der Eltern. Parallel dazu habe ich Französisch in der Makrowelt gesprochen: Das sind die zwei Ursprungssprachen. Deutsch und Englisch habe ich mit zehn Jahren gelernt – der Beginn der nächsten zwei Sprachen. Sprache ist der Schlüssel zum Menschen – und zu sich selbst. In einem Land, das ich besuche, versuche ich 50 Worte zu lernen, dann bin ich in Verbindung mit den Menschen. Ich bedauere jede Sprache, die ich nicht kann, weil ich damit kein Instrument habe, mit Menschen in Berührung zu kommen. So gesehen ist jede dieser Sprachen, in denen ich mich ein bisschen bewegen kann, das größte Geschenk, das ich habe. Aber auch Mehrsprachigkeit kann dazu führen, dass man sich nicht versteht.

Aber sie bringt mehr Zugänge.

Sie ist der Schlüssel zum Dialog. Der Dialog ist – bezogen auf das Fragen, das Antworten, Nachdenken und miteinander Denken, und Verschiedenheit von Denken lernen – nur möglich in Sprache.

Sie sagen oft, dass Sie eben nicht nur eines sind: Jude, Deutscher, viele andere Facetten, die das Menschsein ausmachen.

Mensch! Identitäten! Der Mensch besteht nicht aus einer Identität. Auch dies ist eigentlich eine Reduktion aus der Vergangenheit. Der Mensch ist immer aus vielen Identitäten gebaut, die sich übrigens in seinem Inneren auch widersprechen, die miteinander kämpfen. Der Fremde, der Andere, der in einem ja diese Angst hervorruft, ist oft das Fremde in sich selbst, das durch diesen anderen Menschen bewusster auftritt. Anstatt sich damit auseinanderzusetzen, wird die Angst auf die andere Personengruppe projiziert: Je besser man mit der Widersprüchlichkeit der eigenen Existenz umgeht, desto weniger hat man Angst vor dem Anderen, sondern freut sich, ihn endlich kennenzulernen.

Bei Ihnen ist diese Tatsache, dass es mehrere Facetten gibt, verknüpft mit dem Gedanken „alles leben zu wollen was in Ihnen ist“.

Auch ich lebe ja nicht alles aus, obwohl ich mir das wünsche. Auch ich habe Bremsen, Ängste, Bedenken, die vielleicht nur in der Phantasie entstehen, immer noch aus der Erziehung wirken oder aus der Erfahrung, wie Gruppen auf die Freiheit reagieren, die man sich nimmt. Nun bin ich erstmal schon 70 und habe viel erlebt. Daraus ist bei mir mehr Freiheit entstanden. In meinem Alter, das sehe ich außerordentlich positiv, entsteht eigentlich qua Alter eine ganz neue Freiheit – obwohl ich mich zu keiner Zeit meines Lebens in der Kategorie der Anpassung besonders erfolgreich gezeigt habe. Meine Lebenserfahrung ist: Dass die Angst, es nicht zu tun, oder was es bedeutet, wenn man es tut, welche Sanktionen, welche Reaktionen man dann erlebt, in der Realität geringer sind, als das Glück, sich so zu leben, wie man ist. Ich konnte das bei vielen Freunden beobachten, die sich in ihrer sexuellen Orientierung unterdrückt haben und sich dann endlich zu sich bekannt haben. Der Prozess war immer schmerzhaft, wurde aber vom engsten Umfeld sehr oft anders aufgenommen als man befürchtet hat. Aber eine der wichtigsten Fragen, die Lebensqualität bedeuten, nämlich gute Sexualität, wurde endlich Realität. Im Zweifel immer für die inneren Freiheiten. Immer.

Ohne Zwänge und Ängste.

Das Leben bist du. Ich bin Existentialist. Als Existenzialist kann ich nur sagen, ich wurde nicht gefragt, ob ich geboren werden möchte. Würde ich gefragt werden, weiß ich gar nicht, ob ich ja gesagt hätte. Und ich werde auch nicht gefragt, ob ich jetzt in zehn Minuten unter Umständen sterbe. Aber in der Zeit, in der ich lebe, kann ich ich sein, werden, mich dazu entwickeln. Den Menschen das naiv anzutun, und ihnen zu sagen „Packt alles aus!“ ist unverantwortlich. Aber sich und Menschen zu sagen, „So viel wie möglich!“, ist, finde ich, hochverantwortlich.

Ist das nicht etwas, was sehr stark mit der jüdischen Geistesgeschichte zu tun hat?

Sagen wir es so: Wir sind geübter, trainierter, weil wir von der Außenwelt nicht einmal eine minimale Möglichkeit bekommen haben, zu atmen. Der Sauerstoff wurde uns immer abgeschnitten. Daraus lernt man Resilienz, wie das heute modern genannt wird. Und zwar kollektive wie persönliche Resilienz.

Sie müssen oft wiederholen, dass Sie Deutscher sind und kein Israeli, werden oft zum Nahostkonflikt gefragt und müssen sich dann erklären. Hat das vielleicht damit zu tun, dass in Deutschland ein Nachdenken über den Facettenreichtum biografischer Identitäten fehlt?

In Deutschland fehlt es ja nicht an heterogenen Biografien. Ich bin nur eine dieser heterogenen Biografien. Es gibt keine Gesellschaft und keinen Menschen und keine Biografie, die nicht heterogen ist. Es ist meine Überzeugung, dass es keine homogene Biographie gibt – auch wenn viele sich das wünschen. Es macht das Leben leichter – denkt man. Ich sage, es macht das Leben ärmer. Und ein armes Leben ist nicht etwas, was aus meiner Sicht ein gutes Leben ist. Der Reichtum des Heterogenen ist, dass du nie wirklich ausatmest.

Ja.

Wenn wir uns einig sind, dass es so eine heterogene Gesellschaft mit Menschen gibt, auch in Deutschland, dann muss man die Frage stellen, warum anderen nicht diese Fragen gestellt werden. Meine Antwort ist erstens: Man stellt anderen mittlerweile diese Fragen. Zweitens warten Menschen, die etwas zu erzählen haben oder sich einbringen wollen gar nicht mehr auf diese Fragen. Positiv ist: Viele Menschen mit Migrationsgeschichten melden sich zu Worte und tragen ihre Perspektiven in die Öffentlichkeit. Die, die gekommen sind, halten ihren Mund nicht mehr und sind nicht nur dankbar, wie man es von ihnen erwartet, sondern fragen: Wofür muss ich eigentlich dankbar sein? Vielleicht ist das einer der Gründe, warum die Destabilisierungen bei denen, die es gerne anders gehabt hätten, dazu geführt haben, dass sich wieder reaktionäre Kräfte steigerten. Aber die Verantwortung, diesen Auftrag, diesen Blick, diese Sehnsucht zu erfüllen, also mich zu äußern, führt mich teilweise in die Überforderung.

Warum?

Ich bin nicht klüger, nicht weiser als alle anderen. Das ist meine tiefe Überzeugung, nicht fishing for compliments. Die Projektionsfläche, übrigens mit allen Emotionen, die ich zeitlebens bin: Wenn man viele Menschen fragt nach Michel Friedman, kommt da irgend so ein Komischer (runzelt die Stirn)… ja …das kann man gar nicht sein! All das, was man mir an Eigenschaften, an positiven und negativen Betrachtungen zuordnet, ist in sich teilweise so widersprüchlich. Das sind alles Projektionen. Die Verantwortung zu übernehmen, öffentlich solche Fragen zu beantworten, wird mir übrigens umso bewusster je älter ich werde, weil die Eitelkeit zurückgeht. Der Narzissmus ist bei mir sehr deutlich zurückgegangen. Das heißt, die Nacktheit: Du maßt es dir an, Antworten zu geben, bedrückt mich mehr. Abgesehen davon bin ich ein Mensch, der viel lieber Fragen stellt als Antworten gibt. Weil ich die intellektuelle Leistung in der Frage sehe. Sie ist offen. Antworten neigen dazu, sich in Ausrufezeichen zu verschließen. Ich mag das Fragezeichen. Aber wenn ich irgendeinem Menschen den Impuls gegeben habe, seinen eigenen Impuls zu seiner Selbstbestimmung in Handlung zu übersetzen, dann war es das Leben wert.

Ich glaube, das gelingt Ihnen schon.

Das Faszinierende oder das Besondere für mich ist, dass ich das, wenn ich es überhaupt erreichen kann, immer nur im Ich erreichen kann zum Du. Und nicht, weil ich Funktionen oder weil ich eine andere Macht habe. Wenn ich einem anderen Menschen seinem eigenen Impuls, darum geht es mir, nicht meinem, seinem eigenen Impuls die Tür zu öffnen erleichtere, weil diese Person etwas von mir gehört oder auch etwas gesehen hat, daran beteiligt sein zu dürfen, das ist für mich Glück.

Der hohe Wert, Menschen zu befähigen, stammt auch aus der jüdischen Geistesgeschichte.

Ja.

Sie schreiben in Ihren Büchern, dass der intergenerationelle Dialog in Deutschland gestört war und ist.

Der intergenerationelle Dialog ist immer gestört, unabhängig von Antisemitismus oder Krieg. Gestört ist er immer. Die Frage, ob wir die Störung als endgültiges Hindernis oder Exkulpation des Sich-Entziehens aus dem Dialog begründen, oder ob wir die Störung, die wir dann ja immer, wenn zwei Menschen schon zusammenkommen, meist mit sich selbst sogar schon, überwinden lernen, ein bisschen wenigstens! Das ist die Herausforderung des denkenden, fühlenden Menschen.

Werden Menschen oder Gesellschaften „krank“, wenn es diesen Dialog mit der Vergangenheit nicht richtig gibt?

Dort wo der Mensch nur noch im Monolog lebt – und das hat nicht nur etwas mit der deutschen, jüdischen oder Vergangenheitsgeschichte zu tun – stirbt er einen grausamen Tod. Nur die Beziehung in die Welt, und sie erfolgt durch die Beziehung zu einem neuen und anderen Menschen, ist Sauerstoff für die Zukunft. Für den Menschen wie fürs Kollektiv. Nur im Dialog – und jetzt sind wir wieder bei der Dialektik Frage, Antwort, Widerspruch, Neugierde, Zweifel entwickeln wir uns. 

Das Handeln, der Zweifel, der Dialog, die Debatte, das Erinnern…

Ist Leben.

Kommt dieser Dialog – dieser Sauerstoff für die Zukunft, wie Sie ihn nennen – in Deutschland nicht allmählich zum Erliegen?

Ich erlebe in diesem Land wie in allen Ländern, in denen ich unterwegs bin, eine solche Pluralität von Kulturen, Subkulturen, Handlungen, Menschen im ganz unterschiedlichen Umgang miteinander. Auch in Deutschland gibt es nicht wenige, aber im Ergebnis viel zu wenige, die in ihrer Pluralität noch eine Dynamik entfalten, eine Energie haben, die ich außerordentlich bemerkenswert finde. Die reaktionären Kräfte sind überall im Vormarsch. Kann ich denen das zum Vorwurf machen? Nein. Sie sind dieser Überzeugung, sie sind leidenschaftlich und selbstbewusst, sie haben glänzende Augen und fühlen sich stark. Können die etwas dafür, dass die Augen der Demokraten müde sind, dass sie zum Optiker müssten, dass die Demokraten gar nicht mehr wissen, was sie eigentlich vertreten? Dass sie gelangweilt und dekadent sind, dass sie nicht mehr die Anstrengung in ihrem Alltag kennen? Das stelle ich fest, ohne es zu bewerten, aber darin liegt wirklich das Problem. Auch das ist Geschichte: Demokratien fallen nicht, weil die Antidemokraten stark sind, sondern weil die Demokraten und Demokratinnen nicht mehr stark sind. Ist das letzte Wort gesprochen? Nein. Auch heute noch gibt es keine lineare Kausalität, dass die Demokratien kaputt gehen – weder in Deutschland noch sonst wo. Auch heute noch kann Trump morgen Geschichte sein und Amerika wieder alle demokratischen Werte tragen. Auch heute noch ist nicht sicher, dass die AfD in Sachsen-Anhalt in sieben Monaten einen Ministerpräsidenten stellt, wenn sich heute Menschen auf den Weg machen.

Wie würden Sie diese Menschen charakterisieren?

Ich meine damit selbstbewusste Menschen, die eine Haltung haben, die den Menschen mit Respekt und mit Liebe betrachten. Denn das ist die Voraussetzung der Demokratie. Hass und Gleichgültigkeit ist die Bedingung, dass eine Diktatur lebt. Der Blick des Diktators ist: Der Mensch ist mir egal. Der Blick des Demokraten ist: Der Mensch ist das Zentrum. Und das ist eine Entscheidung, wo ich stehen will. Wenn Sie in einem Gebiet leben, wo die Freiheitsrechte zusammenbrechen, wird es tragisch. Aber es wird Länder geben, wo es ein bisschen besser ist. Dann muss man gehen. Oder man entscheidet sich zu bleiben und die Hoffnung zu haben, man könne durch das Bleiben, ohne dabei zu sterben, den Zustand wieder herstellen, für den man steht. Auch das sind Optionen von Entscheidungsfreiheit.